Hans Goldbrunner: Dialektik der Trauer
Rezensiert von Petra Rechenberg-Winter, 08.10.2006
Hans Goldbrunner: Dialektik der Trauer. Ein Beitrag zur Standortbestimmung der Widersprüche bei Verlusterfahrungen.
Lit Verlag
(Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2006.
136 Seiten.
ISBN 978-3-8258-9466-5.
14,90 EUR.
Reihe: Lebenswenden - Interdisziplinäre Perspektiven. Bd. 1.
Thema
Hans Goldbrunner legt einen neuen Zugang zum Thema Trauer vor, der weniger den Prozess als vielmehr die emotionalen und sozialen Widersprüche fokussiert, die Menschen in Verlustsituationen erleben. Damit ergänzt er die gängigen Trauermodelle um eine spannende, interessante Perspektive, wobei er sich ausschließlich auf Trauer nach Tod bezieht.
Sein Vorhaben, widersprüchliche Akzente der Trauerforschung mit Hilfe eines dialektisch angelegten Modells zu integrieren und Trauer aus ihrer Sonderstellung zu befreien, mit alltäglichen Lebensvollzügen zu verknüpfen und normale Bewältigungsformen wieder stärker ins Bewusstsein zu heben, löst Goldbrunner konsequent ein. Indem er die gegensätzlichen Empfindungen in ihrem dialektischen Spannungsverhältnis durchdekliniert, fügt er die Breite menschlicher Erschütterungserfahrungen in einen ganzheitlichen Gesamtzusammenhang ein. Eine zentrale Entwicklungsaufgabe heißt in diesem Konzept, die jeweils erlebte Spannungsdynamik auszubalancieren und Konflikte als unabdingbare Bestandteile der Trauer durchzustehen.
Hintergrund
Goldbrunners Ansatz beruht weniger auf den Beobachtungen in seiner psychotherapeutischen Praxis als vielmehr auf Erfahrungen, die er im systemisch orientierten Beratungssetting sammelte, ergänzt um Berichte aus Selbsterfahrungsgruppen mit Studierenden und deren biographischer Arbeit, überwiegend länger zurück liegende Verlusterfahrungen zu reflektieren. Dies veranlasste ihn, den Zusammenhang von Trauer und Beziehungsdynamik vertieft zu betrachten.
Inhalt
Bekannte Phasen- und Bindungsmodelle sowie die Modelle der Trauerarbeit, Traueraufgaben und Gezeiten werden in diesem Scheinwerferlicht dialektischer Betrachtung in einer Logik höherer Ordnung aufgegriffen. Eine Entwicklungsherausforderung für Trauernde, die integrative Versöhnung der widersprüchlich erlebten Erfahrungen, arbeitet der Autor konkret an folgenden Gegensatzpaaren heraus:
- Emotion - Kognition,
- Passivität - Aktivität,
- Ablösung - Bindung,
- Privatheit - Öffentlichkeit,
- Statik - Dynamik,
- erlebte Ohnmacht - Grandiosität,
- Kontrolle - Ausleben.
Am Leitbild der Trauer als Brücke zwischen Leben und Tod verdeutlicht Goldbrunner den existentiellen Weg, den Trauernde zwischen den Polen Kapitulation und Triumph pendelnd durchschmerzen, um endlich Todes- und Lebensperspektiven versöhnlich miteinander in die eigene Biographie zu integrieren.
Ergänzend zu seiner früheren Veröffentlichung (Goldbrunner, H., Trauer und Beziehung. Systemische und gesellschaftliche Dimensionen der Verarbeitung von Verlusterlebnissen, Mainz 1996) leuchtet der Autor Bindung jetzt im weiteren sozialen Netz aus und betont anschaulich, dass Trauerprozesse immer in ihren sozialen Strukturen gesehen und nur im systemischen Kontext verstehbar sind. Begleitangebote für Trauernde haben dies zu berücksichtigen, indem sie individuelle wie soziale Ressourcen betrachten und gleichzeitig würdigen, welche Strapazen die dialektischen Sprünge für trauernde Systeme bedeuten.
Aufbau
Klar strukturiert und gut verständlich, mitunter redundant, führt der Autor durch seine Standortbestimmung der Trauer als Spannungszustand, um anschließend konsequenterweise Trauerblockaden in ihrer oft konstruktiven Funktion zu diskutieren. Er betont die bisher eher vernachlässigten Aspekte von Raum und Zeit als hilfreiche Größen in familiären und freundschaftlichen Beziehungssystemen und geht anschließend kurz auf Trauergruppen als bedeutsame Unterstützungsmöglichkeit und deren gesellschaftliche Relevanz ein.
Zielgruppen
Dieses nur seitenmäßig dünne Buch mit seinem komprimierten Inhalt beschert Begleitenden, TherapeutInnen und am Phänomen Trauer Interessierten vielfältige Anregungen, heilsame Verstörungen ihrer bisherigen Betrachtungsweise und eine lohnende Bereicherung für ihre Fachbibliothek; eine fundierte Betrachtung des Autors auf dem Hintergrund seiner langjähriger Lehr- und Forschungstätigkeit im universitären Kontext.
Anmerkung
Das umfangreiche Literaturverzeichnis ist weitgehend aktuell. Kritisch anzumerken bleibt eine Lücke im Inhaltsverzeichnis; bei der ansonsten exakten Darstellung ist bedauerlich, dass Goldbrunner bei seiner zusammenfassenden Metapher des Trauerlabyrinthes dieses mit einem Irrgarten verwechselt.
Fazit
Von diesem kleinen Fehler abgesehen habe ich diese Fachlektüre der Trauerbetrachtung als mehrdimensionalen Erfahrungsraum mit systemischen Blick und großem Interesse gelesen, viel gelernt und empfehle es gerne weiter.
Rezension von
Petra Rechenberg-Winter
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Es gibt 12 Rezensionen von Petra Rechenberg-Winter.





