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Claudia A Schauerte: Gewalt unter Schülern

Cover Claudia A Schauerte: Gewalt unter Schülern. Beziehungskonzepte und Aggressionsmotivstrukturen von Tätern und Opfern. Tectum-Verlag (Marburg) 2006. 147 Seiten. ISBN 978-3-8288-8919-4. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Einführung in das Thema

Das Interesse an der Untersuchung von Phänomenen der Gewalt an Schulen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wie wirken sich familiäre und schulische Prozesse auf die Schülerinnen und Schüler aus? Welche Bedeutung muss frühkindlichen Erfahrungen beigemessen werden? Wie müssen gruppendynamische Aspekte Berücksichtigung finden? Dies sind nur wenige Fragen, die immer wieder gestellt werden. Die Autorin hat in ihrer Untersuchung nunmehr ihr Augenmerk auf die Verhaltensweisen von Tätern und Opfern an Schulen gelegt und untersucht, wie sich Familienstrukturen und das gewalttätige Verhalten von jungen Menschen in der Schule beeinflussen.

Autorin

Claudia Adriana Schauerte ist Psychologin und arbeitete bislang als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum, als Mitarbeiterin in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis und befindet sich nunmehr in einer Ausbildung zur systemischen Familientherapeutin.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist eine Doktorarbeit und dementsprechend im wesentlichen in die Bereiche "Theorie", "Methode" und "Befunddarstellung" wissenschaftlich aufgebaut.

  • So nimmt Claudia Adriana Schauerte zunächst eine Bestandsaufnahme der Gewaltthematik an Schulen vor und beschreibt unter Bezugnahme auf zahlreiche wissenschaftliche Studien, in welchem Maße Gewalt an Schulen von wem ausgeübt wird. Besonders hervorstechend ist hierbei, dass der Anteil der Mobbingopfer signifikant höher bei Jungen als bei Mädchen ist. Aggressionstheoretische Erklärungsansätze zur Gewalt an Schulen werden im Weiteren ebenso thematisiert wie auch die Einflussgrößen von Gewalt auf den vier Ebenen individueller Schüler, Klasse, Schule und Gesellschaft. Dabei zeigt Frau Schauerte zum Beispiel auf, dass bei der Ausübung von Gewalt auf der schulischen Ebene dem Verhältnis der Lehrer- zur Schülerzahl die größte Bedeutung beigemessen werden muss. Ein - wenn auch sehr kurzer - Abschnitt macht deutlich, dass bisherige Präventions- und Interventionsansätze wenig vielversprechend sind, da sie oftmals zu komplex und zeitintensiv sind. Des Weiteren sei ihre Wirksamkeit nicht hinreichend untersucht worden. Äußerst interessant ist die detailliertere Beschreibung spezifischer Merkmale, Beziehungskonzepte und Motivationen zum Ausleben bzw. Hinnehmen der Aggressionen bei Tätern und Opfern.
  • Der Methode der Untersuchung wird dann im nächsten Abschnitt Raum geschenkt. Hier zeigt Claudia Adriana Schauerte ihr psychologisches und empirisches Fachwissen und gewährt Einblick in ein umfangreiches Instrumentarium zur Identifizierung und Untersuchung der einzelnen Gruppen (Täter, Opfer, unauffällige Schüler) nach den Gesichtspunkten Beziehung, Aggressionsmotiv (Impuls und Hemmung) und Verhalten.
  • Auf über 40 Seiten werden in drei Unterabschnitten die Befunde der Untersuchungen detailliert dargestellt. Hier beschreibt Frau Schauerte, wie sie die jungen Menschen herausgesucht und in die einzelnen Kategorien  zugeordnet hat. Grundlage hierfür waren 509 Schüler aus einer Haupt-, Gesamt- und Realschule sowie eines Gymnasiums aus den Klassen 5 bis 8. Es wurden ausschließlich gut 140 Jungen aus den Klassen 5 bis 8 für die zweite Untersuchungsphase ausgewählt, in der es um eine nähere Kategorisierung in Täter, Opfer und unauffällige Schüler ging. In der dritten Untersuchungsphase wurde das Verhalten der Schüler stichprobenartig beobachtet. Eine entsprechende Untersuchungsanordnung ließ die Schüler zu zweit eine herausfordernde Aufgabe lösen. Dabei wurde u.a. auch mittels Videoaufzeichnungen beobachtet, welcher Junge in welcher Weise agiert, d.h. ob er eher dem Täter-, Opfer- oder Unauffälligen-Typus zuzuordnen ist. So ließ sich herauskristallisieren, welche Rolle der Typus des Gegenübers in einer vermeintlichen Konfliktsituation spielt. Nach der Beschreibung der einzelnen Untersuchungs- und Versuchsaufbauten fasst Claudia Adriana Schauerte ihre Ergebnisse zusammen.
  • Eine spezifische Diskussion und hilfreiche Erläuterungen zu möglichen Konsequenzen aus ihrer Forschungsarbeit runden das Buch ab mitsamt dem, die aktuelle Diskussion sehr gut berücksichtigenden Literaturverzeichnis und einem Anhang, der die Untersuchungsdetails wiedergibt.

Diskussion

Das Buch ist ein hilfreicher Beitrag in der Diskussion um die Begegnung von Gewaltphänomenen im schulischen Kontext. Die umfangreiche und sehr ins Detail gehende Untersuchung vermag klar aufzuzeigen, dass Gewalt nicht nur im strukturellen Sinne gesehen werden darf, sondern die direkte Begegnung von Opfer-, Täter und Unauffälligen-Typus eine bedeutsame Rolle spielt. Die Betrachtung allein der Jungen ist für den am Anfang stehenden Forschungsbereich zwar zulässig, bedarf aber unbedingt der Erweiterung auf die Rolle der Mädchen. Gerade in den untersuchten Klassentypen, in denen sich die jungen Menschen in einer massiven Umbruchphase befinden, ist die geschlechtsspezifische Betrachtung von großer Bedeutung. Zudem werden hier gruppendynamische Prozesse in Gang gesetzt, die bei der Entstehung und der Begegnung von Gewalt unbedingt zu berücksichtigen sind. Die Verbindung von frühkindlicher Bindung, aktueller familiärer Situation und der Zuordnung zu einem Rollenmuster ist jedoch sehr gelungen und macht deutlich, dass die frühkindlichen Erfahrungen nur ein Aspekt bei der Entstehung späterer Täter- und Opferstrukturen sind.

Fazit

Dieses Buch ist eine bereichernde Lektüre für alle, denen eine gründliche Analyse von Gewaltphänomen am Herzen liegt. Das bereitgestellte psychologisch-empirische Material sollte die Lesenden - trotz der manchmal äußerst detailliert dargestellten Methoden und Ergebnisse - nicht abschrecken, sondern vielmehr elementar dazu anregen, bisherige alltagspsychologische Grundüberzeugungen zu überdenken. Sowohl Lehrern/-innen jeglichen Schultyps als auch für psychologisch beratende Personen bietet das Buch gutes Hintergrundwissen. Darüber hinaus werden auch Initiatoren von Gewaltpräventivmaßnahmen um die Berücksichtigung dieser wissenschaftlichen Forschungsergebnisse nicht herum kommen.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 03.01.2007 zu: Claudia A Schauerte: Gewalt unter Schülern. Beziehungskonzepte und Aggressionsmotivstrukturen von Tätern und Opfern. Tectum-Verlag (Marburg) 2006. ISBN 978-3-8288-8919-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3939.php, Datum des Zugriffs 22.10.2021.


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