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Helmut Kromrey: Empirische Sozialforschung

Cover Helmut Kromrey: Empirische Sozialforschung. Modelle und Methoden der standardisierten Datenerhebung und Datenauswertung. UTB (Stuttgart) 2006. 11., überarbeitete Auflage. 565 Seiten. ISBN 978-3-8252-1040-3. 14,90 EUR.
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Thema

Die empirische Sozialforschung erfährt in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft wachsende Bedeutung. Das erstmals 1980 erschienene Werk gibt hierzu in seiner jetzt 11. Auflage einen fundierten und umfassenden Überblick, ohne innerhalb der Sozialwissenschaften auf eine bestimmte Disziplin festgelegt zu sein.

Autor

Der inzwischen emeritierte Autor war 1994-2004 Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie und Empirische Sozialforschung am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. Die aus langjähriger Lehrtätigkeit gewonnene didaktische Erfahrung zieht sich als Grundton durch das Buch. Auf seiner eigenen Homepage nennt der Verfasser als seine fachlichen Schwerpunkte "diverse Forschungsprojekte in den Bereichen Stadtentwicklung, neue Medien, Museum, Weiterbildung, Volkszählung und insbesondere Evaluation von Lehre, Studium und Weiterbildung".

Aufbau und Inhalt

Dass dieses Buch kein "Methodenbaukasten" oder eine Werkstatt voller methodischer Handwerkszeuge ist, wird bereits im ersten Kapitel klar. Es skizziert die Grundpositionen der Wissenschaftstheorie und begründet den eigenen Ausgangspunkt im kritischen Rationalismus. Der gründliche theoretische und begriffliche Aufbau setzt sich in den nächsten Kapiteln

  • "Forschungsfragen, Forschungsdesign, Forschungsprozess"
  • "Die empirische "Übersetzung" des Forschungsproblems"
  • "Strategien der Operationalisierung und Indikatorenauswahl"

fort. Ein Student, der "doch nur" für seine Diplom- oder Magisterarbeit Unterstützung sucht, probiert unter dem Titel "Messung und Datenerhebung in den Sozialwissenschaften" vielleicht einen direkteren Einstieg, wird aber durch die zahlreichen und inhaltlich wie didaktisch begründeten Querverweise erkennen, dass die vorhergehenden Kapitel unverzichtbar sind und zu einer klaren Formulierung der zu untersuchenden Fragestellung führen. Dabei wird ein Grundgerüst von Forschungsdesigns entworfen, das es erlaubt, einen Überblick zu gewinnen und die eigene Fragestellung darin einzuordnen.

Nach den Methoden zur Gewinnung von Stichproben werden als Datenerhebungsverfahren exemplarisch Inhaltsanalyse, Beobachtung und Befragung dargestellt und miteinander verglichen. Dieser Vergleich bietet eine wertvolle, methodenkritische Schulung, die deutlich macht, welche Auswirkungen die Wahl der Erhebungsmethode auf die Ergebnisse haben kann und wie dies bei der Interpretation zu berücksichtigen ist. Schon die sehr umfangreiche Literatur zu diesem Kapitel zeigt, dass es sich hier um das Kernstück des Buchs handelt. Das Kapitel 7.3.3 "Die Lehre von der Frage und vom Fragebogen" behandelt konkrete Gesichtspunkte der Formulierung von Fragebogen-Items und der Gesamtkonstruktion.

Bei der Datenauswertung beschränkt sich der Autor sinnvollerweise auf die deskriptive (im Gegensatz zur schließenden) und uni- und bivariate (im Gegensatz zur multivariaten) Statistik, geht dabei aber auch in die Tiefe, indem  es  die Konzentrationsmessung einer Verteilung und die nicht-parametrische Tabellenanalyse behandelt.

Schien der rote Faden des Buches bis hierher auf die klassischen, standardisierten Verfahren hinauszulaufen, so öffnet das Schlusskapitel "Typen und Konzepte empirischer Sozialforschung" den Blick noch einmal. Es stellt spezielle Untersuchungsanordnungen vor, z.B. Feldexperiment, Fallstudie und Sekundäranalyse, und liefert eine umfassende kritische Wertung der traditionellen Sozialforschung. Daran schließen sich die Aktionsforschung und qualitative Ansätze als alternative Forschungsparadigmen an. In seinem letzten Satz gelangt der Autor zu der Quintessenz: "Ein "Alleinvertretungsanspruch", von welcher Seite auch immer erhoben, muss jedenfalls auf die Dauer unvermeidlich in die Sackgasse führen." (S. 552)

Als didaktische Ergänzung wird ein 2007 aktualisierter "PC-Tutor" als CD angeboten.

Zielgruppen

Der Text ist vor allem für einen Personenkreis geschrieben, der sich in den Problemkreis neu einarbeiten will, also etwa für Studierende im Grundstudium der Sozialwissenschaften, für Teilnehmer projektorientierter Studiengänge sowie für Personen außerhalb der Hochschulen, die sich einen Überblick über Vorgehensweisen und Probleme empirischer Wissenschaft verschaffen möchten. Dabei setzt der Autor keine Fachkenntnisse voraus.

Diskussion

Das Buch kann als ein breit angelegtes, in sich stimmiges, mit über 500 Seiten ausführliches Einführungswerk charakterisiert werden, das viele präzise Literaturverweise und leicht verständliche Beispiele bietet. Es erschließt sich dem Leser vor allem im systematischen Durcharbeiten. Formulierungen, die anfangs abstrakt und allgemein klingen, füllen sich - nicht zuletzt durch zahlreiche Querverweise - zunehmend mit Inhalt, so dass ein Gesamtgerüst empirischer Sozialforschung entsteht.

Der sehr günstige Preis ist - gerade aus Sicht von Studenten - hervorzuheben.

Die im kritischen Rationalismus fußende, skeptische Grundhaltung und die hohe Textlastigkeit - angesichts des Umfangs von 565 Seiten wäre allerdings auch kaum Platz mehr für Abbildungen - verleihen dem Werk eine gewisse Schwere, die durch zahlreiche Beispiele abgemildert wird. Dem Leser wird daher vor allem in den Anfangskapiteln einige Konzentration abverlangt, die sich im weiteren Verlauf auszahlt - weit entfernt also von Web 2.0 und Mitmach-Bausteinchen, was nur als Qualitätsmerkmal zu werten ist. Manche Passagen in den ersten Kapiteln, etwa zu "Begriffe und Definitionen", könnte man sich knapper vorstellen, andere in den späteren Teilen anwendungsbezogener, z.B. zu Beobachtungsfehlern und Antworttendenzen.

Über die statistische Auswertung hinaus werden keine Fragen der Ergebnisinterpretation und -darstellung behandelt, obwohl der Anwender hier sicher von der großen Erfahrung des Autors profitieren könnte.

Fazit

Ein systematisches, ausführliches und kostengünstiges Einführungswerk, das ein umfassendes und gründliches Methodenbewußtsein der empirischen Sozialforschung vermittelt und den Einstieg in weiterführende Literatur anbahnt.


Rezensent
Prof. Dr. Winfried Sennekamp
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Studienbereich Soziale Arbeit Villingen-Schwenningen, seit 2013 im Ruhestand
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Zitiervorschlag
Winfried Sennekamp. Rezension vom 26.01.2008 zu: Helmut Kromrey: Empirische Sozialforschung. Modelle und Methoden der standardisierten Datenerhebung und Datenauswertung. UTB (Stuttgart) 2006. 11., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-1040-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3940.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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