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Klaus Wahl, Katja Hees (Hrsg.): Helfen "Super Nanny" und Co.? Ratlose Eltern [...]

Cover Klaus Wahl, Katja Hees (Hrsg.): Helfen "Super Nanny" und Co.? Ratlose Eltern - Herausforderung für die Elternbildung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2006. 168 Seiten. ISBN 978-3-407-56355-2. 17,90 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Das Thema

Die Beiträge zu diesem Buch resultieren aus den Vorträgen und Diskussionen einer Tagung des Deutschen Jugendinstitutes (DJI) und dem Bayerischen Rundfunk zu Erziehungsfragen im Jahr 2005.

Zu den Herausgebern

Klaus Wahl ist Sozialwissenschaftler und leitet das Wissenschaftliche Referat beim Vorstand des DJI; Katja Hees ist Diplom-Kulturwirtin und arbeitet freiberuflich als Journalistin.

Aufbau und Inhalt

Die polarisierende Figur der "Super Nanny" musste wohl herhalten, um einen werbe- und verkaufswirksamen Titel zu kreieren. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass die Beschäftigung mit  der "Super Nanny" & Co. gerade mal ein Viertel des Buches ausmacht. Dies schmälert aber nicht unbedingt den Nutzen des Buches, welches eine Reihe von interessanten Beiträgen enthält. Das Buch gliedert sich in fünf Abteilungen.

  • Die erste eröffnet Sabine Walper mit einer lesenswerten zusammenfassenden Darstellung des Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirates für Familienfragen aus dem Jahr 2005. Ein Team des DJI (Wahl und andere) stellen anschließend einen Überblick her, welche Aussagen zu elterlichen Erziehungskompetenz durch empirische Studien des DJI bestätigt werden.
  • In einer zweiten Abteilung stellt Adelheid Smolka eine Studie des Staatsinstitutes für Familienforschung in Bamberg vor, die untersuchte, welchen Orientierungsbedarf Eltern haben. Dabei wird festgehalten, dass Eltern heute zwar einen größeren Orientierungsbedarf haben, die Orientierung aber immer noch wie früher überwiegend im nahen sozialen Umfeld gesucht wird, weshalb die Nachfrage nach professioneller Orientierungshilfe nach wie vor relativ gering ist. In einem zweiten Beitrag stellt Andreas Vossler vom DJI mit Hilfe einiger Hausstudien vor, welche Erwartungen Eltern an eine institutionalisierte Erziehungsberatung haben, wobei hier der informierte Leser substanziell wenig Neues erfährt. 
  • Die dritte Abteilung thematisiert dann endlich "Super Nanny" & Co., wobei sich "Co." auf einige wenige Aussagen zu den "Super Mammas"  beschränken. Im ersten Beitrag charakterisiert Helga Theunert, Wissenschaftliche Direktorin des Institutes für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in München, "Super Nanny" als Bestandteil des Segmentes Familie und Erziehung im sog. Affektfernsehen. Dieses ist gekennzeichnet durch eine hohe Emotionalität und eine vorgebliche Authentizität. Theunerts Kritik ist substanziell: Kinder werden vorgeführt, Eltern wie Kinder werden diskriminiert, Erziehung ist auf Dressur und Gehorsam reduziert (Seite 73 f.). Entgegen den von RTL vehement reklamierten hehren Zielen der Sendung weist die Autorin unmissverständlich darauf hin, dass die öffentliche Preisgabe vor der Fernsehnation für viele betroffene Familien längerfristig wirksame Stigmatisierungen nach sich ziehen kann. Ganz anders dagegen der thematische Beitrag von Elisabeth Helming. In ihrem Bemühen, zu "differenzieren statt  zu dramatisieren" findet sie für die "Super Nanny" ausgesprochen wohlwollende Formulierungen. Für sie ist die "Familienberatung der 'Super Nanny' eine Form des Elterncoachings", bei der nach "den Regeln gängiger Kunst von Elternberatung" gearbeitet wird (Seite 88/89). In Helmings Sicht der Dinge entlastet die "Super Nanny" Familien, in dem sie für den gesamten Familienalltag Strukturen erarbeitet. Wenn die "Super Nanny" ihre minutiösen Tagesplane aus dem Hut zieht und der Familie vorschreibt, erkennt die Autorin einen Bezug zu Gordons Familienkonferenz. Wenn Helming schließlich konstatiert, dass die "Super Nanny" "häufig das Video-Home-Training nutzt" fragt sich der informierte Leser schon, ob sie tatsächlich nicht die Unterschiede zwischen einer Form der auch ethisch begründeten Methode der Videoberatung und einer werbewirksam vermarkteten "öffentlichen Prostitution" (Theunert) kennt? Nach diesem Beitrag versteht man etwas mehr, weshalb zwischen diesem und dem Beitrag von Theunert noch Holger Rettler, Produzent von "Super Nanny", zu Wort kommen kann, um zu begründen, wie wertvoll und alltagsnahe doch seine Sendung für Erziehungsfragen ist. Scheinbar stand hier das politische Diktum der Ausgewogenheit der Berichterstattung in öffentlich-rechtlichen Erzeugnissen Pate.
  • Die vierte Abteilung schließlich bietet auch in anderen Quellen mühelos zu findende Informationen über traditionelle Informationen und Angebote für Familienbildung, die fünfte Abteilung einen kleinen Auszug aus den Diskussionen der Fachtagung und ein zusammenfassendes Resümee.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an "alle, die sich für Kindererziehung interessieren oder sich beruflich mit Eltern und Kindern befassen: vornehmlich an Mütter und Väter (...)" (Umschlagtext hinten).

Fazit

Insgesamt bleibt mein Eindruck ambivalent. Ausgehend von dem Anspruch, sich vornehmlich an Mütter und Väter richten zu wollen (siehe oben), frage ich mich nach der Lektüre schon, an welche Eltern konkret gedacht wurde. Inhalt und Form des Buches lassen vermuten, dass hier keine sog. bildungsfernen Schichten erreicht werden sollten. Für die ansonsten genannten Fachkräfte mag das Buch in der einen oder anderen Hinsicht interessant sein. Speziell kann dies gelten, wenn im Vordergrund der Wunsch nach einem Überblick über Erziehungsfragen besteht. Steht aber wirklich für jemanden die Beschäftigung mit "Super Nanny" & Co. im Vordergrund, würde ich - von Theunerts Beitrag abgesehen - andere Quellen vorziehen.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 27.10.2006 zu: Klaus Wahl, Katja Hees (Hrsg.): Helfen "Super Nanny" und Co.? Ratlose Eltern - Herausforderung für die Elternbildung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2006. ISBN 978-3-407-56355-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3981.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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