Gerhard Berger, Karla Kämmer et al.: Pflegemanagement und Selbstpflege. Erfolgsfaktor Gesundheit
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 22.12.2006
Gerhard Berger, Karla Kämmer, Andreas Zimber: Pflegemanagement und Selbstpflege. Erfolgsfaktor Gesundheit. Handbuch zum betrieblichen Gesundheitsmanagment Bd.2. Vincentz Network (Hannover) 2006. 190 Seiten. ISBN 978-3-87870-698-4. 24,80 EUR.
Zur Thematik und Vorgeschichte des Buches
In die Pflege und damit auch Altenpflege sind in den letzten Jahren vermehrt neue Sichtweisen eingekehrt, die ihren Ursprung aus anderen Bereichen des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses haben. Es handelt sich hierbei überwiegend um Normierungsstrategien, die ähnlich den DIN-Normen in den Bereichen der Leistungserbringung Qualität, Standards und deren Überwachung nach bestimmten Regularien festlegen. Planung, Realisierung und Evaluation heißen die Positionen einer aufwärts gerichteten Spirale, die ständig Optimierung allen Handelns einfordert. Qualitätsbeauftragte und Qualitätszirkel, Zertifizierungskonzepte nach diversen Vorgaben (ISO-Norm etc.) mit regelmäßigen Audits und anderen Kontrollen sind konkrete Materialisierungsformen dieser neuen Sichtweise. Dokumentationssysteme, Qualitätshandbücher und Hunderte von Checklisten für jeden Anlass, und sei es nur ein Gespräch, werden ständig bearbeitet, aktualisiert, ausgefüllt und überprüft. Die Komplexität des Ganzen erinnert irgendwie an Kafka ("Der Prozess") und die Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Es muss an dieser Stelle konkret hinterfragt werden, ob diese Überbürokratisierung in der Pflege Sinn macht.
Der vorliegende zweite Band der Arbeit "Erfolgsfaktor Gesundheit" befasst sich mit Pflegemanagement und Selbstpflege.
Die Autoren
Folgende Personen haben zu dieser zweibändigen Publikation Beiträge erstellt: Dr. Thomas Behr, Dr. Gerhard Berger, Dr. Joachim Bischoff, Friedhelm Büse, Sandra Ebner-Breunig, Fred Dreher, Dr. Hildegard Entzian, Margret Finke, Hannelore Freimuth, Irene Glück, Pamela Harms, Jens Kähler, Karla Kämmer, Dr. med. Elisabeth Kärcher, Sigrid Küfner, Jutta Linz, Dr. Joachim F. W. Müller, Birgit Nowak, René Pischel, Barbara Reuter, Dr. Georg Salzgeber, Angelika von Schaper, Margaretha Scherer, Erika Sirsch, Gerlinde Strunk-Richter und Dr. Andreas Zimber.
Inhalt
Der zweite Band der Publikation enthält die beiden Teile C und D.
Teil C (Das Pflegemanagement gesundheitsfördernd gestalten, Seite 8 - 96) führt eine Reihe teils unterschiedlicher Vorgehensweisen und Strategien der Pflegemanagements an: u. a.
- Zielvereinbarungsgespräche,
- Coaching,
- Prävention von Burnout,
- Pausenkultur,
- Umgang mit Schwerstpflegebedürftigen und Sterbenden,
- Umgang mit psychisch veränderten Bewohnern,
- Team-Klima und sexuelle Übergriffe seitens der Bewohner.
Teil D (Die Mitarbeiter/innen in der Selbstpflege stärken, Seite 98 - 186) beschreibt die einschlägigen Techniken und Vorgehensweisen in diesem Bereich: u. a.
- individuelle Gesundheitsförderung,
- gesunde Beziehungen durch gelingende Kommunikation,
- Gesundheitsförderung durch Bewegung und körperliche Fürsorge,
- Entspannungsstrategien und
- Erholungsmaßnahmen und Selbstmanagement im Bereich der individuellen Beanspruchung.
Kritische Würdigung
Der vorliegende zweite Band
enthält zahlreiche Strategien und Konzepte der Anpassung an die bestehenden
Arbeitsverhältnisse in den Heimen. Sie lassen sich grob in zwei Gruppen
unterscheiden: Techniken, die der psychischen und auch körperlichen Balance dienen,
die den Dauerstress mindern und ein Mindestmaß an Ausgeglichenheit herstellen
sollen. Es handelt sich hierbei überwiegend um Autosuggestionstechniken
("Traumreisen" etc.). Man soll sich den Berufsalltag "schön denken" oder auch
"weg denken", ständig kleine Fluchten in erdachte Urlaubsparadiese und
Fantasiewelten. Flankiert werden diese Strategien durch die Gruppe engmaschiger Kontroll- und
Disziplinierungsinstrumente ("Rückführgespräche", "Zielvereinbarungsgespräche",
"Pflegevisiten" u. a.), die den Mitarbeitern die Machtverhältnisse und den
Unterordnungsdruck in den Einrichtungen verdeutlichen.
Dem Rezensenten kommt das Grauen angesichts solcher Arbeitsbedingungen
und Strategien des "Pflegemanagements" und der "Selbstpflege". Es muss stark in
Zweifel gestellt werden, ob angesichts dieser Zustände in den Heimen überhaupt
mit Freude, Humor und Motivation gepflegt und betreut werden kann.
Fazit
Altenpflege im Schraubstock von rigidem Kostendenken und Überbürokratisierung kann sich nicht als erfüllendes und befriedigendes zwischenmenschliches Handeln entfalten. Wenn Arbeitsdruck, Standards und regelmäßige Kontrollen das Denken der Pflegenden beherrschen, dann kann kein Einfühlen und Mitdenken in die Belange und Wünsche der alten und pflegebedürftigen Menschen entstehen. Es ist an der Zeit zum Wohle der Pflegenden und auch der Bewohner der Heime, alle diese belastenden und überlastenden Struktur- und Funktionselemente hinsichtlich ihrer negativen Auswirkungen zu überprüfen. Es gilt nicht, neue "Fluchten" oder "Traumreisen" zu konzipieren, es gilt, die Realwelt Heim an das Leistungs- und Bewältigungsvermögen der Mitarbeiter anzupassen.
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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