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Jan Mason, Toby Fattore (Hrsg.): Children Taken Seriously. In Theory, Policy and Practice

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 11.07.2006

Cover Jan Mason, Toby Fattore (Hrsg.): Children Taken Seriously. In Theory, Policy and Practice ISBN 978-1-84310-250-2

Jan Mason, Toby Fattore (Hrsg.): Children Taken Seriously. In Theory, Policy and Practice. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2005. 271 Seiten. ISBN 978-1-84310-250-2. 38,50 EUR.
37.95 Dollar. 22.95 Pound
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Thema

Kinder sind ernst zu nehmen in dem, was sie fühlen, denken und wollen. Sie können nicht länger nur als "werdende" Menschen wahrgenommen und behandelt werden, die Erwachsenen unterlegen sind, ihnen Gehorsam schulden und sich nach deren Gusto auf den Ernst des Lebens vorbereiten lassen. Als Subjekte "eigenen Rechts" haben sie Anspruch auf Gehör, Respekt, Anerkennung ihrer spezifischen Fähigkeiten und nicht zuletzt auf Mitwirkung in allen sie betreffenden Angelegenheiten (welche sind das nicht?). Dies gehört spätestens seit der im Jahr 1989 von der UN-Generalversammlung beschlossenen Kinderrechtskonvention zum Credo von Pädagog/innen, Sozialarbeiter/innen, Sozialwissenschaftler/innen und all derer, für die Kinderrechte nicht nur ein Lippenbekenntnis sind. Gleichwohl ist trotz vieler Absichtserklärungen (z.B. im 2005 von der deutschen Bundesregierung beschlossenen "Nationalen Aktionsplan für eine kindergerechte Welt"), Initiativen und Partizipationsmodelle die Lebensrealität der meisten Kinder noch immer weit davon entfernt und entfernt sich sogar weiter, auch in Deutschland.

Um an diesem Zustand etwas zu ändern, kann ein Blick in andere Länder hilfreich sein. Im englischsprachigen Raum z.B. findet seit Jahren nicht nur eine rege Diskussion darüber statt, wie mit der Bürgerschaft (citizenship) von Kindern Ernst zu machen ist, sondern es hat sich auch ein lebendiger Austausch zwischen Forscher/innen und Praktiker/innen ergeben. Das hier zu besprechende Buch legt davon Zeugnis ab. Es ist aus einem Workshop an der Universität von Western Sidney in Australien entstanden und wurde von zwei australischen Sozialwissenschaftlerinnen herausgegeben. 

Inhalt

Unter dem Motto "Ernsthaft auf neue Partnerschaften hinarbeiten" fanden sich auf dem Workshop Wissenschaftler/innen, Politiker/innen und Praktiker/innen zusammen, um gemeinsam darüber nachzudenken, welche Nachteile für Kinder entstehen, wenn sie nicht genügend ernst genommen werden, und wie ihnen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und Angelegenheiten stärker Gehör und Mitwirkung verschafft werden kann. Alle Autor/innen greifen dabei auf die seit Anfang der 90er Jahre vorwiegend in Großbritannien und Skandinavien entstandene "Neue Kindheitssoziologie" bzw. die "neuen Kindheitsstudien" (new childhood studies) zurück, die sich kritisch mit den neuzeitlichen westlichen Kindheitsideologien auseinandersetzen und die Kinder als (auf ihre Weise) kompetente soziale Akteure oder Subjekte begreifen.

Das Buch wird mit theoretisch akzentuierten Beiträgen begonnen, mit kritischen Überlegungen zu den Implikationen verschiedener "Kinderpolitiken" fortgesetzt und mit der Diskussion praktischer Beispiele, wie Kinder ernst zu nehmen sind, abgeschlossen. Ein Highlight bildet der Eröffnungsbeitrag der finnischen Soziologin Leena Alanen, die die Grundgedanken der neuen Kindheitssoziologie in ihren Beziehungen zur feministischen Sozialforschung beleuchtet. Sie macht deutlich, dass Kinder ähnlich wie Frauen mit ihren tatsächlichen Kompetenzen und Handlungen solange "unsichtbar" blieben, wie die Sozialforschung sich nicht empathisch auf ihre Perspektiven und Erfahrungen einließ. Die britische Soziologin Berry Mayall macht darauf aufmerksam, wie insbesondere die Entwicklungspsychologie zur Unsichtbarkeit der Kinder beigetragen hat, in dem sie das Wissen der Kinder an Erwachsenen-Kriterien gemessen und damit implizit abgewertet hat.

Auch die meisten anderen Beiträge, die mit einer Ausnahme von australischen Autor/innen stammen, kreisen um die Frage der Unsichtbarkeit und fehlenden Anerkennung der Kompetenzen von Kindern, illustrieren diesen Sachverhalt aber deutlicher am politischen und pädagogischen Umgang mit ihnen. So arbeitet etwa die kürzlich verstorbene australische Soziologin Marie Wilkinson heraus, wie Kinder als Klienten des Fürsorgesystems zu einer "virtuellen Realität" verdammt werden. Andere Autorinnen machen darauf aufmerksam, wie die Wahrnehmung der Kinder als "Werdende" dazu beiträgt, die an ihnen ausgeübte Gewalt zu verharmlosen und rechtfertigen oder sie in Kinderschutzpraktiken zu entmündigen. In einem weiteren Beitrag wird gezeigt, wie das Muster des "unschuldigen Kindes" Kinder für sexuellen Missbrauch anfälliger macht, indem sie deren sexuelles Wissen negiert und ihre darauf bezogene Sprache diskriminiert.

Im Zentrum der Beiträge, die sich möglichen praktischen Alternativen widmen, steht die Frage der Kompetenz der Kinder. An Erfahrungen mit Kindern verschiedener Altersgruppen wird gezeigt, wie ihre spezifischen Kompetenzen sichtbar und auch den Kindern selbst bewusst werden, wenn den Kindern mit Respekt begegnet wird und sie Gelegenheit zu eigenständigem Handeln und effektiver Partizipation finden. Die meisten Beispiele stammen aus dem Bereich der Schule und vorschulischen Einrichtungen und sind in Auseinandersetzung mit den hier vorherrschenden, für Kinder nachteiligen Strukturen entstanden. Ein besonders eindrücklicher Beitrag zeigt, welche Kompetenzen im Umgang der Kinder mit dem Computer zum Vorschein kommen und dass der Computer von den Kindern in verschiedenen zukunfts- und gegenwartsbezogenen Dimensionen wahrgenommen wird. In einem weiteren Beitrag, der sich mit den "Weltinterpretationen" von Kindern befasst, wird darauf aufmerksam gemacht, dass Spiel und Arbeit aus der Sicht der Kinder keine Gegensätze sind.

Fazit

Die Beiträge des Buches zeigen, wie produktiv es sein kann, sich der Realität der Kinder aus der Perspektive der Kinder zu nähern und ihre Erfahrungen und Kompetenzen nicht an vorab definierten Kriterien zu messen. Dabei erweist sich als ein Vorzug des Buches, dass theoretische Überlegungen und praktische Erfahrungen - repräsentiert durch die in verschiedenen Kontexten tätigen Autor/innen - aufeinander bezogen werden. Sowohl in Bezug auf die Kinder als auch auf die Autor/innen zeigt sich, dass Lernen und Handeln als ein integrierter Prozess zu verstehen sind. Kritisch bleibt anzumerken, dass sich das Buch - mit Ausnahme des Beitrags des norwegischen Sozialwissenschaftlers Per Miljeteig über die Bewegungen arbeitender Kinder - nur Kindern in reicheren Regionen der Welt (im englischsprachigen Raum bürgert sich hierfür der Ausdruck minority world ein) und hier wiederum vornehmlich in pädagogischen Einrichtungen widmet. Gleichwohl sind die präsentierten Erfahrungen und Überlegungen so vielfältig und anregend, dass sich hierzulande Interessierte auch einmal auf einen englischsprachigen Text einlassen mögen.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 11.07.2006 zu: Jan Mason, Toby Fattore (Hrsg.): Children Taken Seriously. In Theory, Policy and Practice. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2005. ISBN 978-1-84310-250-2. 37.95 Dollar. 22.95 Pound. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3841.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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