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Stefan Borrmann: Soziale Arbeit mit rechten Jugendcliquen

Cover Stefan Borrmann: Soziale Arbeit mit rechten Jugendcliquen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 296 Seiten. ISBN 978-3-531-14823-6. 34,90 EUR.
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Hintergründe: Gewissen oder Wissenschaft - was ist Soziale Arbeit?

Verkörpert Soziale Arbeit (mit großem "S") das sozial-engagierte Gewissen einer neoliberalen Gesellschaft oder handelt es sich um eine "wissenschaftlich begründungspflichtige" (Staub-Bernasconi, 2005) Profession mit eigenem, von politischen Ideen, Ideologien und Zeitströmungen unabhängigem Ethik-Kodex? Besieht man sich die Themenfelder der soeben, kurz vor Abschluss dieser Rezension in München (30.07. bis 3.08.2006) zu Ende gegangenen Weltkonferenz der International Federation of Social Workers, könnte man meinen, Soziale Arbeit sei beides: soziales Engagement auf der Basis wissenschaftlich elaborierter Konzeptionen. Die Konferenz stand unter dem sprechenden Thema "Soziale Balance in einer Welt der Ungleichheit" und befasste sich mit folgenden Themenblöcken:

  1. Die Balance der Generationen: Jugend und Älter Werden,
  2. Physische, psychische und geistige Gesundheit,
  3. Zwischen Heimat und Fremde: Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge und entwurzelte Menschen,
  4. Menschenrechte und Bürgerrechte: Im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Ausgrenzung,
  5. Sozialsysteme zwischen allen Anforderungen: Grundbedürfnisse und Minimalstandards sozialer Sicherung,
  6. Soziale Arbeit als Profession: 50 Jahre Erfolgsgeschichte und Visionen für die Zukunft.

Dem aufmerksamen Beobachter der Weltkonferenz in München fiel allerdings auch auf, dass die sozialen Probleme in der Welt zwar groß sind, die wissenschaftlich begründeten Lösungskonzepte dagegen aber eher mickrig ausfallen. Das soziale und kritische Engagement der Sozialarbeiter/innen dagegen scheint ungebrochen zu sein; auch wenn ihnen der Wind neoliberale Deregulierungen ziemlich stark ins Gesicht bläst.

Könnte das der Hintergrund sein, warum prominente Sozialarbeiter/innen ihrer Profession eine "theoretische Erholungsphase" (Staub-Bernaconi, 2005) verordnen möchten, um Soziale Arbeit zu einer "normativen Handlungswissenschaft" (Obrecht, 2005) zu entwickeln?

Stefan Borrmann zumindest hat diesen Anspruch. Ziel seines Buches, das auf seiner Dissertation aufbaut, ist es, wissenschaftlich begründete Handlungsleitlinien für den sozialarbeiterischen Umgang mit "rechten Jugendcliquen" zu entwickeln (Einleitung, S. 11). Wissenschaftlich begründet sind für den Autor diese Leitlinien deshalb, weil sie auf der Basis eines transdisziplinären Erklärungsmodells zur Entstehung rechter Jugendcliquen entwickelt wurden und (nun folgt der Autor der Betreuerin seiner Dissertation, Silvia Staub-Bernasconi, 1995, S. 135) "...das Wissen der zugänglichen (wissenschaftlichen) Theorien über den physikalisch-chemischen, biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Wirklichkeitsbereich" berücksichtigen.

An dieser Stelle musste der Rezensent erst einmal tief durchatmen und sich fragen, ob er (der Rezensent) einem wissenschaftlichen Werk mit solch wahrhaft "kosmologischem" Anspruch überhaupt gerecht werden könne. Da er (der Rezensent) das erwiesenermaßen nicht können kann, müssen seine folgenden kritischen Bemerkungen zwangsläufig als Marginalien gelesen werden.

Aufbau und Inhalte des Buches

Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert, beginnt mit einer Einleitung, aus der bereits zitiert wurde und schließt mit einer Zusammenfassung nebst Ausblick ab.

  • Im ersten Kapitel werden die "Theoretischen Grundlagen" für den vom Autor gewählten Forschungsweg gelegt. Vornehmlich orientieren sich diese Grundlagen am "Systemtheoretischen Paradigma der Disziplin und der Profession Sozialer Arbeit" (kurz: SPSA), das der Autor im ersten Abschnitt dieses Kapitels knapp skizziert. Dieses Paradigma wurde von Werner Obrecht und Silvia Staub-Bernasconi entwickelt und soll quasi einen methodologischen Leitfaden bereitstellen, um die Soziale Arbeit als wissenschaftliche Disziplin profund zu begründen. Die Schritte oder Ebenen dieses Leitfadens sehen folgendermaßen aus: Ausgangspunkt des Systemtheoretischen Paradigmas ist die Metatheorie des "Emergentistischen Systemismus" von Mario Bunge. Mario Augusto Bunge wurde 1919 in Buenos Aires geboren, lebt und arbeitet seit 1966 in Kanada wurde im deutschsprachigen Raum vor allem durch seine wissenschaftstheoretischen und philosophischen Arbeiten bekannt (z.B. Bunge, 1983, 1987; Bunge & Ardila, 1990; Bunge & Mahner, 2004). Kurz und sehr vereinfacht auf den Punkt gebracht, geht Bunge von einer real existierenden Welt aus, die aus konkreten Dingen (Systemen und deren Komponenten) besteht. Diese konkreten Dinge (Atome, Organismen, aber auch soziale Gruppen, wie "rechte Jugendcliquen" und deren Mitglieder etc.) verhalten sich gesetzmäßig, weisen also in ihrer Entstehung, ihrer Entwicklung und ihrem Vergehen bestimmte Regelmäßigkeiten und Muster auf. Die von Bunge vorgelegt "Systemistische Ontologie" stellt so etwas wie eine metatheoretische Klassifizierung der konkreten Dinge bzw. Systeme dieser Welt dar (bzw. wie sie gegenwärtig auf unserer Erde aufzufinden sind. Da Menschen Teil der real existierenden Welt sind, machen sie Erfahrungen mit der Welt und sind dementsprechend auch in der Lage, die Welt zu erkennen und zu verändern. In systematischer Weise geschieht das in den Wissenschaften. In den Wissenschaften (Physik, Biologie, Psychologie, Soziologie etc.) werden wissenschaftliche Erklärungen (sog. Objekttheorien) über die gesetzmäßigen Mechanismen von konkreten Dingen bzw. Systemen entwickelt. Wissenschaftliches Erklären heißt - nach Bunge - die Mechanismen ausfindig zu machen, durch die ein zu erklärendes Ding oder System (z.B. eine "rechte Jugendclique") existiert. Zu diesen Mechanismen gehören ebenso die Beschaffenheiten der Komponenten, aus dem das System besteht (z.B. die individuellen Beschaffenheiten der Cliquenmitglieder), wie die Prozesse des Systems selbst (z.B. die spezifische Gruppendynamik in einer Clique) und die Vernetzung des Systems mit anderen Systemen (z.B. die Einbindung der Clique in besondere Jugendkulturen).
    Im "Systemtheoretischen Paradigma der Disziplin und der Profession Sozialer Arbeit", so Borrmann, spielt vor allem die transdisziplinäre Verknüpfung von Objekttheorien aus der Humanbiologie, Psychologie, Soziologie, Ökonomie und der Kulturwissenschaft eine besondere Rolle. Zusammengefasst werden diese Objekttheorien im von Obrecht entwickelten "Psychobiologischen Erkenntnis- und Handlungsmodell des Individuums (PSYBIEHM). Leider erfahren die Leserin und der Leser außer dem schönen Akronym nichts sonderlich Wesentliches über dieses Modell, sondern werden auf die Originalliteratur verwiesen. Um aus besagtem Modell für die Soziale Arbeit wissenschaftlich begründete Handlungsanweisungen abzuleiten, bedarf es einer "Allgemeinen normativen Handlungstheorie", die - wiederum gestützt auf die Protagonisten Bunge, Staub-Bernasconi und Obrecht - von Borrmann mittels sogenannter "W-Fragen" beschrieben wird.
    Der nächste Schritt im methodologischen Leitfaden "SPSA" ist die Entwicklung "Spezieller Handlungstheorien": Hier geht es um die Methoden der Sozialen Arbeit, auf die auch nur knapp verwiesen wird.
    Der letzte Schritt im "SPSA" befasst sich schließlich mit jenen "Arten konkreter Systeme", die für die Soziale Arbeit relevant sind: physikalisch-chemische, biologische, psychische, soziale und kulturelle Systeme, mithin die Welt als Ganzes. Der Rezensent meint, mit einem derartig universellen Anspruch müsste der Wissenschaftlichkeit der Sozialen Arbeit doch eigentlich hinreichend Genüge getan sein.
    Etwas konkretere Aussagen fand der Rezensent im Abschnitt 1.2. ("Von der Theorie zur Praxis - die handlungstheoretische Konzeption des Systemtheoretischen Paradigmas der Sozialen Arbeit"). Allerdings spiegeln die Aussagen auch hin und wieder eine gewisse Schwierigkeit des Autors wider, die wissenschaftlichen Gedanken in verständliche Sprachformen zu transformieren. Als Beispiel für manch andere Passagen: "Wird aber die Tatsache in den Blickwinkel gerückt, dass es Personen gibt, die zahlreiche Ausstattungsdefizite aufweisen, so ist zu vermuten, dass diese nicht länger aufgrund der nicht vorhandenen Angebotsressourcen als TauschpartnerInnen in Frage kommen, so dass es, neben den Tauschasymmetrien, zu Ausschlussprozessen kommen kann" (S. 26). 
    Wie auch immer: Gegenstand der Sozialen Arbeit sind soziale Probleme (S. 24). Dazu gehören Ausstattungsprobleme (z.B. die Verfügbarkeit oder Nichtverfügbarkeit über Ressourcen), Austauschprobleme, Machtprobleme und Kriterienprobleme (z.B. bei der Beurteilung von sozialen Problemen). Wissenschaftstheoretisch nicht uninteressant ist der kurze - an Bunge angelehnte - Exkurs über die Transformationsschritte von nomologischen Aussagen (theoretisch gehaltvollen und empirisch geprüfte Aussagen) über so genannte nomopragmatische Aussagen (Wissen, das zur praktischen Verwendung nötig ist und klaren Handlungsbezug hat) zu Handlungsleitlinien (theoretisch begründeten Handlungsanweisungen für die soziale Arbeit). Nomopragmatische Aussagen sind quasi die Mittelglieder, um aus einem theoretischen Satz über die gesetzmäßigen Beschaffenheiten eines Dinges oder Systems (z.B. eine Aussage über die Ursachen eines sozialen Problems) eine handlungsrelevante und problemorientierte "technologische" Regel abzuleiten. Entscheidend für diese Ableitung ist allerdings die empirische Fundierung der zugrunde liegenden nomologischen Aussagen. Das wird sich noch zeigen.
    Der Rezensent hat sich so ausführlich dem ersten Kapitel des Buches gewidmet, weil der Autor in diesem Teil implizit auch die Kriterien formuliert hat, an dem alle weiteren Darstellungen gemessen werden können:  Zunächst einmal ist zu fragen, ob es für die wissenschaftliche Begründung der Sozialen Arbeit mit "rechten Jugendcliquen" einer elaborierten Metatheorie wie des "Emergentistischen Systemismus" bedarf. Nun ist der Resenzent selbst ein wissenschaftstheoretisch interessierter Mensch, auch wenn sein Lieblingsphilosoph, Paul Feyerabend (Frindte, 1998), der von Bunge gepflegten Ontologie eher kritisch gegenüber stand. Dennoch, wissenschaftstheoretische und metatheoretische Fundierung der eigenen Forschung tut immer gut und verhindert das blinde Herumstochern in der realen Beliebigkeit. Außerdem haben wir es bei einer wissenschaftstheoretischen Fundierung immer auch mit dem zu tun, was Arie Kruglanski vor einiger Zeit von den Sozialpsychologen einforderte, nämlich komplexe disziplinübergreifende Forschungsansätze zu entwickeln. Mit seinem Plädoyer für "...greater theoretical activity by social psychologists ..." (2001) zielt Kruglanski vor allem darauf ab, Brückenschläge zwischen wissenschaftlichen Teildisziplinen zu forcieren, um so Theorien zu entwickeln, die erstens allgemeine Erklärungen beanspruchen, zweitens empirisch gehaltvoll sind, drittens die Fragmentierung der Fächer unterbinden und viertens im gesellschaftlichen Diskurs beachtet und somit gesellschaftlich relevant sind. Aber, muss denn die metatheoretische Fundierung disziplinspezifischer Forschung und Intervention immer gleich mit der universellen Anschauung von der Welt als Ganze verknüpft werden? Und was passiert mit dem "Systemtheoretischen Paradigma der Disziplin und der Profession Sozialer Arbeit", wenn das "Psychobiologische Erkenntnis- und Handlungsmodell des Individuums (PSYBIEHM)" nur partiell jene psycho-biologischen Objekttheorien integriert, die gerade im Auge des wissenschaftlichen Betrachters sind und andere, empirisch durchaus fundierte Theorien ausblendet?
  • "Grundbegriffe", so heißt das zweite Kapitel. Es geht um "Rechtsextremismus", "Jugendkultur" und "Jugendclique". Die Darstellungen sind knapp gehalten und beschränken sich auf wenige, bekannte Bezugsquellen. Da dem Buch von Stefan Borrmann eine erfolgreich verteidigte Dissertation zugrunde liegt, hätte man eigentlich gründlichere Begriffsexplikationen erwarten dürfen. Die zentrale Vorgabe für die Entwicklung des Rechtsextremismusbegriffs liefert Heitmeyers bekanntes Konzept mit seinen zwei Grundelementen: Ungleichwertigkeitsvorstellungen und Gewalt (Heitmeyer, 1989). Borrmann setzt sich mit diesem Konzept zwar kritisch auseinander, ohne überzeugend etwas Passenderes vorzulegen. Rechtsextremismus ist für den Autor ein mehrdimensionales Einstellungsmuster. Die Dimensionen, mit denen die differentia specifa bestimmt werden kann (z.B. Antiindividualismus, Ausgrenzung von Minderheiten, autoritäres Staatsverständnis, ethnozentristisches Gesellschaftsbild usw., siehe S. 47) und die mit dem Einstellungsmuster verknüpften Handlungsdimensionen (Gewaltorientierung, Demonstration von Stärke) werden nicht aus dem nationalen und internationalen Forschungsstand abgeleitet, sondern gesetzt. Diese Setzungen sind keinesfalls unbegründet, besieht man sich die Forschungslandschaft; dass sie vor dem Hintergrund der später abzuleitenden Handlungsleitlinien erfolgt sein könnten, scheint so abwegig aber auch nicht. Thomas Kliche schrieb in einem ähnlichen Zusammenhang einmal: "Erfindet sich diese Gesellschaft also „ihren“ überaus funktionalen Rechtsextremismus gerade selbst - unter tatkräftiger Mitwirkung der sozialwissenschaftlichen Deutungsindustrie" (Kliche,  1996, S. 77)?
    Auch die Auseinandersetzung mit dem Begriff der "rechten Jugendcliquen" ist nicht ganz unproblematisch. Von einer "rechten Jugendclique" spricht der Autor dann, "wenn die rechten Orientierungen der Jugendlichen eine identitätsstiftende Funktion für die Clique einnehmen" (S. 49). Jugendliche, die rechte Orientierungen besitzen, sich auch in Cliquen treffen, sich jugendkulturell aber nicht rechts verorten, schließt der Autor aber aus. Klar, es geht ihm, dem Autor, um das soziale System "Clique". Wie will er aber operational die Grenze zwischen den Jugendlichen aus rechten Cliquen und den rechten Jugendlichen aus anderen Cliquen ziehen? Wäre eine solche Grenzziehung noch passfähig zum rechten Jugendalltag in Deutschland?
  • Das dritte Kapitel versucht Antworten auf die Fragen des Rezensenten zu liefern. Mit rechten Jugendcliquen, so heißt es dort, sind vor allem die "rechte Skinheadkultur und die Hooligans gemeint" (S. 53). Die Intention des Autors liegt auf der Hand: Die Soziale Arbeit, für die er Handlungsleitlinien entwickeln möchte, ist zunächst einmal jene, die sich nicht mit den rechtsextremen Cliquen und Kulturen beschäftigt. Eine solche Einschränkung ist legitim, aber wohl kaum in den Regionen, in denen Rechte und Rechtsextreme zu dominieren scheinen, praktikabel. Darauf verweisen auch die Befunde, die der Rezensent mit seinem Team in der Analyse von Biografien fremdenfeindlicher Gewalttäter finden konnte (Frindte & Neumann, 2002; Neumann & Frindte, 2002).
  • Die kulturellen, strukturellen und Verhaltensdimensionen rechter Jugendcliquen werden im vierten Kapitel ausführlicher dargestellt. Der Rezensent hat keine Einwände.
  • Mit dem fünften Kapitel hingegen ist er (der Rezensent) nicht zufrieden. Immerhin geht es hier um "Erklärungsmodelle", d.h. um wissenschaftliche Bemühungen, Objekttheorien zu entwickeln, mit denen die Mechanismen ausfindig zu machen sind, durch die "rechte Jugendclique" sich konstituieren. Wir erinnern uns, der Autor hatte die Absicht, ein transdisziplinäres Erklärungsmodell zur Entstehung rechter Jugendcliquen zu entwickeln, dass das Wissen der zugänglichen (wissenschaftlichen) Theorien über den physikalisch-chemischen, biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Wirklichkeitsbereich berücksichtigt. Man muss die Messlatte nicht so hoch hängen und kann dennoch feststellen, dass die vom Autor vorgestellten und für das angestrebte Erklärungsmodell vorgesehenen wissenschaftlichen Theorien über rechtsextreme Orientierungen und rechte Jugendcliquen keinesfalls dem gegenwärtigen Forschungsstand entsprechen. Konkret: a. Die diskutierten Erklärungsmodelle (z.B. die Theorie der autoritären Persönlichkeit, seine Reinterpretationen und deren empirischen Begründungen) werden oberflächlich und keinesfalls zielführend im Hinblick auf die angestrebten Integrationsversuche dargestellt; b. Die Darstellungen (z.B. über die psychologische Vorurteilsforschung) negieren nahezu alle neueren internationalen Befunde; c. Einige der dargestellten Erklärungsmodelle werden, da der Autor darauf verzichtet, die entsprechenden Autoren und Protagonisten zu nennen, bis zur Unkenntlichkeit verfremdet (z.B. Projektionstheorie, Omnipotenztheorie); d. International anerkannte und erklärungspotente Modelle (wie z.B. die Theorie der sozialen Identität und das gesamte Forschungsprogramm des Social Identity Approach) verlieren durch die verknappte oberflächliche Darstellung völlig ihre komplexe Erklärungskraft; e. Aktuelle theoretische Entwicklungen, wie die Soziale Dominanztheorie oder die von Neumann (2001) zur Erklärung von aggressiven Verhaltensweisen rechter und rechtsextremer Jugendlicher vorgelegte und empirisch fundierte Theorieintegration von "Theory of Reasoned Action" (Ajzen & Fisbein, 1980 und Tedeschi & Felson, 1995) wurden vom Autor offenbar gar nicht rezipiert. Das ist insofern bedauerlich, als dass das angestrebte Erklärungsmodell aus der Sicht des Rezensenten doch jene nomologischen Aussagen liefern soll, aus denen über entsprechend nomopragmatische Aussagen die angestrebten Handlungsleitlinien für die soziale Arbeit mit den Jugendcliquen abzuleiten wären.
  • Im sechsten Kapitel werden zunächst drei bekannte empirische Studien anderer Autoren (Möller, 2000; 2001; Hafeneger & Jansen, 2001) diskutiert, um a. die im vorausgehenden Kapitel vorgestellten Erklärungsmodelle "zu verifizieren oder zu falsifizieren" (S. 155) und b. die empirisch "belegten Teiltheorien" (S. 162) in einem "transdisziplinären Erklärungsmodell zur Entstehung rechter Cliquen" zu integrieren.
    Zu den wissenschaftstheoretischen Einsichten gehört ja mittlerweile auch die Erkenntnis, dass das Ziel theorienorientierten Forschens nicht darin besteht, die grundlegenden Aussagen einer jeweiligen Theorie zu verifizieren oder zu falsifizieren (vgl. auch Westermann, 1987). Vielmehr geht es in den empirischen Prüfungen um die Spezifikation der Theorie, um die Suche nach möglichen Anwendungen der Theorie. Es ließe sich also behaupten (siehe auch Lakatos, 1974; Feyerabend, 1986), dass die mit einer Theorie verbundenen empirischen Behauptungen und Hypothesen einer empirischen Überprüfung zugänglich sind, die Theorie selbst aber weitgehend immun gegenüber entgegenstehenden Erfahrungen ist. Eine solche Auffassung entspricht sicher weitgehend auch der sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis. Mit anderen Worten: Des Autors Absicht, mittels sekundäranalytischer Auswertung der diskutierten empirischen Studien theoretische Erklärungsmodelle zu falsifizieren bzw. zu verifizieren, muss aus besagten Gründen scheitern; abgesehen davon, dass die von ihm diskutierten Studien überhaupt nicht als theorieprüfende Untersuchungen geplant waren. Insofern verzichtet der Rezensent auch auf eine kritische Besprechung des vom Autor vorgelegten "transdisziplinären Erklärungsmodells". Vermeldet sei nur, dass das Erklärungsmodell vier Klassen nomologischer Aussagen enthält: erstens Aussagen über die Ursachen und Folgen hierarchisch geprägter Geschlechterrollenbilder von Jugendlichen, zweitens Aussagen über die Ursachen und Folgen von emotionaler Verunsicherung, Zukunftsangst, mangelnde Empathie etc. von Jugendlichen, drittens über Ursachen und Folgen jugendlicher Vorstellungen, Vollstrecker gesellschaftlich dominierender Wertorientierungen zu sein und viertens schließlich Aussagen über Ursachen und Folgen von Konflikten zwischen deutschen Jugendlichen und jugendlichen Migrant/innen.
    Auffallend ist, dass alle nomologischen Aussagen als Kausalaussagen formuliert sind; etwa: "Wenn Eltern ihre Kinder autoritär erziehen und diesen inkonsistente Regeln anbieten (...), dann entwickeln die Jugendlichen mangelnde Fähigkeiten zur Perspektivenübernahme, Empathie und Reflexion..." (S. 177). Dass die damit angesprochenen Kausalbeziehungen eventuell durch Drittvariablen moderiert oder mediiert sein könnten, scheint dem Autor in der kritischen Reflexion der diversen Erklärungsmodelle entgangen zu sein.
  • Das siebte Kapitel und das achte Kapitel sind bemerkenswert, geht es doch um die zentrale Frage, ob, warum und wie sich Soziale Arbeit mit rechten Jugendcliquen beschäftigen soll. Grundlagen für seine Argumentation findet der Autor im "moralischen Realismus", in einer "biopsychosozialen Theorie menschlicher Bedürfnisse" und deren Verknüpfung mit den Menschenrechten. Quintessenz: "Dort, wo das Menschenrecht bedroht ist und Soziale Arbeit in der Lage ist, etwas zur Veränderung der Lage beizutragen, besteht die Pflicht zu intervenieren. Schon allein aus diesem Grund ist Soziale Arbeit dafür zuständig, sich in dem Bereich der Arbeit mit rechten Jugendcliquen zu engagieren" (S. 200).
  • Im neunten Kapitel prüft der Autor, ob rechte Jugendcliquen in ihren Beschaffenheiten (Cliquenkultur, gewaltaffines Cliquenverhalten, männerdominierte Cliquenstruktur) eine Bedrohung grundlegender Menschenrechte darstellen. Natürlich tun sie das und Soziale Arbeit muss dagegen intervenieren. Zu dieser Schlussfolgerung kommt der Autor auch. Er weist aber auch darauf hin, dass Soziale Arbeit den rechten Jugendlichen Wege anbieten müsse, um auf legalem Wege (ohne Einschränkung und Bedrohung Anderer) die eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Zugegeben, das ist nichts Neues und die Argumentation des Autors reichlich akademisch, aber zutreffend.
  • Mit dem zehnten Kapitel beabsichtigt der Autor eigentlich, die Besonderheiten seines eigenen Ansatzes von Sozialer Arbeit mit rechten Jugendcliquen herauszuarbeiten und mit der Konzeption der "Akzeptierenden Jugendarbeit" zu kontrastieren. Natürlich kennen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter die Schwächen der "Akzeptierenden Jugendarbeit", aber auch ihre Vorteile. Natürlich weiß man inzwischen, dass - lapidar gesagt - eine Mischung aus konfrontativer und kooperativer Pädagogik notwendig ist, um aus den "tough and bad guys" in den Jugendcliquen zivilisierte Mitbürger dieser Gesellschaft "zu machen". Insofern liefert das zehnte Kapitel nichts Neues, eher leidet die Kritik an der "Akzeptierenden Jugendarbeit" an genügender Tiefenschärfe. Ob Franz-Josef Krafeld seine Konzeption von akzeptierender Jugendarbeit in der vom Autor vorgenommenen Darstellung noch erkennt, scheint des Fragens würdig.
  • Das elfte Kapitel zeigt nun schließlich die Malaise des angestrebten sozialarbeiterischen Umgangs mit rechten Jugendcliquen. Zusammengefasst werden hier nomologische (also empirisch fundierte und theorierelevante Aussagen) u.a. über die Zusammenhänge von Nationalismus, Ethnozentrismus und jugendlicher Moralentwicklung, von knappen Ressourcen und der Ethnisierung sozialer Konflikte, von geschlechtsspezifischer Erziehung und hegemonialen Geschlechterrollenbildern, von fehlender Anerkennungserfahrung und Fatalismus, von autoritärer Erziehung und mangelnden Empathiefähigkeiten. Aus den nomologischen Aussagen werden über nomopragmatische Aussagen insgesamt vierzehn Leitlinien für die Soziale Arbeit mit den Jugendcliquen abgeleitet. Die nomologischen Aussagen stützen sich z.T. auf robuste, auch metaanalytisch bestätigte Zusammenhänge; zu einem größeren Teil beziehen sich die nomologischen Aussagen aber auf kausale Zusammenhänge, die so entweder empirisch bisher nicht genügend bestätigt wurden oder nur unter Beachtung diverser sozialer und/oder psychologischer Mediatorvariablen gefunden werden konnten. Der Autor erweckt den Anschein, die empirische Wirklichkeit sei so, wie sie von ihm dargestellt ist. 
    Dieser Anschein wird auch in der Ableitung der nomopragmatischen Aussagen aufrechterhalten und schlägt sich schließlich zu großen in Teilen trivialen und/oder nicht praktikablen Handlungsanweisungen für die soziale Arbeit nieder. Als Beispiel: "Um rechte Jugendliche und ihre Handlungen gesellschaftlich zu isolieren und damit moralische Ambivalenzen bei diesen auszulösen, sorge dafür, dass sie in ihrem direkten Umfeld keine Unterstützung für ihre Positionen erhalten" (S. 221). Wozu der ganze Forschungsaufwand, um schließlich derartige Banalitäten zu formulieren?!
    Die zum Schluss des elften Kapitels vorgestellten und diskutierten sozialarbeiterischen Projekte sind konzeptionell überzeugender als die Empfehlungen des Autors.

Fazit

Das Buch überzeugt weder theoretisch noch in seinen praktischen Konsequenzen; für praktisch tätige Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ist es nicht nützlich; forschende Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler dürften das Buch eher als quasi-theoretische Kopfgeburt einstufen. Die "theoretische Erholungsphase" der Sozialen Arbeit ist also noch nicht abgeschlossen. Der Profilierungsstreit geht weiter.

Zitierte Literatur

  • Ajzen, I., & Fishbein, M. (1980). Understanding Attitudes and Predicting Social Behavior. New York: Prentice-Hall, Inc.
  • Bunge, M. & Ardila, R. (1990). Philosophie der Psychologie. Tübingen: Mohr.
  • Bunge, M. & Mahner, M. (2004). Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft. Stuttgart: Hirzel.
  • Bunge, M. (1983). Epistemologie. Aktuelle Fragen der Wissenschaftstheorie. Mannheim, Wien, Zürich.
  • Bunge, M. (1987). Kausalität. Geschichte und Probleme. Tübingen: Mohr.
  • Feyerabend, P. (1986, 1983). Wider den Methodenzwang. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch.
  • Frindte, W. & Neumann, J. (2002). Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biografien und Tatverläufe. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Vgl. die Rezension.
  • Frindte, W. (1998). Soziale Konstruktionen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Hafeneger, B. & Jansen, M.M. (2001). Rechte Cliquen - Alltag einer neuen Jugendkultur. Weinheim, München: Juventa.
  • Heitmeyer, W. (1989). Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen Sozialisation. Weinheim, München: Juventa.
  • Kliche, T. (1996). Interventionen, Evaluationsmaßstäbe und Artefaktbildung. Zehn Thesen zur Konstruktion von Rechtsextremismus. In H. G. Heiland & C. Lüdemann (Eds.), Soziologische Dimensionen des Rechtsextremismus (pp. 57-84). Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • Kruglanski, A. W. (2001). That "vision thing": The state of theory in social and personality psychology at the edge of the new millennium. Journal of Personality & Social Psychology, 80, 871-875.
  • Lakatos, I. (1974). Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme. In: Lakatos, I., & Musgrave, A. (Hrg.). Kritik und Erkenntnisfortschritt. Braunschweig: Vieweg.
  • Möller, K. (2000). Rechte Kids. Eine Langzeitstudie über Auf- und Abbau rechtsextremistischer Orientierungen bei 13- bis 15jährigen. Weinheim, München: Juventa.
  • Möller, K. (2001). Coole Hauer und brave Engelein. Gewaltakzeptanz und Gewaltdistanzierung im Verlauf des frühen Jugendalters. Weinheim, München: Juventa.
  • Neumann, J. & Frindte, W. (2002). Gewaltstraftaten gegen Fremde. Eine situative Analyse. Journal für Konflikt- und Gewaltforschung, Heft 3, 2002.
  • Neumann, J. (2001). Aggressives Verhalten rechtsextremer Jugendlicher. Eine sozialpsychologische Analyse. Münster: Waxmann.
  • Obrecht, W. (2005). Der emergentistische Systemismus Mario Bunges und das Systemtheoretische Paradigma der Sozialarbeitswissenschaft und der Sozialen Arbeit (SPSA). Internetquelle: www.sozialarbeit.ch/kurzinterviews/werner_obrecht.htm aufgerufen am 6.08.2006.
  • Staub-Bernasconi, S. (1995). Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: lokal, national, international. Oder: Vom Ende der Bescheidenheit. Bern, Stuttgart, Wien.
  • Staub-Bernasconi, S. (2005). Deprofessionalisierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit - gegenläufige Antworten auf die Finanzkrise des Sozialstaates oder Das Selbstabschaffungsprogramm der Sozialen Arbeit. Internetquelle: www.fh-vorarlberg.ac.at/edu/sa/professionalisierung.pdf aufgerufen am 6.08.2006.
  • Tedeschi, J.T., & Felson, R.B. (1995). Violence, aggression, and coercive actions. (2 ed.). Washington: American Psychological Association.
  • Westermann, R. (1987). Strukturalistische Theorienkonzeption und empirische Forschung in der Psychologie. Berlin, Heidelberg, New York, London: Springer.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 07.10.2006 zu: Stefan Borrmann: Soziale Arbeit mit rechten Jugendcliquen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14823-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3848.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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