Joachim Bröcher: Kunsttherapie als Chance
Rezensiert von Katharina Schultz, 11.01.2007
Joachim Bröcher:Kunsttherapie als Chance. Erfolgreiche ästhetisch-gestalterische Verfahren in (sonder-)pädagogischen Handlungsfeldern. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2006. 2. Auflage. 288 Seiten. ISBN 978-3-8253-8327-5. 29,00 EUR.
Einführung
Der Verfasser untersucht erfolgreiche ästhetisch-gestalterische Praxis-Variationen in integrations- und sonderpädagogischen Handlungsfeldern. Joachim Bröcher verfügt über langjährige Praxiserfahrung als Kunsttherapeut und Sonderpädagoge. Er stützt sich in seinem theoretischen Konzept auf die durch Hans-Günther Richter und Karin-Sophie Richter-Reichenbach begründete Pädagogische Kunsttherapie. Die Auswahl der Materialien für das Buch ist vielfältig angelegt, dabei geht es dem Verfasser darum, neue Möglichkeiten auszuloten und den exemplarischen Charakter der ästhetischen Verfahren und Materialien vorzustellen.
Neben dem schulischen Förderschwerpunkt der emotionalen und sozialen Entwicklung behandelt er im Buch auch die integrations- und sonderpädagogischen Schwerpunkte. Zudem werden außerschulische Handlungsfelder, wie das ästhetisch fundierte Coaching der Pädagoginnen und Pädagogen selbst miteinbezogen.
Aufbau und Inhalte
Der erste Teil des Buches erschließt die theoretischen Bezugnahmen zur Kunsttherapie und deren Begründungsansätze, wobei die Grundlagen der Pädagogischen Kunsttherapie ausführlicher behandelt werden. Die "emanzipatorischen Bildungs- und Therapiewirkungen" ästhetischer Prozesse liegen demnach in der reflexiven und selbstaktivierenden Struktur ästhetischer Handlungsvollzüge begründet. Es besteht die Chance für Heranwachsende mittels des Ästhetischen sich wenigstens in Ansätzen von entwicklungs-, sozialisations- oder krankheitsbedingten Einschränkungen freizumachen.
In einer kulturkritischen Reflexion stellt Joachim Bröcher die Frage nach den Daseinsthemen, die den einzelnen belasten. Diese Frage ist zu ergänzen durch die Frage nach den sozialen und kulturellen Bedingungen, unter denen sich das Leben der auffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen vollzieht. Die kunsttherapeutisch orientierte Integrations- und Sonderpädagogik bedarf somit einer Anbindung an kulturkritische und sozialphilosophische Diskurse. In Anbetracht der gesellschaftlichen und psychischen Prozesse, die der Verfasser unter dem Rückgriff auf Konzepte wie Fragmentierung, Zerrissenheit und Realitätsverluste u. a. beschrieben hat, geht es ihm weiterhin im Buch um Möglichkeiten für Veränderungsprozesse auf ästhetischer Basis, um die Entfaltung kreativer und schöpferischer Potenziale, auch unter schwierigen Bedingungen.
Eine pädagogisch orientierte Kunsttherapie muss daher immer tätige Therapie sein. Sie ist nie defizit- oder diagnoseorientiert, sondern produktions- und entwicklungsorientiert. Die ästhetische, reflektierende und handelnde Eigentätigkeit des Klienten oder Schülers steht jederzeit im Vordergrund. In Anlehnung an Hans-Günther Richter hält Joachim Bröcher den "therapeutisch gestützten Kunstunterricht" für besonders geeignet diesen in den gemeinsamen Unterricht an Grundschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen zu integrieren. Die Umstrukturierung von Unterricht in dieser Weise hat eine grundlegende Konsequenz für die Organisation des Lehr-Lern-Prozesses. Sie geht von einer pädagogischen Diagnostik aus, denn die Förderangebote beziehen die ausdrucksstarken und lebensgeschichtlichen Situationen der einzelnen Kinder und Jugendlichen mit ein. Während der traditionell ausgerichtete Kunstunterricht auf unmittelbaren Erkenntniszugewinn im ästhetischen Feld angelegt ist, muss der therapeutisch orientierte Kunstunterricht in einem Zusammenspiel von Hilfen, Förderungen und Anregungen erst ein Symbolverständnis vermitteln und eine Einübung in das Herstellen und Verstehen ästhetischer Ereignisse mit kommunikativem Charakter aufbauen.
Für die Realisierung dieser Vermittlungsverfahren stützt sich Joachim Bröcher wiederum auf die Aussagen von Hans-Günther Richter. Modelle für Zugangsweisen entwickelt er zwischen dem Pol der Wissenschaftsorientierung und dem des Spielerisch-Ausdruckshaften und dem Pol der sachorientierten und dem der subjektorentierten Zugangsformen. Mit dem Begriff der ästhetischen Erfahrung als einem Weg von Anschauung und spielender Reflexion wird deutlich, dass es dem Verfasser hier um die handelnde Aktivität als Aneignungsform geht, welche vom Schüler ausgeht und deren Empfindungs- und Erkenntnisform einbezieht. "Der Erfahrungsbegriff berücksichtigt den Sinnhorizont des Heranwachsenden und die für ihn typischen oder adäquaten Zugangsweisen, von der affektiven Einfühlung über die spielerischen und experimentellen Formen bis zur rationalen Analyse." (Seite 62)
In der Integrations- und Sonderpädagogik ergeben sich zusätzliche große Herausforderungen bezüglich der fachspezifischen Lernvoraussetzungen. Je nach konkreter Gruppe oder nach konfliktbelastetem Individuum bieten sich für Joachim Bröcher bildnerische Aktivitäten an, die ein ganzes Spektrum in Anspruch nehmen. Offene, am Spiel orientierte Verfahrensweisen sollen als "Kurzzeitmodell" mit den Prinzipien "Animation, Improvisation und Darstellung" in die Lernaktivitäten aufgenommen werden. Ein weiterer Fortgang der ästhetischen Aktivitäten werden nach Joachim Bröcher durch die Elemente "Erkundung, Objektivierung und Integration" markiert. Während im Kurzzeitmodell die bildnerisch-produktiven Aktivitäten stärker betont werden, stellt Joachim Bröcher im Langzeitmodell die verbalen und emanzipatorischen Arbeitsformen stärker in den Vordergrund.
Für die umfangreiche Darstellung der Praxis- Variationen stellt Joachim Bröcher zunächst eine Analyse der Jugendkultur und Alltagsästhetik vor. Aus dem Spektrum möglicher Themen verweist der Verfasser auf Lebenssituationen, die die subkulturellen Orientierungen von Jugendlichen und deren ausgeprägte Lebensproblematik aufzeigen. Von hier aus entwirft er sowohl für den Unterricht, als auch für die sozialpädagogische Projektarbeit den Kontext für die Praxis. Mit Hilfe der vielschichtigen Darstellung konkreter Erfahrungen entwirft Joachim Bröcher lösungsorientierte Arbeitsweisen, die auf Freilegung noch oder wieder vorhandener Ressourcen, Bewältigungsreserven, Lebensenergien und auf Stabilisierung und Erweiterung der sozialen Netze, sowie auf Förderung von Kommunikation und Partizipation beruhen. Im pädagogischen Feld stellt er die synergetische Zusammenarbeit mit Künstlerinnen im Unterricht vor, die es gelingen lässt, den kreativen Prozess der Kinder in einem vom Schulbetrieb unbelasteten Handlungsrahmen stattfinden zu lassen. Das pädagogische bzw. therapeutische Potenzial der Märchen wird in Bezug zum fächerübergreifenden Handlungsrahmen und als Erlebnis des Märchenmotivs im Prinzip des Spielerischen vorgestellt, wobei die Lernaktivitäten einen Anteil an Spiel, Ausprobieren und Experimentieren behalten. Ein von ihm persönlich entwickeltes didaktisches Material, das Mobile Bildsystem,wird ausführlich erläutert. Es kann zur Hilfestellung für komplexe Bild-Erzählungen im pädagogischen Kontext von hohen Misserfolgserwartungen und ausgeprägten Verweigerungshaltungen genutzt werden. Zudem behandelt der Verfasser außerschulische kulturpädagogische Projektarbeiten, die in ihrer inhaltlichen Ausrichtung an die Erlebnispädagogik angelehnt werden. Die Erfahrungsberichte zeigen sein persönliches Engagement und Interesse an dem jeweiligen Bericht und sind im Detail deutlich an das Praxisinteresse des Lesers gerichtet.
Joachim Bröcher betont im dritten Teil seines Buches sein grundsätzliches Anliegen: Sowohl die Integrationspädagogik, als auch die Sonderpädagogik und die Kunstpädagogik - jede Pädagogik muss in Kategorien der Vielfalt, der Differenz und der Heterogenität gedacht werden. Kunst führt einen Diskurs über die Welt, sie macht Entwürfe dieser Welt. Sie interpretiert, legt aus und beurteilt. Joachim Bröcher entwirft ein Plädoyer für die innere Flexibilisierung der unterrichtlichen Einheiten, für Neuentwürfe, ohne dabei in völlige Beliebigkeit zu verfallen.
Fazit
Joachim Bröcher stellt in Theorie und Praxis eine umfassende Perspektive für die pädagogisch orientierte Kunsttherapie vor. Das Buch ist im theoretischen ersten Teil nicht immer einfach zu lesen, jedoch sind die Praxiserfahrungen anregend und gut reflektiert.
Das Buch ist besonders für den sozialpädagogischen Kontext und dort für den Bereich der Schulsozialarbeit zu empfehlen.
Rezension von
Katharina Schultz
Dozentin für für den Bereich bildende Kunst und Kunsttherapie
Es gibt 4 Rezensionen von Katharina Schultz.





