Jutta Schöler, Rita Fritzsche et al. (Hrsg.): Ein Kindergarten für alle (integratives Angebot)
Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 02.09.2002
Jutta Schöler, Rita Fritzsche, Alrun Schastok (Hrsg.): Ein Kindergarten für alle. Kinder mit und ohne Behinderung spielen und lernen gemeinsam.
Beltz Verlag
(Weinheim, Basel) 2002.
129 Seiten.
ISBN 978-3-472-04544-1.
D: 17,90 EUR,
A: 18,40 EUR,
CH: 32,50 sFr.
Mit Zeichnungen von Lillian Mousli.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-56317-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Thema
In diesem von Rita Fritzsche und Alrun Schastok geschriebenen und von Jutta Schöler mit einem Vorwort versehene Buch geht es um die Selbstverständlichkeit und Nützlichkeit der Integration behinderter Kinder im Kindergarten. Dabei wird von der (rechtlichen) Situation in Berlin und Brandenburg ausgegangen - was die Übertragbarkeit mancher Aussagen (z.B. über die personelle Ausstattung von Integrationskindergärten) auf andere Bundesländer schmälert.
Aufbau und Inhalte
Die Autorinnen definieren zunächst die Begriffe "Integration" und "Behinderung". Dann gehen sie auf in der Gesellschaft weit verbreitete Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Behinderten ein (z.B. Stigmatisierung, "sorgsame Nichtbeachtung", Kontaktvermeidung).
Bei Erzieherinnen sei in den letzten Jahren eine eher positive, zugleich aber etwas ambivalente Haltung gegenüber behinderten Kindern und deren Integration festzustellen, wobei sie aber oft behinderte und nicht behinderte Kinder unterschiedlich behandeln würden. Erstere würden z.B. eher "bemuttert" und beschützt.
Dann beschreiben die Autorinnen, wie sich die Beziehung zwischen Eltern und behinderten Kind ab dessen Geburt entwickelt und wie erstere den Schock, ein solches Kind gezeugt zu haben, verarbeiten.
Anschließend wird auf das Verhalten von Therapeutinnen eingegangen, die sich ausschließlich um behinderte Kinder aus der Kindergartengruppe kümmern. Dies würde die Stigmatisierung der Kinder eher fördern, da deren Defizite und Sonderstatus betont würden. Selbstverständlich machen die Autorinnen Vorschläge, wie die Einbindung von Therapeutinnen verbessert werden könnte.
Schließlich wird das Verhalten von Kindergartenkindern beschrieben, die in der Regel Behinderung noch nicht als der "Nichtbehinderung" Gegensätzliches sehen und deshalb eher neugierig und offen reagieren. Zumindest jüngere Kindergartenkinder behandeln behinderte Kinder nicht anders als nicht behinderte, außer diese fallen z.B. durch aggressives Verhalten auf. Die behinderten Kinder selbst machen nicht nur positive Erfahrungen mit anderen Kindern im Kindergarten; zudem werden sie sich ihrer Defizite eher bewusst. Schwerstbehinderte Kinder sind in einer besonders schwierigen Situation, da sie z.B. nicht ihre räumliche Lage verändern oder sich mit anderen verständigen können.
In dem Buch werden auch praktische Fragen zur Arbeit in Integrationsgruppen behandelt - von der Stimulierung bestimmter Lernprozesse in der Kindergruppe über das Setzen von Regeln, die Mitarbeit an Förderplänen, die Gestaltung der Eingewöhnungsphase bei neu aufgenommenen behinderten Kindern bis hin zur Elternarbeit. Ferner wird auf die Raumgestaltung, die Ausstattung mit bestimmten Spielmaterialien und eine sinnvolle Altersstruktur in der Kindergartengruppe eingegangen. Viele praktische Beispiele erläutern den Text.
In einem weiteren Kapitel werden Beobachtungen im Alltag einer Integrationsgruppe anhand von transkribierten Interaktionen beschrieben. Zuvor werden Untersuchungsgegenstand, Beobachtungsmethoden und Charakteristika der Gruppe thematisiert. Im Mittelpunkt der beschriebenen Szenen und Interaktionen steht das behinderte Kind Max. Festgestellt wird beispielsweise, dass die Kontakte zu Max freiwillig zustande kommen, dass sich die anderen Kinder mit ihm emotional verbunden fühlen, dass sie kompetent mit ihm umgehen und dass sie miteinander spielen und lernen. Die Behinderung wird von den Kindern als "Variante von Vertrautem" begriffen und akzeptiert.
Den Schluss des Buches bilden ein kurzes Kapitel zur Aus- und Weiterbildung von "Integrationspädagoginnen" an einer Berliner Fachschule, Hinweise zu gesetzlichen Grundlagen und das Literaturverzeichnis.
Fazit
Das Buch ist fachlich fundiert, relativ gut lesbar (kein schönes Schriftbild) und besonders für Erzieherinnen in Integrationsgruppen zu empfehlen.
Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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