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Birgit Bütow: Mädchen in Cliquen

Cover Birgit Bütow: Mädchen in Cliquen. Sozialräumliche Konstruktionsprozesse von Geschlecht in der weiblichen Adoleszenz. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1374-0. 23,00 EUR.
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Thema

Birgit Bütow wendet sich in ihrer Habilitationsschrift einem außergewöhnlichen, lange verdeckten und vergessenem Thema zu, das nicht nur in der Kinder-, Jugend- und Sozialisationsforschung sondern auch in der Genderforschung eine Randstellung inne hat: der Funktion und Bedeutung von Gleichaltrigengruppen in der weiblichen Adoleszenz und in der Sozialisation. Wissen wir mittlerweile einiges über die Funktion und Bedeutung von Gleichaltrigengruppen für das biographische Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen und verfügen mittlerweile dank feministischer Mädchenforschung über weitreichende Erkenntnisse über das Aufwachsen von jungen Frauen, so wird in dem vorliegenden Band eine sehr sinnvolle Koppelung unterschiedlicher Perspektiven konsequent verfolgt. Auf der Basis zentraler theoretischer Zugänge wird insbesondere das Konzept "Sozialraum" favorisiert. Die Konstruktion von Geschlecht im Sozialraum Gleichaltrigengruppe wird u.a. auf der Basis von Interviews mit jungen Frauen im Rahmen eines sehr komplexen methodologischen Verfahrens beobachtet, beschrieben, analysiert, kategorisiert und zusammengefasst.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist aus einem abgeschlossenen Forschungsprojekt hervorgegangen. Dieses wurde durch das Land Thüringen im Rahmen des Hochschulsonderprogramms III gefördert. Gemeinsam mit Hans-Jürgen von Wensierski leitete die Autorin dieses Forschungsprojekt. So liegt ein im Jahr 2002 von Bütow/v.Wensierski veröffentlichter Bericht vor, der Aspekte der Bedeutung und Funktion von Gelichaltrigengruppen in der Jugendsozialisation anhand von Fallporträts ausführlich beschreibt und am Rande auf die Genderdimension eingeht. Durch den vorliegenden Band werden die Ergebnisse weiterentwickelt und durch eine ganz spezifische Akzentuierung neu verortet.

Aufbau und Inhalt

  1. Im ersten Kapitel gibt die Autorin einen kompakten Überblick über Forschungsergebnisse zu den Themen weibliche Sozialisation und Mädchen in Cliquen. Sie beschreibt u.a. sehr übersichtlich die Anfänge der feministischen Mädchenforschung und ermöglicht so auch der/dem fachfremden LeserIn, sich in die lange Erkenntnistradition einzufinden. Sie umreißt aktuelle theoretische Positionen, die sie mit der Differenzierung des Benachteiligungsparadigmas und dem konstruktivistischen Zugangs beendet. Es schließt sich ein Forschungsüberblick zu dem Thema Bedeutung von Gleichaltrigen in der Sozialisation an, der übergeht in die Thematisierung der Bedeutung und Funktion des Sozialraums. Bütow folgt hier dezidiert ihrem Anliegen, sich einer Rekonstuktion weiblicher Lebenswelten aus der Perspektive biographischer und sozialräumlicher Subjektpositionen von Mädchen im Jugendalter anzunähern.
  2. Darauf aufbauend formuliert die Autorin methodologische Überlegungen für die Bearbeitung von Fragestellungen im Forschungsprozess. In einem sehr ausführlichen Diskurs reflektiert sie, welche Verfahren, Zugänge und Forschungstraditionen aus welchen Gründen für die vorliegende Arbeit ein Gewinn sein könnten. Es wird dargestellt, inwieweit bzw. auf der Basis welcher Dimensionen Methoden der Gruppendiskussion sowie das biographisch-narrative Interview brauchbar sein können, um die komplexen, differenzierten Prozesse der Konstruktion von Geschlecht in und durch die Gleichaltrigengruppe zu erfassen. Bütow arbeitet heraus, dass sich das biographische Interview mittlerweile im Gegensatz zu Gruppendiskussionsverfahren in der Genderforschung auf eine lange Tradition beziehen kann, die diese Methode weitreichend diskutiert und eingesetzt hat. Bezüglich des Einsatzes von Gruppendiskussion im Forschungsprozess liegen weniger Erkenntnisse vor, was zu einer Schieflage bzgl. der Koppelung dieser ungleich erforschten Methoden führen könnte.
  3. In Kapitel 3 präsentiert die Autorin durch Fallporträts sehr interessante Einblicke in sozialräumlichen Konstruktionsprozessen von Geschlecht in Cliquen. Bütow kommt auf der Basis des Material zu dem Ergebnis, dass zwei zentrale Strukturdimensionen in der weiblichen Adoleszenz differenziert werden können: Statuspassagen der Mädchen stehen in engem Zusammenhang mit der Bedeutung und Konstitution der Gleichaltrigengruppe und Prozessen der Konstruktion von Geschlecht. In diesem Teil gelingt es der Autorin, die Mädchen in den Interviewpassagen für sich sprechen zu lassen. Es liegt ihr fern, vorschnelle Erkenntnisse präsentieren zu wollen.
  4. Sie führt diesen respektvollen Umgang mit dem Material fort, indem sie in Kapitel 4 die Erkenntnisse weiter analysiert und in Bezug zu den theoretischen Zugängen vom Anfang der Arbeit stellt. Deutlich wird folgendes Grunddilemma, das mittlerweile doch viele Kollegen und Kolleginnen im Rahmen von Forschungsprozessen immer wieder beschreiben: die Komplexität und Differenziertheit der Zusammenhänge, in unserem Kontext - die Vielfalt der Lebenswelten - erschwert es ungemein, Untrennbares zu trennen, "Wahrheiten" zu bündeln, Kategorien zu bilden. In Kapitel 4 wagt die Autorin erneut eine Systematisierung von Erkenntnissen, die insgesamt gelingt, doch den/die LeserIn mit einer unglaublichen Fülle an Differenziertheit zurücklässt.
  5. In Kapitel 5 wird die Kategorie "Mädchen" abschließend in den Blick genommen. Interessant ist in diesem Zusammenhang insbesondere, wie eng Cliquensozialisation von Mädchen mit der Biographie der Mädchen, ihrer Herkunftsfamilie und den Problemen darin verknüpft ist. Bütow arbeitet nun außerdem die Milieuspezifik und Dimensionen der sozialen Ungleichheit heraus. Sie endet mit einem Plädoyer für eine eigenständige Mädchen-, bzw. Gender- und Jugendforschung, die jedoch niemanden wirklich zu überraschen vermag.

Fazit

Das vorliegende Werk besticht durch seine Ausdifferenziertheit, seine genaue, präzise Beschreibung einerseits methodologischer Überlegungen, theoretischer Zugänge und andererseits einen wertschätzenden Umgang mit dem vorliegenden Material und analytische Tiefe. Die Kehrseite davon ist allerdings, dass die/der LeserIn sich große Mühe machen muß, den differenzierten Ausführungen von Bütow zu folgen. So eignet sich der Band eher für "fortgeschrittene" LeserInnenn, die in der Lage und Willens sind, in den Gegenstand einzutauchen.

Dieser Zusammenhang kann vor folgendem Hintergrund als problematisch bezeichnet werden: Bütow geht am Ende ihrer Arbeit in aller Kürze auf die schwierige Situation der Praxis der Mädchenarbeit ein. Sie beschreibt insbesondere ökomomische Zwänge in der Sozialen Arbeit, die u.a. die Abschaffung der Mädchenarbeit nach sich ziehen. Es stellt sich mir hier die Frage, ob wir durch eine zunehmende Distanzierung von Genderforschung (zunehmende Differenziertheit, Theoretisierung etc.) und Praxis der Mädchen- und Frauenarbeit (Kampf um die Existenz etc.) nicht den einmal sehr bedeutsamen gemeinsamen Focus aus dem Blick verlieren.


Rezensentin
Prof. Dr. Constance Engelfried
Sozialwissenschaftlerin, Hochschule für Angewandte Wissenschaften München, Leitung Master für angewandte Forschung in der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Constance Engelfried. Rezension vom 08.08.2006 zu: Birgit Bütow: Mädchen in Cliquen. Sozialräumliche Konstruktionsprozesse von Geschlecht in der weiblichen Adoleszenz. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1374-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3873.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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