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Mario Gollwitzer, Manfred Schmitt: Sozialpsychologie

Cover Mario Gollwitzer, Manfred Schmitt: Sozialpsychologie. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2006. 248 Seiten. ISBN 978-3-621-27575-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,50 sFr.

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Die Autoren

Beide Autoren lehren Psychologie am Fachbereich Psychologie der Universität Koblenz-Landau.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist als Lehrbuch konzipiert, dass den Inhalt des Grundlagenfachs Sozialpsychologie repräsentativ und gleichzeitig effizient vermitteln will. Es soll „zentrale Themen und wichtige Theorien der Sozialpsychologie, klassische Untersuchungen und Befunde sowie jene Methoden, derer sich die sozialpsychologische Forschung bedient„ [1] so kompakt wie möglich darstellen.

Die Autoren haben sich zum Ziel gesetzt ein Lehrbuch unabhängig von den aktuellen Theorie- und Themenmoden zu schreiben und für die als Leser gedachten Studierenden „wissenschaftshistorisch nachhaltige Themen und zeitlose Fragstellungen in den Vordergrund zu rücken„ [2]. Zudem soll der Bezug der Sozialpsychologie zu Anwenungsfeldern exemplarisch aufgezeigt werden. Das Buch ist in drei Teile gegliedert:

  1. Klassische Theorien, mit den Unterkapiteln:
    • Konsistenz- und Balancetheorien
    • Theorie sozialer Vergleichsprozesse
    • Austausch- und Ressourcentheorien
    • Gerechtigkeitstheorien
    • Soziale Identitätstheorie
    • Rollentheorie
    • Handlungstheorien
    • Attributionstheorien
    • Evolutionsbiologische und sozialbiologische Theorien
  2. Spezielle Themen der Sozialpsychologie, mit den Unterkapiteln
    • Sozialer Einfluss
    • Soziale Einstellungen
    • Aggressives Verhalten
    • Altruismus und Hilfsbereitschaft
    • Soziale Gruppen
  3. Methoden, mit den Unterkapiteln
    • Methodologische Grundbegriffe
    • Forschungsansätze
    • Methoden der Datengewinnung
    • Sozialpsychologische Methodenartefakte

Zu jedem Kapitel gibt es eine Zusammenfassung sowie einen Kommentar der Autoren zum Problem- und Forschungsstand, kommentierte Hinweise auf weiterführende Literatur und Übungsaufgaben, die Anregungen bieten, sich produktiv mit dem Text auseinander zu setzen. Jedes Kapitel beginnt mit einer kognitiven Landkarte und gibt im Layout herausgehoben Auskunft zu klassischen Experimenten des Themenfeldes.

Diskussion

Das Buch ist sehr ansprechend und leserfreundlich gestaltet und ist sicher gut geeignet für alle, die sich einen ersten Zugang zur Sozialpsychologie erarbeiten wollen.

Mir scheint es generell sehr sinnvoll zu sein wie im vorliegenden Lehrbuch Handlungstheorie im Sinne der Handlungsregulationstheorie (z.B. Volpert) als Thema der Sozialpsychologie zu behandeln über die klassischen „einfachen“ Ansätze hinaus. Aber man könnte darüber nachdenken, ob nicht auch Heider unter dem Aspekt der Handlungstheorie behandelt werden könnte und es fällt auf, dass Dörner [3], der die Handlungstheorie als psychologische Integrationstheorie behandelt, die sicher auch als Folie für viele der behandelten Themen hilfreich wäre, gar nicht erwähnt wird.

Der von den Autoren angekündigte Anwendungsbezug bleibt leider spärlich [4]. Gerade beim Thema Gewalt wären sicher für Pädagogikstudierende Hinweise auf weiterführende, praxisbezogene Literaturhinweise hilfreich, wie z.B. Nolting [5], oder ein Verweis auf praxisbezogene Forschungsarbeiten wie von Graf/Ottomeyer [6], die dazu noch über szenisches Verstehen einen alternativen Weg sozialpsychologischer Forschung zeigen.

Bei der Darstellung des Themas Soziale Gruppen ist der Fokus reduziert auf Gruppen in Leistungssituationen, was sicher vertretbar ist, aber leider auch dazu führt, dass Gruppendynamik und Lewin als einer der einflussreichsten Gruppentheoretiker gar nicht erwähnt wird.

Die Auswahl der Themen ist unter den selbstgewählten Vorgaben insgesamt nachvollziehbar, allerdings fehlt mir doch das Thema Kommunikation, das zu den klassischen Themen der Sozialpsychologie gehört und als theoretischer Hintergrund für Soziale Gruppen, Sozialer Einfluss u.a. von Bedeutung ist; und statt Austausch- und Ressourcentheorien wäre es auch denkbar, das darunter nur subsummierte Thema „Macht“ als eigenes Kapitel zu behandeln.

Auch dass eine quer zum Mainstream stehende deutsche Sozialpsychologie, die Traditionen von der Völkerpsychologie bis zur Psychoanalyse aufgreift wie die von Laucken [7] nicht erwähnt wird, und die Sozialpsychologie der DDR [8] als eine Tradition mit eigenen Themen auch nicht existiert, mag man als Schönheitsfehler ansehen.

Die Gewichtung einzelner Themen bei einem so kompakten Text (ich möchte solche Entscheidungen nicht treffen müssen)  ist natürlich immer kritisierbar, aber vielleicht sei doch der Hinweis gestattet, dass das Thema Sexualität, das auf anderthalb Seiten (123/124) abgehandelt wird und zu den traditions- und konfliktreichen Themen der Sozialpsychologie gehört, auf Partnerwahl und Kontaktverhalten [8] in evolutionspsychologischer Sicht reduziert wird. Hinweise auf Genderfragen und die Diskussion um sexuelle Identität [10] hätten zumindest in der weiterführenden Literatur einen Platz verdient.

Fazit

Insgesamt ist es ein empfehlenswerter einführender Text, der einen didaktisch hervorragend aufgearbeiteten, guten Überblick über relevante Themen der Sozialpsychologie mit vielen interessanten Verweisen auf eine lange Forschungstradition mit den genannten Einschränkungen gibt.


[1] aus dem Vorwort

[2] Ebenda

[3] z.B. einführend: Doerner, D. (2005) Handeln. In: Schütz, A. u.a. (Hrsg.). (3. vollst. überarb. u. erw.  Aufl. 2005). Psychologie. Stuttgart: Kohlhammer

[4] Es sei nur verwiesen auf eine alte Arbeit, die das exemplarisch versucht hat: Brehm, S.S. (1980, amerik. Orig. 1976). Anwendung der Sozialpsychologie in der klinischen Praxis. Bern usw. : Huber

[5] Nolting, H.P. (Überarb. und erw. Neuausgabe. 2005). Lernfall Aggression. Wie sie entsteht – wie sie zu vermindern ist. Eine Einführung. Reinbek: Rowohlt

[6] Graf, W. und Ottomeyer, K. (1989). Szenen der Gewalt in Alltagsleben, Kulturindustrie und Politik. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik

[7] Laucken, U. (1998). Sozialpsychologie. Geschichte – Hauptströmungen - Tendenzen. Oldenburg: Biblitheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg

[8] Letzte mir bekannte Auflage: Hiebsch, H. & Vorwerg, M. (2. Aufl. 1980). Sozialpsychologie.  Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften

[9] Die auch forschungsmethodisch beispielhaften und gut zu lesenden Arbeiten von Grammer sollten dazu zumindest als Literaturhinweis aufgeführt werden, z.B.: Grammer, K. (1993). Signale der Liebe. Die biologischen Gesetze der Partnerschaft.  Hamburg: Hoffmann & Campe

[10] vgl. z.B. : Sigusch, V. (2005). Neosexualitäten. Frankfurt: Campus


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Terbuyken
Studienleiter i.R. Evangelische Akademie Loccum
Homepage www.loccum.de
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Zitiervorschlag
Gregor Terbuyken. Rezension vom 08.08.2006 zu: Mario Gollwitzer, Manfred Schmitt: Sozialpsychologie. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-621-27575-0. Workbook. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3906.php, Datum des Zugriffs 24.02.2018.


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