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Stefan Suhling: Lebensziele junger Männer im Strafvollzug. Theoretische und empirische Argumente aus aktionaler Entwicklungsperspektive

Cover Stefan Suhling: Lebensziele junger Männer im Strafvollzug. Theoretische und empirische Argumente aus aktionaler Entwicklungsperspektive. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2005. 355 Seiten. ISBN 978-3-8329-1648-0. 39,00 EUR, CH: 68,00 sFr.
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Thema

Die Promotion des Verfassers ist aus dem Projekt "Gefängnis und die Folgen" des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) entstanden. Die Arbeit versucht, Straffälligkeit und Strafvollzug in eine handlungstheoretische Perspektive einzuordnen. Mit dem Zentralbegriff des Lebensziels werden Entwicklungsmöglichkeiten junger Männer beschrieben. Die Analyse dient dem Ziel, den Strafvollzug an jungen Männern aus aktionaler Perspektive zu bewerten. Das von Suhling bearbeitete Thema ist aus mehreren Gründen wichtig: zum Einen bietet es einen Beitrag zur theoretischen Bereicherung der kriminolo­gischen Landschaft, in dem neuere psychologische Ansätze auf ihre Tauglichkeit für den Bereich Straffälligkeit untersucht werden. Andererseits bewertet Suhling den Jugendstrafvollzug in einer Zeit, in der durch geänderte politische und rechtliche Bedingungen - Zuständigkeit der Länder für den Strafvollzug, Pflicht zur Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für den Jugendstrafvollzug - der Jugendstrafvollzug auch in seiner Praxis verunsichert ist.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit enthält insgesamt 11 Kapitel.

  1. Zunächst gibt der Verfasser in einem ersten Teil einen Überblick über sein Thema und den Gang seiner Untersuchung. Zentral ist hierbei die Feststellung, dass eine handlungs- und zieltheoretische Analyse des Jugendstrafvollzugs bislang fehlt. An dieser Stelle setzt der umfangreiche theoretische Teil der Arbeit an (Kapitel 2 bis 6). In einem empirischen Teil (Kapitel 7 bis 10) werden danach die Ergebnisse von Interviews mit Jugendstrafgefangenen dargestellt, die sich auf deren Lebensziele bezogen haben. In einem abschließenden Teil werden die Ergebnisse zusammengefasst und perspektivisch bewertet.
  2. Das Kapitel 2 - mit fast 60 Seiten der umfangreichste Teil der Arbeit - beleuchtet die menschliche Entwicklung aus handlungstheoretischer Perspektive. Neben den Grundgedanken und unterschiedlichen Entwicklungsmodellen wird besonders der Zielbegriff ausführlich diskutiert. Dieser Teil ist gut gelungen und liest sich wie ein Kurzlehrbuch zur handlungstheoretischen Perspektive, vielleicht auch deshalb, weil der Verfasser Bezüge zur Straffälligkeit nur spärlich herstellt und so bei einem weiten begrifflichen Rahmen bleibt.
  3. Im Kapitel 3 geht es um die Entwicklung im Jugendalter. Besonders hervorgehoben und für den weiteren Gang der Untersuchung wichtig ist die Beschreibung der Entwicklungs­auf­gaben und Lebensziele in dieser Zeit. Auch in diesem Teil legt Verfasser Wert darauf, die dargestellten Konzepte und Inhalte nicht auf straffällige Jugendliche zu verengen. Suhling hat hier eine hervorragende Zusammenfassung und Analyse geschaffen, die auch in anderen Zusammenhängen nutzbar ist. So kommt beispielsweise die andauernde Diskussion um die Reform des § 105 JGG nicht darum herum, sich mit "jugendtypischen" Entwicklungsaufgaben und deren Bewältigung zu beschäftigen, will die Jugendstrafrechtspflege den Anschluss an führende sozialwissenschaftlichen und entwicklungspsychologischen Strömungen nicht verlieren.
  4. In Kapitel 4 erfolgt anschließend eine Beschreibung der Jugenddelinquenz aus aktionaler Entwicklungsperspektive. Hierbei werden im einzelnen recht unterschiedlichen Aspekte zusammengetragen, mit denen in verschiedenen Theorien Lebensziele und Entwicklungsbedingungen einbezogen werden. Obwohl auch in diesem Kapitel am Schluss eine Zusammenfassung geboten wird, tauchen hier erste Unsicherheiten bzw. Fragen auf. Zwischen dem sicherlich wertvollen Auflisten unterschiedlicher Ansätze und Begrifflichkeiten wüsste der Leser gerne, welcher Auffassung der Verfasser zuneigt, schließlich macht es einen erheblichen Unterschied, ob die Delinquenz eines jungen Menschen deshalb entsteht, weil er Entwicklungsaufgaben nicht hat lösen können oder ob die Abweichung auf einer stabilen - devianten - Identität besteht.
  5. Kapitel 5 ist dem Jugendstrafvollzug gewidmet. Es geht um die Analyse der Frage, ob der Jugendstrafvollzug entwicklungsförderlich oder entwicklungsbehindernd zu bewerten ist. Nachdem monokausalen Erklärungen - Wirkung der Haft ausschließlich beschreibbar aus den Bedingungen des Freiheitsentzuges oder aus schon bestehenden Persönlichkeitsmerkmalen - überzeugend eine Absage erteilt wird, stellt Sulhling psychologische Befunde dar, die sich auf den Selbstwert und auf die Zukunftsperspektive Inhaftierter beziehen. Die zentrale Frage - Entwicklungsförderung oder -behinderung - kann aus theoretischer Sicht nicht eindeutig beantwortet werden, auch, weil es an einschlägigen Studien fehlt. Suhling kommt zu diesem Ergebnis, nachdem er Studien zum Zusammenhang von Haftverlauf und Selbstwert, Zeitperspektive, Verhalten in der Anstalt, Handlungs- und Bewältigungsressourcen sowie Legalbewährung dargestellt hat.
  6. Den empirischen Teil leitet Kapitel 6 ein, es werden die aus den theoretischen Abschnitten abgeleiteten Fragestellungen vorgestellt, die sich auf Entwicklungsprozesse während des Jugendstrafvollzuges beziehen.
  7. In Kapitel 7 werden methodische Aspekte erörtert, wobei Erhebungsprobleme im Vordergrund stehen. Bei der Stichprobenbeschreibung (S. 165 ff.) ist der ausführliche Vergleich mit der Gesamtmenge der beim Projekt "Gefängnis und die Folgen" erhobenen Daten nicht ganz nachvollziehbar, schließlich bleiben die Bezüge zur Gesamtuntersuchung insgesamt eher die Ausnahme.
  8. In Kapitel 8 werden die Lebensziele dargestellt und analysiert, die sich aus den zweimaligen Befragungen von insgesamt 699 Inhaftierten ergeben haben. Nicht überraschend erscheint, dass die Befragten durchaus "normale" Ziele präferierten (Straffreiheit, beruflicher Erfolg, gute Freunde haben etc.). Eher ist erstaunlich, dass sich während der Haftzeit - befragt wurde am Anfang und gegen Ende der Haftzeit - kaum Veränderungen feststellen ließen. Dieses Kapitel lässt durchaus Fragen offen. So wird ausführlich diskutiert, welche Gründe es haben mag, dass die Befragten am Ende der Haftzeit insgesamt weniger Ziele angeben als zur ersten Befragung (S. 213 f.). Die Ausführungen überzeugen hier nicht völlig, zumal nicht dargestellt wird, in welchem Umfang die Nennungen abgenommen haben.
  9. Im Kapitel 9 werden insgesamt 3 Lebensziele ausgewählt und die Interviewdaten darauf hin dargestellt. Es geht um beruflichen Erfolg, Macht und feste Partnerschaft. Beim Lebens­ziel beruflicher Erfolg wird herausgearbeitet, dass eine hohe Wertigkeit dieses Ziels einhergeht mit hohen Erwartungen auch hinsichtlich eigener Legalbewährung draußen. Zu Recht warnt Verfasser hier vor unrealistischen Erwartungen an eine Einmündung ins Berufsleben bei Haftentlassung. Dagegen scheint eine Flexibilität der Gefangenen hinsichtlich des beruflichen Einstiegs durchaus funktional. Für das Lebensziel Macht zeigt die Auswertung deutlich negative Bezüge, sowohl zum Verhalten im Vollzug als auch für den erwarteten Rückfall. Diesem Aspekt sollte sich die Vollzugsgestaltung auch deshalb zuwenden, weil - so die Einschätzungen der Gefangenen - das Ziel des Machtzuwachses während des Vollzuges auch erreichbar ist. Als drittes Lebensziel wird die feste Partnerschaft untersucht. Hier zeigt die Untersuchung insgesamt nicht überraschende Effekte. Junge Menschen, die während der gesamten Haftzeit in einer festen Partnerschaft lebten, hatten höhere Werte für den Selbstwert und die niedrigsten für einen selbst prognostizierten Rückfall. Das war zu erwarten. Dass für die übrigen Konstellationen - gesamte Zeit ohne Partnerschaft, beendete oder begonnene Partnerschaft - die Ergebnisse nicht eindeutig interpretierbar erscheinen, überrascht ebenfalls nicht, sondern weist eher auf den beschränkten Wert der quantitativen Methode hin. Bei solchen Frage wäre es sicher angemessener gewesen, auf qualitatives Material zurückzugreifen.
  10. Zentrales Ergebnis von Kapitel 10, in dem Wichtigkeit und Nähe als Merkmale betrachtet werden, ist es, dass deutliche positivere Ergebnisse bei den Gefangenen vorliegen, die in der Lage sind, ihre Ziele zu verändern und anzupassen.
  11. Kapitel 11 dient der zusammenfassenden Darstellung und Diskussion der Ergebnisse der Studie. Hierbei werden auch Defizite deutlich, die weitere Untersuchungen erfordern. Dieses Fazit bezieht sich auf methodische Aspekte, aber auch auf inhaltliche Fragen. Es ist Suhling zuzustimmen, dass für weitergehende Analysen die Einbeziehung objektiver Daten, z.B. von Disziplinarmaßnahmen erforderlich erscheint. Die sorgfältig begründeten Konsequenzen für den Jugendstrafvollzug sind überzeugend. Dazu gehören die Stärkung diagnostischer und vollzugsplanerischer Aufgaben, aber auch therapeutische Aspekte. In der Tat sollte nicht nur der Vollzug, sondern auch die ambulanten Dienste in einen Diskurs darüber eintreten, ob nicht Lebenszielbeschreibung und Selbststeuerung eine Rekonstruktion bisheriger Arbeitsschritte erfordern.

Die Arbeit endet mit einer umfangreichen Bibliografie und einem Anhang, in dem die verwendeten Instrumente abgedruckt sind.

Fazit

Das Werk von Suhling ist ohne Einschränkung zu empfehlen, weil hier Wege zu einer - längst überfälligen - Fortentwicklung von Vollzugsforschung und Kriminologie aufgezeigt werden. Es überzeugt durch abgewogene Argumentation und vorsichtige Schlussfolgerungen. Die Arbeit macht neugierig auf weitere Entwicklungen in der Strafvollzugsforschung.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Feuerhelm
Dipl.Päd., Katholische Fachhochschule Mainz, Fachbereich Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Wolfgang Feuerhelm. Rezension vom 19.12.2007 zu: Stefan Suhling: Lebensziele junger Männer im Strafvollzug. Theoretische und empirische Argumente aus aktionaler Entwicklungsperspektive. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2005. ISBN 978-3-8329-1648-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3847.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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