Susanne Held: Vorlesen oder die Kunst, Bücher in Kinderherzen zu schmuggeln
Rezensiert von Gerd Schneider, 07.12.2006
Susanne Held: Vorlesen oder die Kunst, Bücher in Kinderherzen zu schmuggeln. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. 153 Seiten. ISBN 978-3-608-94115-9. 13,00 EUR.
Reihe: Kinder fordern uns heraus.
Autorin
Susanne Held, 1954 in Wetzlar geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie. Sie arbeitete mehrere Jahre als Universitätsdozentin, heute als Lektorin. Sie übersetzte u.a. den Versroman "Erec" des Hartmann von der Aue. Die Gerlinger Autorin, Mutter zweier fast erwachsener Söhne, die leidenschaftlich gern Geschichten vorgelesen bekamen, ist überzeugt davon, dass - wie sie in ihrem Buch betont - Vorlesen nicht bedeutet, die Zeit totzuschlagen, sondern dass es eine unbezahlbare Investition in die Zukunft unserer Kinder ist.
Inhalt
Susanne Held hat sich in der weiten Landschaft der Kinderliteratur umgesehen, hat dabei überlegt, welche Bücher bei ihren eigenen Kindern am besten ankamen, und gibt hier eine Orientierungshilfe für alle, die den eigenen Kindern, Enkelkindern und den Freunden der Kinder das Geschenk des Vorlesens machen möchten. Hinweise, wie man eine möglichst angenehme Vorleseatmosphäre schafft, leiten das Buch ein. Es ist schon gleich zu Beginn so anregend, dass man sich als Rezensent am liebsten bei einer Tasse Tee zurücklehnen und von einer Lesefee verzaubern lassen möchte. Vielleicht, während sie "Ronja Räubertochter" von Astrid Lindgren vorliest?
Für jedes Lebensalter der Kinder gibt es Bücher und man sollte sich nicht beunruhigen lassen, dass es einfach zuviel gibt und die Buchhändler von der Flut und den ständigen Fragen der Kunden, welches das richtige Buch für die Kinder ist, überfordert sind. Wenn Sie kleine Kinder haben, nehmen Sie das wunderbare "Oh wie schön ist Panama" von Janosch zur Hand. Das steht ganz oben auf der Liste der von Susanne Held empfohlenen Vorlesebücher, denn darin wird dargestellt, wie zwei ganz unterschiedliche Typen miteinander klar kommen können auf der Suche nach dem Land der Träume. Oder suchen Sie in der Kiste mit Ihren alten Kinderbüchern (haben Sie die etwa nicht mehr!?) auf dem Dachboden nach "Pu der Bär" von Alan Alexander Milne, ein Werk, das mittlerweile 80 Jahre auf dem (Buch)-Rücken hat. Susanne Held hält es für ein Juwel der Kinderliteratur, weil es eine "Brücke schlägt zwischen dem unbeschwerten, vor Phantasie und Beobachtungsgabe strotzenden Spielen des Kindes und dem Geschichtenerzählen, dem Vorlesen und damit letztlich auch dem Lesen".
Susanne Held plädiert schon dafür, bei der Auswahl der Vorlesebücher nicht ganz den pädagogischen Blick zu verlieren, zu überlegen, wenn es sich denn anbietet, welches Buch besonders gut geeignet sein könnte für bestimmte Fälle und Lebensalter. Nehmen wir an, das Kind ist zurzeit isoliert, hat keine Kumpelgruppe, keinen Freund, keine Freundin; andere lehnen es ab, es bekommt keine Anerkennung und der tägliche Besuch von Kindergarten oder Schule fällt immer schwerer. Könnte in dieser Situation ein Bilderbuch wie "Irgendwie Anders" (K. Cave, C. Ridell) etwas bewirken? Der kleine, merkwürdige aussehende Kerl mit großen Pfoten, einem blauen Fell und einem riesigen runden glatten Kopf mit abstehenden Ohren heißt wie der Titel und ist der totale Außenseiter, der ganz alleine und ohne einen Freund auf einem hohen Berg lebt. Alle seine Annäherungsversuche an die anderen Tiere, die in der Gegend leben, werden abgeschmettert: Du gehörst nicht hierher! Du bist nicht wie wir! Da haben wir bei "Irgendwie Anders" das, was vielen Kindern zu schaffen macht, die einfach in einer Gruppe keinen Halt finden und sich doch so sehr danach sehnen! Der Typ im Buch wird es letztlich nicht schaffen, zu einer Gruppe zu gehören. Was er schaffen wird - und das ist viel wichtiger als diese simple Dazugehörigkeit, als einfach ein guter Mitläufer zu sein -: er lernt einen anderen Fremden kennen, entwickelt eine, zu Anfang auch mit viel Ablehnung verbundene Beziehung zu ihm. Es entsteht eine wirkliche Freundschaft, in der jeder seine eigenen Interessen verfolgen und seine Eigenheiten ausleben kann ohne Angst, dass er dafür vom anderen mit Nichtbeachtung und Ablehnung bestraft wird. Die Autorin zitiert den Schlusssatz des Buches (und wir tun das gerne auch, weil es so ein schöner Wunschtraum ist, der dem zuhörenden Kind natürlich sofort einleuchtet): "Und wenn einmal jemand an die Tür klopfte, der wirklich sehr merkwürdig aussah, dann sagten sie nicht 'Du bist nicht wie wir' oder 'Du gehörst nicht dazu'. Sie rückten einfach ein bisschen zusammen."
Die weiteren ausgewählten Vorlesebücher, die Susanne Held vorstellt, sind neben den schon genannten:
- "Norbert Nackendick" (Michael Ende, Reinhard Michl);
- "Armer Petterson" (Sven Nordqvist);
- "Eine Woche voller Samstage" (Paul Maar);
- "Tintenherz" (Cornelia Funke).
Das letzte hat Susanne Held besonders berührt, wie sie schreibt. Und das liegt daran, dass darin das Leben mit und in Büchern eine entscheidende Rolle spielt. Es ist eine spannende und kluge Auseinandersetzung mit der Frage: Wem gehört eine Geschichte? Gehört sie dem, der sie schreibt? Oder gehört sie der Hauptfigur innerhalb der Geschichte? Oder gehört sie den Lesern? (Und der Rezensent nimmt sich an dieser Stelle vor, sich das Buch sofort von der 11-jährigen Nichte auszuleihen, der er es vor einiger Zeit schenkte, ohne es entgegen seiner sonstigen Gewohnheit zuvor zumindest angelesen zu haben).
Der Vollständigkeit halber und weil es angesichts des großen und immer mehr wachsenden Angebots an Hörbüchern nicht ohne Bedeutung ist, sei noch auf eine Empfehlung der Autorin hingewiesen. Sie plädiert zwar durchaus für dieses Medium: Hörbücher seien wunderbar geeignet für stressgeplagte Eltern, und selbst "Pu der Bär", zauberhaft vorgetragen von Harry Rowohlt, sei eher perfekt für das Hörbuch-Sortiment der Erwachsenen und nicht für Kinder. Denn die brauchen den, wie die Autorin formuliert, "familieneigenen" Vorleseton. Auch wenn man als Eltern nicht an die geschulte Qualität der Profi-Sprecher herankomme, so begebe man sich doch einer wunderbaren gemeinsamen Tätigkeit, wenn man aufs eigene Vorlesen verzichte; man gebe die Zeit, die man mit den Kindern zusammen verbringen könne, wieder einmal an ein Medium ab, weil es eben leider Wichtigeres gebe, als den Kindern vorzulesen.
Fazit
Wenn man heute beobachtet, wie Fernsehen und Computerbildschirm die ganze Aufmerksamkeit der Kinder auf sich ziehen, muss dieses Buch von Susanne Held einfach gewürdigt und empfohlen werden. Man muss auch nicht mäkeln, dass das eine oder andere Buch fehlt, denn jeder hat seine Vorlieben, an die er sich sein Leben lang erinnert; vielleicht könnte man auch mehr (oder auch weniger) pädagogisch an eine solche Empfehlungsliste herangehen, sicher, Argumente gibt es dafür oder dagegen, allerdings entkräften sie nicht das wichtigste, wofür dieses Buch einen Beitrag leistet: Den Kindern die Liebe zu Büchern zeigen, ihnen den Umgang mit Büchern beibringen, damit sie sehen, wie schön es sein kann, ganz gespannt eine erste Seite aufzuschlagen und sich auf die Reise zu begeben. Und die allgemein anerkannte Erkenntnis schieben wir noch nach, dass der Umgang mit Büchern wie kaum eine andere Kulturtechnik die seelische und geistige Entwicklung fördert.
Zum Schluss: Sollten die Kinder, denen im Vorschulalter und auch später viel vorgelesen wurde, selber der Droge Lesen verfallen, so seien Sie unbesorgt. Das ist eine der wenigen Süchte, die unbedenklich ist.
Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor
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