socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Doris Schaeffer, Sebastian Schmidt-Kaehler (Hrsg.): Lehrbuch Patientenberatung

Cover Doris Schaeffer, Sebastian Schmidt-Kaehler (Hrsg.): Lehrbuch Patientenberatung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 304 Seiten. ISBN 978-3-456-84368-1. 29,95 EUR, CH: 48,90 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-85098-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Ob es sich um die Analyse von Praxisfeldern oder um theoretisch-konzeptionelle Beiträge handelt, das umfassende Themenfeld der Beratung von Patienten hat heute in zahlreichen beruflichen Zusammenhängen Hochkonjunktur. Mit Patientenberatung, auch -aufklärung und -information als "spezifische Form institutioneller Hilfe" hat sich in den letzten Jahren ein eigenständiges Beratungsfeld ausdifferenziert, das zwar durch entscheidende Entwicklungen des Gesundheitswesens geprägt ist - wie die Gesundheits- und Selbsthilfebewegung mit ihrer Stärkung der Patientenrolle - allerdings gewinnt der Themenkomplex ebenso gesellschaftspolitische Bedeutung. Hier sei beispielhaft an die historisch gewachsenen Veränderungen sozialer Strukturen erinnert, die den Patienten in seiner Lebensgestaltung und Lebenslaufplanung eher verunsichern und desorientieren, als ihm identitätsstiftende und ordnungsbezogene Wege zur Beratung vorzugeben. Hinzu kommen typische Akzentsetzungen (z.B. Zunahme multimedialer Beratung, Forderung nach Eigenverantwortung der Patienten) und die Erprobung von verschiedenen Strategien (z.B. nach der Gesundheitsreform 2000 die Förderung von Modellprojekten durch die Spitzenverbände der Krankenkassen auf der Grundlage des § 65 b SGBV), die dennoch etliche Fragen offen lassen und gewissermaßen noch kein konkretes Profil der Patientenberatung in Deutschland sichtbar machen. Aus diesem Grund wird eine Unterstützung - welcher Form auch immer - zusehends wichtiger, um auch im Dschungel der Versorgungsstrukturen die Entscheidungsspielräume der Patienten auszuweiten und ein kompetentes und innovatives Informationsangebot anzubieten. Genau hier setzt die Intention des Buches an.

Herausgeberteam

Das Herausgeberteam - Doris Schaeffer und Sebastian Schmidt-Kähler - zeichnet sich durch hervorragende Kennerschaft der Thematik aus, da u. a. beide im Zusammenhang mit der Förderung zum Aufbau von Patientenberatungsprojekten u.a. in die wissenschaftliche Begleitforschung der Modellvorhaben einbezogen waren und inzwischen ihre Evaluation der Modellprojekte publiziert haben. Außerdem ist Doris Schaeffer seit vielen Jahren der gesundheits- und pflegewissenschaftlichen Szene durch zahlreiche Veröffentlichungen aus der Versorgungsforschung bestens bekannt; sie leitet das Institut für Pflegewissenschaft und die Arbeitsgruppe Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Sebastian Schmidt-Kähler hat sich insbesondere mit seiner Dissertation in Public Health über "Gesundheitsberatung im Internet" hervorgetan und setzt sich im Rahmen seiner Tätigkeit bei der Bertelsmannstiftung für eine nutzerorientierte Patienteninformation ein.

Aufgrund dessen wird eine fundierte und sachkundige Konzeption des Buches deutlich erkennbar.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch, in dem insgesamt 19 Aufsätze zusammengefasst sind, ist übersichtlich und nachvollziehbar strukturiert. In einem einleitenden Aufsatz führen die Herausgeber zunächst in das vielschichtige Thema ein, indem sie die Entwicklung der Patientenberatung und auch die Begrifflichkeiten um Patienten, Nutzer, Verbraucher, Bürger etc. in den Gesamtkontext einbetten und die wachsende Notwendigkeit und Herausforderung für die beschriebenen Themen kurz erklären. Gleichzeitig wird eine knappe Darstellung der einzelnen Beiträge angefügt, die drei umfangreichen Themenblöcken zugeordnet sind:

  1. Patientenberatung und Nutzerinformation - internationale Perspektiven bilden den ersten Themenblock und widmen sich Beiträgen zur Beratungssituation aus England (Bob Gann), Australien (Hilda Bastian), Amerika (Michael T. Wright), Dänemark (Marianne Thomsen), Schweden (Lars- Olof-Hensjö/ Bengt Wallin/ Susanna Hauffmann) und am Schluss aus Deutschland (Doris Schaeffer / Marie- Luise Dierks). Alle auswärtigen Aufsätze sind kurz und prägnant konzipiert und erläutern zusätzlich die wesentlichen Aspekte des jeweiligen Gesundheitssystems, um dann die Spezifika der Patientenberatung herauszuarbeiten. Dabei spielen die verschiedenen Kommunikationswege der Beratung eine ebenso wichtige Rolle, wie z.B. auch die Grenzen der Beratungstätigkeit. Extra zu erwähnen sei in diesem Themenblock unbedingt der letzte deutsche Beitrag, der von den beiden wissenschaftlichen Beiratsmitgliederinnen (im Rahmen der Modellprojektförderung zur Patientenberatung nach § 65 b SGB V) ausgearbeitet wurde. Er stellt auf etwas über 19 Seiten, sehr dicht und professionell beschrieben, die essentiellsten Gesichtspunkte der Patientenberatung dar und bezieht dabei entscheidende Literaturquellen mit ein, die mancher Student für seine Hausarbeit exzellent nutzen könnte. Darüber hinaus wird die gesamte Beratungslandschaft im Gesundheitswesen einer kritischen Analyse unterzogen und insbesondere auf die ungenügende Integration und Kooperation eingegangen.
  2. Konzeptionelle Aspekte der Patientenberatung stehen im Mittelpunkt des nächsten Themenblocks. Frank Engel/ Frank Nestmann/ Ursel Sickendiek, bestreiten den ersten Teil, indem sie die Vielfalt der theoretischen Konzepte zur Beratung (z. B. ressourcen-, netzwerk-, und lösungsorientierte Beratung) und ihre Diversität präsentieren. Doris Schaeffer und Bernd Dewe konzentrieren sich im folgenden Beitrag auf die Interventionslogik von Beratung in Differenz zu Information, Aufklärung und Therapie und arbeiten u.a. die Gemeinsamkeiten und Unterscheide kommunikativer Interventionsstrategien aus. Ausgehend vom Leitbild "Patientenorientierung" werden im nächsten Beitrag von Michael Ewers, Doris Schaeffer und Dominik Ose die konkreten Aufgaben der Patientenberatung aufgeführt. Formen der Patientenberatung (Sebastian Schmidt- Kähler/ Birgit Knatz/ Holger Krause) und Nutzer der Patientenberatung (Marie- Luise Dierks / Gabriele Seidel) bilden die Abschlussbeiträge und leisten wichtige Hilfestellungen für die strategische Planung einzelner Beratungsmöglichkeiten.
  3. Praxisfelder der Patientenberatung und Nutzerinformation - der letzte Themenblock - thematisiert sieben Beiträge und gibt einen Einblick in die Arbeitsweisen der Beratung. Es beginnen Ulf Maywald und Wilhelm Kirch mit der Beschreibung über ein Modellprojekt zur Arzneimittelberatung und es wird fortgesetzt durch Christof Kranich, der als sogen. "Insider" die Beratung der Verbraucherzentralen konturiert und Friedrich Haas,, der sich Callcentern der Krankenkassen widmet. Günter Hölling befasst sich anschließend mit der Beratung in den Einrichtungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientenstellen (BAGP). Über Erfahrungen und Ergebnisse einer Online-Beratung für Patienten mit Essstörungen berichten danach Martin Grunwald / Dorette Wesemann und Frank Krause. Wie eine unabhängige zahnärztliche Verbraucher- und Patientenberatung aussehen kann, wird von Uwe Nieckusch und Cornelia Wagner dargelegt. Zum themenspezifischen Beratungsangebot zeigt abschließend Katja Bakarinow-Busse die Arbeit der Patientenberatung Herdecke auf, deren Schwerpunkt auf einer Face-to-Face Beratung liegt.

Jeder separate Beitrag schließt mit einem Literaturverzeichnis. Abgerundet wird das Lehrbuch mit einem Autorenverzeichnis sowie einem nützlichen Sachregister am Ende, das die Suche nach Begriffen schnell erleichtert und absolut angebracht erscheint.

Welche Zielgruppen?

Wer bereits in die Patientenberatung involviert ist, findet hier ein wertvolles Kompendium an konzeptionellen Hinweisen für den praktischen Berufsalltag, obwohl die Herausgeber betonen, weniger den Fokus auf die "…Beratung als integralen Bestandteil professionellen und institutionellem Handelns..." zu legen.

Jedoch auch Beschäftigte anderer Couleur außerhalb des klassischen Gesundheitswesens werden hier einen guten und brauchbaren Einblick gewinnen, da einige Konzepte über die eigentliche Beratung speziell im Gesundheitswesen hinausgehen. Wichtig wäre auch der Blick über die Grenzen Deutschlands zu erwähnen, den mancher in dem Arbeitsfeld Tätige als sehr zweckmäßig empfinden wird, um neue Anregungen und mögliche Übertragungschancen auszuloten. Außerdem kann - wie der Titel verheißt - das Buch durchaus als Lehrbuch für interdisziplinär angelegte Ausbildungs- und Studienzwecke im Gesundheits- und Sozialwesen eingesetzt werden, um neue Impulse für die Theorie und Methodenentwicklung zu geben. Aus der Nutzer-, also Patientenperspektive, könnte das Buch sogar ebenso von Interesse sein, da deutlich wird, dass Patientenberatung all zu oft von vielen Seiten instrumentalisiert wurde, statt einfach kompetente und gut erreichbare Hilfe am richtigen Ort zu ermöglichen.

Einschätzung des Konzepts und der Umsetzung

Berücksichtigt man den fachkundigen Hintergrund des Herausgeberteams, kann festgehalten werden, dass das Neue an diesem Buch gerade darin liegt, die Relevanz des Aufgabengebietes und die Qualität der innerhalb der Beratung geleisteten Arbeit sowie die noch anstehenden Entwicklungsmöglichkeiten zusammengefasst zu haben, um langfristig zu einer "einheitlichen Gesamtkontur der Patientenberatung" zu gelangen. Genau diese letzte - hervorragend erkannte - Forderung, wird dem Leser an etlichen Stellen immer wieder sehr gut vor Augen geführt, um insbesondere die Verdrängungsbestrebungen innerhalb der Beratungsinstitutionen zu schützen, der unübersichtlichen Zersplitterung der Beratungslandschaft Struktur zu verleihen und im Interesse der vielen Patienten sinnvolle Kooperationen von Gesundheits- und Sozialberatungen in die Wege zu leiten.

Damit erweist sich das Lehrbuch zusammenfassend als ein bisher selten anzufindendes Gesamtwerk zur Patientenberatung. Gewiss, wie in zahlreichen Büchern, an denen sehr viele Autoren einbezogen werden (hier 30 Autorinnen und Autoren), schwankt die Qualität der Beiträge, so auch hier, wenn an mancher Stelle weniger flächendeckende, sondern fundiertere Ausführungen hilfreicher gewesen wären. Das stört den Leser aber nicht sonderlich, da die Vielfalt überzeugt und das nicht zuletzt auch deshalb, weil gerade fachkundige und transparente Informations- und Kommunikationsangebote von den Nutzern, sprich den Patienten, nachdrücklich gewünscht werden.

Auf die inhaltlichen Beschränkungen der Beispiele innerhalb der institutionalisierten Patientenberatung (dritter Themenblock) wird von dem Autorenteam vorsichtshalber selbst hingewiesen, denn diese eher beliebig präsentierten Ausführungen ließen sich noch durch weitere Beratungen (z.B. Pflegeberatungsstellen) vervollständigen. Doch jeder Herausgeber kennt die Verlagshinweise, sich begrenzen zu müssen, weshalb dieses Manko hier nicht als Schwäche angesehen werden kann, zumal die Stringenz der Texte stimmt. Diese sind außerdem insgesamt ansprechend und lesefreundlich und z.T. mit Tabellen und Grafiken gestaltet.

Fazit

Das "Lehrbuch Patientenberatung" schließt eine dringende Lücke in der gesundheitswissenschaftlichen Literatur, da das Autorenteam einen komplexen und ansprechenden Einblick in den gegenwärtigen Entwicklungsstand der Beratung von Patienten und Nutzern im Gesundheitswesen bietet. Insbesondere die Beiträge, die aus internationaler Perspektive berichten (z.B. Dänemark, England, Australien oder USA), machen das Buch zu einer wertvollen Bestandsaufnahme. Insgesamt haben anerkannte Experten mit interdisziplinärer Herangehensweise mitgewirkt und dem Leser zahlreiche neue Aspekte aufgezeigt. Mit anderen Worten: hier liegt ein empfehlenswertes Werk vor, das man nicht in einem Rutsch durchlesen kann und auch nicht sollte, sondern es als ergänzende Arbeitshilfe verwenden sollte. Es wäre wünschenswert, das Thema einem großen Publikumskreis zugänglich zumachen, um den Lesern auch eine kritische Rolle im Hinblick auf die Patientenberatung zu gestatten und zukünftig die Theorie und Praxis der Beratung von Patienten voranzubringen.


Rezensentin
Prof. Dr. Johanne Pundt
Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft GmbH, Dekanin Fachbereich Gesundheitsökonomie
Homepage www.apollon-hochschule.de
E-Mail Mailformular


Alle 10 Rezensionen von Johanne Pundt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Johanne Pundt. Rezension vom 08.12.2006 zu: Doris Schaeffer, Sebastian Schmidt-Kaehler (Hrsg.): Lehrbuch Patientenberatung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. ISBN 978-3-456-84368-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3993.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung