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Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. (Hrsg.): Fortschritt durch Recht

Rezensiert von Prof. Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix, 15.08.2006

Cover  Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. (Hrsg.): Fortschritt durch Recht ISBN 978-3-936085-60-0

Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. (Hrsg.): Fortschritt durch Recht. Festschrift für Johannes Münder zum sechzigsten Geburtstag. Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf (München) 2004. 463 Seiten. ISBN 978-3-936085-60-0. 15,00 EUR.
Gastherausgeber: Dieter Kreft, Ingrid Mielenz, Gitta Trauernicht, Erwin Jordan.
Schriftenreihe des SPI (Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V.). Preis = Schutzgebühr.

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Thema

Als junger, kritischer Jurist hat man die merkwürdigen Riten dieses Standes abgelehnt: Festschriften dienten der Selbstbelobigung und jetzt, älter werdend, beginnt man sich darüber zu freuen, selbst Subjekt einer Festschrift zu sein. Zunächst blickt uns ein fröhlicher Johannes Münder entgegen (S. 19), während 24 Fachautoren sich abmühen, in der Sozialen Arbeit (S. 74-140), im Sozialrecht (S. 142-226), in der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Jugendrecht (S. 228-348) nach Orientierungen zu suchen, wollen sie zugleich dem Jubilar gerecht werden und kommen so im Familienrecht (S. 350-412) den Verträgen für die privatautonome Ehe (Peter Derleder), der Geschichte des gemeinsamen Sorgerechts (Siegfried Willutzki) oder der familienpolitischen Misere (Jürgen Borchert) auf die Spur. Abschließend beschäftigt sich Bernd Schulte mit der sozialen Daseinsvorsorge in Europa. Er betrachtet die Öffnung der Märkte und sucht nach den Resten staatlicher Gestaltungsmöglichkeiten (S. 415 f.). Es ist ein großes Buch, das für die Soziale Arbeit und die Jurisprudenz die Felder absteckt, auf denen Johannes Münder gelehrt hat, und wo er selbst immer auf der Suche nach der Menschenwürde in sozialen Verhältnissen war.

Dem Titel des Bandes widmet sich am engsten noch Thomas Rauschenbach in seinem Beitrag, um am Ende zu einem doch eher bescheidenen Befund zu gelangen: "Recht bedeutet nicht per se Fortschritt - das war der fortwährende Traum einer anhaltenden Prosperität des deutschen Wohlfahrtsstaates, sondern es steuert zuerst."

Womit wir eigentlich wieder am Anfang wären, angelangt bei der Frage der Macht, die keiner so klar und düster aufgespürt hat wie Michel Foucault, der aber in der Welt der sozialpädagogischen Juristen so gut wie nicht vorkommt. Festschriften sind selten kritische Werke, sie wollen dem Festkind Gutes darbringen und bleiben daher verhalten gegenüber seinem Werk. Für den Staatsrechtslehrer Helmut Ridder (Die soziale Ordnung des Grundgesetzes, Opladen 1975) sind diese guten, sozialen Juristen, wie Münder, immer auch im Rechtsillusionismus verfangen, so als sei es über die Auslegung der Menschenwürde möglich, gute soziale Verhältnisse zu gestalten. Dem ist nicht so und obwohl die Normen unübersichtlich zugenommen haben und der Prozess der Normierung im Sozialrecht von SGB I bis SGB XII so viel systematischer geworden ist, sind die Verhältnisse, die zu verlassen wir uns anschicken, immer weniger sozial. Dies einzugestehen, wäre eine traurige, aber realistische Aufgabe einer Festschrift zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Beiträge

Hagen Hof (S. 48 ff.) entwickelt ein ausgesprochen interessantes Konzept der Rechtsethologie, einer Verbunddisziplin, die Sozial-, Verhaltens- und Normwissenschaften in Inhalten und Methoden zusammenführt und die im Grunde auf der Suche ist nach einer minima juris, die zugleich attraktiv genug ist, dass sie von jungen Menschen angenommen werden kann, wo Sitte und Moral aufgehört haben zu existieren.

Provokant, aber niemals resigniert, widmet sich Albrecht Brühl (S. 180 ff.) der alten Tante "Subsidiarität"; in seiner Differenziertheit gelangt er zu folgendem Ergebnis: "Subsidiarität beim Nach- und Vorrang der Sozialhilfe und des Sozialhilferechtes mündet immer in Münder."

Ingo Richter (S. 212 ff.) geht von dem Befund aus, dass der Staat zunehmend Formen quasivertraglichen Handelns wählt, Formen informellen konsensuellen Verhaltens, die nicht in die Form eines öffentlich-rechtlichen Vertrages (§ 62 VwVfG) gegossen werden und rechtliche Kontrollmöglichkeiten unterlaufen.

Rainer Balloffs Auseinandersetzung mit delinquenten Kindern (S. 303 ff.) bezieht sich nicht nur auf die Erkenntnis, dass "Kinderdelinquenz nicht bagatellisiert werden (soll), vor Dramatisierungen ist jedoch zu warnen", sondern befasst sich ausgiebig mit präventiven Gesichtspunkten. Ob es einen "Fortschritt durch Recht" darstellt, wenn "zwischen Polizei und Jugendhilfe ein koordiniertes kooperatives Netzwerk von Hilfen bundesweit" festgelegt würde, wage ich zu bezweifeln, und ich halte bei allen Versuchen der Sozialpädagogisierung an klassischen Trennungen der Aufgabenverteilung des Staates fest.

Wo für die Kinder- und Jugendhilfe eine solche Trennung relevant wird, zeigt der Beitrag von Peter Schruth (S. 323 ff.), der sich am Beispiel von Mädchennotdiensten der Inobhutnahme nach § 43 SGB VIII widmet und sehr genau austariert, wann Aufgabenkompetenzen der Kinder- und Jugendhilfe enden und wie Clearing in der Krisenintervention möglich ist.

Siegfried Willutzkis Rück- und Ausblick des gemeinsamen Sorgerechts (S. 378 ff.) schließt mit einem gesellschaftlichen Befund: "Das Bewusstsein von Eltern ist bisher weitgehend von der Vorstellung geprägt, dass mit dem Ende der Partnerschaft auch die gemeinsame Elternschaft weitgehend beendet wird. Der Gedanke der fortbestehenden elterlichen Verantwortung trotz Trennung und Scheidung oder trotz des fehlenden Bestandes der Ehe bei nicht miteinander verheirateten Eltern ist relativ neu und noch keineswegs Allgemeinbewusstsein geworden."

Am eindringlichsten, aber vielleicht auch illusionslos und radikal formuliert, ist der Beitrag von Jürgen Borchert (S. 398 ff.), der uns aufzeigt, dass die Familienpolitik seit 1994 ein einziger Raubbau am ideologischen Institut der Familie ist. Borchert bleibt aber nicht abstrakt, sondern rechnet uns vor, wie "Humanvermögen" vernichtet worden ist. Ganz am Ende seines Beitrages, der eine lange Schrift beschließt, finden wir die Überschrift: "Deformierte Eltern, deformierte Kinder, deformierte Zukunft"- und denken, das Beste getan zu haben, und in vielem geht es uns am Ende wie Faust: das Gute wollen, aber das Böse schaffen. Wir wissen es nicht.

Rezension von
Prof. Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix
Intendant Theater Konstanz
Professor an der Universität Bremen
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Es gibt 8 Rezensionen von Christoph Nix.

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Zitiervorschlag
Christoph Nix. Rezension vom 15.08.2006 zu: Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. (Hrsg.): Fortschritt durch Recht. Festschrift für Johannes Münder zum sechzigsten Geburtstag. Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf (München) 2004. ISBN 978-3-936085-60-0. Gastherausgeber: Dieter Kreft, Ingrid Mielenz, Gitta Trauernicht, Erwin Jordan.
Schriftenreihe des SPI (Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V.). Preis = Schutzgebühr. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3988.php, Datum des Zugriffs 05.12.2022.


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