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Georg Theunissen, Kerstin Schirbort (Hrsg.): Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung

Cover Georg Theunissen, Kerstin Schirbort (Hrsg.): Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung. Zeitgemäße Wohnformen, soziale Netze, Unterstützungsangebote. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 284 Seiten. ISBN 978-3-17-018925-6. 32,00 EUR.
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Einführung

Die Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung stellt sich als Fortentwicklung der Gedanken von Integration und Selbstbestimmung dar. Das Konzept der Inklusion steht für eine Gesellschaft, die allen Menschen unabhängig von ihren speziellen Bedürfnissen und Lebensmöglichkeiten, die Gelegenheit zur Teilhabe gibt. Damit steht der Begriff auch für einen Paradigmenwechsel, der von einer Veränderungsnotwendigkeit auf Seiten der Gesellschaft bzw. der Gemeinde und Gemeinschaft ausgeht. Es wird nicht gefragt, was braucht ein Mensch mit Behinderung, um integriert zu werden, sondern was braucht die Gemeinde um inklusiv zu sein, das heißt allen Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe zu geben.

Zielgruppe

Fachleute und Interessierte im Umfeld von Menschen mit einer geistigen Behinderung wie Behindertenpädagogen und Soziologen sowie Studierende in diesen Gebieten wie auch Angehörige und Freunde von Menschen mit Behinderung, weiterhin sozialpolitisch und verbandspolitisch Tätige und Verantwortliche in der Behindertenhilfe

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Themenbereiche gegliedert: Nach der Einführung und Begriffsbestimmung folgt die Darstellung von Entwicklungen, Grundsatzfragen und Grundlagen durch verschiedene Autoren. Im dritten Teil werden Trägerkonzepte und Erfahrungen aus der Praxis behandelt, um schließlich Unterstützungsangebote  und -methoden vorzustellen. Jeder Themenbereich wird von verschiedenen Autoren behandelt und somit aus unterschiedlichen Perspektiven auf der Basis verschiedener Tätigkeitsfelder dargestellt. Etliche der Beiträge sind mit einem wissenschaftlichen Apparat versehen.

  1. Einführung und Begriffsbestimmung. Zur Entwicklung des Konzeptes der Inklusion und seiner kritischen Würdigung greift Theunissen vor allem auf US-amerikanische Erfahrungen in der Umsetzung zurück, nicht ohne auf entscheidende Unterschiede der gesellschaftlichen Grundeinstellungen einzugehen. Der Beitrag von Kulig verweist auf die Notwendigkeit einer interdisziplinären Weiterentwicklung des Konzeptes, wenn er aufzeigt, wie ein zentraler Begriff, der Begriff der Gesellschaft in aktuellen soziologischen Theorien neu gefasst wird. Dies hat ganz erhebliche Auswirkungen auf die theoretische Grundlegung des Konzepts.
  2. Entwicklungen, Grundsatzfragen und Grundlagen. Nach einer allgemeinen Darstellung zu Wohnformen für Menschen mit einer geistigen Behinderung und ihrer Weiterentwicklung stellt Dörner auf gewohnt akzentuierte Weise seine historisch fundierten Überlegungen zum notwendigen Paradigmenwechsel in Richtung auf eine bürgerzentrische Sichtweise dar. Es folgen Darstellungen aus Sicht der Lebenshilfe als Trägerverband von Krähling und als Interessenverband mit einer zunehmenden Beteiligung von Menschen mit Behinderung durch Niehoff, die beide unter Würdigung der aktuellen Schwierigkeiten und der grundsätzlichen Probleme, die die Entwicklung mit sich bringt, eine Vision für eine Weiterentwicklung formulieren, die der Idee von Inklusion immer näher kommt. Dazwischen steht ein Beitrag von Dahlferth, der sich der Existenz einer Parallelgesellschaft für Menschen mit geistiger Behinderung widmet und abschließend Forderungen aufstellt, die dem sowie einer sich verstärkenden Entsolidarisierung entgegenwirken sollen.
  3. Trägerkonzeptionen und Erfahrungen aus der Praxis. Im dritten Themenbereich werden als Erfahrungen aus der Praxis die Entwicklung der evangelischen Stiftung Alsterdorf (Maas), die ambulanten Wohnangebote der Lebenshilfe Münster (Hoppe) und die Wohnangebote für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf der Lebenshilfe Gießen (Hasenauer) praxisnah und bildhaft dargestellt. Insbesondere in der Darstellung der evangelischen Stiftung Alsterdorf werden die Ambivalenzen in der Umsetzung, aus Trägersicht wie auch aus Sicht der "Gesellschaft", ebenso wie die für eine solch umgreifende Umgestaltung notwendige Zeitdauer und ganz praktische Probleme deutlich. Das "Wohnen im Drubbel" in Münster als neu begonnenes und überschaubares Projekt bietet wesentlich unproblematischere Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Die Darstellung aus Gießen weist auf die besondere Problematik von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf hin - die Einbeziehung dieses Personenkreises in das Konzept der Inklusion ist unter allen Autoren, die sich dazu äußern, unstrittig, auch wenn bisher wenige Ansätze zu einer konkreten Umsetzung bestehen. Dafür werden ganz wesentlich die sozialpolitschen und vor allem finanziellen Rahmenbedingungen verantwortlich gemacht.
  4. Unterstützungsangebote und -methoden. Im vierten Themenbereich werden schließlich Unterstützungsangebote und -methoden vorgestellt, die zum Teil aus der sozialen Arbeit stammen, zum Teil aus der Behindertenpädagogik. Der erste Beitrag wiederum von Theunissen stellt dies theoretisch fundiert dar, Rohrmann und Schädler dagegen auf dem Hintergrund der sozialpolitischen Rahmenbedingungen. Die Einbeziehung Betroffener geschieht in einem Interview eines Vertreters von People First durch die Herausgeberin Schirbort, in dem die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung, aber auch viele Aspekte, die eine Umsetzung von Inklusion erschweren, deutlich werden. Dabei zeigt sich u.a.wie differenziert Wünsche und Vorstellungen formuliert werden, und wie dieser Prozess durch Peer Counseling unterstützt werden kann. Den Abschluss bilden die Darstellung zweier Initiativen, die die Umsetzung inklusiver Aspekte ermöglichen, ein Studentenprojekt (Arbeitsgruppe IDEAL e.V.), das Freizeitgestaltung zum Thema hat, und Beispiele von Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderung (Theunissen).

Bewertung

In diesem Buch wird die Leitidee der Inklusion besonders bezogen auf das Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung dargestellt. Dabei werden vom Herausgeber Theunissen zunächst die theoretischen Grundlagen diskutiert und Ausführungen zu der Entstehung der Idee, wie auch der Abgrenzung zu Integration im Sinne eines Paradigmenwechsels erläutert. Dabei beschäftigt er sich auch kritisch mit der bisherigen Umsetzung insbesondere in den Vereinigten Staaten. Kulig greift in seinen soziologischen Betrachtungen den Begriff der Gesellschaft auf und beleuchtet ihn im Licht systemtheoretischer Konzepte und fragt an, ob sich daraus folgend Heil- und Sonderpädagogik nicht der Sozialpädagogik annähern müssten, und sich zum Zweiten den konstitutiven Beitrag der Differenz für ihr eigenes Fach bewusst machen. Diese kritischen Eingangsüberlegungen bieten eine Folie für die Lektüre der nun folgenden Darstellungen der Entwicklungen, Grundsatzfragen und Grundlagen - die Beiträge selbst greifen die Eingangsüberlegungen jedoch nicht mehr auf. Sie stellen in unterschiedlichem Differenzierungs- und Reflektionsgrad verschiedene Aspekte und Teilbereiche dar. Die Trägerkonzeptionen und Erfahrungen aus der Praxis stellen die je eigenen Erfahrungen dar - auch hier fehlt eine explizite Bezugnahme auf die theoretischen Vorüberlegungen zugunsten einer sehr praxisnahen Darstellung, in die neben konzeptionellen Überlegungen auch die jeweils vorgefundenen praktischen Rahmenbedingungen einfließen.

Der vierte Themenbereich versucht im ersten Beitrag auf theoretische Vorüberlegungen basiert einen Bogen zur Praxis zu schlagen, während die anderen Beiträge wiederum diese eher darstellen. Mit dieser Zusammenstellung ist eine sehr lebendige Darstellung der Leitidee der Inklusion und ihrer Umsetzung gelungen, an manchen Stellen hätte man sich dennoch eine stärkere Verzahnung der theoretischen Vorüberlegungen, gerade zu kritischen Punkten des Konzeptes, mit den Darstellungen von Entwicklungen und Praxiserfahrungen gewünscht. 

Fazit

Das Ziel des von Georg Theunissen und Kerstin Schirbort herausgegebenen Buches ist die "Leitidee der Inklusion insbesondere für den Bereich des Wohnens von Erwachsenen mit geistiger Behinderung zu beleuchten". So stellen verschiedene Autoren unterschiedliche Teilaspekte des Konzepts der Inklusion, seiner theoretischen Grundlegung wie auch der Umsetzung in die Praxis dar. Die Beiträge sind in vier Themenfelder zusammengefasst, und ermöglichen einen weitgefächerten Überblick ebenso wie die gezielte Beschäftigung mit Teilaspekten. Die Autoren stammen aus verschiedenen Tätigkeitsfeldern und verkörpern unterschiedliche Perspektiven, die in einer gut lesbaren Weise zusammengestellt sind. Damit ist eine Umsetzung der im Vorwort formulierten Zielsetzung (s.o.) auf überzeugende Weise gelungen.

Das Buch stellt eine vielfältige Darstellung der Inklusion von Menschen mit einer geistigen Behinderung dar und kombiniert theoretische Überlegungen mit Darstellungen aus der Praxis. Damit gelingt die Reflektion der theoretischen Überlegungen im Licht praktischer Erfahrungen, was die Lektüre für Leser aus ganz unterschiedlichen Bereichen lohnenswert macht. Für eine detaillierte Beschäftigung mit dem Konzept, seinen Möglichkeiten und Schwierigkeiten ist der vorgestellte Bogen zu groß, dennoch stellt das Buch mit seinem Spektrum einen wertvollen Beitrag dar, um das Konzept und seine Rezeption zu befördern.


Rezensentin
Prof. Dr. med. Jeanne Nicklas-Faust
Evangelische Hochschule Berlin (z.Zt. beurlaubt)
Bundesgeschäftsführerin der Lebenshilfe Bundesvereinigung


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Zitiervorschlag
Jeanne Nicklas-Faust. Rezension vom 18.11.2006 zu: Georg Theunissen, Kerstin Schirbort (Hrsg.): Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung. Zeitgemäße Wohnformen, soziale Netze, Unterstützungsangebote. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-17-018925-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3826.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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