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Immanuel Baumann: [...] Eine Geschichte der Kriminologie und Kriminalpolitik

Cover Immanuel Baumann: Dem Verbrechen auf der Spur. Eine Geschichte der Kriminologie und Kriminalpolitik in Deutschland 1880 bis 1980. Wallstein Verlag (Göttingen) 2006. 430 Seiten. ISBN 978-3-8353-0008-8. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR, CH: 78,00 sFr.

Reihentitel: Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (Hg. von Ulrich Herbert und Lutz Raphael), Band 13.
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Thema

Zwei Momente prägen das Selbstverständnis einer Wissenschaft in besonderer Weise: Das jeweils führende Denkmodell, das Paradigma, einerseits und ihr Verhältnis zur Praxis andererseits. Zwei Fragen, die in den letzten Jahren verstärkt wissenschaftshistorisch untersucht werden. Dabei gelingt es heute, auch die Phase des Nationalsozialismus in die Entwicklungsgeschichte der Sozialwissenschaften einzubinden. Dies gilt in besonderer Weise für die Kriminologie, die, zusammen mit der Psychiatrie, die extremen Varianten sozialen Verhaltens verwaltet. Deutlich wird dieses neu erwachte Interesse in einer Fülle einschlägiger Publikationen, von denen hier genannt seien:

  • Wetzell, R.: Inventing the Criminal. A History of German Criminology 1880-1945. Chapel Hill 2000;
  • Becker, P.: Verderbnis und Entartung. Eine Geschichte der Kriminologie des 19. Jahrhunderts als Diskurs und Praxis. Göttingen 2002,
  • Galassi, S.: Kriminologie im Deutschen Kaiserreich. Geschichte einer gebrochenen Verwissenschaftlichung. Stuttgart 2004;
  • Greve, Y.: Verbrechen und Krankheit. Die Entdeckung der Criminalpsychologie im 19. Jahrhundert. Köln 2004;
  • Müller, Chr.: Verbrechensbekämpfung im Anstaltsstaat. Psychiatrie, Kriminologie und Strafrechtsreform in Deutschland 1871-1933. Göttingen 2004;
  • Becker, P., Wetzell, R. (Eds.): Criminals and their scientists. The history of criminology in international perspective. Cambridge u.a. 2006.

 Insgesamt fällt dabei die Antwort auf beide Fragen recht eindeutig aus:

  1. Als leitendes Paradigma prägte das erbbiologisch-psychiatrische Bild des "Psychopathen", also des schon anlagemäßig gestörten gefährlichen Verbrechers die ganze Vorgeschichte dieser Wissenschaften bis in die Jahre nach dem 2. Weltkrieg. Ein Paradigma, das entlang einer Kausal-Achse, die von dieser Anlage bis hinein in die schlechten Umwelt-Einflüsse reichte, allenfalls Variationen in der Gewichtung dieser Ursachen ins Auge fasste, wobei man stets die Anlage betonte und Umwelteinflüsse vernachlässigte.
  2. Die zweite Frage nach dem Verhältnis zwischen Theorie und Praxis entsteht dann, wenn man über die reine Ideen-Geschichte hinaus auch den Prozess der wechselseitigen Einflüsse untersucht, also fragt, inwieweit die Ergebnisse der Theorie sich in der Praxis niederschlagen und umgekehrt, wie diese ihrerseits die Praxis beeinflusst. Eine Fragestellung, die zudem üblicherweise all zu eng auf die direkten Praxis-Politik-Auftrags-Kontakte und dort zumeist auf die Klage, nicht wahrgenommen zu werden, beschränkt bleibt, die man jedoch darüber hinaus auch auf einer gehobeneren ideologischen Ebene untersuchen kann, indem man fragt, wie sich allgemeine eugenische und rassistische Vorstellungen in der Theorie niederschlagen und wie diese sich umgekehrt in den Dienst solcher Ideologie einfügen, sie legitimieren und weiter verfestigen. Für den Bereich der Sozialpädagogik hat dies Manfred Kappelerin seinem Buch "Der schreckliche Traum vom vollkommenen Menschen. Rassenhygiene und Eugenik in der Sozialen Arbeit" (Schüren-Verlag, 2000) mustergültig analysiert.

Überblick

In zwei Momenten ergänzt Baumann dieses Bild. Zunächst verlängert er den untersuchten Zeitraum bis in die Wende der 80er Jahre. Sodann bezieht  er beide Seiten des Theorie-Praxis-Feldes in seine Untersuchung ein. Und zwar einerseits im Hinblick auf die  praktische Auswirkungen dieser Ideologie-Geschichte in der Gesetzgebung, in Gefängnisakten und Urteilen und andererseits im Wirken der Akteure am Beispiel der Entwicklung der kriminalbiologischen Gesellschaft und einschlägiger Biographien der beteiligten Wissenschaftler.

Baumann unterteilt seine Analyse in drei große Abschnitte, nämlich in die "Erfindung der Kriminalwissenschaft" von 1880 bis 1945, in die "Zeitenwende nach Kriegsende?" von 1945 bis 1959 und in die Zeit der "Reformation und Transformation" von 1959 bis 1974.

1 Erfindung der Kriminalwissenschaft

In Anlehnung an das führende medizinische Modell entwickelte sich in der ersten Phase das "Konzept der Minderwertigkeit zum Schlüsselbegriff in der Deutung abweichenden Verhaltens, der bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wirkmächtig" war und in dem ein "sozialpathologisches Gesellschaftsverständnis über Parteiengrenzen und wissenschaftliche Lager hinweg dominieren" konnte (S. 45,49). Der seinerzeit führende Kriminalpolitiker Franz von Liszt unterschied dementsprechend zwischen "besserungsfähigen Tätern" und "unverbesserlichen Gewohnheitsverbrechern", die letztlich durch Einsperren auf Lebenszeit "unschädlich" zu machen seien (50). Die sich daraus ergebende Suche nach empirischen Unterscheidungskriterien führte zur Einrichtung eines kriminalbiologischen Dienstes in den Strafvollzugsanstalten (95) sowie zur gesetzlichen Möglichkeit einer Zwangssterilisation und Sicherheitsverwahrung, die in der Weimarer Zeit entwickelt und im Dritten Reich dann auch realisiert wurden (80). Als Diskussionsforum diente im Jahr 1927 die Gründung der "kriminalbiologischen Gesellschaft", "ein Netzwerk, das kriminalbiologisch forschende Strafpraktiker, Verwaltungsbeamte und Universitätsprofessoren" zusammenführte (66). Als führender Wissenschaftler galt auch im Dritten Reich Edmund Mezger, dessen Denken zentral durch die Konzepte von "Rasse und Ausscheidung respektive Ausmerzung von Straftätern aus der Volksgemeinschaft geprägt war" (100), und der nach 1951 zum Vorsitzenden der kriminalbiologischen Gesellschaft wiedergewählt wurde (171).

Neben diese Doppelspur, die das klassische Strafrecht durch die "sichernde Maßregel" ergänzte, trat seit 1937 eine präventive dritte Spur, "die sich vor allem nach Kriegsbeginn radikalisierte: „Kriminelle“, „Asoziale“ und „Psychopathen“ wurden Opfer einer von Polizei und SS getragenen Vernichtungspolitik" (106), die schließlich seit 1940 auch Jugendliche zwischen 13 und 21 Jahren einschließlich „Negerbastarden“, „jüdischen Mischlingen“ und „Zigeunerkindern“ in sog. "Jugendschutzlagern" internierte. (108f).

2 Zeitenwende nach Kriegsende?

Nach 1945 konnte zunächst der Strafvollzug - wie einige Fallgeschichten zeigen - fast bruchlos ebenso weiter arbeiten wie die einschlägige Persönlichkeitsforschung und Begutachter-Praxis. Als "hegemoniale Schlüsselkonzepte" der frühen 50er Jahre fungierte etwa in den Lehrbüchern von Exner, Sauer, Mezger und Seelig  weiterhin eine Skala "deren äußersten Pole die reine "Anlage"- respektive  "Umweltbedingtheit" der Delinquenz fixierten" (167); Konzepte, die etwa von der Deutung des "frühkriminellen Rückfallverbrechers" des Schweizers Erwin Frey (175f) bis hinein in die viel diskutierte Maßregel einer "vorbeugenden Verwahrung" bzw. einer "Jungtäterverwahrung" nach dem Vorbild der Jugendschutzlager im Strafrechts-Entwurf der "Großen Strafrechtskommission" im Jahre 1959 reichten (189).

3 Reformation und Transformation

Der dritte Abschnitt einer 1959 einsetzenden Neuorientierung beginnt mit einer sorgfältig durchgeführten Analyse der Wandlungen des Kriminologen Thomas Würtenberger vom nicht allzu begeisterten NS-Dozenten-Führer zum Reformer, der an Stelle der überkommenen Anlage-Umwelt-Formeln zunächst auf die philosophische Anthropologie setzte, um sich später auch neueren sozialwissenschaftlichen Zugängen zu öffnen, und der als Vorsitzender der Kriminalbiologischen Gesellschaft deren Umbenennung in eine "Gesellschaft für die gesamte Kriminologie" betrieb, die dann auch 1967 erfolgte (260f).

Auch in der Jugendkriminologie kam es in diesen Jahren zu eine Renaissance psychoanalytischer und soziologischer Ansätze (Brauneck, Hellmer) mit entsprechenden "Forderungen nach Resozialisierung" (275); eine Entwicklung, der sich der Psychiater Paul Bresser  vehement entgegenstellte und die sich dann aber doch in der Prozess-Serie gegen den minderjährigen Mehrfachmörder Jürgen Bartsch auch auf der Ebene der Strafrechtsprechung niederschlug  (276f).

Schließlich folgte auch die Gesetzgebung dieser neuen Entwicklung, indem sie, deutlich beeinflusst durch einschlägige empirische Erhebungen und durch die Vorschläge einer Gruppe von liberalen Strafrechtsprofessoren, den sog. "Alternativprofessoren", die Institution einer "sozialtherapeutischen Anstalt" plante und die "Sicherungsverwahrung" als "ultima ratio" erheblich einschränkte (292ff). Eine Entwicklung, die sich in der Praxis freilich nicht voll durchsetzen konnte, und die in jüngster Zeit vor allem im Bereich des Sexualstrafrechts eher rückläufig tendiert.

Für die weitere Entfaltung dieses "neuen Paradigmas", das sich eher "schleichend", denn abrupt durchsetzen konnte, spielte seit 1969 ein "Arbeitskreis junger Kriminologen", in dem sich Doktoranden und Vertreter des akademischen Mittelbaus mit einer sehr heterogenen  wissenschaftlichen Zusammensetzung zusammenfanden (310ff), eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Auf der Basis eines soziologisch-sozialpsychologischen Interaktions-Ansatzes betonte man unter dem Schlagwort des "labeling-approaches"  die "etikettierende" und "stigmatisierende" Rolle strafrechtlicher Reaktionen, die schichtspezifisch selektive Auswahl der Straftäter und den herabsetzenden Defizit-Blick der klassischen Psychiatrie. Dieser Ansatz konnte - zum Leidwesen manch seiner Protagonisten - nach und nach auch in das neu erwachte kriminologische Denken eindringen und beeinflusste  vor allem im Jugendstrafbereich die Forderung nach einer "Diversion" (Kursangebote, Täter-Opfer-Ausgleich etc.), mit deren Hilfe man das strengere Jugendstrafverfahren zu vermeiden suchte.

Bewertung

Natürlich kann man, wie bei allen solchen historischen Rekonstruktionen bemängeln, was der Autor alles ausgelassen habe - etwa die Rolle von Armand Mergen  mit seiner viel umstrittenen "Kriminologischen Gesellschaft" und der "Beccaria-Medaille" oder die Arbeiten von Wolf Middendorf  zur "Jugendkriminologie" und von Fritz Bauer  mit seinem kritischen Aufruf "Verbrechen und Gesellschaft" auf der Ebene der beteiligten Wissenschaftler. Auch der Beitrag der beiden größeren kriminologischen Zeitschriften - Monatsschrift für Kriminologie bzw. Kriminologisches Journal - hätte den "institutionellen" Zusammenhang ebenso weiter verdeutlicht wie die Entwicklung der kriminologischen Institute, in denen nahezu durchweg konservative Professoren ihre kritischer eingestellten Assistenten förderten. Ein Blick auf die Entwicklung der Strafen - etwa zur Strafaussetzung zur Bewährung oder insbesondere zur Entfaltung der Geldstrafe, die beide das obsolete Zuchthaus und die schwindende (?) Freiheitsstrafe weithin verdrängt haben, oder auf das Jugendgerichtsgesetz von 1953 - hätten seine Ausführung zu den Maßregelstrafen sicher sinnvoll ergänzt.

Fazit

Als betroffener Zeitzeuge, der diese Entwicklung seit 50 Jahren mit erleben durfte, kann ich bestätigen, dass es Baumann  insgesamt sachlich wie aber auch bewertend sehr gut gelungen ist, die wesentlichen Momente dieser Entwicklung wie aber auch deren Zusammenhänge auf einer übergeordneten "ideologischen" Ebene zu erfassen. Eine Entwicklung, die - vor allem international mit dem Blick auf die USA - heute in mancher Hinsicht eher rückläufig mehr und längere Strafen verlangt, die Sicherheitsverwahrung ausdehnt, die Resozialisierung einschränkt und mehr und mehr auf polizeilich präventive Vorbeugungsmaßnahmen setzt sowie wissenschaftlich die Wiedergeburt des "Psychopathen" (Hare) und anderer soziobiologischer Monster erlebt. Eine unglückliche Rückentwicklung, deren Menetekel nach der Baumann-Lektüre vielleicht etwas deutlicher werden.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 08.08.2006 zu: Immanuel Baumann: Dem Verbrechen auf der Spur. Eine Geschichte der Kriminologie und Kriminalpolitik in Deutschland 1880 bis 1980. Wallstein Verlag (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-8353-0008-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3888.php, Datum des Zugriffs 10.04.2021.


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