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Sabine Grenz: (Un)heimliche Lust. Über den Konsum sexueller Dienstleistungen

Cover Sabine Grenz: (Un)heimliche Lust. Über den Konsum sexueller Dienstleistungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 255 Seiten. ISBN 978-3-531-14776-5. 29,90 EUR.
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Die Macht der Diskurse über die Freier der Lustdienerinnen oder ein vereitelter Fluchtversuch des Rezensenten aus dem Dickicht der Diskurse, vergeblich unternommen mittels etlicher Assoziationen und Fantasien, in Form umständlicher Einschübe und Parenthesen

Bei einem Bankett des englischen Hochadels kam Sir Winston Churchill neben eine ausgesprochene Schönheit zu sitzen, die ihn betörte, bezauberte, hinriss. Hochnäsig war sie und unterkühlt, abweisend und doch sinnlich, überwältigend schön und derart attraktiv, dass er Essen und Trinken und also sich selbst vergaß und nurmehr wie ein Automat gentlemanlike konversierte. Als der Lockruf der Sirene für einen Augenblick verstummte, wandte sich der Premier mit folgender Selbstbehauptungsfrage an seine Tischnachbarin: „Könnten Sie sich vorstellen, für 50 Millionen Englische Pfund die Nacht mit einem Ihnen unbekannten Mann zu verbringen?“ Nach kurzer Überlegung antwortete die Venus im Pelz: „Fünfzig Millionen Englische Pfund sind eine Menge Geld; ja, das kann ich mir vorstellen.“ Darauf ein odysseusgleicher Churchill, der wie ein Bourgeois über profane Geldfragen seine Handlungsfähigkeit wieder findet: „Nachdem das Grundsätzliche geklärt ist, lassen Sie uns über den konkreten Preis reden!“ [1]

Was lehrt uns diese Anekdote? Dass in jedem Mann der lüsterne Freier schlummert? Dass jeder Frauenkörper sich für schnöden Mammon willig auf dem Altar männlicher Lust zu opfern bereit ist? Dass Geld den Männern Macht über die Frauen verleiht? Dass Geld das einzige Mittel ist, mit dem sich Männer der Verführungsmacht der Frauen zu erwehren vermögen? Dass Männer für schönen Sex viel Geld ausgeben? Dass Männer als Konsumenten dieser Art gekaufter Lust ihre heterosexuelle Identität als megapotente Männer erigieren?

Die Autorin der hier zu besprechenden Schrift mit dem Titel „(Un)heimliche Lust“, Drs. Grenz aus dem Postdoc Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ an der Berliner Humboldt, würde diesen Deutungen vermutlich zustimmen. Sie würde sagen, dass Churchill und seine angebetete Comtesse gar nicht anders konnten, als so miteinander zu sprechen. Wenn es denn darum gehen soll, dass der Mann zu der Frau in sexuelle Beziehungen treten will, dann bewegen sie sich laut Drs. Grenz in einem überdeterminierten symbolischen Raum von Diskursen. Ihnen folgen Mann und Frau, sie lassen sie ihren erotischen Austausch überhaupt nur so initiieren und vollziehen, wie sie ihn denn initiieren und vollziehen. Deshalb täuschen sich besonders Freier darin, wenn sie gerade ihre eigenen, ihre sehr persönlichen, ihre intimsten Gedanken und Wünsche, kurz: ihr Begehren nach „reinem Sex“ für ihr „ur-„eigenes, für ihr originales Begehren halten. Die Diskurse machen uns zwar selbst denken, wie wir denken; sie tun das aber hinter dem Rücken unseres Bewusstseins, ohne dass wir also wüssten, dass wir nur ein bereits uns Vorgedachtes als ein von uns Selbstgedachtes denken. Wir halten uns zwar subjektiv für den Produzenten und den Souverän unseres Denkens, Fühlens und Verhaltens, tatsächlich sind wir objektiv stets nur die Reproduzenten und Untertanen einer mächtigen „Ordnung des Diskurses“ (Michel Foucault).

Die kundigen Leser werden bereits erraten haben, woher dieser Blick auf die zwar „heimlich“ geübte, tatsächlich aber „(un)heimliche“ Lust stammt: Aus Frankreich kommt er, vom Archäologen und Meister der Diskurse, von Herrn Foucault, der uns über unser konstitutionelles, vollumfängliches Gefangensein: jenes unseres Körpers, unseres Geistes und unserer Seele im Dickicht der Diskurse der Macht belehrt und aufklärt – doch zu diesem Umstand später mehr. Die okzidentale Rationalität hat in dieser Interpretation durch vernünftige Aufklärung jene Diskursordnungen im Zuge einer beispiellosen Flurbereinigung des Geistes und in Gestalt einer alles umfassenden Kasernierung und durchdringenden Disziplinierung der Körper durchgesetzt. In den letzten drei Jahrhunderten stigmatisierte die totalitäre Vernunft alle als unvernünftig oder verrückt, als verbrecherisch oder irrational, die von ihren Standards in Verhalten, Fühlen und Denken abwichen, und zwar in nahezu allen Seinsbereichen des Menschlichen.

Erkenntnisinteresse der Autorin

So! Damit ist die Perspektive einigermaßen zutreffend skizziert, wie der Rezensent hofft, aus der Drs. Grenz ihren Themenbereich: die Lust der Freier in der Prostitution beobachtet und denkt. Ihr Erkenntnisinteresse besteht darin, dem „Stellenwert der Sexualität in der Beziehung zwischen Männern und Frauen erneut wissenschaftlich nachzugehen„(ebd.: 9), und es speist sich aus „der Beobachtung, dass sich die Repräsentation von Sexualität in der medialen Öffentlichkeit unserer Gesellschaft kontinuierlich zu verstärken scheint.„(ebd.) Die Autorin beabsichtigt eine differenziertere Kultur-„Geschichte“ der „Sexualität“, des „Geldes“, des „Konsums“ in ihrer Bedeutung für „sexuelle Freiheit“ und für die „Macht des Geldes“. Sie möchte die oben beschriebenen Diskursordnungen und „Diskursstückchen„(ebd.) in ihrer Funktion für den symbolischen Raum nachzeichnen, „in dem die Prostitution wirkt.„(ebd.: 27). Oder, wie sie an einer anderen Stelle formuliert: „D.h. ich analysiere, wie in den verschiedenen Interviews auf Diskurse zurückgegriffen wurde, die männliche Sexualität (und damit zugleich auch heterosexuelle Weiblichkeit) reproduzieren.„(ebd.: 73)

Das Material und Stichprobe

Ihr Material besteht aus 26 narrativen oder genauer: „feministischen Interviews“. Die Freier wurden vor allem per Kleinanzeigen in Berliner Zeitungen unter der Rubrik der professionellen Sexanzeigen rekrutiert. Es meldeten sich Männer im Alter von 27-74 Jahren. Dieses Sample begründet „keinen Anspruch auf Repräsentativität„(ebd.: 42), wird aber interpretationspraktisch doch als „repräsentativ“ dafür genommen, nichts Geringeres als die Diskursgeschichte der Sexualität etc. nachzuzeichnen.

Ehe es aber zur diskursanalytischen Bearbeitung und Auswertung des so gewonnen Materials kommt, ergeht sich Drs. Grenz in breiten und nachgerade langatmigen Thematisierungen ihrer methodologischen, also feministischen, letztlich frauenpolitischen Skrupel. Das ist für einen männlichen Rezensenten eine nicht geringe Zumutung, der schneller als etwa weibliche Rezensentinnen zur „Sache“ kommen will, wie aus verschiedenen „Sex„-Diskursen bekannt sein dürfte. So fragt sich Drs. Grenz u.a., ob sie es im Falle der Freier mit einer unterdrückten, marginalisierten Minderheit zu tun hat, die sie durch ihr Forschungsinteresse nicht verletzen darf; oder ob sie sich des Sexismus schuldig macht, wenn sie sich den Sexismen der männlichen Interviewpartner zu Gunsten ihres Datenertrages widerspruchslos aussetzt usf. (ebd.: 45f) – Aaach, seufzt da der Mann im Rezenten: Wie einfühlsam ist doch feministische Forschung, vorbildlich, wirklich beispielhaft!

Interessanter aber noch berichtet Drs. Grenz in ihrem Methodologie-Kapitel irritiert und leicht entrüstet und voller methodologischer ForscherInnen- und EntdeckerInnenleidenschaft über den Umstand, dass sie selbst von den Interviewpartnern zum Gegenstand sexueller Projektionen gemacht wurde. Rezensent vermutet den Grund für diesen Männchenreflex in dem sommersprossigen Antlitz und in der „leicht rötlich“ (ebd.: 67) scheinenden Haarpracht der Autorin, wenn sommerliche Lichtverhältnissen vorherrschen, wie die Drs. der Genauigkeit halber mitteilt. Aber auch Drs. Grenz verlustierte sich in Gegenprojektionen mit ihren Probanden und schwelgte in Erinnerungen an eigene, einschlägige Erlebnisse (ebd.; das findet Rezensent jetzt nicht so vorbildlich, das ist etwas zu einfühlsam, und: Drs. Grenz macht desfalls ihre Probanden nun ihrerseits zum sexismusverdächtigen Objekt weiblicher Begierde, degradiert sie zum Macht-Objekt – oh! Der Rezensent als Mann und Mensch meint dazu, dass das sehr männlich, oh Verzeihung, sehr menschlich ist und o.k. geht; aber zurück zum Zitat): „Bei einigen spürte ich deutlich“, so O-Ton Drs. Grenz, „wie das Verlangen auf mich projiziert wurde… Daher war auch ich nicht vollkommen frei von sexuellen Gefühlen, aber ebenso wenig von Abscheu. Allerdings war ich entschlossen, diese nicht zuzulassen, was bei den Probanden nicht immer der Fall war“ (ebd.: 67) – Na also: Rezensent nimmt alles zurück: Selbstexkulpation für ihre Sexfantasien durch Ekelgefühle; geht in Ordnung diese Rationalisierung; Rezensent hält daran fest: Feministische Forschung ist einmalig in ihrer Einfühlsamkeit.

Rezensent findet es an der Zeit, sich als Anhänger Hans Alberts UND Paul Feyerabends zu outen, ein bisschen eitle Koketterie kann er auch als Mann der Wissenschaft nun mal nicht unterdrücken. Nach seiner Überzeugung als anarchischer Rationalist kann feministische wie jede andere „-istische“ Methodologie kaum anders als ideologisch sein, weil sie irgendetwas axiomatisch setzt und sich derart gegen jede Kritik immunisiert. „Unter“ oder „hinter“ solchen Axiömchen pflegen sich gewöhnlich z.B. wissenschaftspolitische Interessen zu verbergen. In diesem Falle sind es geschlechterpolitische Behauptungen von der Art, dass „Darstellungen von Sexualität oder sexuellen Aktivitäten niemals geschlechts-`neutral“ sein (können), da sie ja den geschlechtlichen Körper und die Beziehung zwischen entweder gleich- oder gegengeschlechtlichen Menschen zum Gegenstand haben, die jeweils eine andere Position in dem symbolischen Raum der Sexualität einnehmen.„(ebd.: 10)

Rezensent könnte auf diese Behauptung retournieren, dass der hier kommunizierte Determinismus „symbolischer“, also offenbar kultureller Natur ist. Als solcher ist er menschengemacht, also letztlich kulturell konstruiert, insofern auch der Reflexion, der Kritik und der Überwindung zugänglich. So dürfte dieser kulturelle Determinismus doch in Schach zu halten sein, auch wenn er als ein Entfremdetes nicht einfach abgestreift werden kann wie etwa intellektuelle Moden von der Art des französischen Strukturalismus` und seinen verschiedenen Post- und Neo-Varianten. Die Annahme des Rezensenten stützt sich auf die geläufige Entgegensetzung von Natur und Kultur, wobei für natürliche Abläufe eine deutlich bessere Vorhersehbarkeit wissenschaftlich behauptet werden kann als für solche der Kultur. Würde Drs. Grenz das bestreiten, so wäre nach Ansicht des Rezensenten das gesamte feministische Projekt nicht mehr als ein Traum.

Na „ja“ [2], denkt da der männliche Rezensent wenn das so ist, wenn Drs. Grenz sich mit einer derartigen feministischen Methodologie auf die „Ordnung des Diskurses“, also auf die Art von „Philosophie“ des Herrn Michel Foucault, eines Mannes stützt, dann wirft die Autorin doch sowieso ihre geistige – oder soll Rezensent sagen: feministische? – Freiheit für die Abhängigkeit vom Denken eines Mannes weg! Gerechterweise muss an dieser Stelle aber auch gesagt werden, dass Frau Drs. Grenz ansonsten fleißig alle feministischen Arbeiten von Frauen und deren Gewährsmännern herangezogen hat, soweit sie mit den großen der hier in Rede stehenden Themen zu tun haben. Das erklärt den hohen Frauenanteil an den etwa 190 Titeln ihrer Dissertation, der bei ca. 42% liegt.

Ergebnisse

Nach der Besprechung der Zielsetzung und der ausgebufften Methodologie der Autorin kommt Rezensent zum Fleisch der Studie, zu den nackten Ergebnissen. Vorausschickt Drs. Grenz in lobenswerter Offenheit, dass sie dem Thema „Freier“, von der erfahrungswissenschaftlichen Betrachtung des Sachverhaltes her beurteilt, „nichts Wesentliches„(ebd.: 27) hinzuzufügen hat, „obwohl es nur so wenige Studien gibt“ (ebd.). „Na gut“, denkt der Rezensent, diese Bescheidenheit im Anspruch imponiert ihm. Drs. Grenz beansprucht nichts Neues zu bieten, sondern nur Anderes, und dieses ganz Andere, ihre Propria präsentiert sie ab Seite 85 und beendet sehr zur Lust des Rezensenten so das Vorspiel zu ihrer Studie.

Um das Licht der Autorin nicht länger unter den Scheffel zu stellen und die Männer unter den Lesern dieser Rezension von ihrer Neugier, ihren Spannungen und Stauungen zu erlösen, hier das gekochte Fleisch (Lévi-Strauss?!), das Drs. Grenz diskursmäßig in zwei Abteilungen geordnet hat. In den Freier-Interviews spürt unsere feministische Kulturgeschichtswissenschaftlerin in Abteilung I unter dem Obertitel „Sexuelle Identität oder das `wahre` Begehren der Freier“ folgende Diskurse auf: Männer haben Angst vor ihrer eigenen Homosexualität oder vor ihrem Begehren des eigenen Geschlechtsgenossen im Besonderen und perhorreszieren männliche Homosexualität im Allgemeinen – deshalb, so folgert der Rezensent, brauchen sie die gegengeschlechtlichen Frauen, um nicht mit Ihresgleichen „Sex“ haben zu müssen – und die Griechen? Sodann prahlen Männer in männlicher Gesellschaft gerne mit ihrer sexuellen Potenz: Größe und Umfang ihres „Wickelkindes“ oder „Waisenknaben“ (Apollinaire 1985: 104) [3], Beischlafausdauer, Erektions- und Ejakulationsfrequenz u.v.a.m. im Verkehr mit Frauen. Männer verbieten sich auch Äußerungen über Intimitäten, behaupten einen starken, Verausgabung und Abfuhr auf das Allermächtigste fordernden, „ja“ geradezu erzwingenden Sexualtrieb. [4] Deshalb brauchen Männer die Frauen als die in den Prostituierten „objektifizierten“ „Erlöserinnen“ (vgl. 151f) vom Triebstau, weshalb für männliche Freier sich prostituierende Frauen als sexuell-signifikante Zeichen für ein „numinoses Tremendum“ (Rudolf Otto) zu lesen seien. Überhaupt sind nach dem Urteil der Drs. das ganze gymnastische Gezappel und diese körperlichen Übungen zu Zweien oder Mehreren im Kontext der Freier-Prostituierten-Interaktion als Austausch von Zeichen zu verstehen, die vermutlich auch sakrale, religionshistorisch ganz sicher irgendwann sinnhaft gewesene Bedeutungen tragen (vermutlich irgendwas, das mit Fruchtbarkeitskulten, Ernteorgien etc. zu tun haben dürfte; spekuliert der Rezensent)

In Abteilung II ihrer Erträge finden wir unter dem so lapidaren wie viel sagenden Haupttitel „Geld und Macht, Konsum und Geschlecht“ die von der Autorin mit dem Foucaultschen Pendel aufgespürten und feministisch-kulturgeschichtswissenschaftlich tiefeninterpretierten Erkenntnisse, dass 1. männliche Hässlichkeit, die Geld hat, Macht über käufliche Frauen besitzt. Männliche, aber hässliche und reiche Millionärs- oder gar Milliardärs- oder sogar Multimilliardärsmänner können immer schöne, also stets junge, mit angenehmen Gesichtszügen und mit korrekt-krassen Maßen von Gott oder der Natur oder dem plastischen Chirurgen gesegnete Frauen haben, was nicht nur aus feministischer Sicht eine ungleiche und ungerechte Verteilung darstellt.

2. entdeckt Drs. Grenz mittels ihres diskursarchäologischen Verfahrens ein Diskursstückchen, auf dem der Glaube beruht, dass Geld, wenn für Prostitution verbraucht, religionskulturgeschichtswissenschaftlich etwas mit heiligen Opferritualen, z.B. Schweine-Opfern ursprünglich zu tun hatte. Dieser Diskurs „tätowiert“ (Drs. Grenz nach Braidotti) bis heutigentags mit seinen Bedeutungen nachhaltig das männliche Bewusstsein und lässt sich mühelos aus den Interviews mit den Freiern herauslesen, deren Bewusstsein ein regelrechtes „Schweine-Opfer„-Tatoo-Bewusstsein in diesem Sinne ist. (Jetzt wird dem männlich mächtigen Rezensenten endlich klar: Deshalb also, wegen diesem Opfer-Ritual-Diskurs hat das mit den Freiern und den Sexarbeiterinnen „was mit „Schweinerei“ zu tun – ist es dann aber eine „Eberei“ oder eine „Sauerei“ oder einfach eine noch unschuldige „Ferkelei“? Aach einerlei, Schweinerei ist Schweinerei, sagt sich der Rezensent, der inzwischen sein Bewusstsein auf Diskurs-Tatoos der erwähnten Art abtastet!)

Aber kommen wir zu 3., zum „Untertext“ (181ff) „Sklaverei, Gewerbe und Heiligkeit“ im Kontext von Freiern und Prostitution. Mann hat sich das so vorzustellen, dass sich diese drei Diskurswanderer: „Sklaverei, Gewerbe und Heiligkeit“ im Bewusstsein der Autorin auf einem Diskurs-Kontinuum in folgender Manier zur Ruhe gelagert haben: „Auf der einen Seite liegt die Sklaverei und auf der anderen die Heilige Prostitution. Das Gewerbe befindet sind in der Mitte„(ebd.: 181).

Versklavt sind in diesem Diskurs die Prostituierten an die Freier, und die Freier an die eigene Lust. Der mittige Gewerbediskurs dürfte nach Einschätzung der Autorin auf die Jungsteinzeit zurückzudatieren sein, wenngleich das der Autorin „allerdings auch schon lange her und von da her auch der Beginn der Prostitution als Gewerbe„(ebd.: 191) sehr sehr lange her zu sein scheint (sehr lange abgeleitet; meint Rezensent). Diese kulturhistorische Relativierung bringt die Autorin zu der Einsicht, „wie zeitgenössische Prostitution in Deutschland diskursiv hergestellt wird: als eine geschäftliche Beziehung, in der sich zwei gleichberechtigte Geschäftspartner gegenüberstehen.„(ebd.) Die Autorin hält diesen volkswirtschaftlichen Diskurs aus ihrer historisch orientierten Diskursanalyse für eine (liberale; Rezensent) Fiktion, die sie mit ihrer Foucaultschen, also männlichen Methodologie auf die im Vergleich zu Männern geringere ökonomische Mittelverfügung von Frauen zurückführt (ebd.: 191). Rezensent stimmt uneingeschränkt zu, weist aber darauf hin; dass das eine Binsenweisheit ist, die jetzt auch einen weiblichen Bart bekommen hat – vermutlich weil dieser marktliberale Diskurs so von Testosteron gesättigt ist.

Schließlich empfinden die Freier der qualitativen Interviews den Gang zur Prostituierten als Ritual, was aus der symbolischen Perspektive betrachtet, klar scheint. Weil die Diskurse der Freier immer was mit Heiliger Prostitution zu tun haben, unterliegen Freier in ihrem Gang zur Prostituierten dem Phasenschema, das sich der Ethnologe Victor Turner ausgedacht hat – eine der Weiterentwicklungen des van Gennepschen Schematismus. Turner war vom Theaterwesen inspiriert und unterscheidet im romantischen Dreierschritt zuerst die trennende von der liminalen und der Angliederungsphase. Eben dieser Art Ritualisierung gehorchen auch die Freier, so unsere Drs. (Mittlere Phase klingt dem Rezensenten zu terminologisch. Er würde die Umbenennung der liminalen Phase in Eingliederungsphase vorschlagen, wenngleich er diskursetymologisch das sakral-opfer-ritualistische Missing-Link zwischen männlichem „Glied“ und der Aktivität des „Ein-Dringens“, – moderner – „Ein-Checkens“ schuldig bleiben muss; nach kurzer Überlegung aber kommt dem Rezensenten der Gedanke, die Bezeichnung „liminal“ beizubehalten, weil das Eindringen oder die Lust in diesem Stadium in der Tat ein Schwellen, „ja“ ein An-Schwellen voraussetzt, was wiederum sehr gut mit der Turnerschen Vorstellung einer Schwellenüberwindung harmoniert. Denn um die in Rede stehende Schwelle des Weiblichen zu überwinden, muss das Männliche erst schwellen – nach der nicht nur diskursmäßigen Erfahrung des Rezensenten). Zum Schluss bietet sich uns Lesern dieser Diskursanalyse noch die Erkenntnis, dass Freier in der Prostituierten die schöne Frau suchen, aber dort unter den Prostituierten nicht finden.

Diskussion

Was soll Rezensent, was soll er zu ihr, der Studie und zu unserer Drs. Grenz sagen? Er möchte der Autorin 1. für  ihren Geständniszwang danken, der nur von ihren Freiern – richtig verstanden: „ihre“ im Sinne von: Sie hat sie interviewt nicht irgendwas „Umgekehrtes“ – übertroffen wird, und dessen feministische Selbstbezichtigungsblüten sie kunstvoll in ihren Text wie Monetsche Nymphéas hineinmalt, so auch im Schlusskapitel ihrer von weit her kommenden Diskursanalysen. Im Nachspiel ihrer Studie gesteht sie in aller Offenherzigkeit: „Einige der hier untersuchten Aspekte wurden bereits in anderen Studien angesprochen, allerdings sind sie bisher weder in ihrer Symbolik entschlüsselt noch in dieser Weise zusammengefasst worden.„(ebd.: 224) Für diese originelle Entschlüsselung möchte Rezensent Drs. Grenz an dieser Stelle ausdrücklich danken, sauber!

Ferner dankt Rezensent der Autorin auch für die zu guter Letzt mitgeteilten luziden, an Scharfsinn und Neuheit kaum noch zu toppenden Ergebnisse anderer Autoren, die da etwa lauten: „dass der Besuch bei einer Sex-Arbeiterin für die Freier ein Erlebnis ist„(ebd.: 224) und – wer hätte das gedacht – dass Männer nach Thailand fahren, um dort als Prostitutionstouristen „ihre angegriffene männliche Identität zu kurieren.„(ebd.)

Besonders aber dankt der Rezensent im Namen der männlichen Wissenschaft für die offenbar nur Feministinnen zugängliche Erkenntnis, dass Männer bei weitem nicht so phallokratisch sind, wie es den Anschein hat. Vielmehr dürften sie in ihrem Sexmachtgehabe und ihrem Auftreten als Menschenlustkäufer bei Prostituierten eher Schöpfer eines Beischlafversagerkompensationsmythos darstellen, dem wir Frauen und Männer so nicht aufsitzen sollten. Mann und Frau lausche der subtilen Wahrheit dieser Eingeweihten, dieser Gnostikerin des sexuellen Diskurses, unserer Frau Drs. Grenz: „Das Bezahlen für sexuelle Dienstleistungen per se als Machtausübung zu interpretieren, bedeutet im übertragenen Sinn, dass der Phallus in Form von Geld als Symbol Macht mit dem Penis als dem tatsächlichen Erlebnis in der Prostitution gleichgesetzt wird. Die Männer werden dann nur in ihrer aktiven Rolle beschrieben, wohingegen die passiven Momente des Erlebens und des eigenen „Versagens` außer Acht gelassen werden.„(ebd.: 225) Das klingt doch sehr entlastend für das männliche Geschlecht. Aber, so überlegt der Rezensent, da war doch noch so einer, nein, sie nannten ihn nicht Penis, auch nicht Phallus, sondern  – ja richtig, Priapus, der olle Priapus! Ist das ein Versager? Nein, ein Steher!

Als Höhepunkt – wenn Rezensent sich solch naiven Sprachgebrauch nach soviel Diskursanalyse der Sexualität überhaupt noch getrauen darf – und als eigentliche Pointe ihrer dichten 245-starken Seiten-Studie resümiert Drs. Grenz, dass die Freier bei ihren Prostituiertenbesuchen auf Herstellung „normaler heterosexueller Identität„(ebd.: 227) abzwecken und dass es auch in der Prostitution für niemanden „bedeutungslosen Sex„(ebd.: 245) geben kann. Brava, bravissima!

Fazit

Alles klar. Rezensent meldet angesichts der zuletzt gewährten, einzigartigen Einsichten in den Konsum sexueller Dienstleistungen aus Freier-Perspektive seine (un)heimliche Befriedigung am Ende der Lektüre und der Besprechung des Buches. Wer hätte das gedacht? Na, doch nicht der Rezensent, nein, nicht Churchill, sondern der Diskurs in ihnen!


[1] Diese Anekdote verdanke ich Herrn Professor Auers – scheidender Rektor der FHS Mannheim - unerschöpflichem Thesaurus an wunderbaren Anekdoten, treffenden Sinnsprüchen und weltklugen Humaniora.

[2] Ein Wort zum häufig gebrauchten Wörtchen „ja„:„Ja“ ist die Verstärkervokabel der Autorin, um die Leser an einer Art belehrender Verblüffung angesichts derartiger, für die Autorin schon seit längerem einsichtigen Evidenzen teilhaben zu lassen – also eine Art feministischer Machtstrategie der Autorin.

[3] Guillaume Apollinaire: Die elftausend Ruten. Mü: Matthes & Seitz

[4] Vgl. hierzu Krafft-Ebing 1984): Psychopathia Sexualis. Mü: Matthes & Seitz, S. 12f:“ Ohne Zweifel hat der Mann ein lebhafteres geschlechtliches Bedürfnis als das Weib. Folge leistend einem mächtigen Naturtrieb, begehrt er … ein Weib. Er liebt sinnlich, wird in seiner Wahl bestimmt durch körperliche Vorzüge. Dem mächtigen Drange folgend, isr er aggressiv und stürmisch in seiner Liebeswerbung… Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes.“ Rezensent dilettiert an dieser Stelle als Diskursarchäologe.


Rezension von
Prof. Dr. Richard Utz
Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen
Homepage utzr.twoday.net
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Zitiervorschlag
Richard Utz. Rezension vom 18.10.2006 zu: Sabine Grenz: (Un)heimliche Lust. Über den Konsum sexueller Dienstleistungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14776-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3824.php, Datum des Zugriffs 03.04.2020.


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