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Walter Thimm: Behinderung und Gesellschaft

Cover Walter Thimm: Behinderung und Gesellschaft. Texte zur Entwicklung einer Soziologie der Behinderten. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2006. 254 Seiten. ISBN 978-3-8253-8329-9. 35,00 EUR.
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Zum Autor

Das im Frühsommer erschienene Buch "Behinderung und Gesellschaft" ist durch den Tod seines Autors im März 2006 ungewollt zum "Nachlass" von in 32 Jahren (1968-2000) geschriebenen Texten geworden - ein Nachlass, der noch von ihm selbst wohlgeordnet und aus der zeitlichen Perspektive des Jahres 2005 in der Rückschau kommentiert worden ist. Walter Thimm, zunächst Lehrer an einer Blindenschule, promovierte 1971 mit einer Dissertation mit dem Titel "Blindheit als gesellschaftliche Kategorie - Untersuchungen zu einer Soziologie der Blindheit" und wurde 1972 als Professor an die Pädagogische Heidelberg für das Fach "Soziologie der Sehgeschädigten" berufen, das auf seinen eigenen Wunsch hin in "Soziologie der Behinderten" erweitert wurde. Die Veröffentlichung eines gleichnamigen Sammelbands im selben Jahr machte Walter Thimm gewissermaßen zu einem der Gründerväter der ersten Generation und zum Taufpaten dieser soziologischen Querschnittsdisziplin. Das Staffelholz ihrer weiteren Ausgestaltung und Systematisierung gibt er 1980 an Günther Cloerkes weiter, seinen Nachfolger auf dem Heidelberger Lehrstuhl. Thimm tritt in diesem Jahr an der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg die Professur für "Allgemeine Behindertenpädagogik" an. Er bleibt allerdings - und der vorgelegte Band ist hierfür beredtes Zeugnis -  dem Anliegen einer Entwicklung der Soziologie der Behinderten noch über seine Emeritierung im Jahre 2001 hinaus verbunden.

Walter Thimm stand als Person und als Autor wesentlich für die fachliche und sozialpolitische Verankerung des sogenannten Normalisierungsprinzips in der deutschen Behindertenhilfe. Dazu haben insbesondere ein mit dem Medizinsoziologen Christian von Ferber 1978-1984 durchgeführtes, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Forschungsprojekt beigetragen, weitere Projekte zu einer gemeindeorientierten Umgestaltung der Behindertenhilfe, viele Veröffentlichungen und nicht zuletzt das praktische und behindertenpolitische Engagement Walter Thimms

Zum Buch

Der Band versammelt teils schwer zugängliche und verstreute, teils unveröffentlichte Arbeiten aus den Jahren 1968-2000. Die Texte beinhalten über das im Untertitel angekündigte Programm der "Entwicklung einer Soziologie der Behinderten" hinaus alle Facetten des Thimmschen Lebenswerks. Es finden sich Texte zur Kategorie der Blindheit ebenso wie rehabilitationstheoretische Reflexionen, Programmatisches zum Normalisierungsprinzip und der sozialpolitischen Ausrichtung der Behindertenhilfe ebenso wie Grundsätzliches zum fachlichen Verständnis der Behindertenpädagogik sowie eine ganze Reihe von Texten, die mit den vielfältigen Forschungsprojekten, für die Walter Thimm verantwortlich zeichnete, in Verbindung stehen: die soziale Situation von Familien mit behinderten Kindern, das Verhältnis von professioneller Hilfe und Selbsthilfe, gemeindenahe Behindertenarbeit und soziale Netzwerke.

Übersicht

Gegliedert ist der Band in drei Komplexe, jeweils kurz eingeführt und kontextuiert durch Walter Thimm selbst:

  1. Der erste Komplex "Soziologie der Behinderten - erste Konturen" enthält fünf Texte, deren inhaltliche Spannweite von einer Kritik des "Blindheitsbegriffs" von 1968 über programmatische Arbeiten zu einer Disziplin "Soziologie der Behinderten" bis zur Auseinandersetzung mit rehabilitationswissenschaftlichen Fragen reicht.
  2. Der zweite Komplex, überschrieben mit "Theorien mittlerer Reichweite" enthält überwiegend systematische Überlegungen zu gegenstandsbezogenen soziologischen Fragestellungen: sie reichen von "minderheitensoziologischen Überlegungen zur Lage berufstätiger Blinder", über stigmatheoretische Themen v.a. im Zusammenhang mit Sinnes- und Lernbehinderungen bis zu sozialstrukturellen Fragen der sozialen Herkunft behinderter Kinder und Jugendlicher, und der Situation von Familien mit behinderten Kindern.
  3. Der dritte Komplex "Von der Sonderpädagogik zur umfassenden Behindertenhilfe" reflektiert das sozialpolitische Engagement des Autors, ein Thema, das dann auch in den das Buch abschließenden "Ausblicken" nochmals aufgegriffen wird.

Das Buch schließt - und das ist vielleicht kennzeichnend für das Selbstverständnis des Autors - fern von jedem bilanzierenden Gestus mit einem anlassbezogenen, aus dem Tagesgeschäft des Forschens und praktisch-sozialpolitischen Engagements erwachsenen Vortragsmanuskript mit dem Titel: "Leben in Nachbarschaften - Struktur und Konzeption eines gemeindenahen Systems besonderer pädagogischer Hilfen".

Diskussion

Das zuletzt gesagte gilt für den größeren Teil der in dem Band versammelten Texte insgesamt: sie sind dem Alltagsgeschäft des Autors entwachsen. Es handelt sich um  Zeitschriftenbeiträge, Vorträge, Referate an Tagungen und Kongressen, die immer auf die situativen und zeitlichen Umstände bezogen sind und diesen Umstand auch nicht verleugnen. Das schadet aber der Lektüre und dem inhaltlichen Gewinn, den man aus ihr ziehen kann, nicht - im Gegenteil verleiht dieser Umstand dem Ganzen einen angenehmen Charme des Unprätentiösen, der noch verstärkt wird durch die gelassene nachträgliche Kontextuierung der Texte, die nochmals verstehen lässt, wie sich bestimmte Diskussionslinien und disziplinäre Problemtraditionen im Laufe von über drei Jahrzehnten entwickelt haben. Das soll aber nicht heißen, dass die Texte sozusagen nur dokumentarische Bedeutung haben. Nicht zuletzt überrascht, wie anregend viele der Texte in inhaltlicher Hinsicht auch heute noch sind. Exemplarisch führt Thimm gerade am scheinbar doch so eindeutig von einer rein medizinischen Faktizität bestimmten Phänomen der "Blindheit" die Triftigkeit sozialer Modelle von Behinderung vor. Und immer wieder staunt man, dass sich die inhaltlichen Auswirkungen der wechselnden Begriffs- und Theoriemoden dann doch in engeren Grenzen halten, als die immer wieder großspurige Rede von den "Paradigmenwechseln" vermuten lässt. Es lohnt sich sehr wohl - das kann einen die (Re)-Lektüre der Thimmschen Arbeiten auch lehren - , klassische, aber z. T. aus dem Blickfeld geratene Begrifflichkeiten etwa der Minderheitensoziologie ernst zu nehmen. Besonders beeindruckt darüber hinaus, wie differenziert und wie wenig an einem rigiden normativen Verständnis orientiert Thimm die normalisierungstheoretischen Konzepte in der Sache handhabt und damit eben nicht einem verkürzten Verständnis von gesellschaftlicher Norm und Normalität aufsitzt, sondern auf einem Ausbuchstabieren von Möglichkeiten der "Normalisierung" beharrt, die an den individuellen Möglichkeiten und lebensweltlichen Kontexten der Menschen ansetzt.

Fazit

Alles in allem: ein Buch, das zur Reflexion, zur Rückschau ebenso wie  zum Weiterdenken anregt. Für die disziplinäre Selbstreflexion der Soziologie der Behinderten/Behinderung, aber auch der Behinderten- bzw. Sonderpädagogik ist es ohne Zweifel ein unentbehrliches Dokument. Insbesondere für Leserinnen und Leser, denen an einer sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Problemen der Sehschädigungen und Blindheit gelegen ist, ist es ein Muss.


Rezensent
Prof. Dr. Jörg Michael Kastl
Professor für Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Fakultät für Sonderpädagogik. Arbeitsgebiete: Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung, Rehabilitation/Teilhabe behinderter Menschen (Persönliches Budget, IFD); Berufs- und Professionssoziologie; Sozialrecht und Sozialpolitik (spez. Rehabilitation); Sozialisationsforschung und allgemeine Soziologie
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Zitiervorschlag
Jörg Michael Kastl. Rezension vom 28.10.2006 zu: Walter Thimm: Behinderung und Gesellschaft. Texte zur Entwicklung einer Soziologie der Behinderten. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2006. ISBN 978-3-8253-8329-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3959.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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