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Rita Rosner (Hrsg.): Psychotherapieführer Kinder und Jugendliche

Cover Rita Rosner (Hrsg.): Psychotherapieführer Kinder und Jugendliche. Seelische Störungen und ihre Behandlung. Verlag C.H. Beck (München) 2006. 304 Seiten. ISBN 978-3-406-54106-3. 18,90 EUR.
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Einführung in die Themenstellung

  • Wie können Eltern abschätzen, ob bei ihren Kindern ein psychisches Problem beziehungsweise ein psychisch bedingtes Problemverhalten vorliegt?
  • Anhand welcher Kriterien ist eine noch normale von einer auffälligen Entwicklung zu unterscheiden?
  • Wann ist professionelle psychotherapeutische Hilfe zu empfehlen?
  • Welche grundsätzlichen Sichtweisen nehmen verschiedene Therapierichtungen gegenüber den psychischen Problemen ihrer Patienten ein?
  • Was sind die Kennzeichen verschiedener psychischer Störungen?

Fragen wie diese alltagsbezogen, verständlich und zugleich fachlich seriös zu bearbeiten, ist eine schwierige und verdienstvolle Aufgabe. Eltern und Erwachsene, die beruflich Verantwortung in der Arbeit mit Kindern übernehmen, etwa als Lehrer, Erzieher oder Sozialarbeiter, benötigen solide und überschaubare Informationen, um in solchen Fragen Entscheidungen treffen und Empfehlungen geben zu können. Das Buch nimmt sich dieser Aufgabe an und löst sie, soviel sei vorweggenommen, insgesamt auf recht überzeugende Weise.

Aufbau

Die Herausgeberin des Buches hat für die Darstellung der ausgewählten Therapierichtungen und der unterschiedlichen psychischen Störungsbilder viele Autoren gewonnen, die im jeweiligen Wissensgebiet zu den anerkannten Experten im deutschen Sprachraum zählen. Rita Rosner selbst, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie, steuert neben den Einführungskapiteln des Buches einen Beitrag zu ihrem Spezialgebiet, der Behandlung von Traumafolgen bei.

Das Buch ist dreiteilig aufgebaut.

1 Grundlegende psychopathologische und behandlungstechnische Fragen

Die Einführung behandelt grundlegende psychopathologische und behandlungstechnische Fragen

  • Zur Entstehung psychisch bedingten Problemverhaltens
  • Zur Effektivität von Behandlungsansätzen
  • Zur Rolle der Eltern bei der psychotherapeutischen Behandlung
  • Sowie zu den verschiedenen Hilfestrukturen (Erziehungsberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, ambulante und stationäre Behandlung).

Die Beiträge dieses Teils stammen von Rita Rosner und Maria Gavranidou, die der Münchner Universität als Lehrbeauftragte verbunden ist.

2 Therapierichtungen

Der zweite Teil des Buches geht auf verschiedene Therapierichtungen ein, die von namhaften Vertretern der jeweiligen Ansätze vorgestellt werden.

  • Günter Esser und Katja Ballaschk legen die Grundzüge moderner Verhaltenstherapie dar, beschreiben gut nachvollziehbar deren therapeutische Prinzipien und einige zentrale Therapietechniken.
  • Inge Seiffge-Krenkegeht auf psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapieverfahren ein.
  • Stefan Schmidtchen erläutert das Konzept der Spieltherapie in der Tradition der Gesprächspsychotherapie.
  • Hervorzuheben ist der Beitrag von Wilhelm Rotthaus zur Systemischen Therapie/Familientherapie. Rotthaus gelingt es, alltagsbezogen und rational sehr gut nachvollziehbar herauszuarbeiten, was den systemischen Blick auf psychische Probleme ausmacht.
  • Frühförderung definiert sich nicht durch bestimmte Methoden, sondern durch ihren spezifischen Auftrag. Franz Peterander und Martin Thurmair stellen das System der frühen Hilfe für Kinder mit Entwicklungsgefährdungen vor.
  • In Effektstudien wurde wiederholt nachgewiesen, dass die Kombination mit Entspannungstechniken die Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen bei einer Reihe von Störungsbildern erhöht. Ulrike Petermann stellt Entspannungsverfahren für Kinder und Jugendliche vor.
  • Bei vielen schweren psychischen Störungen ist eine Kombination mit medikamentöser Behandlung angezeigt. Silke Rothenhöfer, Andreas Warnkeund Christoph Wewetzer geben einen Überblick über die wesentlichen Gruppen von Psychopharmaka, die im Kinder- und Jugendbereich zur Anwendung kommen.

3 Ausgewählte Störungsbilder

Der dritte Buchabschnitt behandelt eine Auswahl Störungsbilder, die im Kindes- und Jugendalter psychotherapeutisch relevant sind. Die Beiträge werden jeweils durch ein Fallbeispiel veranschaulicht, erklären die zugehörigen Fachbegriffe und informieren über diagnostische Kriterien. Therapeutische Techniken werden angesprochen, wobei die Auswahl weitgehend auf verhaltenstherapeutische Methoden begrenzt ist.

  • Nikolaus von Hofacker, Susanne Eder und Karin Trübel beschreiben Regulationsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter. Das Autorenteam gehört dem Krankenhaus München-Harlaching an, dem eine eigene Station für Eltern-Säuglings- und Kleinkindpsychosomatik angeschlossen ist. Ihrem Beitrag ist eine große Sicherheit und Praxisnähe im Umgang mit der Thematik abzulesen.
  • Auch vom Störungsbild her symptomatisch umschriebene Störungen können bei ungünstigen Verläufen die gesamte Entwicklung beinträchtigen. Dies gilt unter anderem für Störungen der Ausscheidung; Alexander von Gontard beschreibt konkret und sehr gut verständlich die Behandlung von Enuresis und Enkopresis.
  • Ein erhöhtes Risiko wurde auch bei Sprach- und Sprechstörungennachgewiesen.Waldemar von Suchodoletz setzt sich mit dem Entwicklungsrisiko auseinander, das mit Stottern und Poltern assoziiert ist, und geht auf die Symptomatik des Mutismus ein.
  • In ihrem Beitrag zum Autismus weisen Beate Sodian und Christian Hülsken darauf hin, dass autistische Syndrome als eine gravierende qualitative Abweichung vom normalen Entwicklungsverlauf verstanden werden müssen, die lebenslang bestehen bleibt, andererseits aber die kommunikativen Fertigkeiten und die Lebensqualität autistischer Kinder durch Förderprogramme erfolgreich gebessert werden können. Drei Programme werden vorgestellt und deren Grundannahmen kurz erläutert.
  • Versorgungspolitisch beinhaltet das Thema Hyperkinetische Störungen einige Brisanz. Im Beitrag von Franz Petermann ist von solcher Unruhe nichts zu spüren. Sehr klar und mit großer Sicherheit werden die zentralen diagnostischen Kriterien und gängigen Behandlungsstrategien des hyperkinetischen Syndroms dargelegt.
  • Unbehandelte Lese-Rechtschreib-Störungen haben sich in Verlaufsstudien als gravierende Risikofaktoren erwiesen. Funktional steht eine beeinträchtigte "phonologische Bewusstheit" im Zentrum der Störung. Günter Esser und Sabine Lange legen eindrücklich dar, wie komplex der therapeutische Ansatz eines erfolgversprechenden Übungsprogramms aufgebaut sein muss.
  • Aggressive Störungen der Interaktion können Ausdruck verschiedener psychischer Störungen und Problemlagen sein. Eine "Störung des Sozialverhalten" wird diagnostiziert, wenn ein Muster wiederholter und schwerwiegender aggressiver Verletzung altersangemessener Verhaltensnormen den Kern der Problematik bildet. Andreas Beelmann setzt sich mit dieser vergleichsweise häufigen Störung auseinander, differenziert verschiedene Auftretensformen von Aggression und beschreibt Interventionsprogramme.
  • Die Behandlung von Angst- und Zwangsstörungen gehört zum verhaltenstherapeutischen Kerngebiet, entsprechend souverän legen Silvia Schneiderund Carmen Ardonetto sowie Hildegard Goletz und Manfred Döpfner die beiden Störungsbilder und deren verhaltenstherapeutisches Verständnis dar.
  • Peter Rossmann geht auf das Störungsbild der Depression ein, typische aufrechterhaltende Bedingungen werden gut nachvollziehbar skizziert.
  • Wiederholt auftretende Bauchschmerzen sind bei jüngeren Kindern ein recht häufiges Symptom, das unter anderem zu Überforderung der Bindungsbeziehungen und innerfamiliären Beziehungsstörungen führen kann. Dennoch ist zu diesem Thema in den einschlägigen Lehrbüchern eher wenig zu finden. Der Beitrag von Diana Bruer und Maria Gavranidou zur Problematik rekurrierender Bauchschmerzen ist daher sehr zu begrüßen.
  • Im Anschluss an Rita Rosners Darlegungen zur Posttraumatischen Belastungsstörung
  • setzt Heinz Kindler sich mit verschiedenen Formen von Misshandlung, Ablehnungund Vernachlässigung und hilfreichen Interventionsstrategien auseinander.
  • Das Thema Essstörungen wird von Reinhold G. Laessle abgehandelt.
  • Dörte Jahnke und Wolfgang Ihle gehen auf Substanzmissbrauch durch Kinder- und Jugendliche ein und stellen dabei auch Ansätze der Suchtprävention vor.
  • Am Schluss des Buches beschreiben Armin Schmidtke und Sylvia Schaller verschiedene Präventionsstrategien bei Suizidalität.

Zielgruppe und Fazit

In der Summe können die störungsbezogenen Beiträge des Buches es mit manchem verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Handbuch aufnehmen, wenn der wissenschaftliche Begründungsaufwand auch vergleichsweise geringer ausfällt und die Komplexität der Zusammenhänge reduziert wird. Die Klarheit und Sicherheit der Störungsbeschreibungen und der dargelegten Therapietechniken wird betroffene Eltern ermutigen, professionelle Unterstützung für sich und ihre Kinder zu suchen. Natürlich ist es bedauerlich, dass die Vielfalt der einführend dargelegten therapeutischen Ausrichtungen in den störungsbezogenen Abhandlungen nicht systematisch ausgeschöpft wird. Doch entspricht dieser Mangel dem gegenwärtigen Dilemma der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 29.10.2006 zu: Rita Rosner (Hrsg.): Psychotherapieführer Kinder und Jugendliche. Seelische Störungen und ihre Behandlung. Verlag C.H. Beck (München) 2006. ISBN 978-3-406-54106-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3947.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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