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Margareta Halek, Sabine Bartholomeyczik: [..] Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderndem Verhalten

Cover Margareta Halek, Sabine Bartholomeyczik: Verstehen und handeln. Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderndem Verhalten. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2006. 107 Seiten. ISBN 978-3-89993-167-9. 26,90 EUR, CH: 45,00 sFr.

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Thema

Der Umgang mit Demenzkranken ist gegenwärtig in Deutschland noch ein Buch mit sieben Siegeln. Diverse und überwiegend kontroverse Ansätze, Modelle und Konzepte sind diesbezüglich im In- und Ausland entwickelt worden. Validation, Mäeutik, der Ansatz nach Böhm und das Modell nach Kitwood sind nur einige Beispiele für die fast kaum noch überschaubare Vielfalt an Verhaltensstrategien. Mittlerweile wurde bereits ein "Krieg der Pflegekulturen" ausgerufen, der von einigen Vertretern der so genannten personenzentrierten Ansätze (vor allem den Vertretern des Ansatzes von Kitwood) mit sektenhafter und zugleich dogmatischer Vehemenz geführt wird. Das Ganze darf nicht als zu belächelnde Sandkastenspielerei der zahlreichen "Pflege-Experten" abgetan werden, denn diese Konfusion in der Demenzpflege wirkt sich äußerst negativ und belastend auf den Pflegealltag in den Heimen aus. Die Frage, wird in der Einrichtung der richtige Ansatz in ausreichender Intensität praktiziert, lastet fast wie ein Damoklesschwert auf allen Beteiligten im Kontext der mannigfaltigen Qualitätssicherungsstandards und Bemühungen um eine Qualitätsverbesserung. Viele Einrichtungen entscheiden sich für einen Ansatz, dort wird dann z. B. strikt nach Böhm gepflegt. Andere Heime hingegen favorisieren eine Mischung oder Mixtur aus unterschiedlichen Konzepten - z. B. ein bisschen Validation kombiniert mit basaler Stimulation, "Erinnerungsarbeit" und Aromatherapie.

Um in diesen Wirrwarr ein Mindestmaß an Sachlichkeit und vielleicht auch Fachlichkeit zu etablieren, sind in letzter Zeit Bemühungen unternommen worden, den Stand der Forschung auf dem Gebiet der Demenzpflege aufzuarbeiten, um einige, wenn auch vage Orientierungswerte diesbezüglich entwickeln zu können. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Literaturanalyse, die im Rahmen eines Projektes über die Rahmenempfehlungen zur Pflege demenziell Erkrankter von 2004 bis 2006 entstand. Gefördert wurde das Vorhaben vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung.

Inhalt

Die Literaturanalyse basiert auf ca. 400 Studien und Übersichtsarbeiten, die mittels einer Recherche in den einschlägigen Datenbanken (u. a. Medline, Gerolit und Dimdi) überwiegend in den Jahren 1999 - 2004 u. a. in Fachzeitschriften veröffentlicht wurden. Diese Arbeiten wurden einer Überprüfung nach international anerkannten Evidenzkriterien unterzogen, so dass nach diesem Filter nur noch 34 Übersichtsarbeiten, Studien und Leitlinien für die vorliegende Arbeit übrig blieben, von denen 28 im Anhang der Veröffentlichung in Gestalt einer Synopse aufgeführt sind. 

  • In Kapitel 3 (Herausforderndes Verhalten bei Demenz, Seite 21 - 44) werden Formen und Auftretenshäufigkeit von Verhaltensstörungen Demenzkranker vorwiegend im stationären Bereich der Altenhilfe beschrieben. Es handelt sich dabei vor allem um Agitiertheit (Unruhe), Wandern, Aggressivität, vokale Störungen (Schreien, Rufen, Jammern, Klagen u. a.) und Passivität bzw. Apathie.
  • Kapitel 4 (Herausforderndes Verhalten: Ursachen und Zusammenhänge, Seite 45 - 57) führt in knapper Form die Erklärungsansätze für das Entstehen der Verhaltensstörungen an: Neurologisch, pathophysiologischer Ansatz, psychosozialer Ansatz, Umgebungsansatz und der Bedürfnisorientierte Ansatz. Zusätzlich wird das Bedürfnisbedingte Verhaltensmodell ("need-driven dementia-compromised behaviour model / NDB-Modell) u. a. nach Algase, Kolanowski und Whall eingehender u. a. mittels einer Synopse expliziert.
  • In Kapitel 5 (Herausforderndes Verhalten: ausgewählte pflegerische Interventionen, Seite 59 - 79) werten die Autorinnen die Fachliteratur hinsichtlich der Effektivität folgender Interventionsformen aus: Validation, Erinnerungsarbeit, Reminizenztherapie und simulierte Präsenz-Therapie, multisenorische Stimulation (Snoezelen) und Massagen nebst therapeutischen Berührungen. Sie kommen dabei zu dem Ergebnis, dass die wenigen und oft auch begrenzten Untersuchungen keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit der Ansätze im Umgang mit Demenzkranken erbringen konnten.
  • Kapitel 6 (Schlussfolgerungen und Perspektiven, Seite 81 - 84) enthält die Einschätzung, dass trotz der mannigfachen Untersuchungen über die Ursachen und Auslöser der Verhaltensstörungen bei Demenzkranken das vertiefte und zusammenfassende Wissen hierüber noch fehlt. Des Weiteren wird hervorgehoben, dass ein multifunktionaler Ansatz im Sinne der Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisstrukturen der Demenzkranken das richtige Vorgehen sein wird.

Kritische Würdigung

Jede Veröffentlichung steht in einem ideengeschichtlichen Kontext, der oft nur mittelbar erfasst werden kann. Die vorliegende Literaturrecherche kann in die vorwissenschaftliche Phase der Demenzpflege eingeordnet werden, denn es werden eklektizistische und teils völlig unfundierte Ansätze wie Validation und Snoezelen einer Prüfung unterzogen. Das erinnert stark an die vielfältigen "wissenschaftlichen Beweise" für die Astrologie und ähnliche Welterklärungsmodelle. Konkret kann u. a. kritisch angeführt werden, dass es den Autorinnen an einem wissenschaftlich fundierten Bezugsrahmen mangelt, der es ihnen erlauben würde, diese Interventionsformen angemessen zu erklären und zu bewerten. Die bloße Anführung von Evidenzkriterien verweist noch nicht auf Erkenntnisebenen der Gegenstandserfassung, sie bleiben der Sache äußerlich. Ohne Immanenz im Gegenstand selbst bleiben die Aussagen und Schlussfolgerungen dieser Arbeit somit oberflächlich oder empiristisch.

In Anlehnung an Martin Hamborg (2003) (vgl. die Rezension) kann bei der vorliegenden Veröffentlichung von dem so genannten "Werkzeugkasten"-Ansatz ausgegangen werden, der besagt, dass es bei der Demenzpflege und Demenzbetreuung nur darauf ankommt, die richtigen "Werkzeuge" (Interventionsformen wie Validation, Snoezelen u. a.) parat zu haben und in den jeweiligen Interaktionskontexten anzuwenden. Dieses Vorgehen klingt auf den ersten Blick stimmig und plausibel, doch es gilt zu bedenken, dass erst ein grundlegendes Verständnis und Wissen über die Bewältigung und Verarbeitung der äußeren und inneren Reize bei Demenzkranken die Voraussetzung für jedwede Interventionsform darstellt. Die bloße Anwendung der "Werkzeuge" ohne das Wissen über die Grundlagen führt zu einer völligen Entgrenzung und Desorientierung in diesem Bereich. So werden ständig neue Modelle, Konzepte angeeignet und angewendet - es entsteht ein hypertrophisches Gebilde an Anwendungswissen, das letztlich den Zugang zum Demenzkranken erschwert, wenn nicht gar verhindert. Ein spontaner und intuitiver Umgang mit den Betroffenen ist im Kontext dieser vielen Ansätze jedoch nicht mehr möglich.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung dokumentiert den Sachverhalt, dass die theoretische Aufarbeitung der Demenzpflege und Demenzbetreuung sich gegenwärtig noch im "Mittelalter" auf dem Niveau von Scholastik und Alchemie befindet. Es bleibt zu hoffen, dass hoffentlich in naher Zukunft u. a. durch die Verschränkung und Fundierung mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen ein empirischer Zugang in diesen Bereich Einzug halten wird.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 26.09.2006 zu: Margareta Halek, Sabine Bartholomeyczik: Verstehen und handeln. Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderndem Verhalten. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2006. ISBN 978-3-89993-167-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3951.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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