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Heike Reggentin, Jürgen Dettbarn-Reggentin: Demenzkranke in Wohngruppen betreuen und fördern

Cover Heike Reggentin, Jürgen Dettbarn-Reggentin: Demenzkranke in Wohngruppen betreuen und fördern. Ein Praxisleitfaden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 176 Seiten. ISBN 978-3-17-018708-5. 19,50 EUR.
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Zur Thematik des Buches

Im Bereich der Demenzpflege hat sich in den letzten Jahren viel bewegt. Durch Erfahrungen aus den Nachbarländern setzte sich mehr und mehr das Homogenitätsprinzip (in Deutschland etwas unglücklich und fachlich teils unzureichend als "Segregationskonzept" bezeichnet) als Leitmodell der stationären Altenpflege durch. Parallel hierzu wurden meist in Ballungsräumen (u. a. Berlin) Demenzwohngemeinschaften als Solitäreinrichtungen eingerichtet, teils als eigenständige Einrichtung und teils als ambulant betreute Wohngemeinschaften. Hinzu kam noch das so genannte "Hausgemeinschaftsmodell", das eine stärkere Ausrichtung auf hauswirtschaftliche Tätigkeiten im Sinne des selbständigen Kochens und Waschens in der Wohngruppe propagierte. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass mindestens vier bis fünf verschiedene Pflegekonzepte im Bereich der Demenzversorgung miteinander konkurrieren, wird einem keiner bei der Einschätzung widersprechen, dass die Demenzpflege ein weites und unüberschaubares Feld geworden ist.

Die vorliegende Veröffentlichung ist als "Praxisleitfaden" gedacht, um den Interessierten "Anregungen und Empfehlungen für die konzeptionelle Gestaltung, die Organisation und die baulichen Voraussetzungen von Gruppenwohnprojekten für Demenzkranke" zu geben.

Bei den Autoren handelt es sich um eine Diplom-Politologin (Heike Reggentin) und einem Architekten und Sozialwissenschaftlicher (Jürgen Dettbarn-Reggentin).

Inhalt

Die Ausführungen der vorliegenden Arbeit, in 12 Kapiteln unterteilt, basieren auf einer Evaluationsstudie in drei stationären Altenhilfeeinrichtungen in NRW von 2001 bis 2003. Es wurden sieben unterschiedliche Formen der Wohngruppenversorgung Demenzkranker untersucht und die Wirkung dieser Ansätze mit der herkömmlichen Versorgung in den Heimen verglichen.

  • Kapitel 1 (Menschen mit demenziellen Erkrankungen, Seite 17 - 30) besteht aus der kurzen Darstellung der Grundlagen: u. a.  Formen der Demenz, Verlauf und Symptomatik, Diagnosen und Therapien.
  • Kapitel 2 (Wohnalternativen für Menschen mit Demenz, Seite 31 - 38) beschreibt  übersichtsartig die gängigen Versorgungskonzepte in stationären Einrichtungen (integrativer, teilintegrativer und segregativer Ansatz der Demenzversorgung).
  • In Kapitel 3 (Besondere Modelle für demenziell Erkrankte in Wohngruppen, Seite 39 - 48) werden einige Versorgungsmodelle aus dem In- und Ausland jeweils in wenigen Abschnitten vorgestellt: u. a. das Schweizer Modell der dezentralen Pflegestationen, das Domus-Modell aus Großbritannien, der Cantou-Ansatz aus Frankreich und aus Deutschland eine eigenständige Wohngruppe für Demenzkranke in Berlin (Johannesstift in Berlin-Spandau), die Demenz-Pflege in Hamburg (das "Hamburger Modell") und das Wohngruppenmodell in Brandenburg (Letschin).
  • Kapitel 4 (Wohngruppenkonzepte und inhaltliche Ausrichtung: Miteinander Wohnen - Milieu - Kultur - Struktur, Seite 49 - 56) enthält in einer Übersichtstabelle zusammengefasst konzeptionelle Varianten und Merkmale unterschiedlicher Interventions- und Versorgungsformen (z. B. Gartennutzung, Tierhaltung, Wohnküchenkonzept und einige Ansätze des Umganges wie z. B. Validation, Realitätsorientierungstraining und Musik- und Kunsttherapie).
  • In Kapitel 5 (Evaluation der Wohngruppen, Seite 57 - 61) wird das Vorgehen bei dieser Studie expliziert: der Ablauf der Erhebung (drei Messungen in Abständen von jeweils sechs Monaten), die Ausgangsstichprobe (zu Beginn 158 Bewohnerbefragungen, über die gesamte Projektphase verteilt 111 Bewohnerbefragungen) und die Erstellung einer Kontrollgruppe in Gestalt der Parallelisierung (das so genannte "Matchingverfahren"). Des Weiteren werden die einzelnen Erhebungsinstrumentarien vorgestellt: Barthel-Index, NOSGER, die "Beurteilungsskala für geriatrische Patienten" (BGP),    die Cohn-Mansfield-Skala zur Messung der Verhaltensauffälligkeiten, der MMSE (Mini-Mental-State-Examination) und die Geriatric Depression Scale.
  • In Kapitel 6 (Bewohner in segregativen Wohngruppen, Seite 63 - 85) werden u. a. die erhobenen Daten teils in Grafiken und Tabellen dargestellt: das körperliche Befinden der Bewohner, Orientierung und Gedächtnis, soziale Beziehungen, Stimmungen und Wohlbefinden, agitiertes Verhalten. Des Weiteren werden u. a. mittels einiger Fallbeispiele ambulant versorgte Wohngruppen für Demenzkranke vorgestellt.
  • In Kapitel 7 (Demenziell erkrankte Bewohner in integrativen Wohngruppen, Seite 87 - 104) werden u. a. anhand ausführlicher Fallbeispiele Ergebnisse bezüglich Stimmung, Wohlbefinden und Verhalten aus den vier integrativ geführten Wohngruppen erläutert.
  • Kapitel 8 (Personal und Organisationsstrukturen, Seite 105 - 125) thematisiert die Seite der Pflegenden und Betreuenden in den untersuchten Wohngruppen, die ebenfalls eingehend in dieser Studie eruiert wurden. Schwerpunkte waren hierbei u. a. die Arbeitseinstellung, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen,  die körperlichen und psychischen Arbeitsbelastungen und auch die Einschätzungen ihrer Arbeitssituation und der Zufriedenheit mit der Arbeit.
  • Kapitel 9 und 10 (Angehörigenbeteiligung und Voraussetzungen für die Wohngruppenarbeit, Seite 127 und Seite 129 - 130) beschreiben in wenigen Abschnitten die Problematik der Angehörigenintegration und einige Empfehlungen und Erfahrungen über die Organisation einer Wohngruppenarbeit für Demenzkranke.
  • Kapitel 11 (Räumliche Bedingungen und notwendige Veränderungen, Seite 129 - 154) enthält im ersten Teil die Darstellung von drei Projekteinrichtungen hinsichtlich der Raum- und Milieustruktur, wobei zusätzlich zur Veranschaulichung die Grundrisse der Wohnbereiche und Fotos aus dem Gemeinschaftsmilieu gezeigt werden. Im zweiten Teil des Kapitels führen die Autoren baulich-räumliche Gestaltungsmerkmale für Wohngruppen für Demenzkranke an. Folgende Aspekte werden hierbei u. a. angeführt: Orientierungserleichternde Hilfen, Wohngruppenküche, Bewegungsflächen zum Wandern drinnen und draußen (geschützter Außenbereich), Gemeinschaftsräume und deren Möblierung und Bewohnerzimmer.
  • Kapitel 12 (Perspektiven, Seite 155 - 160) fasst die wesentlichen Einschätzungen der Autoren über das Wohngruppenkonzept zusammen.

Kritische Würdigung

Kritisch gilt es bei der vorliegenden Veröffentlichung anzuführen, dass der Wissensstand der Autoren über Demenzen und die Verhaltens- und Reaktionsweisen Demenzkranker für eine tiefer gehende Studie mit dem Ziel, Empfehlungen für die Fachöffentlichkeit zu entwickeln, nach Einschätzung des Rezensenten bei weitem nicht ausreichend ist. Dieser Vorwurf soll an folgenden Aspekten verdeutlicht werden:

  • Die These von der Verlangsamung des Abbauprozesses (Seite 155): Die von den Autoren angeführten Ergebnisse sollten infrage gestellt werden, denn nach dem Stand der Forschung (u. a. Braak-Stadien und der Ansatz der Retrogenese nach Barry Reisberg) verläuft dieser hirnpathologische Abbauprozess fast programmartig, ohne durch äußere Faktoren (Milieu u. a.) merkbar beeinflusst werden zu können.
  • Die Empfehlung der Einzelzimmer für Demenzkranke mit einer Mindestgröße von 16 qm (Seite 158): Aus den Heimen wird hier die gegenteilige Erfahrung berichtet, dass nämlich Demenzkranke im mittelschweren Stadium mit dem Alleinsein meist überfordert sind und oft wie kleine Kinder Angst- und Unsicherheitssymptome im Einzelzimmer zeigen, während sie sich in Doppelzimmern in der Regel ruhiger und entspannter verhalten. Daher sollte in Demenzwohngruppen eher das Doppelzimmer dominieren und zusätzlich eine begrenzte Anzahl von Einzelzimmern vorgehalten werden.
  • Die Empfehlung kleinerer Wohngruppen (6 - 8 Personen) (Seite 158): Hierfür werden keine plausiblen Fakten oder Argumente angeführt. Dem Rezensenten sind Demenzwohngruppen mit 20 und teils mehr Bewohnern bekannt, in denen deutlich eine Atmosphäre der Geborgenheit und Sicherheit zu spüren ist.
  • Die Einschätzung, dass sich die Beziehungen zwischen Demenzkranken und Nicht-Demenzkranken in integrierten Gruppen positiv auswirken (Seite 159): Auch für diese Sichtweise werden keine Untersuchungen und Erfahrungen angeführt. Der Stand der Forschung und die täglichen Erfahrungen dokumentieren das Gegenteil. Das Homogenitätsprinzip hat sich mittlerweile international für beide Bewohnergruppen als Königsweg in der stationären Versorgung herausgestellt.

Fazit

Empirisches Arbeiten setzt immer den Stand der Forschung als Grundlage und Bezugsrahmen voraus. In den Bereichen der Demenzpflege und des Demenzmilieus kommt noch der reiche Erfahrungsschatz der Pflegenden und Betreuenden hinzu, denn die einschlägige Versorgungsforschung in diesem Feld befindet sich teils noch in den Anfängen. Es wird nach Einschätzung des Rezensenten noch vielfältiger  Untersuchungen bedürfen, die immer auch den Kontext der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zu berücksichtigen haben, um hierbei zu einem verallgemeinerbaren Wissen gelangen zu können.


Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.svenlind.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 21.12.2006 zu: Heike Reggentin, Jürgen Dettbarn-Reggentin: Demenzkranke in Wohngruppen betreuen und fördern. Ein Praxisleitfaden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-17-018708-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3982.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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