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DIE, Mathilde Grünhage-Monetti (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz in der Zuwanderungsgesellschaft

Cover DIE, Mathilde Grünhage-Monetti (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz in der Zuwanderungsgesellschaft. Fortbildungskonzepte für kommunale Verwaltungen und Migrantenorganisationen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2006. 112 Seiten. ISBN 978-3-7639-1920-8. 16,90 EUR, CH: 30,80 sFr.

Mit CD-ROM. Reihe: Perspektive Praxis.
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Hintergrund

Auch Kommunalverwaltungen müssen sich zur Optimierung der Qualität und gleichermaßen auch nach dem Prinzip sozialer Gerechtigkeit zunehmend auf die Lebenswelt von Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund einstellen, stellt Klaus Meisel  vom Deutschen Institut für Erwachsenbildung (DIE) in seinen Vorbemerkungen zum Buch fest.

Der Landesverband der Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen, das Landeszentrum für Zuwanderung in NRW sowie das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) haben von Oktober 2001 bis September 2004 im Rahmen des Europäischen Grundtvig-Projekts "European Intercultural Competence Programme" (EICP) Weiterbildungsangebote zur Vermittlung interkultureller Kompetenz entwickelt und erprobt.

Unter der Herausgeberschaft von Mathilde Grünhage-Monetti (DIE) werden mit dem vorliegenden Buch diese Fortbildungskonzepte für Verwaltungsangehörige und Mitarbeiter von Migrantenorganisationen vorgestellt und die Erfahrungen damit reflektiert. Weitere Materialien zur Gestaltung und Schulungsunterlagen finden sich auf der beiliegenden CD-ROM.

Aufbau und Inhalt

Nachdem Klaus Meisel vom DIE einige "Vorbemerkungen" gibt, stellt die Herausgeberin des Bandes in einem "Prolog: Vom Leben und Sterben in der Fremde" mehrere Fallbeispiele vor, die aus verschiedenen Facetten aufzeigen, wie Behördenmitarbeiter mit Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund interagieren.

  • Kapitel 1 führt in den Aufbau von Buch und CD-ROM ein, indem es einen Überblick gibt. So beschäftigt sich der erste Teil des Buches (Kapitel 1 bis einschließlich 5 systematisch die unterschiedlichen Themenaspekte ein, während sich der zweite Teil des Buchs (Kapitel 6 bis 9) sowie die beiligende CD-ROM mit dem entwickelten interkulturellem Weiterbildungskonzept befasst.
  • In Kapitel 2 beleuchtet Michaela Zaluck den Begriff der "Kultur" ("Eine Expedition durch den Dschungel der Kulturkonzepte") indem sie kurz in den Ursprung des Begriffs sowie unterschiedliche theoretische Positionen einführt. Sie kommt zu dem Schluss, dass der Erwerb interkultureller Kompetenz nicht zu dem Missverständnis führen soll, "durch die Aneignung von kulturspezifischen Wissen tatsächlich zu kompetentem Handeln zu gelangen" (S. 27) sondern dass es darum geht, ein "methodisches Handwerkszeug, mit dem es gelingt, die kulturellen Bezüge eines Menschen aufzuspüren und abzuwägen, inwieweit der Faktor „Kultur“ in der jeweiligen Situation […] von Relevanz ist" (ebenda) zu erlangen.
  • Birgit Wehrhöfer hat sich in Kapitel 3 die aktuellen Verständnisse der Begriffe der interkulturellen Kompetenz, der interkulturellen Orientierung und der interkulturellen Öffnung und den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs dazu genauer vorgenommen. Dadurch zeigt sie auch auf, dass es für eine Erhöhung der Kompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht genügt, Personal mit Migrationshintergrund einzustellen, weil "Migrationshingergrund alleine [...] noch keine Garantie für reflektiertes interkulturelles Handeln" ist (S. 34).
  • Veronika Fischer begründet in Kapitel 4 warum eine interkulturelle Öffnung "ein Thema und eine Aufgabe für die öffentliche Verwaltung darstellt". Eine interkulturelle Orientierung sollte aus ihrer Sicht u. a. in das Zentrum kommunaler Strategien rücken, weil die demographischen Prognosen von einer Zunahme der kulturellen Vielfalt sowie Migrationshintergründe ausgehen und der vorzufindene Ausschluss von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund an öffentlichen Dienstleistungen und institutionellen Angeboten die Demokratie gefährdet.
  • Dass die Einführung neuer Leitbilder und Weiterbildungsangebote für Verwaltungsmitarbeiter/innen nicht ohne Schwierigkeiten von statten geht, zeigen Veronika Fischer und Birgit Wehrhöfer in Kapitel 5, in dem sie unter anderem auf die grundlegenden Positionierungen (interkulturelle Orientierung als Querschnittsthema) sowie Gestaltungsmöglichkeiten des Change-Management-Prozesses hinweisen und dabei konkrete, real vorzufindene Beispiele und Herangehensweisen vorstellen.
  • Mit Kapitel 6 beginnt die Vorstellung der Fortbildungen des EICP-Projektes, die zunächst von Gerhild Brüning und Matilde Grünhage-Monetti eingeführt werden. Im Projekt wurden  Fortbildungen entwickelt und erprobt die sich an drei Zielgruppen wenden: die öffentliche Verwaltung, Migrationsorganisationen sowie Weiterbildner. Die Konzepte der Fortbildungen werden als im wesentlichen auf der Systemtheorie, der Kommunikationstheore und der Erkenntnistheorie (insbesondere des Konstruktivismus) beruhend beschrieben, die didaktisch-methodisches Herangehensweise wird als ganzheitlich, partizipativ, handlungsorientiert und reflexiv charakterisiert und beschrieben.
  • Mathilde Grünhage-Moretti beschreibt in Kapitel 7 das Fortbildungsangebot "Interkulturelle Kompetenz" dass sich an Kommunen und Kreise wendet, "die sich noch nicht „interkulturell“ geöffnet und orientiert haben bzw. sich erst jetzt in diese Richtung bewegen" (S. 69). Die Fortbildung wird überblicksartig beschrieben und umfasst die fünf Module "„Eigene Kultur - Fremde Kultur?“ Ein Seminar für getrennte Gruppen von Verwaltungsmitarbeiter/innen und Vertreter/in/n von Migrantenorganisationen" (S. 72), "(Interkulturelle) Kommunikation", "(Interkulturelles) Konfliktmanagement", "Problemlösungen und Empfehlungen" sowie eine "Auswertung mit Abstand". Zudem werden Einführungs- bzw. "Sensibilisierungsveranstaltungen" (S. 76) für Führungskräfte der Verwaltung beschrieben. Das EICP-Konzept zielt dabei darauf ab, Personen mit und ohne Migrationshintergrund zusammen zu bringen um ihnen "Kenntnisse und Instrumente für einen (selbst-)kritischen, professionellen Umgang mit interkulturellen Situationen zur Verfügung zu stellen" (S. 71).
  • In Kapitel 6 rekapitulieren Gerhild Brüning, Doris Hens und Annette Wädlich ihre Erfahrungen mit der Fortbildung in Bielefeld, Bochum und Mülheim an der Ruhr von der Erhebung des Qualifizierungsbedarfs über die Gewinnung von Mitstreiterinnen und Mitstreitern, die Veränderungen durch die Fortbildung bis zu Empfehlungen für Nachahmer. Deutlich wird hierbei u.a., dass es wichtig ist, frühzeitig geeignete Partner zu gewinnen, die in den Verwaltungen deutlich machen und dass es eben nicht um Informationen über andere Länder geht.
  • Sabine Jungk berichtet in Kapitel 7 vergleichsweise kurz über das Fortbildungsangebot "Migrantenorganisationen und Ausländerbeiräte - fit als Partner".  Es besteht aus vier Modulen - Erste Schritte zur Vereinsentwicklung, Projekte entwickeln, Projektmanagement sowie Öffentlichkeitsarbeit - die auf der CD-ROM ausführlich dokumentiert sind.
  • Im "Epilog" von Mathilde Grünhage-Monetti wird schließlich noch einmal in einem realen "Fallbeispiels" wohl eines von vielen typischen, auch interkulturell zu deutenden, Missverständnissen in einer Kreisverwaltung mit dem hoffnungsvollen Wunsch einer zukünftigen Veränderung beschrieben.
  • Auf der beiliegenden CD-ROM finden sich zudem eine Erläuterung von Anne Berg zu der Evaluation der Fortbildungen, das Weiterbildungsdesign und die gesamten (!) Weiterbildungsunterlagen der beschriebenen Fortbildungen sowie eine Dokumentation der Trainingsmodule.

Relevanz für die Praxis

Verwaltungen, die sich für sich den Bedarf an einer Fortbildung entdeckt haben, sowie interessierte Multiplikatoren und Weiterbildungsanbieter können mit dem Buch und der CD-ROM auf eine gut begründete und auf Grund der Erfahrungen an mehreren Standorten auch vergleichsweise gut elaborierten und sorgfältig reflektierten Konzeption von Fortbildungsangeboten zurückgreifen, die gleichzeitig - durch die bereitgestellten Seminarunterlagen - einfach und konkret replizierbar sind. Die Autorinnen bieten dazu ihre Unterstützung, u.a. zur Schulung von Trainerinnen und Trainer an.

Wir geben Birgit Wehrhöfer mit ihrer Feststellung Recht, wenn sie schreibt, dass ein Migrationshintergrund keine Garantie für reflektiertes interkulturelles Handeln ist (S. 34).  Wenngleich das Projekt auch unserere Unterstützung hat, fragen wir uns, ob nicht auch schon ein großer - und vergleichsweise einfacher -  Schritt getan würde, wenn der Anteil des Personals mit Migrationshintergrund erhöht würde.  Denn häufig beruhen viele der "interkulturellen" Missverständnisse, so zumindest unsere Beobachtung, auf fehlenden Deutschkenntnissen auf der einen Seite und mangelnder (Fremd-) Sprachenkenntnisse auf der anderen Seite. Mindestens eine/n russischsprachigen Ansprechpartner/in zu haben ist in unserer kleinen Bildungseinrichtung, die u.a. seit vielen Jahren Deutschkurse insbesondere mit Aussiedlern durchführt, eine Selbstverständlichkeit. Für die deutlich größeren örtlichen Ämter (insbesondere die Agentur für Arbeit bzw. die Arbeitsgemeinschaften) besteht hier offensichtlich "kein Bedarf".

Aber natürlich sind auch dazu ein Umdenken und eine Neupositionierung der Verwaltung  unweigerlich notwendig und wir begrüßen daher auch den hier vorgestellten Ansatz einer reflexsiv-handlungsorientierten Fortbildung.

Fazit

Wenn man für 16,80 Euro immer so viel geboten bekäme …

Wir freuen uns über diese offene, umfangreiche (komplette Seminarunterlagen!) Fortbildungskonzeption zu einem wichtigen Thema und legen das Buch allen Interessierten ans Herz.


Rezensentin
Dr. Sandra Schaffert
Pädagogin. Tätigkeit in Wissenschaft und Weiterbildung
Homepage sandra.schaffert.ws


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Zitiervorschlag
Sandra Schaffert. Rezension vom 05.09.2006 zu: DIE, Mathilde Grünhage-Monetti (Hrsg.): Interkulturelle Kompetenz in der Zuwanderungsgesellschaft. Fortbildungskonzepte für kommunale Verwaltungen und Migrantenorganisationen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2006. ISBN 978-3-7639-1920-8. Mit CD-ROM. Reihe: Perspektive Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3793.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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