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Heidi Kondzialka: Emanzipation ist Ehrensache. [..] junger Frauen türkischer Herkunft

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Päd. Yalcin Yildiz, 19.09.2006

Cover Heidi Kondzialka: Emanzipation ist Ehrensache. [..] junger Frauen türkischer Herkunft ISBN 978-3-8288-8779-4

Heidi Kondzialka: Emanzipation ist Ehrensache. Netzwerkbeziehungen, Sexualität und Partnerwahl junger Frauen türkischer Herkunft. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 157 Seiten. ISBN 978-3-8288-8779-4. 24,90 EUR.
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Einführung

Die weiblichen Folgegenerationen von insbesondere türkischen PioniermigrantInnen stehen seit geraumer Zeit wieder im Fokus des gesellschaftlichen wie auch wissenschaftlichen Interesses. Dabei waren vor allem die barbarischen Kollektiv-Exekutionen zwischen 1999 und 2005 (45 Morde!) ausschlaggebend. Im Rahmen dessen entstand eine große literarische Marktnische, in dem vor allem türkischstämmige Autorinnen mittels semi- bzw. non-wissenschaftlicher Arbeiten und Autobiografien nicht nur ihre Traumata, soweit sie denn der Realität entsprechen, aufgearbeitet, sondern auch mit der türkischen Gesellschaft und Kultur abgerechnet haben. So hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte "Konvertiten-Ultraszene" um Seyran Ates, Necla Kelek und Serap Cileli gebildet und genießt, wenn wundert es, großes Ansehen bei den neobajuwarischen Assimilationsverfechtern à la Stoiber und Beckstein.

Es gibt aber auch wissenschaftliche Arbeiten, die nicht am lukrativen Phantasmagorie-Kuchen partizipieren und sich dem Ehrenkodex der empirischen Wissenschaftlichkeit verpflichtet fühlen. Hierzu gehören allen voran die Arbeiten von

  • Schöpe-Kahlen, Annette: "Es ist ein Reifungsprozess. Den hat man sicher, egal, wo man lebt". Wie Migrantinnen ihren Integrationsprozess erleben, verarbeiten und bewerten, Bern u.a.   2005 (https://www.socialnet.de/rezensionen/3213.php)
  • Riegel, Christine: Im Kampf um Zugehörigkeit und Anerkennung. Orientierungen und Handlungsformen von jungen Migrantinnen. Eine sozio-biografische Untersuchung, Frankfurt   2004 (https://www.socialnet.de/rezensionen/3149.php
  • Haubner, Angela: Ausländische Inländerinnen. Migrantentöchter in der Postmoderne, Frankfurt   2005 (https://www.socialnet.de/rezensionen/3150.php)
  • Hiltrud Schröter: Mohammeds deutsche Töchter, 2002
  • Zentrum für Türkeistudien (Hrsg.):Migration und Emanzipation: türkische Frauen in NRW verwirklichen ihre beruflichen und privaten Vorstellungen, Opladen   1995
  • Mitra Payandeh: Emanzipation trotz Patriarchat? Türkische Frauen des Bildungsmilieus berichten über ihre Leben: eine qualitative Fallstudie   2002
  • Silke Riesner: Junge türkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Analyse von Sozialisationsbedingungen und Lebensentwürfen anhand lebensgeschichtlich orientierter Interviews, Frankfurt a. M./London   1995        

Entstehungshintergrund 

Heidi Kondzialka ist Diplom-Soziologin und 1977 in Dortmund geboren. Sie hat an der TU Dresden und FU Berlin Soziologie (Schwerpunkt: Mikrosoziologie bzw. Soziologie der Geschlechterverhältnisse), Psychologie und Erziehungswissenschaft studiert. Darüber hinaus hat sie ein sechsmonatiges Praktikum am Europäischen Migrationszentrum in Berlin absolviert.       

Die vorgestellte Untersuchung entstand an der TU Dresden und wurde mit dem "Marianne-Menzzer-Förderpreis zur Geschlechterforschung 2004" honoriert. Die Sozialwissenschaftlerin möchte in ihrer Arbeit einen vielschichtigen Einblick in die gegenwärtige Lebenssituation von türkischen Migrantinnen in Deutschland zwischen Integration und Tradition bieten. Dabei geht sie folgenden Fragen nach: Wie gestalten die Frauen ihre Sexualität und Partnerwahl vor dem Hintergrund der Erwartungshaltungen ihrer Familien und den Optionen der Aufnahmegesellschaft? Welchen Einfluss haben die Freundschafts- und Familienbeziehungen auf die Lebensverläufe der Frauen? Hierzu Kondzialka in ihrer Einleitung: "Ausgangspunkt der vorliegenden Studie ist die Hypothese (...), dass junge Frauen türkischer Herkunft sich bezüglich ihrer Handlungsentwürfe in einem potentiellen Spannungsfeld befinden, das sich aus den Erwartungshaltungen von Herkunftskultur und -familie und den Optionen der Aufnahmegesellschaft ergibt. In der vorliegenden Arbeit sollen spezifische Aspekte in Lebenssituationen junger Frauen türkischer Herkunft in Deutschland nachgezeichnet, individuelle Deutungsmuster und Bewältigungsformen identifiziert und generalisierbare Tendenzen abgelesen werden (...) Ziel der Untersuchung ist die Analyse der individuellen Konfliktfelder und die Identifizierung von Bewältigungsmustern, die die Frauen im Umgang mit Diskrepanzen zwischen den Erwartungshaltungen der Familie und der Aufnahmegesellschaft entwickeln" (S. 9). Einem ressourcenorientierten und  diskurskritischen Ansatz entsprechend will sie beweisen, dass das bipolare Spannungsfeld mit den Erwartungshaltungen der Herkunftskultur auf der einen Seite und den Handlungsalternativen der Aufnahmekultur auf der anderen Seite nicht zwangsläufig zu einer "Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen" (ebenda) führen muss. Vielmehr möchte sie konstatieren, dass die ambivalente Lebenswelt neben Belastungen auch Freiheiten wie die "Integration verschiedener Orientierungsmuster" (ebenda) darbringen kann.

Dabei stellt die Autorin heraus, dass die jungen Frauen in sog. "Interkulturellen Zwischenwelten" innovative Handlungskonzepte generieren und nicht  den bestehenden Handlungsstrategien des ethnischen Netzwerks und der Aufnahmegesellschaft unterworfen sind.              

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit besteht aus sechs Kapiteln.

  1. Kapitel 1 (S. 7 - 11) ist die Einleitungund dient als Hinführung zur Thematik. Neben der Forschungsbedeutung des Feldes wird der derzeitige politisch-mediale Umgang mit türkischen Migrantinnen kritisch umrissen. Abgeschlossen wird dieser Part mit dem Forschungsinteresse sowie der Reflexion des Forscherstandpunkts und der sozialwissenschaftlichen Forschung im Allgemeinen.
  2. Im 2. Kapitel (S. 12 - 42) möchte Kondzialka unter der Überschrift "Frauen türkischer Herkunft in Deutschland" in die Aspekte der Migrations- und Geschlechterforschung mit dem Schwerpunkt der sozialwissenschaftlichen Forschung über türkische Migrantinnen einführen. Dabei wird nicht nur die Forschungsgenese abgebildet, sondern auch die thematischen Schwerpunktsetzungen und Forschungsideologien. Neben der theoretischen Verortung der Studie wird die Stellung von Migrantinnen im Herkunfts- und Migrationskontext unter dem Aspekt des Ehrkonzepts und der Erziehungsvorstellungen der ersten Generation durchleuchtet.
  3. Kapitel 3 (S. 43 - 58) dient der Beschreibung der Methode der vorliegenden Untersuchung und der Vorstellung der befragten Frauen anhand von Kurzbiografien. Die Konzeption der Studie und die Auswertung des empirischen Materials orientieren sich an der Methode der Sozialwissenschaftlichen Hermeneutik bzw. Hermeneutischen Wissenssoziologie. Im Rahmen narrativ-problemzentrierter Interviews wurden neun Probandinnen befragt, wobei sechs Interviews in die Analyse aufgenommen wurden. Die interviewten Frauen kommen aus Berlin und sind zwischen 19 und 30 Jahre alt. Sie gehören der klassischen zweiten Migrantengeneration an.        
  4. Kapitel 4 (S. 59 - 127) stellt unter der Überschrift "Netzwerbeziehungen, Partnerwahl und Sexualität" die Auswertung der Interviews dar. Hier werden die Lebenssituationen und Handlungsmuster der Probandinnen anhand ihrer Netzwerkbeziehungen, der Partnerwahl und Sexualität nachgezeichnet.
  5. Kapitel 5 (S. 128 - 134) ist die Zusammenfassung  der Ergebnisse.
  6. Der Ausblick befindet sich im Kapitel 6 (S. 135 - 136).              

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an SozialarbeiterInnen, PädagogInnen und PsychologInnen, die direkt oder indirekt mit dem Themenbereich Migration in Berührung kommen. Vor allem StudentInnen der Soziologie und Pädagogik erwartet hier eine detaillierte und leichtlesbare Einführung in das Metier, die trotz Transparenz und Bündigkeit nicht oberflächlich bleibt und somit einen fundierten sowie tiefgründigen Einstieg für die weitere wissenschaftliche Betätigung vorstellt.          

Diskussion

Ich  möchte mir erlauben, das Buch "Emanzipation ist Ehrensache" mit der Arbeit "Das schwache Geschlecht - die türkischen Männer" von Ahmet Toprak (https://www.socialnet.de/rezensionen/3252.php) zu vergleichen. Es ist geradezu der feminine Gegenpart zu der Männerstudie des türkischen Wissenschaftlers, wobei sich Qualität und Quantität der beiden Arbeiten sehr ähneln.

Es ist schon erstaunlich, dass Kondzialka auf 157 Seiten (!) eine kompakte wissenschaftliche Arbeit aufstellt und den Forschungsgegenstand sowohl in theoretischer als auch empirischer Hinsicht durchgehend eruiert. Besonders wertvoll sind die kritischen Ausführungen bezüglich der Forschungsgenese und des eigenen Forschungsstandpunkts, die in den meisten Arbeiten leider meist zu kurz kommen oder erst gar nicht angesprochen werden.

Den einzigen Schwachpunkt der Arbeit bilden die Ausführungen über die erste Migrantengeneration. So heißt es auf Seite 36 bis 37: "Die Migrationserfahrung der ersten Generation ist vielfach geprägt durch die Konfrontation mit einem weit gehend fremden 'westlichen' Wertesystem und der Erfahrung sozialer Schließungsmechanismen der Aufnahmegesellschaft und Diskriminierungserfahrungen (...) Die Folgen manifestieren sich (...) auch in Unverständnis und Ablehnung gegenüber den Norm- und Wertvorstellungen der Aufnahmegesellschaft (...) Diskrepanzen zwischen den Norm- und Wertvorstellungen der Migranten und dem Wertesystem der Aufnahmegesellschaft (...) können nicht innerhalb einer Generation, vor allem nicht innerhalb eines Lebensverlaufs, bewältigt werden. Die Migranten der ersten Generation haben erlernte Norm- und Wertmuster im Aufnahmeland beibehalten, um in einer fremden Umgebung mit ihren jeweils eigenen kulturspezifischen Deutungs- und Handlungsmustern handlungsfähig zu bleiben". Hier widerspricht sich die Autorin. Sie enthält der ersten Generation das vor, was sie für die zweite Generation empirisch herausarbeitet. Neuere Forschungen beweisen genau das Gegenteil, dass nämlich gerade die Pioniermigranten enorme Anpassungsleistungen aufzeigen und manchmal sogar den Wandel der Folgegenerationen initiieren und katalysieren.

Nichtsdestotrotz gelingt es der Autorin, die Ergebnisse der Studie auf den Punkt zu bringen: "Die Analysen der Netzwerkbeziehungen, Partnerwahl und Sexualität junger Frauen türkischer Herkunft entwerfen ein facettenreiches Bild, dass Widersprüche und Konsistenzen in den Lebensentwürfen der jungen Frauen, bewältigte und unbewältigte Ablösungsprozesse von den Herkunftsfamilien gleichermaßen verdeutlicht" (S. 128). Insbesondere die Typisierung von drei Handlungsmustern ("Anpassung", "Verschweigen" und Ablösung"), die Kondzialka in Kapitel 4 einführt und auf Basis der hermeneutischen Analyse des Interviewmaterials und der eingehenden Fallrekonstruktionen ausarbeitet, bieten für die Analyse der Lebenssituation von jungen Migrantinnen und deren Bewältigung durch ebendiese neue Möglichkeiten auf. Die besagten Bewältigungsmuster dürfen nicht als statische Einstellungen verstanden werden, sondern vielmehr als dynamisches Modell, in deren Rahmen Bewältigungsmuster als "idealtypische, veränderbare Phasen" in den Lebensflüssen der jungen Menschen zu handhaben sind (S. 128). Trotz allem ist das Leben türkischer Migrantinnen der zweiten Generation alles andere als idyllisch und konfliktfrei. Die Spannung zwischen Eigenverantwortlichkeit und den kulturellen Außenerwartungen, die durch die Eltern vermittelt und übermittelt werden, ist konfliktgeladen und fordert sowohl Eltern als auch deren Kindern große Transformations- und Bewältigungsleistungen ab.        

Fazit

Bleibt zu hoffen, dass der bisherige Trend, Migrationsphänomene (wie z.B. Zwangsheirat) aus kommerziellen wie auch individuellen Gründen zu missbrauchen ein Ende nimmt und endlich einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Phänomens Platz macht. Der Kulturkonflikt (besser: Generationskonflikt) wird vielleicht weiter zunehmen, doch eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik wird bestehende Vorurteile abbauen helfen, die vor allen Dingen durch die Medien vermittelt werden.          

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Päd. Yalcin Yildiz
Migrationsforscher. Freiberufliche Tätigkeit in der Migrationssozialberatung und Ganzheitlichen Nachhilfe

Es gibt 18 Rezensionen von Yalcin Yildiz.

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Zitiervorschlag
Yalcin Yildiz. Rezension vom 19.09.2006 zu: Heidi Kondzialka: Emanzipation ist Ehrensache. Netzwerkbeziehungen, Sexualität und Partnerwahl junger Frauen türkischer Herkunft. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. ISBN 978-3-8288-8779-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3917.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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