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Friedrich K. Barabas: Sexualität und Recht. Ein Leitfaden für [..]

Cover Friedrich K. Barabas: Sexualität und Recht. Ein Leitfaden für Sozialarbeiter, Pädagoginnen, Juristen, Jugendliche und Eltern. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2006. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 288 Seiten. ISBN 978-3-936065-40-4. 14,50 EUR.
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Thema

Kaum ein Bereich freier menschlicher Lebensgestaltung ist so von gesellschaftlichen Verhältnissen und ihrem Zeitgeist bestimmt wie die Sexualität. Nirgendwo wird öffentlich so kategorisch nach Staatseingriffen gerufen bei der Sexualdelinquenz. Dabei ist die menschliche Sexualität hierzulande längst verrechtlicht: familien-, jugend- und arbeitsrechtlich, zivil- wie öffentlich-rechtlich und zu alledem noch strafrechtlich. So vielfältig die Fallkonstellationen sind, so kompliziert sind die rechtlichen Normierungen bei Belastungen der intimsten personalen Entfaltung hier und gewalttätiger Traumatisierung wehrloser Menschen durch sexuelle Übergriffe dort. Die Rede ist nicht von einem Kontinuum der Erscheinungsformen von Sexualität, denn zwischen den genannten Extremen liegen Brüche in den Intentionen der Akteure wie in der sozialethischen Beurteilung. Die Grenzlinien innerhalb der Spannungsfelder von sexueller Selbstbestimmung, sozialstaatlichem Jugendschutz  und der Sanktionierung von sexistischer Machtausübung sind kompliziert und oft umstritten und der Informationsstand über sie ist häufig vage. Das ist nicht nur bei Jugendlichen und ihren Eltern so, sondern auch bei den Professionellen, namentlich in den Beratungs-, Behandlungs-  und Sozialisationsberufen. Entsprechend unaufgeklärt und schwankend zwischen Überreaktion oder unterlassener Unterstützung ist im Falle eines Falles ist dann auch die Handlungskompetenz der eher peinlich berührten hilflosen Helfer.

Der von dem erfahrenen Hochschullehrer Dr. iur. Friedrich K. Barabas in 2. Auflage aktualisierte, erheblich erweiterte und damit thematisch ausgereifte Leitfaden zum komplexen Thema "Sexualität und Recht" schafft hier Abhilfe, und zwar in vielerlei Hinsichten.

Der Leitfaden präsentiert das Querschnittsthema mit einer Bandbreite aus sorgfältig abgesicherten juristischen Darstellungen sowie sozialpädagogischen und praxisorientierten Aspekten. Er ist übersichtlich gegliedert, kompakt und pointiert geschrieben. Seine treffenden Fallbeispiele unterstützen das Verständnis und die Anwendbarkeit der rechtlichen Hinweise. Nach voran­gestellten Gesetzestexten werden meist gerichtlich entschiedene Fallkonstellationen vorgestellt und gewürdigt. Abschließen stehen pointierte Zusammenfassungen und hervorgehobene Merksätze. So stiftet der Leitfaden in einer verständlichen Sprache juristische Klarheit.

Aufbau und Inhalt

  • Eingangs verdeutlicht ein historisches Kapitel "Von der Unzucht zur Sozialschädlichkeit", inwieweit die Reglementierung menschlicher Sexualität immer schon ein rechtspolitischer Streitgegenstand war und ihrerseits den Tatbestand weltanschaulicher Einmischung in privateste Lebensbereiche erfüllte. Hier wie im ganzen Leitfaden spricht der Autor Klartext zu teils fragwürdigen Haltungen zur "Unzucht" einerseits und votiert engagiert für einen aufgeklärten, aber keineswegs kriterienlosen Rechtsschutz von Schutzbedürftigen auf diesem sensiblen Gebiet.
  • An dem Leitfaden besticht und überzeugt das breite rechtliche Spektrum, das der Autor unter Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Befunde und Erkenntnisse aufbereitet und ausleuchtet. Den rechtlichen Regelungen voran steht ein Überblick über die Sexualstraftaten und über statistische Daten und Befunde zur Sexualdelinquenz.
  • Dem folgen in Kapitel V. definitorische Abgrenzungen, was jeweils unter "sexuelle Handlungen" fällt.
  • Das Kapitel VI. befasst sich mit dem zivil- und arbeitsrechtlichen "Schutz gegen sexuelle Übergriffe". Seine Bandbreite umschließt neben de zivil- und arbeitsrechtliche Regelungen (BGB, Beschäftigtenschutzgesetz) das Disziplinarrecht für Beamte sowie neue Richtlinien für Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr (2004), gerichtliche Entscheidungen bei Übergriffen in Therapie und Beratung und Entschädigungsansprüche von Gewaltopfern nach dem Opferentschädigungsgesetz.
  • Die anschließenden Kapitel VII. bis IX. befassen sich mit dem "strafrechtlichen Schutz" von Minderjährigen durch sexualitätsbezogene Übergriffe. Sie entfalten die sexualstrafrechtlichen Delikts- und Fallgruppen solcher Übergriffen auf Kinder, Übergriffe von und an Jugendlichen unter 16 Jahren und Jugendlichen unter 18 Jahren sowie tabellarischer Übersichten dieser Sexualdelikte.
  • Im Anschluss daran folgt ein familien- und jugendhilferechtliches Kapitel X. mit den wichtigsten familien- und sozialrechtlichen Regelungen des Kinder- und Jugendschutzes, die das Familienrecht des BGB und das Kinder- und Jugendhilferecht (SGB VIII) bereit hält bis hin zu dem verstärkten "Schutzauftrag" der Jugendhilfe unterhalb der Schwelle des strafrechtlichen Zugriffs bzw. im Umfeld der strafrechtlich erfassten Gefährdung der sexuellen Entwicklung von Minderjährigen.
  • Das große Kapitel XI. ist den allgemeinen "Sexualdelikten ohne Altersbegrenzung" gewidmet: Sexuelle Nötigung und Vergewaltigung sowie Formen des sexuellen Missbrauchs. Hier wie beiden vorangegangenen Themen geht es dem Leitfaden weniger um Auseinandersetzungen mit strafrechts-dogmatische Detailfragen als vielmehr um rechtlich fundierte Informationen zu Problemstellungen, die den Fachkräften des Gesundheits- und Sozialwesens in ihren professionellen Feldern begegnen können. Das führt dann zur eingehenden Befassung mit den sexuellen Missbrauchsfällen im Bereich Hilfebedürftiger in Einrichtungen oder in Beratungs-, Behandlungs- und Betreuungsverhältnissen. Oder zur Frage: Ist eine echte Liebesbeziehung in solchen Bereichen straflos? Wo beginnt und wo endet das "professionelle Abstinenzgebot" von sexuellen Kontakten mit Patienten oder Klienten?
  • Rechtspolitisch engagiert äußert sich der Autor besonders im Kapitel XII: "Strafbarkeit wegen Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger", die beruflich agierende (Sozial-) Pädagogen vor schwierige Abgrenzungsfragen stellen kann. Differenziert dargestellt werden hier wie an anderen Stellen des Leitfadens die normativen Auswirkungen der in den letzten Jahren teils mehrfach reformierten Straftatbestände auf homosexuelle oder lesbische Sexualbeziehungen verschieden Altersgruppen. Als fragwürdige Konsequenz des sexualstrafrechtlichen Jugendschutzes wird u. a. kritisiert, dass mehrere Varianten der ersten Sexualkontakte nach dem Eintritt der Geschlechtsreife, also heutzutage bei Mädchen wie Jungen im Durchschnittsalter von 12 bis 13 Jahren, strafrechtlich als Verbrechen und Vergehen einzustufen sind, wenn ein Sexualpartner Jugendlicher oder gar Heranwachsender und der andere ein "Kind" im Sinne des Strafrechts ist.
  • Diese und andere vorher angesprochene normative Ungereimtheiten oder Rigiditäten führen den Autor in Kapitel XIV. unter Einbeziehung der aktuellen Fachdiskussion zu grundsätzlichen Reflexionen über Effekte und Grenzen des Sexualstrafrechts.
  • Nach der Darstellung der verschiedenartigen Anspruchs- Eingriffs- und Strafnormen gibt der Leitfaden in den beiden letzten umfangreichen Kapiteln XV.  und XVI. wichtige Antworten auf die datenschutzrechtlichen Folgefragen, was man denn tun muss oder tun sollte, wenn sich in der Praxis Anhaltspunkte für entsprechende Übergriffe in die sexuelle Entwicklung junger Menschen und in die sexuelle Selbstbestimmung Erwachsener ergeben, d.h. wer hier unter welchen Umständen Schweigerechte, Schweigepflichten oder Anzeigepflichten hat und wo dabei wiederum die Grenzlinien verlaufen.

Diskussion

Der Leitfaden zeugt in seiner lebendigen und dichten Darstellung nicht nur von der großen Praxis- und Lehrerfahrung des Autors. Es ist zugleich das Ergebnis einer langjährigen multidisziplinären Erarbeitung eines anspruchsvollen, juristisch geprägten Querschnittsthemas. Barabas macht die jeweiligen rechtliche Kriterien transparent und verschafft den Lesern - Fachleu­ten wie Laien gleichermaßen - durch treffend ausgewählte Zitate aus der Rechtsprechung und der Fachdiskussion zu kritischen Punkten gute Zugänge zum reflexiven und praktischen Umgang mit den vielfältigen Zielkonflikten auf den heiklen Gebieten sexueller Selbstentfaltung und Übergriffe. Wenn nach der Abhandlung der Sexualstrafdelikte gegenüber Kindern und Jugendlichen mit der Zielsetzung einer ungestörten sexuellen Identitätsfindung der komplexe Schutzauftrag von Jugendämtern und Familiengerichten thematisiert wird, also Sorgerechtsregelungen, "Go-Order" bei Missbrauch übenden Familienmitgliedern und Regularien der Inobhutnahme, belegt dies eine praxisnahe, übergreifenden Fachperspektive des Rechtslehrers, die noch keineswegs selbstverständlich ist. Sie ist aber wichtig und aufschlussreich, nicht nur für beratende und pädagogische Berufe. So bisher kaum zusammenhängend dargestellt sind die praxisnahen Fallkonstellationen und Verhaltensvarianten bei Sexualverhalten im Verhältnis zu Schutzbefohlenen, in Einrichtungen, in Beratungssituationen oder im Bereich der erlebnisorientierten Jugendarbeit, dem Ferienheim oder Zeltlager, oder dem Lehrer- und Lehrerinnen-Schüler-Verhältnis.

Fazit

Was der Leitfaden damit bietet, sind nicht innerjuristische Verlautbarungen über ein kompliziertes Spezialgebiet an die staunende Praxis, sondern passende, verständlich geschriebene und nachvollziehbar begründete Antworten auf praxisnahe Fallgestaltungen und Fragestellungen. Mit seinem lebensweltorientierten Ansatz hebt der Leitfaden den Informationsstand über die rechtliche Einstufung von sexualitätsbezogenen Übergriffen und die rechtlichen Abwehrmöglichkeiten und Sanktionen tatsächlich. Da kann man froh sein, dass der Autor des Leitfadens sich weder von Berührungsängsten noch von grassierenden Populismen hat irritieren lassen, diesen umfassenden und engagierten Fachbeitrag zur Aufklärung über "Sexualität und Recht" zu leisten.


Rezensent
Prof. Dr. iur. Walter H. Kiehl
Ehemaliger Rechtsanwalt, lehrt u.a. Strafrecht, Jugendkriminologie und Jugendstrafrecht am Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der Frankfurt University of Applied Sciences Main,
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Zitiervorschlag
Walter H. Kiehl. Rezension vom 20.02.2007 zu: Friedrich K. Barabas: Sexualität und Recht. Ein Leitfaden für Sozialarbeiter, Pädagoginnen, Juristen, Jugendliche und Eltern. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2006. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-936065-40-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3809.php, Datum des Zugriffs 17.06.2019.


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