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Uwe Brucker (Hrsg.): Aufgaben und Organisation der Betreuungsbehörde

Cover Uwe Brucker (Hrsg.): Aufgaben und Organisation der Betreuungsbehörde. Praxishilfe für Betreuungsbehörden, Betreuungsvereine, Berufsbetreuer und Bevollmächtigte. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 1999. 214 Seiten. ISBN 978-3-923098-68-2. 16,40 EUR.
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Das Thema

Dem Herausgeber ist es gelungen, eine sehr engagierte und kompetente Gruppe von Mitautoren dafür zu gewinnen zu einem Thema zu schreiben, das möglicherweise nur einen relativ kleinen Kreis von Experten erreichen kann. Vielleicht wäre es unter diesem Aspekt ratsam gewesen, bereits im Titel darauf hinzuweisen, dass u.a. die Darstellung der Probleme und erste Erfahrungen im Kontext mit der Einführung des neuen Betreuungsrechts-änderungsgesetzes breiten Raum finden. Dabei werden nicht nur die für Betreuungsbehörden relevanten Aspekte besprochen, sondern alle Bereiche berücksichtigt.

Autoren und Inhalte

Axel Bauer, der bekannte Autor des Heidelberger Kommentars zum Betreuungs- und Unterbringungsrecht, macht den Einstieg mit einer Untersuchung über die Folgen für die an der Betreuung beteiligten Personen und Institutionen, die sich mit dem in Kraft treten des Betreuungsrechtsänderungsgesetzes zum 1.1.1999 ergaben. Es ist eine überaus kritische Folgenbeschreibung. Neben aller Kritik spürt man aber immer auch noch etwas vom Elan und Engagement, das viele Fachleute - sicher auch Herrn Bauer - beflügelte, als im Jahr 1992 die Reform des Vormundschafts- und Pflegschaftsrechts Chancen eröffnete, eine alte und überholte Rechtspraxis völlig neu zu gestalten. Bei der Auseinandersetzung mit dem BtÄndG beschreibt und begründet Bauer im Detail, wo es seiner Meinung nach in dieser "rückwärtsgewandten" Reform der Reform vor allem hakt. Er zieht eine fast bittere Bilanz und befürchtet, dass aus einer ehemals wohlfahrtsstaatlich-gesellschaftlichen Verpflichtung zur Fürsorge für den schutzbedürftigen Schwachen bald ein Privatrisiko werden wird, gegen das man sich künftig am besten privat (siehe Pflegeversicherung) versichern sollte.

Werner Bienwald beschäftigt sich mit einer zumindest für Mitarbeiter von Betreuungsbehörden sicher provokanten Frage: Wird die örtliche Betreuungsbehörde gebraucht, wer braucht sie und wozu wird sie gebraucht? Keine Angst ! Natürlich meint auch Bienwald, dass auf die Betreuungsbehörden nicht verzichtet werden kann. Bis er zu diesem Ergebnis kommt, analysiert er sorgfältig, wie - unter Berücksichtigung der gesetzlichen Bestimmungen - die Rolle der Betreuungsbehörde zu beschreiben ist. In diesem Zusammenhang verweist er auch auf die Tatsache, dass Betreuungsbehörde und Betreuungsstelle nicht synonyme Bezeichnungen für dieselbe Sache sind und die Existenz einer Betreuungsstelle gesetzlich nicht in gleicher Weise abgesichert ist, wie das zweifelsfrei für die Betreuungsbehörde gelte.

Mit Beiträgen der Hochschullehrer Rainer Pitschas und Thomas Klie schließt das Buch die Stellungnahmen aus dem Bereich der Lehre und Forschung ab. Rainer Pitschas thematisiert eine mögliche künftige Organisation der Betreuungsbehörden in Konsequenz einer zukunftsorientierten Aufgabenstellung. Er plädiert für eine grundlegende dritte Reform durch den Gesetzgeber, sieht die Notwendigkeit, ein öffentliches Betreuungsmanagment im Betreuungswesen zu etablieren und fordert die Einsetzung von Controlling-Instrumenten, um die Effektivität und Effizienz der Betreuung zu sichern. An dieser Nahtstelle künftiger Planungen verweist Pitschas auf die Tatsache, dass auf den Sozialdatenschutz neue Aufgaben zukommen werden.

Dem Thema Datenschutz widmet sich Thomas Klies Beitrag. Er stellt Grundsätze für den Datenschutz im Rahmen der Aufgabenstellung von Betreuungsbehörden vor. Mancher Mitarbeiter einer Betreuungsbehörde wird sich da die Augen reiben. Es ist wohl nicht ganz abwegig, wenn auch Thomas Klie vermutet, dass der Beachtung des Datenschutzes oft nur sehr untergeordnete Bedeutung eingeräumt wird.

Um vor allem auch Praktikern Probleme des Datenschutzes zu erläutern, vertieft Guy Walther von der Betreuungstelle Frankfurt a.M. nochmals diese Thematik. Mit diesem Beitrag beginnen auch die Beiträge der Autoren, die im praktischen Vollzug des Betreuungsrechts wirken, hauptsächlich bei Betreuungsbehörden, Betreuungsstellen bzw. Landesbetreuungsstellen.

Gleich zwei Aufsätze beschäftigen sich mit dem aktuellen Thema Vorsorgevollmachten, Betreuungsverfügung und Patientenverfügung. Susanne Wegener schildert sehr anschaulich aus ihrer Praxis in Hamburg, dass es offensichtlich dort auch viel Misstrauen seitens des Systems der Profis im Betreuungswesen gegenüber den Bevollmächtigten gibt. Uwe Brucker greift das Thema sehr systematisch auf, macht Vorschläge für Standards der Vollmachtserteilung und Vollmachtsflankierung und setzt sich abschließend damit auseinander, welche Alternativen es zur Vorsorgevollmacht geben könnte. Gemeint sind damit implizit natürlich auch die Alternativen zur Bestellung eines Betreuers.

Endlich, möchte man sagen, nach soviel Theorie und generellen Fragestellungen, geht es zur Sache: Konrad Gutzeit-Löhr und Christine Dreier führt den Reigen der Autoren an, die über die Praxis in Betreuungsbehörden berichten und deren Probleme thematisieren. Die genannten Autoren beschreiben die Lage und Entwicklung örtlicher Betreuungsbehörden und formulieren Standards der Betreuungstelle zur Ehrenamts- und Vereinsarbeit. Besonders interessant ist der Bericht über eine Frankfurter Kampagne, bei der es gelungen ist, innerhalb eines Jahres 62 neue ehrenamtliche Betreuer zu gewinnen. Die Kosten dieser Aktion betrugen nur ca. DM 60.000. Um so erfolgreich zu sein, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden: Eine genaue Zielgruppenansprache, sinnvolle Zeitplanung, zeitnahe Aufarbeitung der Meldungen und viel Engagement der Akteure. An diesem Beispiel zeigt sich, dass bei konsequenter und strategischer Nutzung der Möglichkeiten einer Betreuungsbehörde/Betreuungsstelle der Auf- und Ausbau auch der privaten Säule des Betreuungswesens erfolgreich verlaufen kann. Diese Thematik schließt ab mit einigen sehr nützlichen Empfehlungen von Ulrich Wöhler zur Frage, welche Anforderungen an Betreuerinnen und Betreuer zu stellen sind.

Die Betreuungsbehörden haben auch die Aufgabe, auf Anordnung des Vormundschaftsgerichtes Betroffene zwangsweise dem Richter oder dem Gutachter vorzuführen. Diesem sehr sensiblen Thema nimmt sich sehr anschaulich und praxisrelevant Guy Walter an. Herbert Ruth stellt anschließend Standards für Berufsbetreuer vor. Nach Darstellung der gesetzlichen Vorgaben wird die Entwicklung des Berufs "Betreuer" nachgezeichnet und die diskutierten Eignungs- und Auswahlkriterien näher beleuchtet. In seinen Schlußbemerkungen hofft Ruth auf eine künftig einheitliche Festlegung von Standards für Berufsbetreuer- auch und gerade für freiberufliche Betreuer. Günter Hartmann stellt die Ergebnisse einer Studie vor, die sich mit dem Stand, Selbstverständnis und den Entwicklungsmöglichkeiten der Arbeit von Betreuungsbehörden auseinandersetzt. Hier wäre der Herausgeber zu fragen, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, eine solche Übersichtsdarstellung zur Ist-Situation mit Diagrammen und Statistiken als Einstieg an den Anfang des Buches zu stellen.

Die beiden Autorinnen Brunhilde Ackermann und Heide Schmidt runden mit ihren sehr engagierten Beiträgen das Bild aus der Praxis der Betreuungsbehörden sehr sinnvoll ab. Frau Ackermann berichtet von ihren Erfahrungen bei der Betreuungsbehörde in Kassel und Heide Schmidt beschreibt die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen überörtlichen und örtlichen Betreuungsbehörden im Freistaat Sachsen.

Zum Anhang: Etwas unverständlich bleibt allerdings, weshalb bei dem gewählten Titel des Buches nicht wenigstens das wirklich nicht sehr umfangreiche komplette Betreuungsbehördengesetz in den Anhang aufgenommen wurde. Dort finden sich ausschließlich die Änderungsbestimmungen zum neuen Betreuungsrechtsänderungsgesetzes.

Fazit

Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch mit vielen verwertbaren Hinweisen, Auskünften und Vorschlägen als Pflichtlektüre in die Hand des Praktikers in der Betreuungsbehörde oder Betreuungsstelle.


Rezensent
Dr. Peter Michael Hoffmann
freier Autor, Lehrbeauftragter Hochschule Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Peter Michael Hoffmann. Rezension vom 01.03.2001 zu: Uwe Brucker (Hrsg.): Aufgaben und Organisation der Betreuungsbehörde. Praxishilfe für Betreuungsbehörden, Betreuungsvereine, Berufsbetreuer und Bevollmächtigte. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 1999. ISBN 978-3-923098-68-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/39.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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