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Helmuth Berking (Hrsg.): Die Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen

Cover Helmuth Berking (Hrsg.): Die Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen. Campus Verlag (Frankfurt) 2006. ISBN 978-3-593-37997-5. 34,90 EUR.
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Das Thema

Seit den 1990er Jahren wird über nichts so andauernd und aufwühlend debattiert wie über Globalisierung. Was immer unter Globalisierung verstanden wird, Konsens dürfte sein, dass Globalisierung sowohl positive als auch negative Effekte hat und dass nichts und niemand davon verschont bleibt. In der gesellschaftlichen Praxis herrscht individuell und kollektiv das Bestreben, die Chancen von Globalisierung zu nutzen, ohne deren Risiken in Kauf zu nehmen. Die Theoretisierung dabei auftretender Phänomene ist Gegenstand verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Insbesondere wurde in diesem Zuge die herkömmliche Vorstellung von Raum als einem Behälter als überholt kritisiert und die Ersetzung durch andersartig dimensionierte Konzepte vorgeschlagen (dazu etwa Kessl et al. 2005). In diesen Diskurs ist der vorliegende Band gestellt. Sein Titel mutet in zweifacher Hinsicht merkwürdig an: Zum einen wird offenbar von dem Lokalen als einer kohärenten Einheit ausgegangen, die als solche Agens im Globalisierungsgeschehen sei. Zum anderen scheint unterstellt zu werden, die Welt sei frei von Grenzen. Letzteres täuscht, denn eine Welt ohne Grenzen existiert vielleicht in der Suggestion von DHL, TNT, UPS und sonstigen Abwicklern des internationalen Warenverkehrs. Dass die Realität anders aussieht, wird in den Beiträgen des Bandes aus- und eindrücklich illustriert. Wie es um "die Macht des Lokalen" bestellt ist und was es mit "dem Lokalen" überhaupt auf sich hat, bleibt dagegen rätselhaft.            

Der Herausgeber

Dr. Helmuth Berking ist Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Die Buchbeiträge stammen von in der akademischen Auseinandersetzung mit Globalisierungsfragen profilierten AutorInnen verschiedener disziplinärer Herkunft und Nationalität.

Entstehungshintergrund

Der Band geht auf eine vom Herausgeber organisierte internationale Konferenz im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zurück und enthält über dazu gelieferte Beiträge hinaus anderweitig entstandene Texte, die überwiegend aus dem Englischen übersetzt wurden.

Einleitung "Raumtheoretische Paradoxien im Globalisierungsdiskurs"

Mit seinem Beitrag "Raumtheoretische Paradoxien im Globalisierungsdiskurs" besorgt Helmuth Berking die Einleitung in den Band. Dabei werden mitunter recht pauschale Setzungen vorgenommen, etwa folgende: "Indem sie die theoretisch unaufgeklärte Beziehung zwischen Raum (space) und Ort (place) umstandslos auf das Gegensatzpaar von Global und Lokal übertragen, wiederholen Globalisierungstheorien ein zentrales raumtheoretisches Dilemma gleichsam auf erweiterter Stufenleiter" (13). Die Beziehung zwischen Raum und Ort schlichtweg für theoretisch unaufgeklärt zu befinden, wird weder den Erkenntnissen des (Sozial)Raumdiskurses gerecht noch den gegenwärtig unter dem Schlagwort Governance angestellten Überlegungen. Leider bleibt auch unklar, von welchen "Globalisierungstheorien" konkret die Rede ist, denn dass global und lokal ein "Gegensatzpaar" darstellen, ist kein Axiom der Theoretisierung von Globalisierung. Im Übrigen kündigt sich hier an, dass die Worte Ort oder lokal zur Bezeichnung der gesamtstädtischen Ebene dienen und nicht etwa der des Stadtteils oder Quartiers.

Jeweils mehrere der folgenden Beiträge sind den drei Blöcken zugeordnet, in die der Band gegliedert ist.

1. Block "Globalisierung als imaginäre Geografie"

  • Im ersten, mit "Globalisierung als imaginäre Geografie" überschrieben Blockfindet zunächst Doreen Massey "Keine Entlastung für das Lokale". Nach ihrer Überzeugung "sind lokale Orte nicht einfach 'Opfer' und nicht einmal nur Produkte des Globalen. Im Gegenteil: Sie sind auch die Momente durch die das Globale konstruiert wird, das heißt, es gibt nicht nur die globale Konstruktion des 'Lokalen', sondern auch die lokale Konstruktion des 'Globalen'" (29). Daraus leitet Massey zweierlei ab: "Erstens, dass lokale Politik und lokale Aktion auf die weiter reichenden globalen Mechanismen zurückwirken (das heißt, dass es ein Handeln innerhalb der Globalisierung gibt), und zweitens impliziert dieses Verständnis einer lokalen Konstruktion des 'Globalen', dass wir möglicherweise nicht alle Orte, so wie sie sind, verteidigen wollen" (30; Hervorhebung im Original). Darüber ließe sich trefflich streiten - auch deshalb, weil Massey, wenn sie von "Lokalität" spricht, Agglomerationen wie London, Berlin oder New York meint. 
  • Stefan Kaufmann berichtet über "Grenzregimes im Zeitalter globaler Netzwerke". Seiner Darstellung liegt folgende Überzeugung zugrunde: "Netzwerke unterminieren die soziale Prägekraft des politisch-juridischen Staatsgebildes, der nationalen Grenzziehung. Wo einst der (National-)Staat als Handlungsrahmen, als Souverän, als alleiniger Akteur oder zentraler Bezugspunkt diente, treten jetzt inter- und transnationale oder auch regionale Relationen, Institutionen und Organisationen, öffentlicher und privater Natur, ein" (34). Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt dementsprechend weniger auf der lokalen Ebene, gleichwohl zeigt Kaufmann unter dem Stichwort "Zonierung" auf, dass analoge Entwicklungen auch in Städten zu beobachten sind. Hervorzuheben ist, dass die detailreichen Ausführungen sachlich und ohne den moralisierenden Impetus vorgetragen werden, der sonst in diesem thematischen Zusammenhang nicht selten zu beobachten ist.
  • Unter der Überschrift "Global Images: Ordnung und soziale Ungleichheiten in der Welt, in der wir leben" möchte Helmuth Berking "ganz naiv nach dem Weltbezug von sozialer Ungleichheit und Armut fragen [...]. Was wissen wir über soziale Ungleichheit und über Armut in der Welt, in der wir leben? Wer produziert dieses Wissen mit welchen Mitteln und: Was wissen wir über das Wissen, von dem wir annehmen, dass wir es wissen?" (69). Auf der Suche nach Antworten diskutiert er die Aussagekraft sozialstatistischer Daten, die beim internationalen Vergleich der Entwicklung nationaler Gesellschaften üblicherweise als Maßstab herangezogen werden, und führt die Fragwürdigkeit ihrer Verwendung vor Augen. So lautet schließlich die - leider verklausulierte - Erkenntnis: "Zahlenmagie und statistisches Bewusstsein offerieren ein Weltbild, das mit der Welt, in der wir leben, eine ausgesprochen aparte Verbindung unterhält" (85).
  • Im letzten Beitrag dieses ersten Blockes setzt John Urry "Globale Komplexitäten" auseinander. Dazu versammelt er Erkenntnisse der "Komplexitätstheorie" und betrachtet diese in Hinblick auf verschiedene Globalisierungsphänomene. Plausibel legt Urry dar, dass es nicht nur Akteure, sondern auch Re-Akteure, dass es nicht nur Macht, sondern eben dadurch auch Gegenmacht gibt, die wiederum die Macht gefährdet, wobei die Widerpole durch so genannte Liquide derart miteinander verwoben sind, dass zwischen Ursache und Wirkung nicht mehr unterschieden werden kann. So resümiert Urry: "Die Beziehungen in dieser Welt sind komplex, umfassend und nicht-linear, beinhalten multiple negative und positive Feedback-Loops. Es gibt wiederkehrende Muster und eine langfristige Pfadabhängigkeit. Die globalen Systeme sind von Unvorhersehbarkeit und Irreversibilität gekennzeichnet" (100). Auch wenn diese Erkenntnis alles andere als neu ist und beispielsweise im Zuge der Umweltdebatte längst vorgetragen wurde (dazu etwa Vester 1980), scheint sie sich noch keineswegs durchgesetzt zu haben. Desto wichtiger ist es, sie immer wieder und in neuen Zusammenhängen zu formulieren. Bis auf weiteres fraglich bleibt allerdings, was das in Hinblick auf die politische Steuerung bedeuten kann respektive bedeuten muss. 

2. Block "Raum, Ort, Identität"

Hintergrund der Beiträge des mit "Raum, Ort, Identität" überschriebenen zweiten Blockes ist Berking zufolge die Herausforderung, "Identitäten mit anderen Mitteln als jenen des territorialen Einschlusses zu stabilisieren" (17). Dass das Thema Migration dabei von Bedeutung ist, liegt nahe.

  • So gehen denn auch Nina Glick-Schiller, Ayse Caglar und Thaddeus C. Guldbransen unter der Überschrift "Jenseits der 'ethnischen Gruppe' als Objekt des Wissens: Lokalität, Globalität und Inkorporationsmuster von Migranten" darauf ein und von der These aus, die Migrationsforschung sei von einem "methodologischen Nationalismus" (107) geprägt, was die Wahrnehmung bestimmter Integrationsmuster systematisch verhindere. Im Zentrum des Beitrages stehen Ergebnisse eines Forschungsprojektes, in dessen Rahmen in Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt, Deutschland) sowie in Manchester (New Hampshire, U.S.A.) exemplarisch die Bildung religiöser Gemeinschaften durch MigrantInnen unterschiedlicher Herkunftsländer untersucht wurde. Dabei zur Einordnung von Halle auf das 180 Kilometer entfernte Berlin als "nächstgelegene Großstadt" (116) zu verweisen, erscheint skurril, mag aber auf die Adressierung eines internationalen Publikums zurückzuführen sein. In Anbetracht der Manier, in der die AutorInnen mit wenigen Strichen eine sehr grobe Skizze der beiden untersuchten Städte entwerfen und zur Basis ihrer Ausführungen machen, bleibt gleichwohl zu fragen, was sie meinen, wenn sie von "Lokalität" sprechen. Dass Städte wie Halle oder Manchester, in denen gegenwärtig zirka 230.000 beziehungsweise 110.000 Menschen leben, als "Kleinstadt" (121) bezeichnet werden, lässt außerdem nach der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Situation in wirklichen Kleinstädten fragen, wo in mancherlei Hinsicht ganz andere Strukturen herrschen. Besonders stößt allerdings die Art und Weise auf, in der die Untersuchungsergebnisse präsentiert werden. Denn die offenbar beobachteten Merkwürdigkeiten um missionarische Eiferer und Anzeichen von religiösem Fanatismus werden nicht nur unverhältnismäßig umfangreich vorgetragen, sondern auch ohne die für eine sachliche Beschreibung gebotene Distanz. Dank einer nach diesem Vorspann eigentlich unerwarteten und leider ziemlich knappen kritischen Interpretation ihrer Ergebnisse durch die AutorInnen kann der sich aufdrängende Verdacht pfingstkirchlicher Schleichwerbung jedoch am Ende noch ausgeräumt werden.
  • Im Beitrag "Transnationale Gegenöffentlichkeit und die Rekonfiguration des Raumes nach dem 11. September 2001" stellt Purnima Mankekar exemplarisch Möglichkeiten des Umgangs mit rassistischer Gewalt und Diskriminierung dar, nämlich am Beispiel von Communities der Sikhs in der Diaspora beziehungsweise von aus deren Reihen initiierten Protest- und Aufklärungskampagnen.
  • Unter dem Titel "Transnationale Solidaritätsgruppen, Imaginäre Räume, Irreale Konditionalsätze" möchte Werner Schiffauer "einen genaueren Blick auf den spezifischen Vergesellschaftungsprozess in Imaginären Gemeinschaften werfen" (164) und versteht seine mit zahlreichen Beispielen unterlegten und dennoch eher abstrakten Überlegungen als Beitrag zur Verbindung verschiedener Ansätze der Migrationsforschung. Aussagen zur Macht des Lokalen werden allerdings weder von ihm noch von Mankekar explizit getroffen.
  • Mit einem ganz anderen Thema setzt sich Martina Löw im Beitrag "Blickfänge: Räumlich-geschlechtliche Inszenierungen am Beispiel der Prostitution" auseinander. Durch ethnographische Analysen von Räumen und Orten der Prostitution, die sie in Frankfurt am Main sowie in Wien erforschte, sollen "die geschlechtsspezifischen Arrangements im Feld der Sexarbeit rekonstruiert werden" (182). In Übertragung ihrer Erkenntnisse wendet sich Löw gegen die angesichts von Globalisierungsprozessen vertretene "Annahme, Vergesellschaftung verlaufe unabhängig von den lokalen Kontextbedingungen nationalstaatlich oder gar weltgesellschaftlich gleich" (197), und kritisiert, dass eben diese Annahme den Blick für die Heterogenität der Städte und ihrer Lebensbedingungen verstelle und dadurch zu einer unlauteren Verallgemeinerung städtischer Strukturen auf gesamtgesellschaftliche Bedingungen beitrage. 

3. Block "RaumOrdnungen"

Verglichen mit den vorstehenden Beiträgen sind die dem mit "RaumOrdnungen" bezeichneten dritten Block zugeordneten drei nicht unbedingt eingängig. Denn sie sind, wie Berking einleitend bemerkt, "explorativer Natur und zielen auf Raum-Ordnungen nicht im Sinne von Ordnungsräumen, sondern im Hinblick auf Raum- und Ordnungsvorstellungen in sozialwissenschaftlichen Konzeptbegriffen. In dem Augenblick, in dem das Denken in und durch räumliche(n) Abstände(n) als ein entscheidender Modus operandi der sozialwissenschaftlichen Wissensproduktion erkannt wird, gewinnen sowohl die Räume der Theorieproduktion als auch die Raumvorstellungen, die die Theorie produziert, eine besondere Bedeutung. Heimatsoziologen tun sich schwer mit transnationalen Vergesellschaftungsformen, und Globalisierungstheoretikern fehlt in der Regel der Stadtort, Orte zu denken" (19). Dass Letzteres so pauschal gilt, sei hier ohne nähere Begründung bezweifelt. Fraglich ist auch, ob mit den drei dazu gedachten Beiträgen eine Handreichung geboten ist, um dem unterstellten Defizit abzuhelfen.   

  • Seine Ausführungen über "Die 'Stadt' - Begriff und Bedeutung" beschließt Peter Marcuse wie folgt: "Spricht man von der Stadt, als gäbe es tatsächlich 'die' Stadt, eine homogene Einheit, ein geeinter Akteur, lenkt man von den wahren Fragen der Politik und Planung ab. Ein sorgfältiger Umgang mit derartigen Begriffen ist unerlässlich, denn sie sind nicht ohne Einfluss auf Analyse und Aktion. Wenn es also das 'Lokale' gibt, das dem 'Globalen' gegenübergestellt werden kann, und wenn mit dem Lokalen 'die Stadt' gemeint ist, dann müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass dies erst der Anfang und nicht das Ende der Debatte ist" (214). Mit plausiblen Argumenten legt Marcuse so den Finger in eine Wunde, die seit den Anfängen wissenschaftlicher Stadtforschung klafft, an die immer mal wieder gerührt wird, für die Heilung aber nach wie vor nicht in Sicht ist - im Gegenteil. Denn konsequenterweise wäre analog festzustellen, dass es 'die' Gesellschaft ebenfalls nicht gibt, auch 'die' Wirtschaft nicht und ebenso nicht die eindeutige Bedeutung vieler anderer Begriffe, die vermeintlich der Verständigung dienen. Einen Ausweg aus diesem Dilemma weist Marcuse jedoch nicht. Schon deshalb ist die Debatte tatsächlich nicht beendet, sie steht aber auch keineswegs erst am Anfang. Denn dass "mit dem Lokalen 'die Stadt' gemeint ist", trifft in Hinblick auf die etwa bei der Auseinandersetzung mit benachteiligten und benachteiligenden Quartieren mittlerweile gängige Praxis der Stadtteilentwicklung ebenso nicht zu wie auf die Konzeptualisierung der individuellen und kollektiven Konstruktion von Lebenswelten.        
  • Mit seinen unter dem Titel "Intensitäten des Fühlens: Für eine räumliche Politik der Affekte" vorgestellten Überlegungen verfolgt Nigel Thrift "ein dreifaches Ziel: Die Erörterung des Wesens des Affekts, das Aufzeigen einiger Varianten des Zusammenspiels von Städten und Affekten, deren Produkt eine Politik ist, die sich nicht auf das schlichte Verlagern des Feldes der gemeinschaftlichen Selbstreflektion oder die saubere konzeptuale Ökonomie einer Ideologie reduzieren lässt, und die Initiative zur Erarbeitung eines synoptischen Kommentars" (218-219). Über den Grad der Erreichung dieser Ziele darf spekuliert werden. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass eine Betrachtung auf für Stadtforschung ungewissem Terrain geboten und auf unübliche Kategorien abgestellt wird, wobei neuartige Bezüge hergestellt werden. Zu fragen bleibt dabei beispielsweise, was die Ebene der Stadt in diesem Zusammenhang so interessant erscheinen lässt, wenn, wonach es aussieht, die Überlegungen prinzipiell auch für alle anderen räumlichen Maßstabsebenen angestellt werden können.   
  • Von Ulrich Beck stammt der abschließende Beitrag des Bandes: "Kosmopolitisierung ohne Kosmopolitik: Zehn Thesen zum Unterschied zwischen Kosmopolitismus in Philosophie und Sozialwissenschaft". In einem Stakkato zum Auftakt konstatiert Beck: "Die Realität wird kosmopolitisch. Wir müssen begreifen, dass es keinen reinen Kosmopolitismus gibt: Es gibt nur die deformierte Kosmopolitisierung. Daher brauchen wir eine kosmopolitische Sozialwissenschaft. [...] Die Sozialwissenschaften im Mainstream leisten miserable Arbeit. Ihre Entstehung, Historie und grundlegenden Rahmen, Konzepte und Methoden halten die Sozialwissenschaften nach wie vor im Nationalstaat gefangen. Die Realität und Dynamik einer sich globalisierenden Welt verstehen sie nicht. Um ihre Aufgabe zu meistern, müssen sie ihren methodologischen Nationalismus überwinden und zu einem methodologischen Kosmopolitismus kommen" (252). Den zehn Thesen, mit denen er für seine Forderung wirbt, ließe sich so manches entgegenhalten. Beispielsweise wäre zu fragen, was in einer pluralen Gesellschaft "die Realität" ist, von der in der ersten These die Rede ist, beziehungsweise auf welchem Abstraktionsniveau Beck "die Realität" in Betracht zieht. Insgesamt ist jedenfalls festzustellen, dass die Ausführungen kein konsistentes Konzept ergeben, also somit nicht etwa ein geschlossenes Modell präsentiert wird. Das Ende der vergeblichen Suche nach dem Welt(erklärungs)modell bedeutet das aber wohl nicht. 

Zielgruppen

Es wird nicht explizit aufgeführt, an welche Zielgruppen der Band gerichtet ist, Rückschlüsse ließen sich vielleicht daraus ziehen, dass er auf der Homepage des Verlages in der Rubrik Wissenschaft im Sachgebiet Sozialwissenschaften und dort in der Gruppe Stadt- und Regionalsoziologie aufgelistet wird. Dabei sollte aber nicht zu kurz geschlossen werden, denn ohne Frage ist der Band auch in einer ganzen Reihe weiterer Fachgebiete nicht nur von Interesse, sondern auch von Belang.

Fazit

Wie die vorstehende Skizze zeigt, enthält der Band sehr unterschiedliche Beiträge, die in der Zusammenschau als eine Art Forum erscheinen, denn das Fehlen eines expliziten verbindenden Elementes oder einer stringenten Verknüpfung bedingt einen recht lockeren Zusammenhalt. Der mit dem eigentlich widersprüchlichen Buchtitel angeregten Suche nach der Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen sind die Beiträge in sehr unterschiedlicher Weise gewidmet, sofern sie es überhaupt sind. Insofern werden kaleidoskopisch Perspektiven eröffnet, die aber nicht den gleichen Fokus haben. So bleibt mit dem Herausgeber festzuhalten: "Die Frage, ob sich die einzelnen Interventionen zu einem dialogischen Ganzen zusammenzufügen vermögen, werden die Leserinnen und Leser entscheiden" (20).

Literatur

  • Kessl, Fabian; Reutlinger, Christian; Maurer, Susanne; Frey, Oliver (Hg.) 2005: Handbuch Sozialraum. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Vester, Frederic 1980: Neuland des Denkens. Vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter. Stuttgart: DVA

Rezensent
Prof. Dr. Thomas Wüst
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Zitiervorschlag
Thomas Wüst. Rezension vom 14.01.2007 zu: Helmuth Berking (Hrsg.): Die Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen. Campus Verlag (Frankfurt) 2006. ISBN 978-3-593-37997-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3791.php, Datum des Zugriffs 16.11.2019.


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