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Michael Konrad, Sabine Schock u.a.: Dezentrale Heimversorgung in der Sozialpsychiatrie

Cover Michael Konrad, Sabine Schock, Joachim Jaeger: Dezentrale Heimversorgung in der Sozialpsychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2006. 192 Seiten. ISBN 978-3-88414-411-4. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Einführung in das Thema

Soziale Probleme werden von der Gesellschaft irgendwann als solche erkannt, definiert und durch korrigierende Maßnahmen bestenfalls beseitigt. Was die Theorie verspricht, hält die Realität doch oft nicht. Erste Korrekturen reichen in der Regel nicht aus, bestimmte Bereiche fallen durch das Raster. So auch in der psychiatrischen Versorgung Deutschlands: Schon lange ist erwiesen, dass es nach der großen Korrektur "Psychiatrie-Enquête" von 1972 auch Verlierer dieses Reformprozesses gibt: die chronisch psychisch erkrankten Menschen. Sie wurden in bester Absicht enthospitalisiert in unterschiedlichste Arten von Unterbringungen wie kliniknahe Langzeitwohnbereiche oder die klassischen, sozialpsychiatrischen Heime. Doch schnell stellte sich heraus, dass die zentrale Heimversorgung die Attribute der "psychiatrischen Anstalten" wie Asylierung, Entmündigung und Ausgrenzung in großem Maße mitgeliefert bekommen hat. (S.9)

Dennoch dauerte es noch bis zur Jahrtausendwende, ehe zahlreiche Vorschläge zu einer erneuten Korrektur des Problems in den Medien auftauchten. Das Literaturverzeichnis des Buches gibt hierzu einen guten Einblick. Jetzt beschäftigen sich die Fachkräfte vor Ort mit möglichen Lösungen - so auch im hier rezensierten Buch. Die Autoren setzen dabei auf die Machbarkeit -  akzeptieren die vorgegebenen Heimstrukturen und siedeln dennoch die Bewohner dezentral innerhalb der Gemeinde an.

Präsentation und Inhalt des Buches

Die drei Autoren stellen ihr Buch unter die zentrale Fragestellung, ob die Heimversorgung und das personenzentrierte Konzept miteinander vereinbar sind. Sie haben mit ihrer Lösung vor Ort den Spagat zwischen den beiden offensichtlichen Polen erfolgreich bewältigt und lassen ihre Leser voller Enthusiasmus und Überzeugungskraft daran teilnehmen.

Das Buch beschreibt den Prozess, wie aus dem klassischen Wohnheim eine dezentrale Heimversorgung wird, bei der Betroffene in Wohnungen innerhalb der Gemeinde leben. Die Autoren stellen ihre Arbeit dabei unter zentrale Paradigmen:

  1. Die Heimversorgung bleibt als Status erhalten, ihre Standards bleiben unangetastet (S.788ff). Die Autoren favorisieren die Dezentralisierung gegenüber der De-Institutionalisierung. Dieser Weg habe sich v.a. für den Personenkreis der Langzeithospitalisierten als schonender und damit realistischer erwiesen (S.170).
  2. Die Betreuungsarbeit erfolgt personenzentriert. Dies betrifft die Wohnform und den Hilfebedarf des Einzelnen. Der personenzentrierte Ansatz wird als "Hilfeleistung im Lebensfeld" (S.167) gesehen, im Gegensatz zum künstlichen Milieu des Heimes. Nebenbei ersetzen die Autoren das "Normalisierungsprinzip" gegen das der "Inklusion"(S.24) und bessern damit auch die inzwischen überholte Begrifflichkeit nach.
  3. Niemand wird von der Dezentralisierung ausgeschlossen - die Versorgungspflicht für alle wird bekräftigt. Ein großes Kapitel widmen die Autoren den "Schwierigsten" der Betroffenen, den zu Hoffnungslosigkeit abgestempelten Langzeithospitalisierten (Kapitel 3), den ehemals forensisch untergebrachten Klienten (S.146) und den "Systemsprengern" aller Art (Kapitel 6). In diesem Zusammenhang wehren sich die Autoren gegen das Prinzip der "therapeutischen Kette": Nicht nur die "Fittesten" oder eben Einfachsten, sondern gerade die Schwierigen gehören ihrer Meinung nach in die eigene Wohnung (S.104ff).

Darüber hinaus erhält der Leser zahlreiche Praxistipps zum Thema Wohnungssuche, Umgang mit der Nachbarschaft u.ä.(Kapitel 5). Einen deutlichen Fokus legt das Buch zudem auf alle an einer solchen Dezentralisierung beteiligten Mitarbeiter (Kapitel 4). Die Autoren betonen, dass alle Berufsbilder ein hohes Maß an Rollenflexibilität und Risikobereitschaft entwickeln müssen, um einen solchen Prozess zu tragen (S.70ff).

Fazit

Das vorliegende Buch beschreibt überzeugend und am praktischen Beispiel, wie die Verlagerung der Heimversorgung in die Gemeinde gelingen kann. Die Autoren haben vor Ort eine Fehlentwicklung der Psychiatriereform nachgebessert und stellen dem Fachpublikum einen möglichen Weg vor, die klassische Heimversorgung zu modernisieren. Sie geben nicht nur eine Gedankenanregung, wie es gehen könnte und leisten auch ideologische Überzeugungsarbeit, sondern bieten all denen eine konkrete Anleitung, die einen ähnlichen Weg einschlagen wollen. Das Buch präsentiert sich als schlüssiges Gesamtkonzept und hätte einen etwas forscheren Titel durchaus verdient.

Dem interessierten Leser - der wohlmöglich selbst nach einer Lösung für "seinen" Wohnbereich sucht - bleiben keine Fragen offen. Auch die selbstkritische Reflexion des vorliegenden Weges fehlt nicht: die Fragen nach den Grenzen eines solchen Projektes. Realistisch stufen die Autoren ihre Dezentralisierung als Übergangslösung ein, deren Grenzen finanziell gesteckt sind. Auf die Dauer ist ein dezentrales Heim gegenüber dem Betreuten Wohnen eine Überversorgung der Klientel. Dafür werden aber auch alle Beteiligten mit ins Boot geholt und sie werden schonender und damit auch dauerhafter in der Gemeinde angesiedelt.


Rezension von
Dipl. Soz.-Arb. Sabine Eimecke
Tätig in einem Wohnbereich eines psychiatrischen Fachkrankenhauses
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Zitiervorschlag
Sabine Eimecke. Rezension vom 29.12.2006 zu: Michael Konrad, Sabine Schock, Joachim Jaeger: Dezentrale Heimversorgung in der Sozialpsychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2006. ISBN 978-3-88414-411-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3950.php, Datum des Zugriffs 26.10.2021.


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