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Stellwerk-Integrationsprojekt für langzeitarbeitslose Jugendliche, Christoph Eckhardt (Hrsg.): Zweite Chance auf einen Ausbildungsplatz

Cover Stellwerk-Integrationsprojekt für langzeitarbeitslose Jugendliche, Christoph Eckhardt (Hrsg.): Zweite Chance auf einen Ausbildungsplatz. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2006. 141 Seiten. ISBN 978-3-7639-3421-8. 19,90 EUR.
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Thema

Der Titel "Zweite Chance auf einen Ausbildungsplatz" gibt bereits die Zielrichtung des Inhalts vor. Anhand des thüringischen Projekts "Stellwerk - Integrationsprojekt für langzeitarbeitslose Jugendliche" legen die Autoren und die Autorin von der "qualiNETZ Beratung und Forschung GmbH" die Ergebnisse ihrer Begleitforschung zur möglichen beruflichen Integration von 18 bis 25 Jahre alten Jugendlichen, die an der "ersten Schwelle" gescheitert sind, dar. Für Jugendliche ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung soll über einen "niedrigschwelligen Einstieg", die "Vorbereitung auf außerbetriebliche Ausbildung und Hauptschulabschluss", die "Vorbereitung auf betriebliche Ausbildung" sowie die "Vermittlung in Arbeit" eine berufliche Integration im zweiten Zugriff abgestuft ermöglicht werden. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt der Agentur für Arbeit Erfurt, den Sozial- und Jugendämtern in Erfurt, Weimar und Weimarer Land sowie mehren Bildungsträgen in den beiden beteiligten Städten.

Untersuchungsanlage

Das Begleitforschungsprojekt reflektiert während der Modellphase von "Stellwerk" (2002 - 2004) die Praxis der Integration von Jugendlichen in Ausbildung und Arbeit in ausgewählten Teilen des Freistaates Thüringen. Im Zentrum der Betrachtung stehen, so die Verfasser, "neue und differenzierte Angebote der beruflichen Orientierung und Qualifizierung für jugendliche Sozialhilfeempfänger/-innen der Altersgruppe von 18 bis 25 Jahre(n)". Messlatte für die Untersuchung ist das optimale Ausschöpfen von möglichen Zuschüssen für die berufliche Integration Jugendlicher. Ausgangspunkt für das Fördern und Fordern bilden die unterschiedlichen Ressourcen der Jugendlichen. Eine Einbindung in die wissenschaftliche Literatur zu Jugendlichen und beruflicher Integration findet nur wenig Berücksichtigung. Sehr zentral in der Forschungsanlage ist hingegen die "Kreativität" im Umgang mit öffentlichen Zuschüssen.

Aufbau

Die Begleitforschung folgt den inzwischen "klassischen" Anforderungen der Finanziers (Kommune, Kreise, Land, vor allem EU): Der Darlegung des Projekthintergrundes mit dem daraus folgenden Leistungsangebot und der Eingliederungserfolge folgt das bedarfsorientierte sowie differenzierte Maßnahmeangebot von der Niedrigschwelligkeit bis zur Berufsvorbereitung und - eingliederung. Die Bildungsbegleitung - ein sehr wesentlicher Baustein in der Konzeptionierung - und die Qualifizierungsbausteine in der Berufsvorbereitung bilden den inhaltlichen Kern des Buches.

Der Aufbau entspricht - so der Eindruck des Rezensenten - dem Forschungsauftrag: Überprüfung und Beurteilung möglicher innovativer Kombinationsmöglichkeiten öffentlicher Zuschüsse (vornehmlich SGB II, III) sowie die Entwicklung eines optimalen Settings vor dem Hintergrund der Wirksamkeit von sozialpädagogischen Maßnahmebestandteilen. Eine Beurteilung findet somit in den wesentlichen Teilen primär projektbezüglich statt; auf andere Maßnahmeträger und ihre Spezifika sowie "externe"  theoretische Kenntnisse wird kaum Bezug genommen. Die Forschungsrichtung lässt sich als Implementation einer optimalen Gebrauchsanweisung für staatliche Zuschüsse auf der Basis (nicht hergeleiteter) sozialpädagogischer Erkenntnisse des Forderns und Förderns charakterisieren; dies für Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren.

Ergebnisse

Das "Thüringer Modellprojekt" hält eine aus praktischer Sicht exzellente und differenzierte Förder- und Qualifikationsstrategien bereit, die unter den gegebenen Voraussetzungen eine nachträgliche berufliche Integration erfolgversprechend werden lassen.  Ein niedrigschwelliger Einstieg mit Vorschaltmaßnahmen und individueller sozialpädagogischer Begleitung ermöglicht Jugendlichen,

in den Bereich von betrieblicher (Vor-) Ausbildung und Arbeit oder auf der Basis sozialversicherungspflichtiger Arbeit Qualifizierungs- und Beschäftigungsangebote überzuwechseln oder niedrigschwellige Qualifizierungs- und Förderangebote von Integrations- oder Sozialwerkstätten oder in berufliche Weiterbildung projektintern zu gelangen oder andere arbeitsmarktfördernde Angebote des SGB III ansteuern zu können. Das differenzierte Maßnahmeangebot eröffnet den Teilnehmenden Flexibilität, weil Einzelinteressen verwirklicht werden können.   

Der Kern des Projekts liegt in der Arbeitsteilung von externer Bildungsbegleitung und sozialpädagogischer Begleitung. Der sozialpädagogischen Begleitung obliegen Krisenintervention und Alltagshilfen vor Ort, der Bildungsbegleitung eine Kombination von Job-Coaching und Case-Management. Über Bildungsbegleitung (inzwischen Bestandteil der neuen Förderstruktur für die berufsbegleitenden Bildungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit) lässt sich der Eingliederungserfolg gemeinsam mit den Jugendlichen sichern (Qualifizierungsplan, Zielvereinbarungen, Herstellen von Akteurskonstellationen, Akquisition von Maßnahmen und Jobs, Evaluation). Rollenabgrenzungen, -diffusitäten und -ambivalenzen seitens der Sozialarbeitenden kann mit dieser funktionalen Trennung optimal begegnet werden.

Diskussion

Für Projekt- und Politikplanende, in die Struktur von EU und Bundesanstalt für Arbeit Eingebundene, praktizierende Sozialarbeitende bietet das Buch einen wahren Fundus: Was ist zur beruflichen Integration von benachteiligten Jugendlichen (insbesondere von 20 bis 25 Jahren) entsprechend vorhandener Programm/Maßnahmen möglich, wie sind Kompetenzfeststellungen durchzuführen, wie sehen Qualifizierungsbausteine aus, welchen Sinn macht die Trennung von Bildung und Sozialem, wie lassen sich für Jugendliche Curricula erstellen, welche Rolle spielt Case-Management, wie kann gefördert und gefordert werden, wie lässt sich Soziale Arbeit für Jugendliche im Spannungsfeld von drohender Leistungskürzung der Bundesanstalt für Arbeit und arbeitsmarktlicher Integration gestalten?

Aber: Ohne es explizit zu formulieren, wahrscheinlich war es auch nicht Anspruch und Aufgabe der Begleitforschung, fehlt die Einbettung in relevante Jugendtheorie, psychologische (Jugend-) Arbeitslosenforschung, gesellschaftliche Rahmenbedingung und Arbeitsmarktforschung. Einige Erkenntnisse fließen zwar ein, doch werden sie nicht in Diskussionen eingebunden. Anders ausgedrückt: Eine hervorragende Gebrauchsanweisung, die das "Gegebene" der in STELLWERK Konzipierenden kritiklos hinnimmt. Bloß: Wird mir der Verbesserung von beruflicher Integration ein neuer Arbeitsplatz geschaffen? Was passiert, wenn alle Jugendlichen hochqualifiziert sind? 

Fazit

Für Praktikerinnen und Praktiker, auch Studierende der Sozialen Arbeit sowie Pädagogik und Psychologie im weiten Feld "benachteiligter Jugendlicher" ist das Buch als Ideengeber für das vorhandene berufliche Integrationssystem bezüglich Jugendlicher exzellent und gibt gerade noch nicht "Eingeweihten" mehr als Hilfestellungen. Für die Verortung wissenschaftlicher Erkenntnis bietet es jedoch nur sehr wenig; objektive Messbarkeit wird suggeriert, doch tatsächlich auch bei der Heranziehung von statistischem Material kaum vorgenommen.


Rezension von
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 07.07.2007 zu: Stellwerk-Integrationsprojekt für langzeitarbeitslose Jugendliche, Christoph Eckhardt (Hrsg.): Zweite Chance auf einen Ausbildungsplatz. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2006. ISBN 978-3-7639-3421-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3977.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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