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Klaus Türk (Hrsg.): Hauptwerke der Organisationstheorie

Cover Klaus Türk (Hrsg.): Hauptwerke der Organisationstheorie. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2000. 346 Seiten. ISBN 978-3-531-22186-1. 26,00 EUR.
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Vielfalt der Ansätze

Das Phänomen Organisation kann von unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen betrachtet werden: Betriebswirtschaft, Soziologie, Sozialpsychologie, Organisationspsychologie, Systemtheorie und Kommunikationswissenschaft stellen nur einige Möglichkeiten dar. Die Darstellung der Autoren kann beschreibenden (deskriptiver Ansatz) oder empfehlenden (präskriptiver bzw. normativer Ansatz) Charakter haben, ihre Arbeit theoriegeleitet oder empirisch geprägt sein. Im Mittelpunkt des Interesses steht das Individuum, die einzelne Organisation oder Organisationen als gesellschaftliches Phänomen. Während die meisten Autoren der Organisationsliteratur keine offenen Wertungen einfließen lassen, sind einzelne Beiträge z.B. von der humanistischen Psychologie oder feministisch geprägt. Die meisten Verfasser konzentrieren sich auf einzelne, (vermeintlich) neue Aspekte, während einige wenige versuchen, unterschiedliche Ansätze zu verbinden. Bei alle dem geht es nicht um die schnell verwelkenden Blüten der Managementmoden von business reengineering bis TQM oder angeblich neuartiger Instrumente wie Zertifizierung und balanced scorecard. Sondern gemeint sind die grundlegenden Theorien und Thesen, die helfen sollen, Organisationen zu verstehen und erfolgreich zu beeinflussen.

Zielsetzung des Herausgebers

In Anbetracht der oben beschriebenen Vielfalt möchte der Herausgeber auf Anregung seines Lektors vom Westdeutschen Verlag einen überblick über die wichtigsten Arbeiten der Organisationstheorie geben. Dabei sollen nicht nur verbreitete Klassiker, sondern auch wegweisende Arbeiten noch weniger bekannter Autoren berücksichtigt werden. 139 Aufsätze und Monographien wurden schließlich dargestellt. Die zweifellos schwierige Auswahl wurde durch 40 Expertinnen und Experten unterstützt; 60 AutorInnen haben an dem Band mitgearbeitet. Zu jedem Werk werden neben den bibliographischen Angaben Entstehungsgeschichte, zentrale Thesen, Wirkungsgeschichte und meist auch weiterführende Literatur aufgeführt. Damit soll der Leser sich als Einstieg einen ersten Überblick verschaffen können. Keinesfalls sollen die zwei bis vier Seiten langen Zusammenfassungen die Lektüre der Originalbeiträge ersetzen.

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge sind alphabetisch geordnet, so dass ein lineares Durchlesen des Buches nicht ganz befriedigt. Allerdings werden eingangs in einer Übersicht die Beiträge thematisch gruppiert. Einige Gruppenüberschriften zeigen bereits die Vielfalt der Beiträge: Überblickswerke, Theoriedebatten, Bürokratiemodell, Postmodernismus, Handlungstheorie, Institutionalismus, Kontingenztheorie, Mikropolitik, Systemtheorie, Entscheidungen, Führung, Kultur & Symbole, Organisation & Umwelt und Historisches.

Die Darstellungen der einzelnen Werke halten sich an das vorgegebene Raster, ohne schematisch zu wirken. Teilweise ist die Würdigung des Werkes sehr komprimiert und setzt für ein umfassendes Verständnis weitere Literaturkenntnisse voraus. So nimmt Steffensen (Aldrich: Organizations and Environments) im Nebensatz auf die Vierertypologie für Organisationsumwelten von Emery/Trists Bezug, ohne diese zu erläutern. In anderen Fällen ist es möglich, die Aussagen eines Aufsatzes leicht verständlich zusammenzufassen. So liest sich Bosetzky (Bensman und Gerver: Crime and Punishment in the Factory) ohne Einbuße an Fachlichkeit geradezu amüsant. Der Mythos der Rationalität wurde durch diesen Aufsatz bereits 1963 anschaulich in Frage gestellt. Dass die Zusammenfassungen die Originallektüre nicht verdrängen (sollen), macht der Beitrag von Pohlmann (Westerlund und Sjöstrand: Organisationsmythen) deutlich. Aus der vielzahl ähnlicher Bücher wird qualifiziert ausgewählt und mit den Auszügen Lust auf mehr geweckt.

Die AutorInnen beschränken sich nicht auf die neutrale Zusammenfassung, sondern würdigen die einzelnen Beiträge in ihrer historischen Bedeutung sowie den Bezügen zur Gegenwart. Dabei wird auch die Aktualität "klassischer" Werke deutlich, z.B. bei Meyer (Barnard: The Functions of the Executive, 1938), die den Bogen von der Anreiz-Beitrags-Theorie bis zu aktuellen (Mode-)Themen Shareholder-Value-Ansatz und marktorientierte Unternehmensführung spannt.

Zielgruppe und Nutzen

Türk liefert mit dem Band nicht nur einen repräsentativen und sehr breit angelegten Überblick über Organisationstheorien und -paradigmen, er erschließt dem Leser auch zahlreiche, schwerer zugängliche Werke, die z.B. nicht ins Deutsche übersetzt wurden oder als ältere Zeitschriftenaufsätze ggf. nur über Fernleihe in Hochschulbibliotheken zu bestellen sind.

Die komprimierte Darstellung erfordert Zeit zum Nachdenken über die Thesen. Ein kursorisches Überfliegen der Seiten, mit dem man den meisten Management-Bestsellern gerecht wird, reicht hier sicher nicht aus. Vorkenntnisse der Organisationslehre sind hilfreich, aber nur bei den wenigsten Beiträgen erforderlich.

Das Werk richtet sich an Organisationsforscher und Studierende, die beide sicher bestens bedient werden. Auch OrganisationsberaterInnen und Organisatoren sei das Werk ans Herz gelegt. Die Reflexion über (Beratungs-)Mythen, die Relevanz von Umwelt und Individuum sowie die zahlreichen anderen Perspektiven stellt eine enorme Lernchance dar.

Schließlich könnten Führungskräfte zum Nachdenken angeregt werden. Allerdings sollten keine praktischen Handreichungen für den Alltag erwartet werden. Wer wenig Zeit zum Hinterfragen hat und schnelle Entscheidungen benötigt, greife zur reichlich vorhandenen, normativen Managementliteratur.

Fazit

Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber "Sammelwerken" hat sich der Rezensent schnell in einzelne Darstellungen vertieft, ist an interessanten Thesen hängen geblieben und hat sich immer wieder neue Werke erschlossen. Die Qualität der Beiträge und der redaktionellen Zusammenstellung ist hoch. Dem aktiven Leser bietet sich eine außerordentliche Fülle von Anregungen, die sicher das eine oder andere Mal im Griff nach dem Originalbeitrag münden wird.

Wer sich mit Organisationstheorien intensiv auseinandersetzen möchte, findet mit dem Band einen hervorragenden, sehr komprimierten ersten Zugang.

Dem insgesamt sehr verdienstvollen Werk ist als Ergänzung nur noch ein Stichwortregister und ein Verzeichnis der Werke mit Autor und Bearbeiter zu wünschen. Für den weniger kundigen Leser wäre ein einführender Übersichtsartikel über die wesentlichen Strömungen der Organisationslehre hilfreich. Dazu sei er momentan auf die gängigen Lehrbücher verwiesen.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Christian Koch
Geschäftsführer der socialnet GmbH und selbständiger Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen
Homepage www.npoconsult.de
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Zitiervorschlag
Christian Koch. Rezension vom 01.08.2001 zu: Klaus Türk (Hrsg.): Hauptwerke der Organisationstheorie. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2000. ISBN 978-3-531-22186-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/40.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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