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Christine Plahl, Hedwig Koch-Temming (Hrsg.): Musiktherapie mit Kindern

Rezensiert von Prof. Dr. em. Christel Hafke, 28.10.2006

Cover Christine Plahl, Hedwig Koch-Temming (Hrsg.): Musiktherapie mit Kindern ISBN 978-3-456-84219-6

Christine Plahl, Hedwig Koch-Temming (Hrsg.): Musiktherapie mit Kindern. Grundlagen - Methoden - Praxisfelder. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2005. 400 Seiten. ISBN 978-3-456-84219-6. 29,95 EUR. CH: 52,50 sFr.
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Thema

Dass der Musik eine ganz besondere Kraft innewohnt und dass sie in tie­fere Seelenschichten vorzudringen vermag als Sprache, ist seit Urzeiten  bekannt; und es zieht sich eine fast mystische Heilprophetie durch die jahrtausendelange Musikgeschichte. Die Musiktherapie als wissenschaft­liche und therapeutische Disziplin ist je­doch relativ jungen Datums. Sie hat noch keine eigene Erkenntnistheorie und lehnt sich in ihren Verankerungen an die großen Therapieschulen an.

Kindermusiktherapie "als wissenschaftlich fundierte therapeutische Behandlungsform" hat heute einen festen Platz in der stationären und ambulanten Behandlung von Kindern und Jugendlichen: Sie wird in Beratungsstellen, Schulen, Praxen, Kliniken und Heimen eingesetzt und dient sowohl zur Behandlung von Störungen als auch zur Förderung und Unterstützung von Gesundheit und Integration. Sie ist somit auch eine wichtige Bereicherung sozialpädagogischen Handelns. Als nicht primär auf Sprache ausgerichtetes Verfahren kommt Musiktherapie auch durch ihren spielerischen Ansatz  kindlichem Erleben und kindlichen Entwicklungsprozessen sehr entgegen. "Die musiktherapeutische Arbeit mit Kindern erfordert spezifische  Anpassungen im diagnostischen und therapeutischen Vorgehen, die auf die jeweiligen Störungen und Behinderungen des Kindes, sein Entwicklungsalter, seine Bedürfnisse und seine Art der Auseinandersetzung mit der Welt zugeschnitten sind." (16) Diesen Anspruch möchten die beiden Autorinnen untermauern, indem sie einen systematischen und umfassenden Überblick über diese Thematik (in Theorie und Praxis) geben. Ihr Ziel ist es, die "gesellschaftliche Akzeptanz von Kindermusiktherapie weiter voranzubringen" (18).

Autorinnen

Beide Autorinnen haben sowohl einen wissenschaftlichen als auch einen praktisch musiktherapeutischen Hintergrund, was für dieses Buch sicherlich eine bedeutsame Rolle spielt: Praxisrelevante Fragen werden wissenschaftlich ausgelotet, man spürt das Ringen um profunde Orientierungen für die Praxis.

Aufbau und Inhalt

  • Im Teil I werden die musikalischen, pädagogischen, psychologischen, medizinischen und soziologischen Grundlagen der Kindermusiktherapie vorgestellt. Hierzu gehören: ein Blick auf die lebensweltliche Bedeutung von Musik für den Einzelnen und besonders die kindliche Entwicklung, ein kurzer Abriss der Geschichte der Musiktherapie, eine Ortung und Verankerung  der Kindermusiktherapie in den derzeitigen musiktherapeutischen Richtungen, die Auseinandersetzung mit dem Berufsbild "Kindermusiktherapie" und eine Diskussion um Übergänge und Abgrenzungen zwischen Musikpädagogik und Musiktherapie. Ferner werden in sehr dezidierter Weise entwicklungspsychologische Themen dargestellt, die Besonderheiten von Familiensituation und Kindheit heute und Störungen der kindlichen Entwicklung.
  • Teil II "Methoden der Kindermusiktherapie" reflektiert die therapeutische Praxis und veranschaulicht die Besonderheiten in der musiktherapeutischen Arbeit mit Kindern: Diagnostisches Vorgehen, Indikationsstellung und therapeutisches Vorgehen sollen Transparenz schaffen; die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Eltern und mit interdisziplinären Teams wird unterstrichen.
  • Im Teil III "Praxisfelder der Kindermusiktherapie" wird über unterschiedliche Phänomene und Störungsfelder berichtet, in denen Musiktherapie zum Einsatz kommt (z.B. frühgeborene, hörgeschädigte, krebskranke, traumatisierte Kinder). Hierfür haben die beiden Autorinnen 13 Musiktherapeutinnen und -therapeuten gebeten, aus ihrer mehrjährigen Praxis im Umgang mit dem jeweiligen Erscheinungs- oder Störungsbild zu berichten. Diese Fallbeispiele verdeutlichen nicht nur unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen, sie stehen auch für unterschiedliche theoretische Perspektiven, an denen sich Musiktherapeuten jeweils implizit oder explizit orientieren.
  • Im Anschluss an die Fallbeispiele werden gesundheitspolitische Fragen wie Evaluation und Qualitätssicherung, Wirksamkeitsforschung und evidenzbasierte Praxis angesprochen, sowie ein Ausblick auf  die künftige Entwicklung der Kindermusiktherapie gegeben.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an alle, die im weiteren Sinne pädagogisch und therapeutisch mit Kindern arbeiten, an Kostenträger und verordnende Ärzte, interessierte Eltern und andere an Musiktherapie Interessierte.

Diskussion

Interessierte Nicht-Fachleute werden vor allem von den vielen Praxisberichten profitieren, für Studenten und professionell Tätige bieten die theoretischen Teile gute Orientierungsmöglichkeiten. Das Buch ist sehr facettenreich und detailgenau geschrieben, innerhalb der  jeweiligen Ausführungen finden die Leser zahlreiche „spezial notes“ (mit dem Notensymbol gekennzeichnete Kästchen, in denen weitergehende Informationen und Vertiefungen geboten werden, die den Fließtext zu sehr unterbrochen hätten). Zumindest für diese Infos hätte ich mir ein Register oder einen Index gewünscht; komfortabel und sicherlich zur Orientierung der Leser förderlich wäre bei einem Buch von 363 Seiten ein Schlagwortregister gewesen.

Ich habe das Buch gerne gelesen und mit Genugtuung registriert,

  • dass die so unübersichtliche Musiktherapielandschaft hier eine Theorie und Praxis verknüpfende Struktur angeboten bekommt,
  • dass Bezugswissenschaften zur Kenntnis und Ernst genommen werden und
  • dass die beiden Autorinnen sich einem breiten Spektrum, z. T. wohl auch den eigenen Ansätzen widersprechenden Haltungen öffnen.

Es ist ein Buch, das auf Differenzierung und Integration zielt.

Warum ärgere ich mich über den Praxisteil des Buches, in dem MusiktherapeutInnen/Mit-AutorInnen anhand von Fallbeispielen ihr Vorgehen erläutern? Meine Bedenken zur Thematik sind eher grundsätzlicher Art: Fast alle Fallbeispiele sind  als Erfolgsgeschichten geschrieben. Dies ist unter dem Druck der Kostenträger und unter Profilierungs- bzw. Legitimierungsgesichtspunkten verständlich. Dennoch halte ich es für problematisch und widersprüchlich, die therapeutische Beziehung als oberstes Wirkkriterium hinzustellen und dennoch symptom- und störungsorientiert zu schauen und entsprechend zu behandeln. Nicht immer wird deutlich, welchem Menschenbild die Therapeutinnen und Therapeuten folgen, auf welchem Boden /welcher Grundlage Interventionen entstehen,  wie sie begründet sind und wieso jemand glaubt, etwas in einer anderen Person (einem Kind) bewirkt zu haben. Es mag sein, dass meine Fragen als berufspolitisch unangebracht empfunden werden. Dennoch meine ich, dass die Musiktherapie gut daran täte, sich nicht im Kampf um finanzielle Ressourcen zu schnell auf Kausalitäts- und Wirkungsbehauptungen einzulassen.

Fazit

Das Buch ist anspruchsvoll in seiner Konzeption und Vielschichtigkeit und für die anvisierten Zielgruppen sicher keine einfache Kost. Musiktherapie Studierende und Praktizierende finden hier ein gelungenes und notwendiges Grundlagenwerk, das Hintergründe und Bezugspunkte für das eigene Handeln bewusst machen kann. In diesem Sinne vermag auch der Praxisteil in seiner Vielschichtigkeit und Problematik als Ausgangspunkt für notwendige Diskussionen fruchtbar genutzt zu werden.

Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Es gibt 25 Rezensionen von Christel Hafke.

Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Vgl. die Anmerkungen der Rezensentin zur 2. Auflage.

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Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 28.10.2006 zu: Christine Plahl, Hedwig Koch-Temming (Hrsg.): Musiktherapie mit Kindern. Grundlagen - Methoden - Praxisfelder. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2005. ISBN 978-3-456-84219-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3984.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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