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Bernd Reiners: E-Mail-Beratung in der Jugendhilfe. Ein Handbuch für die Fortbildung. Nach dem Modell der Kinderschutz-Zentren

Cover Bernd Reiners: E-Mail-Beratung in der Jugendhilfe. Ein Handbuch für die Fortbildung. Nach dem Modell der Kinderschutz-Zentren. Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. (Köln) 2005. 128 Seiten. ISBN 978-3-9809332-0-9. 12,95 EUR.

Unter Mitarbeit von Karoline Reiter. Hrsg.: Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V.
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Thema

Das Thema der Online-Beratung in der Sozialen Arbeit hat bisher kaum eine Verankerung in der Hochschulausbildung erfahren. Fast hat es den Anschein, als ob sich die Qualifikation für diesen neuen Beratungsbereich als Parallelstruktur jenseits der Hochschulen im privaten Ausbildungssektor etabliert (https://www.beranet.de), bzw. die Verbände und Institutionen des Sozialen Sektors ihren Ausbildungsbedarf durch eigene Ausbildungs- und Qualifikationsinitiativen abdecken. Internet-Beratungsangebote sind mittlerweile in den unterschiedlichsten institutionellen Kontexten entstanden. Eine zentrale Steuerung und Koordination für diesen Bereich gibt es bisher noch nicht. Jedoch haben sich zahlreiche Initiativen unterschiedlicher Träger zu einer gemeinsamen Arbeit im bundesweiten Arbeitskreis Online-Beratung zusammengefunden und erste Rahmenempfehlungen (www.kinderschutz-zentren.org/pdf) entwickelt, die zur Profilierung eines fachlichen und fachpolitischen Diskurses im Bereich der Jugend- und Familienhilfe, der Wohlfahrtspflege, der Kirchen, der kommunalen Spitzenverbände, der Landesjugendämter und der Fachministerien beitragen sollen. Diese Standards sind im Anhang des Bandes abgedruckt.

Die Kinderschutzzentren sind mit ihrem Kinder- und Jugendportal www.YoungAvenue.de nicht nur einer der ersten Jugendhilfeverbände, die eine solche Beratung angeboten haben, sondern auch diejenigen, die von Anbeginn an einer Vernetzung und an einer qualitativ hochwertigen Beratung interessiert waren und hierzu ein eigenes Fortbildungskonzept entwickelt haben, dass Jugendliche befähigt, andere Jugendliche Online zu beraten. Der vorliegen Band beschreibt die Weiterentwicklung dieses Konzeptes, ist aber - wie sich beim Lesen herausstellt - weit mehr als eine Konzeptionsbeschreibung.

Inhalt

Einleitend wird über den Nutzen einer Online-Beratung reflektiert, als eine sinnvolle Ergänzung zu herkömmlichen Beratungsformen, die Jugendlichen den vereinfachten Zugang zu Beratung erleichtern soll. Ein niedrigschwelliges Angebot, dass - wenn wir die aktuellen Zahlen der Internetnutzung von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren ansehen - dieser Zielgruppe die Chance eines schicht- und milieuübergreifenden breiten Zugangs zu Beratung ermöglicht. Die Autoren Bernd Reiners - zusammen mit Karoline Reiter- gehen in ihrer Darstellung des Nutzens dieses Mediums für die Beratungsarbeit im Bereich der Jugendhilfe nicht den in der Literatur üblichen Weg, die vorfindlichen Beschränkungen dieser Beratungs-Form zu konstatieren, um Online-Beratung dann im Vergleich zu den anderen Beratungsformen lediglich als einen Türöffner hin zum herkömmlichen Bereich zu sehen und auf diesen zu reduzieren. Sie versuchen umgekehrt, das durch die Beschränkungen Andere der Online-Beratung kritisch auf seine mögliche positive Wirkung hin zu beschreiben. Dabei zeigen sie auf, dass ein anderes Klientel erreicht werden kann, als bei den herkömmlichen Beratungsformen: nicht nur Internetbegeisterte und Menschen, die lieber schreiben als sprechen, sondern auch kontaktscheue Jugendliche mit Schwellenängsten, Jugendliche, die mit ihren Problemen im regionalen Umfeld in der Anonymität verbleiben wollen; Jugendliche aus Regionen mit schwacher sozialer Infrastruktur oder Jugendliche, die aufgrund von Behinderung oder Krankheit die herkömmlichen Wege nicht nutzen können. Hinzu kommt als weiterer positiver Aspekt die zeitliche und räumliche Unabhängigkeit des Angebotes, der offensichtlich für die Nutzenden von großer Bedeutung ist, sowie der leichtere Zugang zu anderen Betroffenen über große Entfernungen - z. T. bis über die Landesgrenzen - hinweg. Interessant ist auch der Hinweis auf erste Studien zur Akzeptanz dieser Beratungsform, die bei Jugendlichen offensichtlich sehr hoch ist, wohingegen die Selbstmelder dieser Altersgruppe bei herkömmlichen Beratungen noch immer eher selten sind; ebenso der Verweis auf Wirksamkeitsstudien, in denen immer wieder auch die Vorzüge gegenüber einer face-to-face Beratung hervorgehoben werden. Allerdings konstatieren die Autoren auch, dass der Forschungs- und Evaluationsbedarf bezüglich dieses neuen Beratungsmediums noch bedeutend ist, zumal der wissenschaftliche Diskurs zum Thema Internet sehr konträr und leider sehr wertebezogen geführt werde.

Nach dieser Einleitung geht es den Autoren um die mögliche Wirksamkeit einer Online-Beratung, wobei sie sich in der Darstellung auf die E-Mail-Beratung beschränken. Um die Wirkfaktoren dieses Beratungsansatzes herauszuarbeiten, gliedern sie einen solchen Prozess in

  • die Phase des Niederschreibens einer Anfrage;
  • die Phase des Lesens einer Antwort der Beraterin;
  • eine Beziehungsentstehungsphase im Verlaufe eines Mehrfachkontaktes
  • die Abschlussphase des Beratungsprozesses.

In der Phase des Niederschreibens ist das Schreiben selbst die entscheidende Variable. Es muss eine Problembeschreibung durch die Anfragende erfolgen, die aufgrund der Schriftform eine weitaus größere Dauerhaftigkeit und damit Verbindlichkeit hat, als das gesprochene Wort in einem Eingangsgespräch. Für die Schreibende ist es dabei sinnvoll, den emotionalen Gehalt des darzustellenden Problems möglichst von dem faktischen Inhalt zu trennen, um letzteren für Außenstehende verständlich machen zu können. Durch diese Art der Distanzierung ist in der ersten Problembeschreibung bereits eine Abstraktionsleistung erforderlich, die der Anfragenden schon hier einen Perspektivwechsel des Blickes ermöglicht, wenn sie ihr Problem aus der beschreibenden Außenperspektive formuliert. Darüber ist oft eine ungehemmtere und damit vertiefte Problembeschreibung als in der Live-Beratung möglich, weil die Darstellung unbeeinflusst von einer Beraterin formuliert werden kann. Hier findet ein ähnlicher Prozess statt, wie ihn auch die expressive Bibliotherapie verfolgt, nämlich Gedankenschutzräume zu schaffen, die eine geschützte Auseinandersetzung mit emotionalen Inhalten erlauben; eine Vorgehensweise, die in der Psychotherapieforschung wiederholt als wichtiger Wirkfaktor für den Therapieerfolg gefunden wurde und eine klassische Form der Selbsthilfe beinhaltet. Die eigentliche Beratung beginnt aber erst in der zweiten Phase, nämlich dann, wenn die Ratsuchende die Antwort auf ihre Anfrage liest. Hier wirken dann die gleichen Mechanismen einer gewöhnlichen Beratung, insbesondere die Induktion von Hoffnung; das Gefühl, verstanden und akzeptiert zu werden; eine mögliche Ressourcenaktivierung und das Erleben einer positiven Beziehung; mit der Besonderheit, dass diese Antwort schriftlich gespeichert ist und daher mehrfach gelesen werden kann. Wird von der Beraterin auch die Anfrage in die Antwortmail kopiert, ist darüber hinaus auch die erneute Konfrontation mit der frühen Sichtweise des ersten Schreibens möglich. Veränderungen sind so leicht festzustellen, aber auch Unverändertes zu konstatieren, und es entsteht eine Problemverständnisvertiefung. In der nächsten Phase entwickelt sich eine Beziehung zwischen Ratsuchender und Beraterin, die unbestritten "relevanteste unspezifische Wirkungskomponente" (18) von Beratung. Hier kommen weitere Wirkfaktoren zum Tragen. Von den Autoren wird besonders auf die Möglichkeit durch die Verschriftlichung verwiesen, nämlich den Prozess der Beratung selbst zum Inhalt der Beratung machen zu können, um grundlegende Problemverarbeitungsmechanismen auf Seiten der Nutzerin zu verdeutlichen. Allerdings kann diese Form der Intervention erst bei einer gewachsenen Beziehung fruchtbar angewendet werden. Die Ablösung und Beendigung der Beratung geschieht dann im Normalfall einvernehmlich, sei es, das Problem ist gelöst, oder es findet ein Übergang zu einer face to face Beratung statt.

Schon anhand dieser Phasenbeschreibung einer Online-Beratung mit ihren jeweiligen Wirkfaktoren wird ersichtlich, dass die herkömmlichen methodischen Beratungsansätze für diese eher anonyme Form schreibgestützter Kommunikation zwischen Anfragender und Beraterin nicht ausreichend sind, und dieses Kommunikationsmodell auf eine ganz eigene Form der Beziehungsgestaltung verweist. Hinzu kommt, dass sich auch die Formen der Internetberatung bereits ausdifferenziert haben. Es existieren

  • Mail-Beratungen als Einzelberatung
  • Einzelberatungen in Form zeitgleicher Kommunikation nach Terminvereinbarung (Zwei-Personen Chat)
  • Moderierte Chats
  • Themenzentrierte Foren (moderiert / unmoderiert) sowie
  • Kombinationen der genannten Möglichkeiten.

Jede Kommunikationsform hat ihre eigenen Strukturmerkmale, die zu berücksichtigen sind, die jeweils ein spezifisches Kompetenzmanagement benötigen, und für die jeweils eigene Qualitätsstandards zu entwickeln sind.

Nach diesen grundlegenden Überlegungen erfolgen ein Überblick und eine Beschreibung des Fortbildungskonzeptes. Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme (bzw. Übernahme des Konzeptes) sind nicht nur Neugier und das Interesse an einer neuen Herausforderung. Eigene Beratungserfahrungen in anderen Bereichen sind für die Autoren ebenfalls ein absolutes Muss (25), da in der Weiterbildung gerade diese Fähigkeiten ebenso wie die gegebenenfalls notwendigen Interventionen in der Beratungsarbeit an den schriftlichen Prozess der Beratung angepasst werden sollen. Das Konzept ist sehr praxisbezogen ausgerichtet und gliedert sich in vier Themenbereiche: theoretische Grundlagen, Praxisarbeit, Selbsterfahrung und Selbstverständnis sowie organisatorische Rahmenbedingungen der Anbietereinrichtungen. Lernziel des ersten Themenbereiches ist es, die Unterschiede und Effekte des direkten und persönlichen Beratungsgespräches im Vergleich zur schriftlichen E-Mail-Beratung zu erkennen und konstruktiv zu nutzen. Hinzu kommt rechtliches Grundwissen, welches helfen soll, die Handlungsfähigkeit in Grenzsituationen zu erhalten. Lernziel des zweiten Themenbereiches ist neben dem Abbau eventueller Berührungsängste mit dem Medium, das Erkennen der wesentlichen Teile einer Anfrage und einer gelungenen Antwort, sowie die Entwicklung eines eigenen Schreib-Stils. Lernziel des dritten Themenbereiches ist die Steigerung der Empathiefähigkeit per E-Mail, die Fähigkeit zu einer Führung einer (un-)verbindlichen Beziehung und die Fähigkeit, aufgrund beschränkter Angaben, Hypothesen zu bilden. Außerdem sollen im Rahmen von Kompetenzmanagement persönliche und fachliche Handlungsmöglichkeiten und Begrenzungen der Beratung per E-Mail erkannt werden. Lernziel des vierten Themenbereiches ist die Institutionen-Kenntnis potentieller Anbieter, sowie die Kenntnis der organisatorischen Voraussetzungen von E-Mail-Beratung im Kontext ausgewählter Sozialer Institutionen.

Voraussetzung für eine E-Mail-Beratung ist für die Autoren ein Grundlagenwissen der Kommunikationspsychologie. Sie selbst arbeiten mit dem Modell nach Schulz von Thun (Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung, Appell). Auf dieser Grundlage wird sowohl die Sender- als auch die Empfängerperspektive betrachtet. In einem nächsten Schritt werden die drei Empfangsvorgänge (Wahrnehmen, Interpretieren, Fühlen) vorgestellt. Ziel ist es, den Informationsgehalt einer Nachricht, deren Deutung und die dadurch ausgelösten eigenen Emotionen getrennt voneinander zu betrachten.  Auf diesen Themen-Bereich wird besonders Gewicht gelegt, da in der schriftlichen Kommunikation keine direkte Kontrolle der Reaktion des Gegenüber möglich und dessen jeweilige emotionale Verfassung unbekannt ist, so dass mit Interpretationen, welche die eigenen Gefühle oder die des Gegenüber beeinflussen können, vorsichtig umgegangen werden muss. Zum Verständnis dieser Besonderheit werden theoretische Ansätze der computervermittelten Kommunikation herangezogen, wiedergegeben und im Anschluss auf die praktische Bedeutung der jeweiligen Ansätze für die E-Mail Beratung hingewiesen: Die Kanalreduktionstheorie ist die wohl bekannteste - und von den Kritikern dieser Beratungsform am meisten genutzte. Sie besagt, dass die meisten Sinnesmodalitäten bei dieser Beratungsform ausgeschlossen sind und meist auch die szenische Information, wie Raum- und Zeitangaben fehlen, d.h. unbewusst oder bewusst ausgeblendete Persönlichkeitsanteile können von der Beraterin weniger beobachtet werden, als im face to face Kontakt, so dass die fachgerechte Diagnostik zu einem großen Anteil von der Fähigkeit der Anfragenden abhängig ist, ihr Problem verschriftlicht dazustellen. Für die Praxis bedeutet das Fehlen von Gestik, Mimik und Stimme in jedem Fall eine erhöhte Schwierigkeit beim Einschätzen der emotionalen Verfassung der Schreibenden, gleichzeitig benennen die Autoren aber auch die immer wieder genannten Vorteile, z.B. eine oft erwünschte höhere Anonymität oder die bessere Gesprächskontrolle, sowie die automatische Protokollierung des Gesprächsverlaufs und nicht zuletzt die Möglichkeit der Ungleichzeitigkeit des Dialoges. Auch das Fehlen sozialer Hinweisreize in virtuellen Kontexten wird immer wieder negativ betont. Vergessen wird dabei oft, dass im face to face Kontakt benachteiligte Nutzerinnen über den computervermittelten Kontakt eine gleichberechtigtere Kommunikation erleben können. Ein weiterer Vorteil besteht darin, sich leichter vor Verletzungen durch die Antworten schützen zu können, da die Kommunikation jederzeit beendet werden kann. Auch das Fehlen sozialer Kontrolle ist nicht nur negativ zu vermerken, sie kann - wie schon beschrieben - einen enthemmenden Effekt hervorrufen, der pro-soziale Verhaltensweisen wie Offenheit, Ehrlichkeit und Gleichberechtigung, allerdings eben auch anti-soziale Verhaltensweisen wie Feindlichkeit und normverletzendes Verhalten begünstigen. Man kann schneller auf ein Problem zu sprechen kommen als im face to face Kontakt, dies bedeutet zum Teil aber auch "Scheinnähe", die wiederum auch problematisch sein kann. Des Weiteren gehen die Autoren davon aus, dass je nach Problem-Situation die Betroffenen das passende Medium für sich selbst auswählen. Unverbindlichkeit, Anonymität und die Möglichkeit, die Kontaktintensität mehr selbst steuern zu können, als in anderen Kommunikationsformen erhöht die Nutzungsbereitschaft besonders unter Jugendlichen. Reiners verweist auch auf die Möglichkeit einer Identitätssimulation. Mit keinem anderen Medium seien Probe-Identitäten und damit Probehandeln besser möglich, als mit dem Internet. Da Kommunikation stark von der Wahrnehmung geprägt ist, setzen die fehlenden Informationen einen Konstruktionsprozess in Gang, der von Imagination geprägt ist, was zu sinnlichen Phantasiebildern, aber auch zu positiver Projektion anregen kann. Nach Reiners ist diese Projektion hier noch freier als im analytischen Kontext, indes ist diese Übertragung nicht wie im analytischen Kontext sofort bearbeitbar.

Es folgt ein Handlungsleitfaden zur Beantwortung von Anfragen und eine ausführliche Beschreibung der angeleiteten Praxisarbeit, in der es überwiegend um die methodische Vorgehensweise und die zu beachtenden verschiedenen Anforderungskomplexe

  • Trennung von Wahrnehmung, Interpretation und Gefühl;
  • Struktur der Beantwortung einer Anfrage;
  • Elemente und Strategien der Beratungsarbeit

geht. Die Bedeutung der Formulierung, das Treffen des richtigen Tones, eine gute Balance bei der Formulierung einer Antwort ist noch viel wichtiger als beim gesprochenen Wort, weil ein abgeschickter Text nicht mehr mündlich erläutert werden kann; ein Hauptargument für die Notwendigkeit eines "Hintergrunddienstes" durch erfahrenen e-mail-Beraterinnen, die eine mail vor dem Versand noch einmal auf ihre Formulierung hin überprüfen.

Im anschliessenden Selbsterfahrungsteil wird die Frage bearbeitet, wie weit die eigene aktuelle Verfassung, aber auch die eigene Lebensgeschichte, die Beratung beeinflussen kann. Der Übungsteil konzentriert sich auf die eigene Erfahrung des Hilfesuchens der Fortzubildenden. Diese sollen erspüren, welche Gefühle es wachruft, eine E-Mail mit einem eigenen Problem zu formulieren, an eine anonyme Beraterin zu verschicken, um dann selbst wiederum eine anonyme Antwort zu erhalten. Hier geht es weniger um die Erfahrung als Beraterin, sondern um die Erfahrung, selbst Hilfe zu suchen. Dieser Ausbildungsteil soll die eigene Fähigkeit erhöhen, sich in die Anfragenden hineinzuversetzen und am Beispiel eigener Erfahrung ein Gespür für die Ernsthaftigkeit von Anfragen und die Arbeit als E-Mail-Beraterin vermitteln.

Interessant sind die im weiteren Verlauf angeführten Zahlen der Autoren, die auf die Nutzung des von ihnen entwickelten Angebotes im Rahmen des Kinderschutzes verweisen. Hier fällt besonders die Altersverteilung und die Differenzierung in männliche und weibliche Nutzung auf, dass nämlich im beobachteten Zeitraum die Nutzer zu 72 % weiblich und zu 17 % männlich gewesen sind (11 % machten keine Angaben), wobei sich die meisten Mädchen im Alter zwischen 12 und 16 gemeldet hatten, die Jungen hingegen vom Alter her relativ gleich verteilt um Hilfe gebeten haben. In der Gewichtung der angesprochenen Themen hat es sich um Fragen und Probleme zu

  • Liebe und Partnerschaft: erste Liebe Eifersucht, Liebeskummer, Trennung, Fremdgehen, Konflikte und Verhaltensunsicherheiten;
  • Eltern/Familie: Regeln, Verbote, Verselbständigung, Trennung/Streit der Eltern, Sorge um Geschwister, Trauer;
  • Eigene Lebenssituation Ängste Depression, Einsamkeit, Zukunftsängste, Selbstvertrauen Schüchternheit;
  • Gewalt: körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt, Vernachlässigung, Vergewaltigung, Rechtsextremismus;
  • Freundschaft/Peergroup: Probleme mit, Sorge um Freunde, Eifersucht/Neid, Ausgrenzung, Verlust von Freunden Außenseitertum,

gehandelt. Hier fällt auf, welche anteilige Größe die Anfragen zu Gewalt bei Mädchen eingenommen haben, wenn dies im Zusammenhang mit der 71 % Anfragenzahl durch Mädchen gesehen wird, eine ähnlich hohe Anzahl wie die nach Freundschaft und Peergroup.

Der Band schliesst mit einem ausführlichen Teil zur Qualitätssicherung, der sich in die Bereiche

  • Entwicklung organisationsinterner Standards
  • Qualitätssicherung nach der Fortbildung
  • Fallbeispiel,
  • Umgang mit dramatischen Themen
  • Kriterien für die Empfehlung einer face to face Beratung
  • Umgang mit Kontaktabbrüchen
  • Beziehungsgestaltung in der E-Mail Beratung
  • Ablösung in der E-Mail Beratung

gliedert und wiederum mit vielen Beispielen angereichert ist.

Und im folgenden Anhang ergänzen die Rahmenempfehlungen des Arbeitskreises Online-Beratung die Überlegungen hierzu.

Zusammenfassung und Diskussion

Das vorliegende Fortbildungskonzept richtet sich vom Anspruch her und in seiner Konzeption an Adressatinnen und Adressaten, die in der Beratungsarbeit erfahren sind und lediglich die Besonderheiten der Textbasierten Kommunikation vertiefen wollen, um diese in einen e-mail-Beratungskontext einzufügen. Dabei ist nicht nur das Konzept in seiner Durchführung sehr praxisbezogen aufgebaut, sondern auch die Darstellung insgesamt mit zahlreichen Beispielen angereichert, so dass beim Lesen ein lebendiger Eindruck des didaktischen Aufbaus des Fortbildungskonzeptes entsteht, der zur Erprobung und Übernahme anregt.

Für mich ist der Band aber weitaus mehr als die Beschreibung eines solchen Konzeptes. Aufgrund der intensiven Erfahrungen mit dieser Beratungsform gelingt es den Autoren sehr souverän, die bestehenden Kritikpunkte nicht außer Acht zu lassen. Im Gegenteil, Sie greifen diese auf, um aus einer anderen Perspektive einen neuen Blick auf eben diese Fragen zu richten und werfen dadurch in erstaunlicher Weise immer wieder positive Aspekte in die Diskussion, die sehr zu Nachdenken über dieses Medium Internet und seine mögliche Nutzung für die Beratungsarbeit anregen.

Bleibt mir abschließend noch die Frage, ob diese Beratungsform eine ist bzw. sein wird, die lediglich von jungen Menschen in Anspruch genommen wird, da diese an Computer und an ein Teil-Leben im virtuellen Raum gewöhnt sind? Die virtuelle Welt ist mittlerweile als ein eigener Kulturraum anzusehen, den sicherlich besonders die Gruppe der Jugendlichen stark für sich beansprucht. Allerdings ist die Nutzung auch vom technisches Know-how und der Verfügbarkeit geprägt. Beides wächst kontinuierlich. Fast alle Jugendlichen haben heute Zugang zu Computer (98 %) oder Internet (93 %). Mehr als 2/3 der 12- bis 19-Jährigen besitzen einen eigenen Computer, 45 Prozent haben einen eigenen Internetanschluss in ihrem Zimmer (JIM-Studie 2007 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest). Jugendhilfe und - Beratung würde sich somit einem wichtigem Lebensbereich der und Zugangsweg zu den Jugendlichen verschließen, wenn sie diesen Raum weiterhin ignoriert. Eine neue Form eines niedrigschwelligen Angebotes für eine bestimmte Altersgruppe also? Weit gefehlt, denn wenn wir uns die Entwicklung der Internetnutzung der hiesigen Bevölkerung genauer ansehen (www.agof.de; internet facts 2007-II; AGOF e.V. Oktober) so ist davon auszugehen, dass es mit der schnell wachsenden Verbreitung des Internets für Eltern, Kinder, Jugendliche und jungen Erwachsene immer selbstverständlicher werden wird, dass diese mit "ihrem" Medium Internet professionelle Hilfe in Form von Beratung in Anspruch nehmen.

Fazit

Es ist beeindruckend, was in diesem Buch mit gerade einmal 128 Seitenumfang und großer Schrifttype alles an Wissen in komprimierter Form für die Lesende gut verständlich - nur leider manchmal mit nicht gut durchdachter Strukturierung - aufgeschrieben wurde. Dieser Band ist nicht nur als die Beschreibung einer Fortbildungskonzeption zu lesen. Er ist auch all denjenigen zu empfehlen, die sich für diesen Bereich interessieren und einen lebendigen Eindruck und eine erste Ahnung darüber erhalten wollen, welche Möglichkeiten dieses Medium in der Zukunft für den Bereich der Sozialen Arbeit insgesamt bieten kann.


Rezensentin
Prof. Dr. Christine Huth-Hildebrandt
Fachhochschule Frankfurt am Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit


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Zitiervorschlag
Christine Huth-Hildebrandt. Rezension vom 30.11.2007 zu: Bernd Reiners: E-Mail-Beratung in der Jugendhilfe. Ein Handbuch für die Fortbildung. Nach dem Modell der Kinderschutz-Zentren. Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. (Köln) 2005. ISBN 978-3-9809332-0-9. Unter Mitarbeit von Karoline Reiter. Hrsg.: Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3863.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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