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Reinhold Gestrich: Gespräche mit Schwerkranken. Krisenbewältigung durch das Pflegepersonal

Cover Reinhold Gestrich: Gespräche mit Schwerkranken. Krisenbewältigung durch das Pflegepersonal. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 3., überarbeitete und neu gestaltete Auflage. 141 Seiten. ISBN 978-3-17-018907-2. 19,80 EUR.
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Thema, Hintergrund, Autor

Krankenpflege hat ein doppeltes Gesicht: Sie ist zum einen ein "Handwerk", das im Kontext ärztlicher Anordnungen und Heilpläne zu funktionieren hat - und das möglichst effektiv, also Kosten sparend. Sie ist zum anderen eine Beziehungsarbeit: das Pflegepersonal kommt Menschen sehr nah, ist mit zum Teil schweren Schicksalen konfrontiert und gleichzeitig als Ansprechpartner und Mutmacher gefragt. Damit wird der Grundwiderspruch der Krankenpflege deutlich: als Handwerk soll sie möglichst zeit- und energiesparend zu Werke gehen, Beziehungsarbeit aber braucht viel Zeit. Wer sich zu sehr auf die eine konzentriert, gilt schnell als herzlos, wer das andere betont, setzt sich leicht dem Verdacht aus, seine Faulheit kaschieren zu wollen.

Es gibt, darauf weist Gestrich hin, kaum jemanden im Pflegebereich, dem eine hilfreiche Zuwendung zu Patienten nicht wichtig wäre. Im Gegenteil: die meisten Krankenschwestern und -pfleger haben diesen Beruf gewählt, weil sie Menschen helfen wollen - und sind gerade deshalb oft genug frustriert. Eine "gesprächsorientierte Krankenpflege", wie sie der Autor anzielt, ist also ohnehin schon eine Forderung, deren Erfüllung manche Hindernisse überwinden muss. Wenn es aber um Gespräche mit Schwerkranken, also infaust Erkrankten, komatösen Patienten, sprachbehinderten Apoplexpatienten und anderen, geht, steigen die Anforderungen noch weiter, und die Pflegenden brauchen Unterstützung. Eine solche Hilfestellung will das Buch geben.

Reinhold Gestrich war viele Jahre als Seelsorger im Krankenhaus tätig, seit 2000 ist er Gemeindepfarrer in Esslingen.

Aufbau und Inhalt

Gestrich entfaltet das Thema in zehn Kapiteln, die jeweils in 6 - 8 Abschnitte untergliedert sind.

  • Das erste Kapitel ist überschrieben mit "Menschliche, patientenzentrierte, gesprächsorientierte Pflege" und lenkt den Blick zunächst auf die Pflegekräfte. Von denen wird zunächst eine Grundhaltung erwartet, die Gestrich so formuliert: "Ich möchte da sein und bereit für den anderen, wenn er mich braucht!" (S. 12) Das Konzept "ganzheitlicher Pflege" erfordert den "ganzen Menschen" auf Seiten der Pflegenden und zielt auf den "ganzen Menschen" auf Seiten des Patienten. Und: "Menschlich-ganzheitliche Gespräche haben eine heilende Bedeutung sowohl für die Patienten als auch für die Pflegenden." (ebd.) Allerdings gibt es eine Reihe von Hindernissen auf diesem Heilungsweg: knappe Zeit, instrumentelles Denken, kritische Sicht von KollegInnen, Konkurrenz der Pflegeberufe etc. Dennoch darf der Anspruch heilsamer, ganzheitlicher Pflege nicht aufgegeben werden.
  • Das zweite Kapitel heißt "Die Krise der Krankheit" und behandelt den Bruch, den der Aufenthalt im Krankenhaus für Menschen bedeutet: die Selbstverständlichkeiten des Alltags stehen in Frage, man ist ausgeliefert und in der Gestaltung des eigenen Lebens stark eingeschränkt. Noch kritischer ist die Lage, wenn es sich um eine schwere, möglicherweise unheilbare Krankheit handelt. Es ist gut, wenn Pflegende sich mit der Situation und den Gefühlen von Patienten vertraut machen und zum Beispiel wissen, dass Regression ebenso "normal" ist wie der Sturz in eine tiefe Depression, denn sie können nur jemanden gut begleiten, wenn sie sich auf seine Gefühlswelt einlassen. Dazu gehört aber auch, mit den tiefen Sinnfragen ("Warum ich?", "Welchen Sinn hat meine Krankheit?" etc.) umgehen zu können.
  • Dem Umgang mit "schwierigen" Patienten (leider fehlen die Anführungsstriche im Buch!) ist das dritte Kapitel gewidmet. Das bedeutet zunächst einmal, mit den heftigen Gefühlen kranker Menschen umgehen zu können. Das bedeutet aber auch, die schwierige Lage von Menschen zu verstehen, die ein Krankenhausaufenthalt ohnehin schon bedeutet - und die noch schwierigere Lage von Menschen mit aussichtslosem Krankheitsverlauf. In der Tat sind solche Menschen gelegentlich "schwierig" im Umgang mit dem Pflegepersonal, dennoch sollte man vermeiden, dieses Attribut wie ein Etikett zu gebrauchen. Es gibt "Grenzen der persönlichen Zuwendung" - eine der für Pflege so wichtigen Grenzen.
  • "Das helfende Gespräch in der Pflege" ist Thema des vierten Kapitels. Pflegende haben eine wichtige Brücke zu kranken Menschen, die andere so ohne weiteres nicht herstellen können: Sie führen das "Gespräch der pflegenden Hände" - schade, dass dieser Abschnitt bei Gestrich nur so kurz geraten ist! Das Kapitel beschreibt wesentliche Elemente eines empathischen Gesprächs: Wahrnehmung, Haltungen, Beziehungsmuster, Gesprächsführungsregeln sowie einen Abschnitt mit der Überschrift "Weitere praktische Hinweise - "Kleines ABS" der Begleitung". Letzteres sehe ich kritisch: es hat etwas vom "kleinen Handbuch für Beziehungsheimwerker" (s.u.)
  • Das fünfte Kapitel bietet Fallstudien bzw. gut kommentierte "Lernbeispiele" und konkretisiert das zuvor Gesagte. Im sechsten Kapitel geht es um das Thema "Trost". Es ist wichtig, das Pflegepersonal für den schmalen Grat zu sensibilisieren, der zwischen "Trost" und "Vertröstung" liegt. Damit verbunden ist auch das Thema "Die "Wahrheit am Krankenbett"", mit dem sich das siebte Kapitel befasst. Die Argumente für und gegen die Patientenaufklärung werden gegenübergestellt und "Verhaltensweisen im Umgang mit der Wahrheit" benannt.
  • Die beiden folgenden Kapitel sind Gesprächen mit Menschen gewidmet, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, ein strukturiertes Gespräch zu führen: weil sie sprachbehindert sind durch Schlaganfall, durch Koma, durch apallisches Syndrom, durch schwere Depressionen (Kap. 8) oder durch eine Demenzerkrankung (Kap. 9).
  • Das letzte Kapitel schließlich behandelt das Thema "Aufgaben im Umgang mit Sterbenden". Was bedeutet das Sterben eines Patienten für Pflegekräfte? Welche Phasen durchläuft ein Mensch, wenn es auf das Sterben zugeht? Was braucht ein sterbender Mensch? Und wie kann ein Pflegender einem Sterbenden beistehen? Jedes Kapitel endet mit einer Zusammenstellung der dazugehörigen Literatur. Ein kurzes Register erleichtert das Wiederauffinden der Themen.

Diskussion

Bücher wie das von Gestrich sind wichtig und schwierig zugleich. Sie sind allein schon deshalb wichtig, weil sie signalisieren: "Gespräche mit Schwerkranken" ist ein Thema, das es sich zu behandeln lohnt. Es ist außerdem ein Thema, zu dem sich systematisch etwas sagen lässt. Und es ist ein Thema, zu dem Hilfestellungen gegeben werden können. Und solche Bücher sind schwierig zugleich. Sie teilen ihre Schwierigkeiten mit Büchern wie "Die Praxis des seelsorgerlichen Gesprächs" oder "Klientenzentrierte Seelsorge": Gespräche lassen sich nicht aus Büchern lernen. Deshalb wird Seelsorge ebenso in Kursen erlernt wie klientenzentrierte Gesprächsführung. Lernen lässt sich in diesen Bereichen nur in und anhand von aktuellen Beziehungen. Allerdings braucht ein solches Lernen Begleitung: durch DozentInnen, durch SupervisorInnen - und durch Literatur, die den Lernprozess theoretisch und systematisch unterfüttert.

Man merkt dem vorliegenden Band an, dass der Autor längere Zeit in der Begleitung solcher Lernprozesse engagiert gewesen ist, und dass er selbst über langjährige Erfahrung in Gesprächen mit schwerkranken Menschen verfügt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass das Buch so merkwürdig zwischen theoretischer Betrachtungsweise, Praxisbericht und hier und da auch dem Versuch eines "direkten" Gesprächs mit dem Leser/der Leserin changiert. Gerade das finde ich allerdings auch immer wieder irritierend.

Die Absicht seines Konzeptes, das er u.a. von Campell herleitet, benennt Gestrich so: "So möchte dieses Konzept helfen, dass wir fremdem Leid nicht schutzlos ausgesetzt sind." (S. 31) Ob sich nun allerdings Pflegekräfte nach der Lektüre geschützter fühlen als vorher, scheint mir fraglich. Manche alltägliche Probleme im Krankenhaus listet er nur auf, z.B. das Problem viel zu knapper Zeit. Zu lösen ist das in der Tat nicht "einfach so", aber ein paar Perspektiven für einen möglichst guten Umgang mit solchen Problemen wären hilfreich. (Das ist z.B. das, was Supervision und Coaching im Pflegebetrieb immer wieder versuchen.) Manchmal steht auch die selbst auferlegte Form der hilfreichen Aussage im Weg, z.B. dann, wenn Grundhaltungen, Beziehungsgestaltung und Gesprächsorientierungen in ein ABC-Schema gepresst und dann noch in wagneresken Alliterationen formuliert werden, z.B. beim Buchstaben N: "Als positiv darf hier erwähnt werden: Nähe schenken! Nachbarliche Nähe nimmt der Not ihre niederdrückende Negativität und ist niemals nachteilig." (S. 60)

Es steht in diesem Band viel Gutes neben Banalem, Hilfreiches neben Hilflosem. Und nirgends wird - nach meinem Eindruck - der Stil schwammiger als ausgerechnet im Abschnitt "Trost im Glauben" (S. 84). Da häufen sich Vokabeln wie "wohl", "offenbar", "scheint", "manchmal", "vielleicht" - gerade so, als traue sich der Autor nicht, die Tatsache offen zu zeigen, dass er eben Pfarrer ist. Es wäre klarer, auch damit explizit umzugehen und genau daraus Gewinn für das Thema zu schlagen.

Zielgruppe

Als Adressaten für das Buch kann ich mir Pflegekräfte vorstellen, die an einem Kurs in Gesprächsführung und/oder Krisenbegleitung teilnehmen. Dabei könnte der Band von Gestrich eine gute, weil praxisorientierte und materialreiche Begleitlektüre sein, in der vieles von dem zusammengestellt ist, was man sonst in solchen Kursen als Papers verteilt. Gewiss aber auch MitarbeiterInnen in Besuchsdiensten oder ambulanten Hospizdiensten in Aus- oder Fortbildungsphasen.

Fazit

Ja - wie gesagt: Wichtig und schwierig zugleich!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 24.10.2007 zu: Reinhold Gestrich: Gespräche mit Schwerkranken. Krisenbewältigung durch das Pflegepersonal. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 3., überarbeitete und neu gestaltete Auflage. ISBN 978-3-17-018907-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3846.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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