socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin Hautzinger: Wenn Ältere schwermütig werden

Cover Martin Hautzinger: Wenn Ältere schwermütig werden. Hilfe für Betroffene und Angehörige bei Depression im Alter. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2006. 196 Seiten. ISBN 978-3-621-27577-4. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 41,10 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung

Hautzinger, Professor für Klinische und Entwicklungspsychologie am Psychologischen Institut der Uni Tübingen, wendet sich mit diesem Aufklärungs- und Ratgeberleitfaden an Personen mit Altersdepression und deren Angehörigen. Der Autor hat sich mit verhaltenspsychologischen Beiträgen zur Depression, insbesondere kognitiven Ansätzen profiliert und sich in diesem Kontext auch mit Altersdepressionen befasst, einem Gebiet, das wissenschaftlich und therapeutisch noch recht stiefmütterlich behandelt wird, im Zug der Zunahme älterer Menschen allerdings allmählich mehr Aufmerksamkeit erfährt. Psychische Störungen im Alter werden heute häufig nicht oder zu spät erkannt oder auf Grund organischer Begleitsymptome nicht selten rein organmedizinisch behandelt. Hautzinger füllt diese Lücke, verlässt dabei den Elfenbeinturm hehrer Wissenschaft und sucht breite Aufklärungsarbeit zu leisten, indem er sich direkt an Betroffene wendet und sie in einer klaren, für Laien verständlichen Sprache über Symptome, Verlauf, Entstehungsbedingungen und Behandlungsformen von Altersdepressionen informiert. Darauf aufbauend werden zahlreiche Hinweise für die Bewältigung der "Schwermut" gegeben.

Aufbau und Inhalt

Die stringent logisch aufgebaute Arbeit ist in 6 Teile mit insgesamt 35 kleineren Kapiteln aufgeteilt.

  • In den diagnostischen Teilen wird mit Hilfe klarer, übersichtlich gestalteter Informationen über die Symptome aus dem emotionalen, kognitiven und somatischen Spektrum nicht nur für Laien verständliches Wissen über komplexe Merkmalskonstellationen vermittelt, sondern gleichzeitig auch ein wertvoller Beitrag zum Abbau von Ängsten geleistet. Die Rolle von Fachleuten bei der Abklärung unterschiedlicher Formen insbesondere der Altersdepression wird hervorgehoben. Die Bedeutung der Selbsteinschätzung wird angesprochen, wozu auch Instrumente in Form von einfachen Fragebögen und Schätzskalen angeboten werden.
  • Bei der Frage der Entstehungsbedingungen orientiert sich der Autor an multikausalen Erklärungsmodellen, die inzwischen weitgehend Anerkennung gefunden haben. Besondere Risikofaktoren werden aufgeführt, auch Fragen der Bewältigung der Altersproblematik und chronischer Stress als Ursachen. Im Vordergrund stehen im Folgenden allerdings die behavioristischen Theorien des Verstärkungsdefizits und das kognitive Modell (Warum Gedanken Depressionen fördern). Diese Modelle bilden schließlich auch die Grundlage für die Selbsthilfeanleitungen. Zunächst wird jedoch ein knapper Überblick über die gängigen, von Kassen anerkannten Behandlungsmethoden gegeben.
  • Den umfangreichsten Teil bilden die Anregungen zur Selbsthilfe, die vor Augen führen, dass man Depressionen nicht völlig hilflos ausgesetzt ist, sondern dass auch Depressive noch viele Freiräume haben, die sie nutzen können, um ihre Lebensgestaltung aktiv in die Hand zu nehmen. Für die Verhaltenstherapie typisch setzen die Hilfen in der Regel bei alltagspraktischen Betätigungen an. Es geht hier darum, die negativ wirkende "Depressionsspirale" zu durchbrechen und belohnend wirkende Aktivitäten zu entwickeln. Der Verfasser widersteht hier der Gefahr, inhaltliche Vorgaben zu machen, wenn man von den beispielhaft gedachten Fällen absieht. Einen breiten Raum nehmen die kognitiven Überlegungen ein. Sie sind nach dem einfachen Muster strukturiert: Negative Gedanken stoppen - positive Gedanken "in den Kopf pumpen". Es finden sich jedoch auch Spuren zu ernsthafteren Auseinandersetzungen wie etwa Anregungen, Unausweichliches (im Alter) anzunehmen oder Lebenssinn zu finden und Gelassenheit zu schaffen. Auch Kontaktpflege und ein reflektierter Umgang mit Schlaf, Ernährung und Bewegung werden angesprochen. Als wesentlich wird auch die Vorsorge für (absehbare) Krisen behandelt. Die Eigeninitiative wird durch Checklisten angeregt, mit denen Betroffene arbeiten können.
  • Abschließend werden noch einige Informationen und Hilfen für Angehörige angeboten.

Diskussion - Einschätzung

Der Ratgeber ist vom Inhalt und der graphischen Gestaltung her genau auf die Zielgruppe zugeschnitten. Die recht knapp gehaltenen, lebendig und anschaulich geschriebenen Kapitel sind auch für psychisch belastete Menschen in einer überschaubaren Zeitspanne zu bewältigen. Man spürt, dass der Autor nicht nur als Therapeut und Wissenschaftler Zugang zu dieser Personengruppe findet, sondern sie auch persönlich ansprechen und motivieren kann. Ältere Depressive erscheinen nicht als Behandlungsobjekte, sondern als Personen mit Stärken und Schwächen, die durchaus über Ressourcen verfügen, das Älterwerden und die damit verbundenen Probleme zu verarbeiten. Hautzinger versteht es hervorragend, kritische Punkte anzusprechen, die noch häufig verschwiegen werden, und gleichzeitig Mut zu machen, sich der Situation zu stellen, indem Wege aus der Krise aufgezeigt werden, die Ältere nicht überfordern. Die praktischen Überlegungen sind in lernpsychologisch-verhaltenstherapeutische Modelle integriert, wodurch allerdings auch die Grenzen des Ansatzes aufgezeigt werden.

Es wäre sicher sinnvoll, wenn der theoretische Bezugsrahmen im Titel angedeutet würde. Ratsuchende, die sich eher psychoanalytischen Konzepten, der humanistischen Psychologie oder systemischen Ansätzen nahe fühlen, werden vermutlich irritiert reagieren, vor allem wenn sie sich ihren Problemen vorrangig reflektierend und weniger pragmatisch zupackend stellen. Sie werden sich vermutlich von dem strapazierten "richtig-falsch"-Schema weniger angesprochen fühlen. Auch die Antworten auf Sinnfragen, die Ältere intensiv beschäftigen, oder auf die Suizidproblematik fallen nicht sehr überzeugend aus.

Aus eigenen Erfahrungen mit älteren Menschen in depressiven Zuständen habe ich Zweifel, ob die vorgeschlagenen Fragebögen und Listen bei dieser Personengruppe immer so sinnvoll eingesetzt werden können, wie es bei Verhaltenstherapeuten Mode ist. Ältere grübeln nicht selten sehr lange nach, ehe sie sich schriftlich festlegen, besonders wenn sie auf Grund ihrer Biografie wenig Erfahrungen haben, sich schriftlich zu äußern.

Zuweilen entsteht auch der Eindruck, als ob ein hohes Ausmaß an Aktivität Zufriedenheit sichern könnte. Es wird zwar immer wieder darauf hingewiesen, dass Erwartungen zurückgeschraubt werden müssen, Trauerarbeit unvermeidlich sei, aber gerade zu diesem Thema vermisst man konkretere Hinweise. Dadurch entsteht zuweilen der Eindruck, als ob Leid ausgeblendet würde, da es nicht in das Schema des positiven Denkens passt.

Ich glaube auch, dass ich diesen Ratgeber nur in speziellen Situationen Angehörigen empfehlen würde. Engagierte Angehörige tendieren dazu, Depressive mit Aktivitätsvorschlägen zu überschütten, was in der Praxis jedoch nicht selten das Gegenteil bewirkt und die Untätigkeit des Depressiven noch fördert. Der Ratgeber von Hautzinger könnte Angehörigen noch mehr Tipps an die Hand geben und damit ein Beziehungsmuster verstärken, das nicht nur der Bewältigung der Depression wenig dienlich ist, sondern darüber hinaus auch die Beziehung belastet.

Fazit

Von einigen Einschränkungen abgesehen kann der Ratgeber von Hautzinger wertvolle Hilfe leisten. Er macht Mut, sich kleine Schritte vorzunehmen und konsequent in die Tat umzusetzen. Das kann bei leichteren depressiven Verstimmungen von Nutzen sein, aber auch Eskalationen negativer Gedanken und Gefühle mit teilweise einfachen Mitteln durchbrechen. Damit verbundene Erfolgserlebnisse und Stimmungsaufhellungen tragen nicht selten dazu bei, auch unvermeidbare Leidenserfahrungen mit mehr Gelassenheit zu ertragen. Es sind vermutlich nicht die zahlreichen praktischen Ratschläge allein, die hilfreich sein können, sondern viele "weise" Randbemerkungen, die zum Nachdenken anregen, wie die Bemerkungen über Gelassenheit.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Goldbrunner


Alle 37 Rezensionen von Hans Goldbrunner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans Goldbrunner. Rezension vom 01.08.2006 zu: Martin Hautzinger: Wenn Ältere schwermütig werden. Hilfe für Betroffene und Angehörige bei Depression im Alter. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-621-27577-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3946.php, Datum des Zugriffs 13.06.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht