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Wolfgang Schneider: Drogenmythen

Cover Wolfgang Schneider: Drogenmythen. Zur sozialen Konstruktion von "Drogenbildern" in Drogenhilfe, Drogenforschung und Drogenpolitik. (Studien zur qualitativen Drogenforschung und akzeptierenden Drogenarbeit, Bd. 23, Herausgeber INDRO e.V.). Verlag Wissenschaft und Bildung VWB (Berlin) 2000. 197 Seiten. ISBN 978-3-86135-082-8. 18,00 EUR.
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Drogenbilder

In der Drogenhilfe ist das Verhältnis der Helfenden zu Menschen, die Probleme im Umgang mit Drogen haben, den sogenannten Klienten, nicht voraussetzungslos. In kaum einem anderen Arbeitsgebiet der Sozialen Arbeit wird seit Jahren so kontrovers über das der Arbeit zugrunde liegende Menschenbild, die zentralen Begriffe und die Methoden des professionellen Handelns diskutiert. Neben der Frage aller Fragen: Brauchen wir das Betäubungsmittelgesetz? zum Beispiel: Ist Sucht bzw. Abhängigkeit eine Krankheit? Sind drogengebrauchende Menschen per se hilfsbedürftig? Ist Abstinenz das einzige Arbeitsziel? Folgt Abhängigkeit zwangsläufig aus dem Gebrauch von Drogen? Können Abhängige sich selbst helfen?

Die Antworten auf diese und ähnliche Fragen hängen von den jeweiligen Bildern ab, die sich die Beteiligten von Drogen und deren Gebraucherinnen und Gebrauchern machen. Für die einen sind Drogen das Erzübel der modernen Gesellschaft, vor dem die (willens-)schwachen Menschen mit allen Mitteln zu schützen sind, für die anderen sind sie legitime Substanzen mit unterschiedlichen Funktionen im Alltag der Menschen, deren Gebrauch kultiviert werden kann.

In diesem Buch geht es um die falschen und schädlichen Drogenbilder, die "Drogenmythen", gegen die der Autor seit Jahren in vielen Veröffentlichungen argumentiert. Der Kern seiner Aussage ist: Drogengebraucher entscheiden autonom über ihre Lebensweise. Dies wird ihnen jedoch durch die verbotsorientierte Drogenpolitik und die bevormundende Drogenhilfe so schwer gemacht, dass ihre Chancen, einen risikoarmen und sozial integrierten Gebrauch der illegalisierten Drogen zu lernen und zu praktizieren, beeinträchtigt sind. Dabei wird nicht geleugnet, dass mit dem Drogengebrauch Risiken verbunden sind. Deren Dramatisierung jedoch sei entgegenzutreten und die gegebenenfalls notwendige Hilfe müsse die Entscheidungen ihrer Klienten akzeptieren.

Inhalte

Das Buch enthält sieben je für sich lesbare Kapitel, in denen die gleichbleibenden Grundthemen mit unterschiedlichen Schwerpunkten behandelt werden. Die Kapitel enthalten ausführliche Literaturangaben, die sich weit überwiegend auf unterstützende Texte und nur ausnahmsweise auf die kritisierten Meinungen beziehen.

Das erste Kapitel ist dem Thema allgemein gewidmet und stellt die Grundlagen der zur traditionellen abstinenzorientierten Drogenhilfe alternativen akzeptanzorientierten Drogenarbeit dar. Diese habe schon viel erreicht, es gehe aber "letztendlich um die Aufhebung der repressiv-paternalistischen Drogenverbotspolitik, moralistischer Drogenhilfe und um die Entzauberung der herrschenden Drogenmythen". (S. 26)

Das zweite Kapitel wendet sich, ausgehend von dem Bedürfnis nach Rausch und Ekstase als anthropologischer Konstante, gegen die rein problemorientierte Beschreibung und Erklärung des Drogengebrauchs. Es beschäftigt sich mit dessen verschiedenen Funktionen, vor allem der religiös-medizinischen Bedeutung in unterschiedlichen Kulturen und den damit verbundenen Gebrauchsmotiven und -regeln, darunter auch mit dem aktuellen Gebrauch von Cannabis und Ecstasy in unserer Gesellschaft. Ziel der Argumentation ist es zu zeigen, wie differenziert der Umgang mit Drogen zu sehen ist.

Das dritte Kapitel beschäftigt mit den zentralen Begriffen, vor allem mit der Drogenabhängigkeit als sozialer Konstruktion, in deren Mittelpunkt das medizinische Abhängigkeitsmodell (Krankheit) steht und das einen "drogenspezifischen Automatismus und eine völlig drogenbezogene Verhaltensdetermination" (S. 63) unterstellt. Ein weiterer Schwerpunkt dieses Kapitels ist die Drogenforschung, der es nicht gelinge, die differenzierte subjektive Bedeutung des Drogengebrauchs herauszuarbeiten, und der Entwurf alternativer qualitativer Forschungsperspektiven.

Das vierte Kapitel behandelt die gängigen Theorien zur Genese und Erklärung problematischen Drogengebrauchs. Hier wie auch in anderen Kapiteln wird besonders die Tendenz zur Medizinalisierung der Drogenhilfe kritisiert.

Das fünfte Kapitel argumentiert gegen das Abstinenzparadigma und stellt die Forschungsergebnisse zum kontrollierten Gebrauch von Drogen sowie selbstinitiierten Ausstieg dar. Das Kapitel ist aus meiner Sicht am interessantesten, weil es die Möglichkeiten der akzeptanzorientierten Drogenhilfe unter gegebenen Verhältnissen pragmatisch herausarbeitet. Da eine "wirklich akzeptierende Drogenarbeit […] unter dem Verbotsdiktat jedoch nicht machbar" ist (S. 19), folgen die notwendigen (Mindest-)Konsequenzen für die Drogenpolitik.

Das sechste Kapitel behandelt die Suchtprävention und plädiert für eine Substanzaufklärung im Sinne einer "Verbraucherberatung" (S. 158).

Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit dem Cannabisgebrauch, besonders dessen angeblichen Risiken und den Bedingungen des kontrollierten Konsums. Ein eigener Abschnitt ist der Frage der Fahrtüchtigkeit gewidmet.

Fazit und Kritik

Wolfgang Schneider hat völlig recht: Drogenhilfe, Drogenforschung und Drogenpolitik leiden an den Drogenlegenden, die eine nüchterne Diskussion des Themas erschweren, die Gebrauchsrisiken für die Konsumenten erhöhen und die Drogenhilfe behindern. Der Leidensdruck ist aber offenbar nicht so groß, dass die Motivation für einen konsequenten Wandel ausreicht, weil die Vorteile der "ordnungspolitischen Bedeutung" (S. 5) der Drogenmythen (noch) überwiegen. Daher ist die aufklärerische Arbeit des Autors für eine alternative und vor allem differenziertere Sicht wichtig.

Andererseits sind viele Argumente - unter anderem auch Dank der Veröffentlichungen des Autors - bekannt und gehören inzwischen mehr oder weniger zum Wissens- und Handlungssystem der Drogenarbeit. Für Leserinnen und Leser, die mit den grundsätzlichen Argumenten vertraut sind, werden daher die Passagen am nützlichsten sein, die

  • die gegenwärtige Entwicklung kritisch analysieren, zum Beispiel die Tendenz zur Medizinalisierung der Drogenhilfe, besonders im dritten und vierten Kapitel,
  • die Möglichkeiten erörtern, Grundsätze der akzeptanzorientierten Drogenhilfe unter gegebenen Rahmenbedingungen zu realisieren. Dies trifft besonders für das fünfte Kapitel zu.

Autor

Wolfgang Schneider ist Leiter des Instituts zur Förderung qualitativer Drogenforschung, akzeptierender Drogenarbeit und rationaler Drogenpolitik, INDRO e.V., Münster, das neben der Forschung auch praktische Drogenarbeit macht. Man kann dieses Buch, eine völlig überarbeitete Auflage von "Der gesellschaftliche Drogenkult" (1996), auch als programmatische Schrift des Instituts und der ihm Institut herausgegebenen Schriftenreihe lesen.


Rezension von
Prof. Dr. Peter Loviscach
Fachhochschule Dortmund
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Zitiervorschlag
Peter Loviscach. Rezension vom 01.02.2001 zu: Wolfgang Schneider: Drogenmythen. Zur sozialen Konstruktion von "Drogenbildern" in Drogenhilfe, Drogenforschung und Drogenpolitik. (Studien zur qualitativen Drogenforschung und akzeptierenden Drogenarbeit, Bd. 23, Herausgeber INDRO e.V.). Verlag Wissenschaft und Bildung VWB (Berlin) 2000. ISBN 978-3-86135-082-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/38.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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