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Gefährlicher Transit. Die afrikanische Wanderung nach Europa

Gefährlicher Transit. Die afrikanische Wanderung nach Europa. 2006. ISBN 978-3-937458-24-3. 17,90 EUR.

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Das Zeitalter der Migration hat längst begonnen

Die Metapher vom „Jahrhundert der Flüchtlinge“ wurde Ende der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geprägt (Carl Wingenroth)als Kennzeichnung für die millionenfachen Fluchtbewegungen von Menschen in Kriegsgebieten, insbesondere als Folgen des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Europa. Doch die Flüchtlingsströme von der Richtung der Länder des Südens der Erde, die man gemeinhin als „Entwicklungsländer“ bezeichnet, in die der Länder des Nordens der Hemisphäre, den ebenfalls so genannten „Industrieländern“, von den Habenichtsen zu den Wohlhabenden also, nehmen zu. Die Gründe, weshalb Menschen ihre angestammten Heimatländer und -regionen verlassen, sind vielfältig: Gefährdung durch kriegerische Auseinandersetzungen der verschiedenen Ethnien und Völker, Dürrekatastrophen und Hungersnöte, fehlende Existenzgrundlage und nicht selten: Verzweiflung über die menschliche Misere. Der Film des englischen Regisseurs David Wheatley, „The March“ (Der Marsch), den er 1990 auf Vorlage des Romans von William Nicholson gedreht hat, zeigt in eindrucksvoller Weise das Problem der Wanderungen von Süd nach Nord, insbesondere von Afrika nach Europa, auf: Tausende von Afrikanern machen sich auf den Weg, die Meerenge von Gibraltar zu überwinden, um in Spanien Asyl, Arbeit und Lebenserwerb zu gewinnen. Die Hauptperson im Film, der Nordafrikaner Isa el Mahdi, zeigt den Zwiespalt zwischen Verzweiflung und Hoffnung auf, wenn er sagt: „Wir glauben, wenn ihr uns vor euch seht, werdet ihr uns nicht sterben lassen. Deswegen kommen wir nach Europa. Wenn ihr uns nicht helft, dann können wir nichts mehr tun, wir werden sterben, und ihr werdet zusehen, wie wir sterben und möge Gott uns gnädig sein“. Seine Kontrahentin in diesem Konflikt, die Kommissarin für Entwicklung bei der Europäischen Gemeinschaft, antwortet darauf hin unter anderem: „Wir sind noch nicht bereit für euch, ihr müsst uns noch mehr Zeit geben“. Das, was im Film 1990 noch Fiktion war, ist mittlerweile längst Wirklichkeit geworden. Die Grundannahmen des Romans und des Films „Der Marsch“, dass die Menschen aus afrikanischen Ländern deswegen ihre Heimat verlassen, weil weltweite Klimaveränderungen, fehlende Entwicklungsgrundlagen, Benachteiligungen beim Welthandel und zunehmende Verarmung ihnen dort keine Existenz mehr ermöglichen, Hilfe in den europäischen Ländern suchen, sind die Motive, die heute, tagtäglich Tausende von Menschen dazu bringen, auf untauglichen, unsicheren Booten auf den verschiedensten Wegen über das Mittelmeer und den Atlantischen Ozean, unter Einsatz ihres armseligen Lebens, nach Italien und Spanien zu gelangen – dort aber, auch das ist eine Annahme im Film, auf Ablehnung, Abschottung und sogar rassistische Angriffe stoßen. In den Medien werden die dramatischen Bilder, auf denen Flüchtlinge in viel zu kleinen Booten oft in höchster Not die europäischen Küsten erreichen, meist nur als Blitzlichter gezeigt; zwar verbunden mit einem mitfühlenden Ton in der Stimme des Kommentators, aber mit wenig Aufenthalt. Auch in den Presseberichten der Tages- und Wochenzeitungen ist das Problem vielfach nur eine kurze Meldung wert, wie etwa der: „Mehr als 300 Bootsflüchtlinge sind am Wochenende an der Küste der italienischen Insel Lampedusa gelandet. Das größte Boot mit 206 Menschen traf am frühen Sonntagmorgen ein, wie die zuständige Hafenbehörde in Palermo mitteilte. Wenige Stunden später folgt ein weiteres Boot mit 32 Flüchtlingen. Insgesamt 86 Bootsflüchtlinge waren bereits am Samstag auf der kleinen Insel von Sizilien eingetroffen…“ (Die Neue Epoche, Nr. 21 vom 26.5. - 1.6.06, S. 3). Nur gelegentlich, wie etwa in der Wochenzeitung DIE ZEIT, der SZ, der FR oder dem RHEINISCHEN MERKUR, werden differenziertere Berichte über die Situation gebracht. In Letzterer gibt es eine Schilderung über die Versuche des jungen Senegalesen Saliou Sow, über Marokko mit Pateras, meeresuntauglichen Booten, zum spanischen Tarifa zu gelangen. Das Motiv wird einfach beschrieben: „Eines Tages dachte ich an Europa, dass es da besser wäre als in Afrika. Also habe ich alles getan, um nach Europa zu kommen“. Ein zweiter Fluchtweg vom Senegal oder von Mauretanien aus, ist die Überwindung der etwa 1.200 Kilometer langen Strecke zu den (spanischen) Kanarischen Inseln; bei ruhiger See wird dieses Ziel mittlerweile bereits als „Autobahn für Bootsflüchtlinge“ bezeichnet.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Im Deutschlandfunk wurden vom 24. 4. bis 7. 5. 2006, jeweils zu den „Informationen am Morgen“, wochentags zwischen 05.05 und 09.00 Uhr, samstags von 06.10 Uhr an und sonntags zwischen 07.05 und 08.30 Uhr, in der Sendereihe „Gefährlicher Transit: Die afrikanische Wanderung nach Europa“, Hörbeiträge gebracht. In der Zweiteilung – „Aufbruch in Afrika“ (CD 1) und „Ankunft in Europa“ (CD 2) – wird auf die Problematik eingegangen, dass derzeit rund 18 Millionen Menschen in Afrika überwiegend aus Verzweiflung, Hungersnot und Armut von Land zu Land unterwegs sind; nicht wenige davon in Richtung Europa. Die Unsicherheit, bei wie vielen (wenigen) Menschen sich die Hoffnungen erfüllen, anderswo ein besseres Leben für sich und ihre Angehörigen führen zu können, geht parallel mit der Ungewissheit, wie viel Menschen überhaupt dort ankommen, wo sie Hilfe erwarten. Nur eine Gewissheit besteht mittlerweile deutlich: Es werden immer mehr Menschen, die den hoffnungsversprechenden Weg über die Meere versuchen. Die rund siebenminütigen Beiträge wollen keine wissenschaftlichen Analysen liefern über die Migrationsbewegungen von Afrika nach Europa, sondern sie möchten „dem Massenphänomen der afrikanischen Wanderung ein menschliches Gesicht“ geben. Deshalb sind die Reportagen immer auch Einblicke in menschliche Schicksale und Fallbeispiele für die Unmenschlichkeit unserer Welt.

Inhalt

Deutschlandfunk-Reporter Rüdiger Maack war vier Wochen in Afrika unterwegs und legte dabei mehr als 20.000 Kilometer zurück. Seine Einblicke und Erfahrungen gibt er in den sechs Beiträgen wieder, die in der CD 1 (Gesamtlänge 44:45) zu hören sind:

  1. Senegal: Aufbruch zwischen Hoffen und Bangen
  2. Mali: Die Suche nach einem Platz auf der Ladefläche
  3. Algerien: Das Geschäft der Schlepper
  4. Algerien: Das Warten auf den richtigen Moment
  5. Marokko: Sans Papiers und die Angst vor den Behörden
  6. Marokko: Zwischen Wüste und Meer.

Weil „Aufbruch“ aus der Misere, die Flucht und das sich auf den verzweifelnden Weg machen hin zu erhofften besseren Lebensbedingungen die eine Seite der Problematik ist, gehört die zweite Seite der „Ankunft“ unverzichtbar dazu. In insgesamt acht Beiträgen setzen sich verschiedene Berichterstatter damit auseinander, wie die „illegalen“ Flüchtlinge in Europa ankommen, zwischen „Hoffnung (auf Bleiberecht) und Ausweisung“ leben, sich verstecken müssen, auf Ablehnung stoßen und ihrer Würde beraubt werden, aber auch Solidarität erfahren und eigene Initiativen ergreifen:

  • Lampedusa: Die Ankunft in Europa (Karl Hoffmann)
  • Madrid: Die Hoffnung zu bleiben (Hans-Günter Kellner)
  • Calais: Das Nadelöhr in Richtung Großbritannien (Christoph Heinemann)
  • London: Das Netzwerk der Illegalen (Ruth Rach)
  • Antwerpen: Der Preis der Illegalität (Ruth Reichstein)
  • Berlin: Der ungewisse Status der Duldung (Christina Selzer)
  • Berlin: Die Abschiebehaftanstalt Köpenick (Victoria Eglau)
  • Senegal: Rückkehr wider Willen (Rüdiger Maack).

Kommentar

Obwohl in der Forschung und gesellschaftlichen Analyse nach wie vor beklagt wird, dass die Beschäftigung mit Migrationsfragen in den europäischen Gesellschaften von neokolonialem, imperialem und hegemonialem Denken bestimmt wird, gibt es doch im intellektuellen, medialen und künstlerischen Diskurs gelegentlich hoffnungsvolle Zeichen für eine objektivere, empathische Auseinandersetzung. Die Herausgabe der Rundfunkanalysen durch den Deutschlandfunk / Deutschlandradio gehört dazu. Die Hörberichte bilden eine gute Grundlage für schulische und außerschulische Aufklärung. Denn woran wir alle arbeiten müssen, ist die gesellschaftliche Aufgabe, die Migrationsthematik nicht abgleiten zu lassen in plumpe Rassismen, Gewalt und Egoismus. Wenn in dem oben genannten Film „Der Marsch“ die Europäische Kommissarin für Entwicklung den Flüchtlingen entgegnet: „Wir sind noch nicht bereit für euch, ihr müsst uns noch mehr Zeit geben“, dann ist das eine untaugliche Ausrede, auf globale Fragen human und objektiv zu reagieren. Da gibt es übrigens eine aktuelle und bemerkenswerte Parallele: Bei der kürzlichen Talksendung von Sabine Christiansen zur Diskussion über die „No-Go-Areas“ in Deutschland antwortete Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck auf die Vorhaltungen des aus Afrika stammenden, deutschen Journalisten John A. Kantara – „Wie lange brauchen Sie, die Politiker, denn eigentlich noch, damit auch ich mit meinen Kindern ohne Angst in jeder Gegend dieses Landes leben kann?“ – mit: „Wir brauchen mehr Zeit!“. Nein – wir haben keine Zeit mehr, um abzuwarten. Vielmehr muss es jetzt endlich darum gehen, eine gerechtere, Eine Welt zu schaffen. Dann werden die Menschen nicht mehr ihre Heimat verlassen müssen aus Not und Überlebensangst. Wenn sie aber wandern, dann sollen sie willkommen sein. Weil „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“, wie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 eindeutig formuliert ist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.08.2006 zu: Gefährlicher Transit. Die afrikanische Wanderung nach Europa. 2006. ISBN 978-3-937458-24-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3987.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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