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Madelaine Porr (Hrsg.): Von Träumen und anderen Wirklichkeiten

Cover Madelaine Porr (Hrsg.): Von Träumen und anderen Wirklichkeiten. Einblicke in das Leben kubanischer Frauen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2005. überarb. u. erweit. Neu- Auflage. 205 Seiten. ISBN 978-3-930830-72-5. 18,90 EUR.
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"Man muss die Frau so vorbereiten, dass sie keine Küsse verkaufen muss, wenn sie Brötchen kaufen will",

das, was der "Vater der kubanischen Nation", José Mart‘, 1889 als eine Perspektive für die Frauenbildung in Kuba formulierte, kann man unter feministischen Standpunkten in unterschiedlicher Weise verstehen, und es wurde auch verschieden interpretiert. Die kubanisch-nikaraguanische Journalistin Mar‘a L–pez Vigil erinnert in einer Art Bestandsaufnahme, wie Fidel Castro die Ziele zur Förderung der Frauen in Kuba nach 1959 bezeichnete, als "Revolution innerhalb der Revolution". Die sichtbaren Erfolge, aber auch die Irritationen, machen die ambivalente Entwicklung in diesem lateinamerikanischen Land deutlich: Weltweit ordnet sich Kuba an 15. Stelle der Rangliste der weiblichen Repräsentanz in politischen Ämtern ein; im Kontinent Amerika sogar an erster Stelle. Aber nur 4,6 % der Führungspositionen in den Industrie- und Wirtschaftsbereichen sind mit Frauen besetzt; auch: Kuba ist das Land mit der höchsten Scheidungsrate weltweit, bei 23,5 Scheidungen pro 100 Ehen; ebenso: Schwangerschaftsabbrüche bei sehr jungen Mädchen finden in großer Zahl statt; Sexualerziehung in der Schule ist nach wie vor weitgehend tabuisiert - gleichzeitig steht Kuba im internationalen Vergleich mit an der Spitze der Länder der Geburtenbetreuung.

Inhalt

Dieses verwirrende Bild ist ein Gemälde aus Hoffnung und Resignation, aus Erfolg und Misserfolg, aus Fortschritt und Rückschritt. Die von den Kubanern als "Spezialperiode" bezeichnete Unsicherheit der Menschen in ihrem persönlichen und gesellschaftlichen Leben, wie sie sich nach der "Veränderung der Welt", 1989, darstellt, zeigt den Wandel auf, in dem sich die Menschen in Kuba befinden: "Alles - oder fast alles - veränderte sich plötzlich und gleichzeitig für eine Bevölkerung, die bereits massenhaft an ein akzeptables Lebensniveau gewöhnt war, an persönliche Sicherheit, an soziale Stabilität" (Mar‘a L–pez Vigil, 1998, abgedruckt im Buch, S. 79). Die Auseinandersetzung der Frauen in ihrer und der Existenzbewältigung ihrer Familie zeigt sich heute als ein Kampf gegen (oder zwischen) Machismo und Jineterismo (weibliche und männliche Prostitution). Die resignierende Aussage einer jungen Kubanerin macht vielleicht die Unsicherheit deutlich: "Alles deutet darauf hin, dass etwas schief geht, irgendetwas geht schief."

Die Autorin, heute 44jährig, hat sich, wie sie in ihren Einblicken in ihre persönlichen Träume und Wirklichkeiten bekennt, einen Traum erfüllt, als sie im September 1996 nach Kuba auswanderte; nur vage geplant und ohne Netz und doppeltem Boden. Was war es, dass sie, die bis dahin in mehreren Berufssparten jobbte, Chemie studierte und sich offensichtlich zu einem Organisationstalent entwickelte, an dieser Karibik-Insel reizte? War es ihre gefühlte Verwandtschaft mit der lateinamerikanischen Mentalität oder ihre Vorstellung, "eines Tages unter Palmen in der Karibik zu leben und mir bei einer nützlichen Arbeit und danach warme Meeresbrisen um die Nase wehen zu lassen"? Zugegeben, das klingt wie ein Klischee; und man ist geneigt, die Geschichte in die Rubrik "romantisierende Spinnerei" einzuordnen. Aber Madeleine Porr treibt offensichtlich anderes an. Da ist ein Projekt, das sie "El Pan Alegre / Das fröhliche Brot" bezeichnet. Aus dem Mehl der überall in Kuba wachsenden, ernährungsphysiologisch wertvollen Amaranthpflanze soll "Schwarzbrot" hergestellt werden. Um ein Pilotprojekt dafür im Land zu starten, braucht es, außer der behördlichen Genehmigung und von Geldgebern, auch etwas, was in Kuba als die "andere Orangenhälfte" genannt wird. Um im Land längere Zeit bleiben und dort arbeiten zu können, musste sie sich verheiraten. 1998 hielt sie dann den kubanischen Personalausweis in Händen. Seitdem arbeitet Madeleine Porr in Havanna und Berlin daran, diese Bio-Idee, verbunden mit der Nutzung von Bio-Gas, in Kuba umzusetzen und Interessierte für die Mitarbeit zu gewinnen. Doch diese Initiative wird im Buch nur als biographische Anmerkung erwähnt (vgl. dazu die Internetseite des eingetragenen Vereins "El Pan Alegre / Das fröhliche Brot").

Das vom Verlag AG SPAK heraus gegebene Buch "Von Träumen und anderen Wirklichkeiten" ist bemerkenswert aus einem anderen Grund: Madeleine Porr bringt in dieser Neuauflage des beim Trafo-Verlag, Berlin, bereits 2004 erschienenem Buch in der Reihe "Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft", eine erweiterte Version, die auch in spanischer Sprache vorgelegt wird. Es geht ihr darum, Stereotypen, die im allgemeinen Fremde von Kuba und den Menschen auf der Insel haben, in Frage zu stellen. Sie macht das, indem sie, gewissermaßen auf der Blaupause eines fiktiven Interviews mit Celia Esther Snches Manduley(1920 - 1980), der legendären kubanischen Revolutionsführerin, sieben kubanische Frauen und Mädchen über ihre Herkunft, Tätigkeit, Alltagssituation und Wünsche und Vorstellungen über ihr Leben in ihrem Land zu Wort kommen lässt. Dabei entsteht ein interessantes Mosaik von "Träumen und (anderen) Wirklichkeiten". Den Spiegel, den sich die Frauen in den Interviews selbst vorhalten, reflektiert dann auch das, was wir, die Anderen, über die Wirklichkeiten Kubas wissen: "Ich könnte mir denken, dass viele Kuba für einen Clown halten, der ununterbrochen lacht…". Da bleibt einem beinahe das Lachen im Halse stecken!

Informationen über den Verlag

Noch ein paar Sätze zum herausgebenden Verlag: AG SPAK (Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise) hat sich vor mehr als 30 Jahren als eine Einrichtung zur Förderung von selbstorganisierten und Selbsthilfegruppen mit dem Motto gegründet: Selbstbestimmung - Selbsthilfe - Selbstorganisation. In den Bereichen der Sozialpolitik will die Organisation die aus der Alltags- und Projektarbeit entstehenden Fragen und Ergebnisse mit wissenschaftlichen und Forschungsgruppen in Verbindung bringen und so Theorie und Praxis miteinander vernetzen. Der Verlag AG SPAK publiziert die verschiedenen Initiativen und stellt sich somit als Plattform für die Diskussion und als Motor für die Entwicklung von neuen Formen des Zusammenlebens der Menschen, lokal und global, zur Verfügung (Sozialpolitische Gesellschaft / AG SPAK, Dorfstr. 25, 88142 Wasserburg/Bodensee; sowie: AG SPAK Bücher, Holzheimer Str. 7, 89233 Neu-Ulm).

Fazit

Das Buch ist nicht nur eine biographische Sammlung von historischen und aktuellen Befindlichkeiten der Menschen in Kuba - und vielleicht damit exemplarisch für Lateinamerika - sondern es stellt gleichzeitig einen Baustein für die Gestaltung eines interkulturellen Dialogs dar. Im Diskurs über die Notwendigkeit, im "globalen Dorf" den Menschen zur interkulturellen Kompetenz zu verhelfen, wird immer wieder gefordert, das Anderssein der Anderen akzeptieren zu lernen und die Fähigkeit zu entwickeln, dies auch empathisch zum Ausdruck zu bringen. In der Kombination von wachem Hinschauen dieser "Grenzgängerin" und aktivem Mittun "mittendrin", könnte man die Veröffentlichung als eine reflektierte biographische Arbeit bezeichnen, die den notwendigen Perspektivenwechsel in unserer Einen Welt befördert. So dürfte die Arbeit vor allem in wissenschaftlichen Seminaren, aber auch für die Arbeit von NGOs nützlich sein.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.05.2006 zu: Madelaine Porr (Hrsg.): Von Träumen und anderen Wirklichkeiten. Einblicke in das Leben kubanischer Frauen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2005. überarb. u. erweit. Neu- Auflage. ISBN 978-3-930830-72-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3807.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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