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Barbara Ehrenreich: Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft

Cover Barbara Ehrenreich: Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft. Ein Erfahrungsbericht. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2001. 253 Seiten. ISBN 978-3-88897-283-6. 18,90 EUR.
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Zur Thematik

Vor ca. 20 – 25 Jahren setzte in den USA in der Wirtschaft ein gravierender Wandel ein, der allgemein mit dem Begriff Neo-Liberalismus umschrieben wird. Kernstück dieser neuen Sichtweise war die Ausrichtung allen wirtschaftlichen Handelns ausschließlich auf die kurzfristige Optimierung des Kapitaleinsatzes in Gestalt der Aktien-Renditen, der so genannten "shareholder values". Unter Reagan in den USA und unter Margret Thatcher in Großbritannien fanden so genannte Deregulierungs- und Flexibilisierungsprozesse statt, die im wesentlichen auf die Verschlechterung des Faktors Arbeit hinsichtlich der Lohnhöhe und der sozialen Absicherung hinausliefen. Das Arbeitsrecht, die Krankenversicherung, Arbeitszeiten und Lohnkosten wurden Stück für Stück entsprechend den Kapitalinteressen "modernisiert". Begleitet wurde dieser kontinuierliche Entwertungsprozess der Arbeit in den westlichen Industriestaaten durch forcierte Auslagerungen lohnkostenintensiver Industriezweige in so genannte "Billiglohn-Länder" in Südamerika oder Asien. In den 90er Jahren wurde unter Clinton in den USA das Armenrecht und die Armenfürsorge radikal verändert und abgebaut, so dass nur noch ein zeitlich begrenzter Anspruch auf Sozialhilfeleistungen besteht. Millionen von vormals Sozialhilfeabhängigen (überwiegend allein erziehende Mütter) drangen nun auf den Arbeitsmarkt, der für diese Personengruppen meist nur Arbeiten im Dienstleistungssektor mit Niedriglöhnen unterhalb der Lebenshaltungskosten bereit hielt. In diesem Kontext entstand das sozialpolitisch und ethisch höchst verwerfliche Faktum, dass Arbeitnehmer trotz harter Arbeit in manchmal 2 Jobs gleichzeitig mit Arbeitszeiten dann bis zu 16 Stunden pro Tag nicht in der Lage sind, ein angemessenes Leben führen zu können. Eine neue Schicht der "working poor", die an die Lebensverhältnisse des Proletariats im auslaufenden 19. Jahrhundert erinnert, entstand und diese Schicht nimmt ständig zu.

Zur Autorin und ihrem Anliegen

Barbara Ehrenreich, eine promovierte Biologin und Publizistin in den USA, hat in einem mehrmonatigen Selbstversuch den so genannten "Niedriglohnsektor" von innen als Arbeitnehmerin erlebt. Die Erfahrungen hat sie im vorliegenden Buch zusammengetragen.

Inhalt

Die erste Station ihres Versuches unternahm die Autorin in einem Schnellrestaurant in Florida, wo sie für 2,43 Dollar Stundenlohn zuzüglich Trinkgelder einer körperlich beschwerlichen Arbeit nachging. Sie erfuhr hautnah, unter welchen teils erbärmlichen Bedingungen ihre Kolleginnen und Kollegen ihr Leben fristen mussten: Obdachlosigkeit, enges Zusammenleben zu mehreren in teuer angemieteten kleinen Wohnungen oder Wohnwagen auf Dauercampingplätzen, kaum Möglichkeiten zum Kochen und damit größtenteils nur Fast-Food-Ernährung, fehlende Krankenversicherung mit den Folgen, Akuterkrankungen nicht auskurieren zu können u. ä. Im Krankheitszustand, teils mit starken Schmerzen schleppten sich manche zur Arbeit, da sie sich den Lohnausfall im Krankheitsfall nicht erlauben konnten.

In Maine verdingt sich die Autorin als Putzhilfe in einer Reinigungsfirma und zusätzlich als Küchenhilfe in einem Altenpflegeheim. Auch hier macht sie die Erfahrung: hoher Leistungsdruck bei geringer Bezahlung, kaum Einhaltung der vertraglich zugesicherten Pausen. Auch hier arbeiten die Kolleginnen teils unter starken Schmerzen (Verstauchungen u. a.) und nach Ohnmachtsanfällen (Schwangere), da für sie keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall besteht.

Die dritte Station beinhaltet die Arbeit als Verkäuferin in einem Wal-Mart-Supermarkt in Minnesota für 7 Dollar pro Stunde und Spätschichten bis 23 Uhr. Hier erfährt sie recht deutlich, dass Niedriglohnarbeit meist auch mit teurem Wohnen verknüpft ist, denn ihre Kollegen besitzen nicht die erforderlichen Rücklagen, um auf den schon recht hochpreislichen Wohnungsmarkt Mietkautionen zu hinterlegen. Sie sind somit auf Dauermietverhältnisse in heruntergekommenen Motels ohne Küchen und teils minderwertigen Sanitäranlagen angewiesen, die bis zu 60 Prozent ihres bereits geringen Lohnes kosten. Da sie sich auch kein Automobil leisten können und ein öffentlicher Nahverkehr kaum existiert, sind ihnen die preiswerteren Wohnmöglichkeiten in der Peripherie somit versperrt.

In einem zusammenfassenden Kapitel zieht Barbara Ehrenreich Bilanz. Sie ist für wenige Monate in eine ihr völlig fremde Welt des Arbeitslebens mit den damit verbundenen Lebensbedingungen eingedrungen. Sie hat tagtäglich erleben können, was es bedeutet, das Leben ständig am Rande des Existenzminimums ohne jedwede öffentliche Unterstützung meistern zu müssen. Sie verweist auf Statistiken, nach denen 30 Prozent aller Arbeitnehmer in den USA 8 Dollar und weniger verdienen und 60 Prozent mit weniger als 14 Dollar pro Stunde auskommen müssen. Und das in einem Land, das fast alle öffentlichen Leistungen, die zur Kompensation der Armut dienen könnten (sozialer Wohnungsbau, öffentlicher Nahverkehr, bezahlbare Einrichtungen zur Kinderbetreuung und eine allgemeine Krankenversicherung u. a.), in den letzten Jahrzehnten rigoros abgebaut hat.

In einem Nachwort verweist der Wirtschaftswissenschaftler Horst Afheldt auf die wirtschaftlichen Entwicklungen im internationalen Maßstab und die Verhältnisse in Deutschland. Er belegt mit Hilfe von Einkommensstatistiken, dass es auch in Deutschland bereits eine stattliche Anzahl von so genannten "working poor" gibt. Des weiteren deutet er auf den globalen Trend hin, dass das Kapital durch die Globalisierung u. a. in Gestalt der Zunahme an Standorten immer stärker wird und dass die Gegenkräfte, die sich für die Humanisierung der Arbeit einsetzen, die der Sozialstaatlichkeit verpflichteten Staaten und die Gewerkschaften, immer stärker in die Defensive geraten.

Kritische Würdigung

Es handelt sich bei diesem Erfahrungsbericht um eine sehr persönlich gehaltene Arbeit, denn die Autorin ist nicht mit einer distanziert-analytischen Sichtweise in diesen Versuch hineingegangen, wie es Ethnologen bei dem Studium der so genannten Naturvölker praktizieren, sondern sie ist recht schnell in die Rollen der Kellnerin, Putzfrau und Verkäuferin hineingeschlüpft. Sie empfindet und fühlt sich in ihre neue Umwelt eingebunden, wenn sie von der Hektik, der Erschöpfung, den Schmerzen und der Mattigkeit berichtet. Der Stress und die Anforderungen der Arbeit, wo jeder Handgriff sitzen muss, lässt ihr auch keine andere Wahl, als hundertprozentig bei der Sache zu sein. Aus der Sicht ihrer jeweiligen Arbeit beschreibt sie ihre teils blasierten Vorgesetzten, verständnisvollen Kollegen, die auch in der Not noch für einander eintreten und verspürt auch die Gleichgültigkeit und das Misstrauen ihrer Kunden.

Am Schluss ihres Berichtes macht Barbara Ehrenreich sich Gedanken, dass diese Entwicklung so nicht weitergehen kann, dass diese Ausbeutung angesichts ständig wachsenden Wohlstandes der oberen 10 oder 20 Prozent der Bevölkerung in den USA bald nicht mehr hingenommen werden wird. Als Tochter eines gewerkschaftlich verbundenen Arbeiters hofft sie, dass Gleichheit herstellende Arbeitskämpfe dies in nicht allzu weiter Zukunft bewerkstelligen könnten

Fazit und Leserempfehlung

Das vorliegende Buch verdient es, in allen Kreisen unserer Gesellschaft gelesen zu werden. Es erinnert stark an ähnliche Aktivitäten Günter Wallraffs, die er in seinem Buch "Ganz unten" zusammengetragen hat. Besonders geeignet erscheint dem Rezensenten dieses Buch als Lektüre im Sozialkundeunterricht der Sekundarstufe I und II.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 28.05.2002 zu: Barbara Ehrenreich: Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft. Ein Erfahrungsbericht. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2001. ISBN 978-3-88897-283-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/383.php, Datum des Zugriffs 01.05.2017.


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