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Helmut Kuntz: Der rote Faden in der Sucht

Cover Helmut Kuntz: Der rote Faden in der Sucht. Neue Ansätze in Theorie und Praxis. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 3., neu ausgestattete Auflage. 295 Seiten. ISBN 978-3-407-22174-2. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 30,80 sFr.

Beltz-Taschenbuch, Band 174.
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Thema

Begegnet man einer Person, die man für süchtig hält, liegt es nahe, für deren erstaunlich einseitiges und antriebstarkes  Verhalten nach einer Erklärung zu suchen, die man kausal nach dem Modell "Schlechtes folgt aus Schlechtem" in der Vergangenheit dieser Person verankern kann. In diesem Motiv wurzelt die kaum noch überschaubare Vielfalt einschlägiger "Sucht"-Theorien, unter denen psychoanalytische Ansätze mit ihren besonders ausgefeilten Konstrukten theoretisch wie im Common Sense ("gestörte Sozialisation") einen besonders hohen Rang besitzen. Problematisch wird es, wenn solche Rekonstruktionen praktisch relevant werden: In der Therapie im Versuch, solche frühen Erfahrungen (z.B. einen "sexuellen Missbrauch") aufzuarbeiten oder in der Prävention als Anliegen, solche üblen Wurzeln künftiger Sucht ("totale Abstinenz") frühzeitig auszuschalten, um schließlich damit auch in der gutachterlichen Prognose das weitere Schicksal solcher "Sucht"-Karrieren vorauszusagen. Problematisch werden diese Theorie-Konstruktionen dann, wenn sie vom Klienten und seiner sozialen Umwelt geglaubt werden und dann auch Real-Charakter gewinnen können: Als Stigma oder als Ausrede, aber auch als "heilsame" Deutung für das eigene sonst unerklärliche Verhalten, was ja die Basis einer jeden erfolgreichen Therapie ausmachen wird.

Das nunmehr in unveränderter 3. Auflage erschienene Buch des Familientherapeuten und Suchtberaters Helmut Kuntz bestätigt dies in dreifacher Weise. Seine Auflagenhöhe entspricht dem Aufklärungs-Motiv; seine theoretischen Überlegungen beleuchten deren Konstrukt-Charakter und seine einprägsamen Praxis-Beispiele zeigen, wie überflüssig und gelegentlich auch schädlich solche Theorien ausfallen können.

Inhalt

Das Buch zerfällt dementsprechend auch in zwei relativ unverbunden nebeneinander stehende Hauptteile.

  1. Im ersten Teil relativiert der Autor einige "lieb gewonnene" theoretische Konzepte vorwiegend psychoanalytischer Herkunft, die sich vor allem auf Störungen in den frühen Entwicklungsphasen stützen und die allenfalls mit Erikson noch Probleme früher Adoleszenz in ihre Überlegungen einbeziehen könnten. Als solche "Theorieungeheuer" (S.156), die häufig "nichts weiter als Übertragungen aus der ver-rückten Erwachsenenwelt in die ganzheitliche Lebenserfahrung des Kleinkindes" seien (123), kritisiert er etwa die anfängliche "Symbiose" zwischen Mutter und Säugling, Probleme der "Omnipotenz" und des "Narzissmus", das "Borderline-Konzept", die naive Vorstellung der Sucht als Krankheit und den Zusammenhang zwischen Sucht und Aggression. Stattdessen betont der Autor zu Recht einerseits die schon sehr früh einsetzende interaktiv ausgerichtete Eigenaktivität des Kleinkindes und dessen Aufgabe, unterschiedliche Stufungen seines "Selbst" ineinander zu integrieren (84f). Andererseits bestehe aber auch die Möglichkeit, dass, trotz intakter Sozialisation, Überforderungserfahrungen auch später noch - bis hinein in die selten behandelten Alters-Süchte (88) - ein süchtiges Verhalten auslösen können. Letztlich gehe es bei einem süchtigen Verhalten  immer darum, den "Verlust von Urheberschaft und konstruktiver Wirksamkeit auszugleichen", um auf diese Weise den eigenen "Selbst-Wert stabil zu regulieren". Eben darin bestehe "der rote Faden der Sucht" (94f). So einleuchtend diese an sich fast selbstverständliche, da nahezu tautologische Deutung (Sucht = Verlust der Eigenwirksamkeit) ausfällt, so überflüssig wirkt auch schon in diesem ersten Hauptteil der gesamte theoretisierende Ableitungsapparat. Hier kann sich der Autor zwar mit Recht auf die einschlägige Säuglingsforschung (D. Stern) stützen, obwohl er dies eigentlich für den praktischen Teil nicht benötigt. Und warum bemüht er  Liedloffs "gattungsmäßig übergreifendes Kontinuum", dessen "Geheimnis die 'Erfahrungskette' ist, die einen Menschen auf sein Erdenleben vorbereitet und die mit den Abenteuern der ersten einzelligen Einheit lebender Substanz begann",  um auf diese Weise zu begründen, dass "das 'Wissen' des Neugeborenen über die eigenen Bedürfnisse und ihre 'richtige' Befriedigung unfehlbar" sei (38)?
  2. In seinem zweiten Hauptteil schöpft der Autor dagegen realitätsnäher aus seiner breiten Praxiserfahrung. Am Beispiel der Schule und Verwaltung demonstriert er für alle Betroffenen  "wie  'normal' und alltäglich die Gefährdung ist, tief gehende Einbrüche im Selbst-Gefühl von Urheberschaft und Wirksamkeit zu erleiden. Die frühkindlichen 'Störungen', die angeblich jeder Sucht vorausgehen, sind in weiten Teilen ein Mythos" (199). Er bringt Beispiele aus seiner familientherapeutischen Praxis insbesondere zur Co-Abhängigkeit und zur mehrgenerationalen Familienproblematik und verweist auf die gerne übersehenen positiven Funktionen auch des Drogen-Konsums: "Je mehr wir über die himmlische Freuden versprechenden Wirkungen von Rauschmitteln wissen, desto eher bekommen wir in der praktischen Arbeit einen Zugang zu der Welt der Drogenbenutzer. Es ist präventiv wie therapeutisch unergiebig, nur auf den unbestreitbaren Risiken und Gefahren von Rauschgiften herumzureiten" (208). Aus therapeutischer Sicht unterstreicht er schließlich die im Prozess von Übertragung und Gegenübertragung entstehenden Chancen und Risiken einer auch den Therapeuten treffenden "Co-Abhängigkeit", die in Beziehungsmanipulation und in erfolgsorientierten  "Wirksamkeitsfallen" (226ff) enden kann. Insgesamt plädiert  Kuntz für einen "unorthodoxen Therapiestil", in den er auch Praktiken wie die "6-Wochen-ohne-Methode", vorsichtig dosierte Körper-Kontakte und "Inszenierungen" einbezieht.

Fazit

Wer sich auf einfache Weise über die Arbeit eines Suchttherapeuten informieren will, sollte auch weiterhin zu diesem Buch greifen, wobei man dessen „Theorie“ weniger ernst nehmen sollte,  als seine positive Grundeinstellung gegenüber den Klienten und sein „überlebensfähiges Maß an Hoffnung“.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 25.07.2006 zu: Helmut Kuntz: Der rote Faden in der Sucht. Neue Ansätze in Theorie und Praxis. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 3., neu ausgestattete Auflage. ISBN 978-3-407-22174-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3893.php, Datum des Zugriffs 19.01.2020.


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