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Hans Nicklas, Burkhard Müller u.a. (Hrsg.): Interkulturell denken und handeln

Cover Hans Nicklas, Burkhard Müller, Hagen Kordes (Hrsg.): Interkulturell denken und handeln. Theoretische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis. Campus Verlag (Frankfurt) 2006. 428 Seiten. ISBN 978-3-593-38020-9. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 69,40 sFr.

Reihe: Europäische Bibliothek interkultureller Studien, Band 12.
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Eine Kartonschachtel voller Texte

Dieses Buch ist wie eine grosse Kartonschachtel voller Texte, die man unverhofft auf dem Dachboden findet, öffnet, in die man hineingreift und mit der man sich lesend vergisst. Man legt den gelesenen Text zur Seite, greift sich einen andern. Manche kommen einem bekannt vor, rufen Erinnerungen wach, sind sofort klar zu verorten. Andere irritieren, man liest auf dem Kartondeckel nach: Was steht denn hier drauf? Was sollte in dieser Schachtel drin sein? Warum sind diese Texte in dieser gleichen Schachtel?

Entstehungshintergrund

Ein Teil dieser Irritation lässt sich wohl damit erklären, dass das vorliegende, im Jahr 2006 erschienene, Buch sich auf einen französischen Vorläuferband aus dem Jahre 1999 bezieht, aus welchem einige Schlüsseltexte übernommen worden sind. Das vorliegende Buch hat den Anspruch, erstmalig den Stand der interkulturellen Diskussion in Deutschland und Frankreich zusammen zu fassen und wurde vom Deutsch-Französischen Jugendwerk gefördert. Allerdings stehen mancherorts (ins Deutsche übersetzte) Artikel französischer Autor/innen und solcher deutscher Kolleg/innen einander recht verloren gegenüber. Da wird auf ganz unterschiedliche Konzepte Bezug genommen, da werden verschiedene, in sich geschlossene Theoriegebäude nebeneinander konstruiert, und was gerade ein lebendiges Beispiel kultureller Kommunikation sein könnte, bleibt unkommentiert und unvermittelt.

Einzelne Beiträge als Ideensplitter

Da ist es befriedigender, einzelne Beiträge aus dem Zusammenhang heraus zu lesen, wie beispielsweise „Universität und Interkulturalität“ von Burkhard Müller (S. 101-108): die Universität als historisch verankertes transkulturelles Konzept sei charakterisiert durch “programmatische(r) Transkulturalität und praktisch unbewältigte(n) interkulturellen Problematiken“ (S. 104). Wo man dann typischerweise von „Problemen der Theorie/Praxis-Vermittlung“ (S. 105) spreche, handle es sich in Wirklichkeit um Vermittlungsprobleme zwischen unterschiedlichen kulturellen Praxen, wie sie auch die Wissenschaft darstelle.

Der Aufbau des Buches ist soweit einleuchtend:

  1. in einem ersten Teil werden Begriff und Geschichte der Interkulturalität beleuchtet,
  2. im zweiten Teil Problemdimensionen und
  3. im dritten Teil Handlungsfelder aufgezeigt und schliesslich
  4. im vierten Teil Methoden und Interventionsformen erläutert.

Von der Theorie zur Praxis, könnte man denken, doch weshalb gehört interkulturelle Pädagogik zum Begriffsgeschichte, Gender zu den Problemdimensionen und Gesundheit zu den Handlungsfeldern?

Den grossen Bogen, die logische Entwicklung, eine gewisse Einheitlichkeit im Ansatz oder dann die explizite, begründete Pluralität der vorgestellten Herangehensweisen, das habe ich hier vermisst. Nicklas (S. 93-100 und S. 109-116) zeigt auf, wie soziale Identität offenbar nur in – ethnozentrischer – Abgrenzung von „den anderen“ gefunden werden kann [1] und problematisiert die mit dieser Dichotomisierung verbunden Zuweisung von guten (eigenen) und schlechten (fremden) Werten. Doch genau diese Zuweisung wird in ebenfalls zitierten Konzepten wie jenem von Geert Hofstede (1993) reproduziert (siehe S. 229-239).

Dagegen ist das Buch eine wahre Fundgrube auf verschiedensten Ebenen. Dadurch, dass manche Texte nur rund zehn Seiten lang sind, bieten sich zahlreiche Themen als Unterrichtsmaterial an, zur Einführung oder Diskussion eines Themas wie z.B. „Mehrsprachigkeit und plurikulturelle Kompetenz“ (Ingrid Gogolin, S. 181-188), oder „Der Kulturschock als Ausbildungsmethode und Forschungsinstrument“ (Margalit Cohen-Emerique, S. 317-327). Didaktische Anregungen finden Lehrende beispielsweise bei Remi Hess (S. 352-357): „Die biographischen Formen des Schreibens“.

Vor allem bietet das Werk von Hagen, Kordes und Müller eine Fülle von theoretischen Konzeptperspektiven und Ideensplittern. Splitter, da es sich nicht um die Darlegung einer Herangehensweise handelt, nicht um eine Idee „aus einem Guss“ und mir auch nicht immer klar wurde, weshalb nun eine Richtung referiert wird und eine andere nicht. So fehlt mir gerade beim oft wiederkehrenden Begriff der Transkulturalität ein Bezug zu Wolfgang Welsch.

So ist Demorgons Hinweis bedenkenswert, über der Auseinandersetzung mit dem „gewollten“ Interkulturellen sei der übergreifende Kontext des „tatsächlich Interkulturellen„  nicht zu vergessen, das beispielsweise durch Kolonialisierung oder heute die Globalisierung einfach passiere.

Die bei Lévi-Strauss (1963) gefundene Feststellung, einfache Gesellschaften hätten quasi die Wahl, sich Fremdes einzuverleiben (auch wörtlich) oder es auszusondern, nimmt Zygmunt Bauman (1996) auf und findet in modernen Gesellschaften beide Strategien gleichzeitig und sich ergänzend vor. Hagen Kordes und Jacques Demorgon führen diese Idee aus (S. 55-62).

Fazit

Gefallen haben mir die in unterschiedlicher Deutlichkeit immer wieder zu Tage tretenden Appelle, Kommunikation könne nicht automatisch in jeder Situation gelingen sowie, jede interkulturelle Arbeit sei vor allem eine Frage der Zeit (Zeit zu haben um Zeit zu lassen, S. 319) – dieser Splitter vermag vielleicht wie verbindender Kitt zu wirken.

Literatur

  • Bauman, Zygmunt (1996): Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Demorgon, Jacques & Edmond Marc Lipiansky (1999): Guide de l„interculturel en formation. Paris: Verlag Retz.
  • Demorgon, Jacques (20043): La complexité des cultures et de l„interculturel. Paris: Anthropos.
  • Geisen, Thomas (Hrsg.) (2005): Arbeitsmigration. WanderarbeiterInnen auf dem Weltmarkt für Arbeitskraft. Frankfurt am Main/London: IKO Verlag für Interkulturelle Kommunikation.
  • Hofstede, Geert (1993): Cultural Constraints in Management Theories. Academy of Management Executive, Vol. 7. S. 81-94.
  • Lévi-Strauss, Claude (1963): Les discontinuités culturelles et le développement économique et social. Informations sur les Sciences sociales. II – 2, Juni 1963.
  • Welsch, Wolfgang (1992): Transkulturalität. Lebensformen nach der Auflösung der Kulturen. In: Information Philosophie 2/Mai 1992.

[1] Laut Thomas Geisen (2005) ist dies auch eine Erklärung dafür, weshalb Nationalstaaten auf eine Abgrenzungspolitik Migrant/innen gegenüber angewiesen sind.


Rezension von
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 11.04.2007 zu: Hans Nicklas, Burkhard Müller, Hagen Kordes (Hrsg.): Interkulturell denken und handeln. Theoretische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis. Campus Verlag (Frankfurt) 2006. ISBN 978-3-593-38020-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3934.php, Datum des Zugriffs 26.09.2021.


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