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Bernhard Waldenfels: Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden

Cover Bernhard Waldenfels: Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2006. 134 Seiten. ISBN 978-3-518-58460-6. D: 14,80 EUR, A: 15,30 EUR, CH: 27,10 sFr.
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Fremdes ist schön?

Mit dieser Illusion warb noch 1990 das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mit einem Video dafür, "ein besseres Verständnis zwischen unserer und der sogenannten „unterentwickelten“ Welt" zu erreichen. Mit "schönen", exotischen Bildern und Südsee-Musik sollten Touristen, Geschäftsreisende, Schülerinnen und Schüler angeregt werden, die für sie fremde Umgebung, die fremden Menschen mit ihren fremden Sitten und Gebräuchen zu verstehen und zu akzeptieren.

Phänomenologie als Erkenntnisinstrument

Einer solchen Zugangsweise, das Fremde, das Andere und Andersartige positiv in das eigene Denken und Handeln aufzunehmen, würde der Bochumer Philosoph und Phänomenologe Bernhard Waldenfels entschieden widersprechen. In einer Reihe von Veröffentlichungen setzt er sich seit langem mit "Bruchlinien der Erfahrung" auseinander; etwa, wenn es darum geht, die Rätselhaftigkeiten des Leibes und des Geistes des Menschen zu ergründen, Gewohnheiten, Ausdruck und Sprache des Körpers zu deuten und die "gebrochene Erfahrung", die sich im Umgang und in der Konfrontation mit dem Außerordentlichen ergibt, zu bewältigen.

Mit seinem wissenschaftlichen Instrument, der Phänomenologie als philosophische Methode und Denkgrundlage, die sich bereits in den philosophischen Werken des 18. Jahrhunderts, etwa bei Kant in seiner Lehre von den Grenzen der Sinnlichkeit, finden, in besonderer Weise aber von Edmund Husserl (1859 - 1938) mit seiner "Wesensschau des Gegebenen" entwickelt wurde, nähert sich Waldenfels der Frage nach dem Fremden , indem er - für "Multi-Kulti-Menschen" und für überzeugte Globalisierer erst einmal irritierend - das Fremde als nicht zu überwindende Grenze darstellt. Der Autor will mit seiner Phänomenologie des Fremden einige Grundmotive aufzeigen, die ausgehen vom Bereich des Vertrauten und Bekannten und dorthin zurück kehren, was einmal mit der Metapher bezeichnet wurde: "Das Fremde ist der Spiegel des Eigenen". Dadurch, dass wir das Fremde nicht dingfest machen können, das uns heimsucht, uns beunruhigt, verlockt und erschreckt, sich unserem Zugriff entzieht, wird die Erfahrung des Fremden zu einem "Fremdwerden der Erfahrung". Diesem Erstaunen und gleichzeitig Erschrecken begegnet er mit einigen ausgewählten Schlüsselthemen, mit denen er seine "Xenologie" begründet: Ordnung - Pathos - Antwort - Leib - Aufmerksamkeit - Interkulturalität.

Inhalt

So gliedert Waldenfels auch seine Schrift.

  • Im ersten Kapitel geht es mit dem Thema "Der Mensch als Grenzwesen" um (s)einen "geordneten" Raum und sein Dasein, indem er den griechischen Kosmos als die klassische Ordnungsform zu Grunde legt. "Innerhalb dieses Kosmos erhält jedes Seiende seine begrenzte Gestalt, die es in sich selbst umgrenzt und nach außen hin von anderem abgrenzt". In seiner philosophischen Betrachtung kommt er zwangsläufig zu dem Dilemma, das sich im abendländischen, bis hin zu modernem Denken als Paradoxon erweist: Eine sich im Ich und im Selbst gedachte Ordnung wird nicht zwangsläufig zur Unordnung, zum Chaos oder zur Bedrohung, sondern kann auch als eine andere Ordnung entstehen. Angewendet auf den Fremdheitsbegriff heißt das dann: "Anderes und Fremdes sind zweierlei", weil Fremdheit den Eigenbereich und das Eigensein eines Selbst voraus setzt. Lassen wir uns dann auf den "Fremdbezug" ein, kann der Zustand sowohl als die eigene Grenze, was Waldenfels als die "Grenze der Eigenkapazität" bezeichnet, als auch als Infragestellung des Eigenen verstanden werden.
  • Der nächste Schlüsselbegriff, mit dem der Autor seine These untermauert, dass "Fremdes die Grenzen einer jeglichen Ordnung übersteigt", ist die als Merkmal der Phänomenologie sich darstellende Intentionalität, bei der sich "etwas als etwas zeigt", gleichzeitig aber auch pathisch, also eine wie auch immer geartete Verbindung herstellt, etwa, eine Pflanze als Heilkraut, Gewürz zu verwenden, oder als Unkraut abzutun; oder einen Ausländer als Einwanderer, Asylbewerber, oder als Illegalen zu kennzeichnen. Pathos und Response, letztlich das Spannungsverhältnis zwischen Sein und Sollen muss in dieser Betrachtung als "Diastase" gesehen werden, "als ein originäres Auseinandertreten, das zwar einen Zusammenhang erzeugt, aber einen gebrochenen". Diese Denkgebäude machen es tatsächlich möglich, in unserem Fall das Fremde "aus dem Hin und Her von Aneignung und Enteignung, von Vereinnahmung… und Auslieferung… zu befreien, wenn das Fremde vom Pathos her gedacht wird als Beunruhigung, als Störung, als Getroffensein von etwas, was sich niemals dingfest und sinnfest machen lässt".
  • Weil nach dieser Annahme das Fremde weder aus dem Eigenen hergeleitet werden, noch ins Allgemeine transportiert werden kann, bedarf es einer Antwort. Diese Responsivität erfordert ein doppeltes Hinsehen und Hinhören - und unterliegt einer doppelten Gefährdung: Einerseits einer Antwortverweigerung, andererseits einer moralischen Wertung. Als mögliche Lösung für unser Problem ist das, was Waldenfels als "responsive Phänomenologie" bezeichnet: "Die Antwort ist als Antwort kreativ".
  • Weil Fremdheit sich als leibhaftig darstellt, sind Leiblichkeit und Fremdheit eng miteinander verbunden. Hier wird die Freudsche psychoanalytische Betrachtung vom Unbewussten, vom Körper-Ich und der Körpersprache eingeführt und mit Husserls Klassifizierung verknüpft, dass der Leib als Umschlagstelle zwischen Sinn und Naturkausalität anzusehen ist. Doch die in diesem Zusammenhang als "Spiegelbild", als "Doppelgänger" oder als "zweites Ich" sich  aufdrängende Vorstellung vom Fremden darf nicht zur Vereinnahmung führen und den Anderen nicht mit Sich-Selbst verwechseln.
  • "Auf den Fremden aufmerksam werden", diese in der interkulturellen Didaktik angewandte Anweisung (Bernd Sandhaas), klingt erst einmal als selbstverständlich. Natürlich fällt mir der Fremde als Anderer auf, sonst wäre er ja für mich nicht fremd (In diesem Zusammenhang gibt es den schönen Dialog zwischen Karl Valentin und Liesel Karlstadt). Doch das Phänomen "Aufmerksamkeit" als philosophische Reflexion bedarf einer deutlicheren Beachtung. Wird das Aufmerken als ein subjektiver Akt erlebt, oder wie objektiv kann Aufmerksamkeit sein? Welche Rolle spielt dabei die zwangsläufig eintretende Selektion beim Hinsehen und Hinhören? Welche situativen, emotionalen und räumlichen Aufmerksamkeitsschwellen bauen sich auf? Sich Techniken und Praktiken der Aufmerksamkeit anzueignen, sich der Aufmerksamkeitsstörungen bewusst zu werden, ebenso der politischen und ökonomischen Einflüsse, sind Ratschläge, die eine Phänomenologie des Fremden ermöglichen.
  • Wenden wir uns, mit dem Autor, zum Schluss noch dem "Paradox der Fremderfahrung" zu und betrachten dabei die vielfältigen Ansätze und Überlegungen, wie die Menschen in der sich immer interdependenter entwickelnden Welt, die nur allzu leichtfertig als EINE WELT bezeichnet wird, sich human, friedlich und gerecht verständigen können, so treffen wir auf das Zauberwort "Interkulturalität". Bernhard Waldenfels will mit seinem Entwurf nicht zum Ausdruck bringen, dass sich Eigenes und Fremdes nicht zusammen bringen lässt, oder gar als Kampfbegriff, wie etwa einem "Clash of civilization" (Samuel P. Huntington), verwendet werden kann. Vielmehr geht es ihm darum, deutlich zu machen, dass "Eigenes und Fremdes bei aller Absonderung mehr oder weniger ineinander verflochten und verwickelt"; jedoch nicht Gleich zu machen sind.

Fazit

Der Wert dieser Arbeit besteht meines Erachtens darin, darauf hinzuweisen, dass wir uns unserer Fremderfahrung durch das eigene "Fremdwerden der Erfahrung" bewusst werden. Und, das ist für eine Xenologie und eine Xenopolitik von besonderer Bedeutung: Nur "wenn der Logos im Fremden selbst seine Grenzen erkennen lässt", werden wir zu einem fruchtbaren kulturellen Austausch gelangen können, der weder Aneignung noch Ethnozentrismus bedeutet. Damit bietet uns Bernhard Waldenfels eine "Blaupause", aber auch eine Aufforderung zur "Epoché", zum Enthalten und Innehalten, an, mit einer "Rede, die aus der Fremde kommt". Die phänomenologische Arbeit wird in erster Linie im universitären, philosophischen Diskurs Aufmerksamkeit finden; sie ist aber auch für die gesellschaftliche Diskussion um das "richtige" Werden unserer Gemeinschaft als interkulturelle Gesellschaft von Bedeutung.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.07.2006 zu: Bernhard Waldenfels: Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2006. ISBN 978-3-518-58460-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3964.php, Datum des Zugriffs 19.10.2020.


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