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Jens Qvortrup (Hrsg.): Studies in Modern Childhood. Society, Agency, Culture

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 04.11.2006

Cover Jens Qvortrup (Hrsg.): Studies in Modern Childhood. Society, Agency, Culture ISBN 978-1-4039-3933-3

Jens Qvortrup (Hrsg.): Studies in Modern Childhood. Society, Agency, Culture. Palgrave Macmillan (Basingstoke, Hampshire, RG21 6XS) 2005. 294 Seiten. ISBN 978-1-4039-3933-3. 79,90 EUR.
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Einführung in das Thema

In den letzten 20 Jahren sind mit den so genannten "Childhood Studies" im angelsächsischen und skandinavischen Raum neue sozialwissenschaftliche Ansätze entstanden, die geeignet sind, Kinder und Kindheit in einem neuen Licht zu sehen. Lange Zeit waren Kinder unter dem Blickwinkel betrachtet worden, noch nicht über die Fähigkeiten von Erwachsenen zu verfügen oder nur Objekte des (Erziehungs-)Handelns von Erwachsenen zu sein. Kindheit erschien als quasi naturgegebenes Entwicklungsstadium, auf das Erwachsene zwar in verschiedener Weise einwirken, das aber in allen Gesellschaften nach ähnlichen Mustern verläuft. Dem gegenüber betonen die neuen Kindheitswissenschaften, dass Kinder auch aktiv an der Gestaltung ihrer Umwelt teilhaben, also selber Akteure oder Subjekte sind.

Kinder werden nicht als "unvollständige" menschliche Wesen betrachtet, die einen angestrebten Zustand noch nicht erreicht haben und Erwachsenen in der Wahrnehmung der Welt unterlegen sind, sondern als eigenständige Personen, deren spezifische Qualitäten ernst zu nehmen und anzuerkennen sind. Kindheit erscheint als eine soziale Konstruktion, die aus der Verschiedenheit der Lebensalter erst ein Verhältnis von Über- und Unterordnung macht, in das die Interessen der Erwachsenen an der Aufrechterhaltung ihrer Dominanz eingeschrieben sind. Da die Art, in der Kindheit konstruiert wird, ihrerseits sehr verschieden sein kann, ziehen es die neuen Kindheitswissenschaften vor, nicht von einer, sondern von mehreren Kindheiten zu sprechen. 

Die empirisch auffindbaren Kindheitsmuster stellen die Selbstverständlichkeit infrage, mit der die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern entweder als kindgerecht und förderlich und damit gut und richtig, oder als schädlich für die kindliche Entwicklung und damit als schlecht beurteilt wurden. Das Bündel der Selbstverständlichkeiten, was zu einer "richtigen" Kindheit gehöre und daher unabdingbar für ein gutes und erfolgreiches Aufwachsen sei, wie etwa: Kinder müssen bei Vater und Mutter aufwachsen, Kinder müssen in die Schule gehen, Kinder sollten sich nicht ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen, Kinder müssen toben und spielen, werden in einer solchen Sichtweise brüchig. Allerdings verfallen die neuen Kindheitswissenschaften nicht in einen beliebigen Relativismus, sondern machen sich Gedanken, wie es gelingen könnte, Kindern einen gleichberechtigten und anerkannten Platz in den zeitgenössischen Gesellschaften zu verschaffen, z.B. indem sie auf ihre Stimmen und Sichtweisen aufmerksam machen.

Der dänische, an einer norwegischen Universität lehrende Soziologe Jens Qvortrup, der das hier zu besprechende Buch herausgegeben hat, gehört zu den Protagonisten der neuen Kindheitswissenschaften. In dem Buch kommen 17 Vertreter/innen verschiedener Sozialwissenschaften aus mehreren europäischen Ländern und den USA zu Wort, die wie der Herausgeber in den kindheitswissenschaftlichen Debatten der letzten Jahre eine mehr oder minder einflussreiche Rolle gespielt haben. Sie erproben gleichsam die grundlegenden theoretischen Annahmen der neuen Kindheitswissenschaften auf verschiedenen Feldern der heutigen sozialen Realität.

Inhalt des Buches

  • In seinem einleitenden Beitrag ("Varieties of Childhood") geht Jens Qvortrup den Wandlungsprozessen in der Wahrnehmung von Kindheit und dem Umgang mit Kindern in der europäischen Neuzeit seit dem Mittelalter nach. Im 20. Jahrhundert sei das Kind wie nie zuvor als Individuum beachtet und damit sichtbar geworden, zugleich sei es aber auf den spezifischen Raum von "Kindheit" beschränkt und aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen worden. Kinder hätten ihre Position als "nützliche Menschen" verloren und würden nur noch als zu beschützende Wesen und Potential für die Zukunft betrachtet und behandelt. Sie hätten heute zwar individuelle Rechte, könnten aber faktisch nicht als "autonome Bürger" agieren.
  • Heinz Hengst sieht mit der Globalisierung neuartige "hybride" Kulturen im Lokalen entstehen, in denen junge Menschen eine treibende Kraft seien. Sie seien nicht einfach als Opfer des Konsumismus, sondern als kreative Zeitgenossen zu verstehen, die im eigenen Interesse und mit ihren Mitteln auf ihr Umfeld einwirken. In diesem Zusammenhang zeichneten sich über nationale Grenzen hinweg auch neue kollektive Identitäten des Kind- und Jungseins ab, die den gegenwärtigen Gesellschaften einen spezifischen Stempel aufprägen.
  • Drei Beiträge widmen sich dem Verhältnis von Kindern und Medien. Karin Dotner unterstreicht die wachsende Bedeutung der Medien beim Kompetenzerwerb von Kindern. Über den eigensinnigen Gebrauch interaktiver Medien entstünden bei ihnen neue Optionen für die Beteiligung am öffentlichen Leben. Anhand einer Studie über das sexuelle Wissen zeigen David Buckingham und Sara Brigg, wie Kinder sich das über Medien erworbene Wissen demonstrativ zunutze machen, um sich gegen ihre machtlose Position in Familie und Gesellschaft zu wehren. Stephen Kline setzt sich mit der Panikmache ("media panics") über den gewaltfördernden Einfluss der Medien auf Kinder auseinander.
  • In zwei weiteren Beiträgen wird die Reaktion der Gesellschaft auf die vermeintlich wachsende Gefährdung von Kindern beleuchtet. Anhand konkreter Beispiele aus den USA belegt Cindi Katz, wie die um sich greifenden und bis in die Privatsphäre hineinreichenden Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen vor allem Kinder in städtischen Armutszonen daran hindern, spontanen Aktivitäten mit Gleichaltrigen nachzugehen und ihre personale Autonomie und Verantwortlichkeit zu entwickeln. Chris Jenks plädiert dafür, das (legale) Grenzen überschreitende Verhalten von Kindern als eine "normale" Antwort auf die wachsende soziale Kontrolle durch staatliche und gesellschaftliche Instanzen neu zu interpretieren.
  • In vier Beiträgen wird der komplexen Frage nachgegangen, wie Abhängigkeit von Kindern gesellschaftlich erzeugt wird und wie Kinder in verschiedenen Lebenssituationen davon betroffen sind. Judith Ennew demonstriert an der Kultur- und Sozialgeschichte des "Waisenproblems", wie Waisen in institutionalisierten Betreuungsformen immer mehr zu "Gefangenen von Kindheit" wurden, und fordert unter Verweis auf die Folgen der AIDS-Pandemie dazu auf, die Rechte der Waisenkinder auf ein eigenständiges Leben zu achten und zu fördern. Mit Blick auf Großbritannien kritisiert Michael Lavalette die Ausbreitung der Kinderarbeit als neoliberalen "Angriff auf die Kindheit" und warnt davor, den Kindern ein Recht zu arbeiten zuzugestehen. Olga Nieuwenhuys hält es dagegen unter Rückgriff auf ihre Untersuchungen in Indien für notwendig, die Debatte um Kinderarbeit neu zu führen und die ökonomische Ausbeutung von Kindern als Folge ihrer gesellschaftlich produzierten Machtlosigkeit zu begreifen. Sie verweist darauf, dass die große Mehrheit der arbeitenden Kinder nicht in Lohnarbeit tätig sei und fordert dazu auf, den nicht monetär sichtbaren wirtschaftlichen Wert ihrer Arbeit zu würdigen und ihre Stellung in den Generationsbeziehungen zu stärken. In ähnlicher Weise plädiert Viviana Zelizer mit Blick auf die USA dafür, die wachsende Vielfalt und Bedeutung der Arbeit von Kindern jenseits marktförmiger Beziehungen wahrzunehmen und die Kinder auch in ökonomischer Hinsicht als Akteure mit eigenen Rechten und Sichtweisen zu respektieren.
  • In den beiden folgenden Beiträgen wird auf die Bedeutung sozialpolitischer Interventionen für Kinder eingegangen. Nach einer Betrachtung der wechselnden wirtschaftlichen Rolle von Kindern im Gefolge der "Modernisierung" europäischer Gesellschaften untersucht Helmut Wintersberger die Implikationen verschiedener wohlfahrtsstaatlicher Konzepte für die Stellung der Kinder im Generationenverhältnis und entwickelt eigene Vorschläge für einen "kindzentrierten Wohlfahrtsstaat". Unter Bezug auf die sozialphilosophische Gerechtigkeitstheorie von John Rawls denkt Hilde Bojer darüber nach, was Gerechtigkeit für Kinder bedeutet und welche Politik hierfür erforderlich wäre.   
  • Die letzten drei Beiträge kreisen um das Verhältnis von Sozialstruktur und Handlungsfreiheit im Leben von Kindern. William Corsaro geht in einer empirischen Studie der Phantasieproduktion und dem Rollenspiel in informellen Gruppen jüngerer Kinder nach und interpretiert sie als "interaktive Antworten" auf Rollenzuschreibungen. Allison James untersucht, in welcher Weise Kinder auf ihre Zuordnung zu einem Lebensstadium reagieren und kann zeigen, dass sie trotz kurzer Lebenserfahrung in der Lage sind, zu kompetenten Urteilen über die Folgen dieser Zuordnung zu gelangen. In seinem das Buch abschließenden theoretischen Beitrag diskutiert Ivar Frønes, in welchem Verhältnis das Handeln von Kindern als "sozialen Subjekten" zur sozialen Konstruktion von Kindheit als separiertem Lebensstadium steht und plädiert für eine Kindheitsforschung, die beide Aspekte integriert.  

Diskussion

Mit Ausnahme des Beitrags von Lavalette, der in einem eher traditionellen, geradezu vorsoziologischen Verständnis von Kindheit verharrt, greifen die Beiträge des Buches Fragen auf, die die neuere Kindheitsforschung aufgeworfen hat. Allerdings lassen sich themenübergreifend markante Unterschiede erkennen. Während die einen Kindheit(en) und Lebenssituationen von Kindern in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen reflektieren, beschränken sich andere auf die Mikrowelten der Kinder und Kinderkulturen und ihre immanente Interpretation. Ein weiterer markanter Unterschied besteht im Gesellschaftsverständnis. Während die einen bei einer unkritischen Hypostasierung der so genannten Modernisierung stehen bleiben, setzen sich andere explizit mit Fragen von Macht, Herrschaft und sozialer Ungleichheit in ihren Folgen für das Leben und die Handlungsoptionen von Kindern auseinander. Unter den letzteren sind vor allem die Beiträge von Katz, Ennew und Nieuwenhuys hervorzuheben.

Fazit

Die divergierenden Forschungs- und Reflektionsansätze bringen zum Ausdruck, dass die neuere Kindheitsforschung verschiedene Wege offen lässt, das Verhältnis von Kindern, Kindheit(en) und Gesellschaft zu thematisieren. Wenn sie die Kinder als Akteure in den Blick nimmt ("agency") und den Anspruch erhebt, deren "Standpunkt" oder "Perspektive" zu beachten, stellt sich die Frage, ob sie die Kinder nur in ihrem Verhältnis zu Erwachsenen betrachtet oder auch Fragen von generationenübergreifender Machtverteilung und sozialer Gerechtigkeit in Betracht zieht. Der Herausgeber verzichtet leider darauf, auf entsprechende Widersprüche, Leerstellen und Fallstricke der neueren Kindheitsforschung aufmerksam zu machen. Ein weiterer Mangel des Buches besteht darin, das trotz gelegentlicher Bezüge zur so genannten Globalisierung nur wenige Beiträge des Buches auf Kinder und Kindheiten im Süden der Welt eingehen (Autor/innen aus dem Süden fehlen gänzlich). Auf der anderen Seite gibt es bisher kaum vergleichbare Veröffentlichungen, die in so umfassender und konkreter Weise wie das vorliegende Buch die Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen der neueren Kindheitsforschung deutlich werden lassen.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 04.11.2006 zu: Jens Qvortrup (Hrsg.): Studies in Modern Childhood. Society, Agency, Culture. Palgrave Macmillan (Basingstoke, Hampshire, RG21 6XS) 2005. ISBN 978-1-4039-3933-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3842.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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