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Frank Schulz-Nieswandt: Sozialpolitik und Alter

Cover Frank Schulz-Nieswandt: Sozialpolitik und Alter. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 304 Seiten. ISBN 978-3-17-018142-7. 19,00 EUR, CH: 33,00 sFr.

Urban Taschenbücher, Band 755. Reihe: Grundriss Gerontologie, Band 5.
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Einstieg

Die Quellen der Wohlfahrt sollen auch jenseits von Staat und Markt sprudeln. Das ist jedenfalls seit Ende des letzten Jahrhunderts Gemeingut der Lehre vom Wohlfahrts-Mix. Besonders gerne werden diese Mixturen-Register beim Abspielen der wachsenden Probleme des Alters gezogen. So geht auch Frank Schulz-Nieswandt in seinem 2006 bei Kohlhammer als Band 5 der 22bändigen Reihe "Grundriss Gerontologie" erschienenen Buch "Sozialpolitik und Alter" neben Staat und Markt als sozialpolitischen Mit-Akteuren von Familie und bürgerschaftlichem Engagement (Ehrenamt) aus.

Grundlegende Inhalte

Professor Dr. Frank Schulz-Nieswandt, der an der Universität zu Köln auf Otto Blumes einstigem Lehrstuhl Sozialpolitik lehrt und dem dortigen Seminar für Sozialpolitik und Genossenschaftswesen als Direktor vorsteht, interessieren die institutionellen wie die individuellen Vorgänge sozialpolitischer Leistungserbringung. Zunächst werden drei Erkenntnisstränge zum Verhältnis von Sozialpolitik und Alter(n) eröffnet: Der personenzentrierte, der gesellschaftsperspektivische und der historisch-kulturelle Zugang. Danach wendet sich der Autor mit Einkommen, Gesundheit, Pflege und Wohnen zentralen Sicherungsbereichen des Alters zu. Abschließend diskutiert er in einem sozialpolitischen Architekturaufriss die Bausteine Subsidiarität und Föderalismus und zieht einen internationalen Vergleich.

Ausgewählte Inhalte

Sozialpolitik begreift Schulz-Nieswandt mit Blick auf Lebensabschnitte als "Intervention in Lebenslagen und Lebenszyklen" (S. 24). Die Lebenslage ist für ihn im Anschluss an Gerhard  Weisser und Ingeborg Nahnsen eine zentrale Kategorie. Für ihre Beeinflussung gibt  er rechtsphilosophische und grundrechts-gestützte Begründungen. Als Akteure für die Moralökonomie sieht er im Mix neben Staat, Markt und Familie auch das Ehrenamt der Zivilgesellschaft aktivierbar. Neben dieser bei der sozialpolitischen Leistungserstellung aktiven Anbieterseite interessiert sich Schulz-Nieswandt bei seinem personenzentrierten Zugang auch für die Nachfrageseite. In der Dienste-Realisierung erblickt er nach dem Reziprozitäts-Muster ein Geben und Nehmen. Neben Ökonomie sind somit auch Psychologie, Soziologie, Rechtsphilosophie und Ethik Grundpfeiler dieses Zugangs zur Alterssozialpolitik.

Damit gelangt Schulz-Nieswandt zu seinem zweiten, dem gesellschaftsperspektivischen Zugang. Hier interessieren nach wohlfahrtsökonomischen Erörterungen im Anschluss an Vilfredo Pareto und John Rawls die Einbettung der Lebensläufe in Richtung auf das Alter in die Wohlfahrtsökonomie. Gefragt wird nach dem tolerablen Abstand zwischen Arm und Reich und nach dem Recht, soziale Lasten in die Zukunft zu verschieben. Im  Lebenslaufkontext wird Alter als Resultante von Bildungs-, Berufs- und Familienkonstellationen begriffen. Dieses "soziale Schicksal" Alter habe praktische Sozialpolitik zu kompensieren.

Beim historisch-kulturellen Zugang zur Alterssozialpolitik beschreibt Schulz-Nieswandt innerhalb seines moralökonomischen Mix-Tableaus das "neue" Ehrenamt als Balance zwischen Bindung und Distanz. Kulturvergleichend sieht der Autor die an ökonomische Voraussetzungen gebundene Sorge für die Alten als universell. Als neues Spektrum seien das Potential der Jungen Alten (drittes Alter) und die Versorgungsbedürftigkeit der Alt-Alten (viertes Alter) einzublenden.

Die zentralen, sozialstaatlich zu regelnden Gegenwartprobleme der Alterssozialpolitik - Einkommen, Gesundheit, Pflege und Wohnen - behandelt Schulz-Nieswandt in gesamtgesellschaftlich-mehrgenerationeller Einbettung. Lösungen erblickt er mehr auf der institutionellen Seite (betriebliche Sozialpolitik, Vereinbarkeit von Familie und Beruf) denn auf der Geldleistungs-Transferseite. Den Menschen würden künftig stärkere Kompetenzen und höhere Zeit-Einsätze abverlangt im Sinne der Neubildung von Sozialkapital. Selbst-, Mit- und Fremdsorge müssten ineinander greifen.

  • Beim Alterseinkommen wird das Drei-Säulen-Modell behandelt aus Gesetzlicher Rentenversicherung, betrieblicher Zusatz- und privater Vorsorge-Sicherung;
  • im Gesundheitssystem diskutiert der Autor Neuerungen wie integrierte (Chroniker-)Versorgung, Prävention, multi-disziplinäre Versorgungszentren und therapeutische Ketten;
  • denn für das leichtere Schultern des Pflegerisikos seien Kliniken und Pflege transsektoral stärker miteinander rehabilitativ-geriatrisch zu verzahnen;
  • beim Wohnen werden jenseits der Pole eigen-autonome Wohnung und Heim innovative, gemeinschaftliche, selbstbestimmte Wohnformen auch für die Zukunft nur als quantitativ untergeordnete, sekundäre Nischen gesehen.

Die Europäisierung verlangt Schulz-Nieswandt zufolge den zunehmend verstärkt in den Wettbewerb gestellten Altenhilfe-Dienstleistern die Befolgung der Prinzipien der Subsidiarität (Vorrang der Hilfe zur Selbsthilfe) und des Föderalismus ab (gegliederte Realisierung der Sozialpolitik-Ziele in Mehr-Ebenen-Systemen). Am geöffneten Wettbewerb zwischen Freigemeinnützigen und Privatgewerblichen wird nicht mehr gerüttelt werden dürfen.

In internationaler Perspektive beschreibt Schulz-Nieswandts neue Alterssozialpolitik Gösta Esping-Andersens drei Typen der Wohlfahrtsstaaten (erweitert um eine südeuropäische und eine asiatische Variante) mit einem Übergang von der Welfare- zur Workfare-Ausrichtung. In seinen Mehr-Länder-Vergleichen des Altenhilfesektors erblickt der Autor zunehmende Ambulantisierung und bei der nicht substituierbaren Heimpflege eine Tendenz zur Humanisierung und zu neuen Pflegearrangements. Durchweg seien Familie und Moralökonomie bedeutsame Größen.

Diskussion

Für die schwere Verdaulichkeit seines Buches zur Alterssozialpolitik gibt der Autor gleich zu Beginn (auf Seite 9) dem Leser die Vorwarnung, dass es "komplex und aufwendig im Nachvollzug" sei. Dies ist zum einen unpädagogisch und wirft andererseits leider ein schlechtes Licht auf die Alltagsferne an unseren Hochschulen.

In der Tat ist der wissenschaftstheoretische Ballast des im Grunde einen erfreulich weiten Horizont aufreißenden Buches hoch. Schulz-Nieswandt benötigt von den 280 Inhaltsseiten für seine wissenschaftstheoretischen, zugegeben gerontologisch-interdisziplinär beschrittenen "Zugänge" mit 160 Seiten mehr als die Hälfte des Umfangs. Die anhand der aktuellen politischen Diskussion umrissenen Alterssicherungsbereiche Einkommen, Gesundheit, Pflege und Wohnen handelt er hingegen auf nur 80 Seiten ab. Ob die inhaltlichen Parallel-Konstruktionen der Lebenslage-Aussagen von Hans Thomae und Gerhard Weisser heute noch so erhellend sind, wie von Schulz-Nieswandt dargetan, steht dahin. Durch Schulz-Nieswandts multidisziplinäre Betrachtungen muss sich vieles wiederholen: Argumentiert sein personenzentrierter Zugang auch gesellschaftlich und sein gesellschaftsperspektivischer Pfad eben auch individualistisch. Folglich handelt der Autor seinen kategorischen moralökonomischen Imperativ gleich zweimal ab: Auf Seite 55 und auf Seite 114.

Von anderen Inhalten hätte man jenseits der breit explizierten Wissenschaftstheorie gern mehr gewusst: Von den Möglichkeiten des den konventionellen Lebenslauf mit seiner Generationen-Trennung überwindenden produktiven Alters, von Betreutem Wohnen und Selbstbestimmten Wohngruppen im Alter, von der geteilten Verantwortung in neuen Pflegemodellen, von der Überwindung der künstlich-stratifizierenden Trennung in Behandlungs-- und Pflegebedürftigkeit (die leider nicht einmal expliziert wird). Für all dies gibt das theorielastige Buch leider keinen Raum.

Bei den Wohlfahrtsstaats-Typen schimmert auf Seite 274 f. eine gewisse Sympathie des Autors für den sozialdemokratischen Typus durch. Alimentierte Arbeitslose würde er wohl präferieren, mit einem derart abschätzigen Unterton spricht er von Ein-Euro-Jobbern, gemeinnützig tätigen Jungen Alten, lebenslang Lernenden, später Berenteten und zweitem Arbeitsmarkt.

Auch sprachlich bleibt der Autor entsprechend seiner Vorwarnung (siehe oben) zu oft im Elfenbeinturm pleonastischer Wortungetüme. Da ist (auf Seite 275) mit einem fünffach beschreibenden Eigenschaftswort von "alterssozialpolitischbedeutungsvollen Phänomenen" die Rede. Auf Seite 25 findet sich folgender Satz: "Institutionalismus als Theorie bedeutet hier die Herausarbeitung und Betonung von Kontexten der Bahnung und Strukturierung von Akteuren, also von Handlungsarenen, institutionellen Arrangements, Pfaden, aber auch kognitiv-normativen Korridoren, Aktionsräumen und identitätsstiftenden Positionierungen". Verstanden? Wenn nicht: auch nicht schlimm, schließlich waren wir ja vorgewarnt. Ein gewisser Selbstbezug des Autors wird auch aus seinem Literaturverzeichnis deutlich, in dem er bei rund 500 Titeln immerhin 65 eigene Arbeiten anführt.

Typografisch arbeitet das Buch erfreulich reichhaltig abbildungsgestützt, wenn die Skizzen auch mit so kleinen Druckzeichen beschriftet sind, dass eine große Zahl von Lesern nicht ohne Sehhilfen auskommen dürfte. Zur Lernsicherung sind am Ende eines jeden Kapitels (in Kapitel 5 sogar für jeden Sicherungsbereich) hilfreiche Kontrollfragen angeführt.

Fazit

Es wurde ein an den aktuellen Diskussionssträngen argumentierendes, allerdings sehr theorielastiges Buch mit ausgedehnten Ausflügen in die Wissenschaftstheorie vorgelegt. Es eignet sich wohl eher für den am gerontologischen Theorieaufbau Interessierten denn für die auf hilfreiche Information angewiesenen Praktiker der Altenhilfe. 


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 23.05.2006 zu: Frank Schulz-Nieswandt: Sozialpolitik und Alter. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-17-018142-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3798.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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