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Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters

Cover Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2006. 362 Seiten. ISBN 978-3-89669-581-9. 34,00 EUR, CH: 58,90 sFr.
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Das Thema

Mit diesem Buch wird der Anspruch vertreten, eine Neubegründung konstruktivistischen Denkens zu entwerfen, die als eine Anleitung zur kreativen Überprüfung eigener und fremder Gewissheiten, großer und kleiner Ideologien dienen kann (Klappentext).

Zum Autor

Dr. Bernhard Pörksen ist Juniorprofessor für Journalistik und Kommunikations-wissenschaft an der Universität Hamburg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile.

  • In Teil A werden Grundlagen gelegt. Dazu zählen eine Darstellung grundlegender konstruktivistischer Vorstellungen sowie die Situation der journalistischen Ausbildung an Hochschulen.
  • In Teil B, mit "Lernziele" überschrieben, werden in vier Kapiteln eine wissenschaftskritische, eine sprachkritische, eine medienepistemologische und eine ethische Sensibilisierung journalistischer Denkstile angeboten.
  • Der Teil C, "Lernformen" überschrieben, thematisiert in drei Kapiteln eine Sensibilität für Autonomie, sagt etwas über die Wirklichkeitskonstruktionen der Journalistik und gibt eine Zusammenfassung des Buchinhaltes in Thesenform.

Pörksen unternimmt den anspruchsvollen Versuch, die Ausbildung und die Praxis von Journalisten durch die gedankliche Beschäftigung mit den modernen Varianten von Konstruktivismus anzuregen. Ausgehend von seiner persönlichen Zusammenarbeit mit  Humberto Maturana, Heinz von Foerster, Siegfried J. Schmidt und anderen gelingt es ihm im ersten Teil des Buches sehr gut, im Kapitel über die Grundlagen des Konstruktivismus den augenblicklichen Diskussionsstand verständlich darzustellen und zu pointieren. Dies schließt ein, dass Vorbehalte und Kritik zum Konstruktivismus aufgegriffen und in einer sachlichen Form kommentiert und relativiert werden. Die anschließende Beschäftigung mit der aktuellen Situation der Universitäten im Umbruch wirkt etwas bruchstückhaft, weil die sicherlich brisante Thematik auf den wenigen Seiten nur angerissen werden kann. Die sich hier andeutenden (fach)politischen Dimensionen des Themas, neoliberale Gesellschaftsorientierung und Auflösung von Grenzen zwischen Journalismus, Unterhaltung und PR, hätten mehr Raum verdient, aber wahrscheinlich den Charakter des Buches verändert.

Im Teil B hält Pörksen ein Plädoyer für eine notwendige Skepsis bei der Wahrnehmung von Beobachtungen durch einen Beobachter. Grundsätzlich soll auch die journalistische Aufgabe nicht mehr als Wahrheits- und Gewissheitssuche verstanden werden, sondern als soziales Problemlösungshandeln. Mit einer differenzierten Vorstellung von unterschiedlichen Sensibilisierungsebenen versucht er, die Stärken konstruktivistischer Positionen für eine journalistische Tätigkeit aufzuzeigen. Sehr lesenswert sind dabei vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Sachzwänge im heutigen Journalismus die Ausführungen zur ethischen Sensibilisierung (Seite 205 ff.).

Im abschließenden Teil C bemüht sich Pörksen, unter einer anthropologischen Dimension des Konstruktivismus für eine Sensibilisierung von Autonomie zu werben.  Er wendet sich gegen eine Sichtweise im Journalismus, Autonomie und Abhängigkeit nur als einander ausschließende Alternativen zu betrachten. Unter Berufung auf konstruktivistische Positionen ist für ihn die Frage der persönlichen Verantwortung die Schlüsselfrage eines ethisch begründeten Journalismus. Wenngleich auch in vielen Passagen des Buches die mitzudenkenden politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse nicht explizit thematisiert werden, zeigen doch die entsprechenden Aussagen von Pörksen eine klare Bezugnahme auf die Position einer radikalen Verantwortungsethik für den modernen Journalismus.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich wohl in erster Linie an Studierende der Journalistik, in weiter Linie wohl an entsprechende Praktikerinnen und Praktiker.

Fazit

Insgesamt bieten dieses Buch viele wertvolle Informationen zum aktuellen Stand der konstruktivistischen Diskussionen. Der Versuch, konstruktivistische Positionen für eine verantwortliche journalistische Tätigkeit nutzbar zu machen, kann als gelungen bezeichnet werden. Praktikerinnen und Praktikern können hier sicherlich wertvolle Anregungen und Denkanstösse finden. Von daher sollte es auch in jeder Hochschulbibliothek für Studierende zu finden sein.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 08.01.2007 zu: Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2006. ISBN 978-3-89669-581-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3975.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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