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Rudolf W. Keck, Sabine Kirk u.a. (Hrsg.): Bildungs- und kulturgeschichtliche Bildforschung

Cover Rudolf W. Keck, Sabine Kirk, Hartmut Schröder (Hrsg.): Bildungs- und kulturgeschichtliche Bildforschung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2006. 190 Seiten. ISBN 978-3-8340-0087-3. 18,00 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Bildungsforschung ist Bildforschung

Du sollst dir kein Bild machen …, oder doch? Nun, Philosophen, Pädagogen und Ideologen haben zu allen Zeiten die Bedeutung der Abbildung einer Situation oder Begebenheit erkannt, darüber reflektiert, das Bild als Beweis eingesetzt oder ihm auch misstraut, nicht selten auch missbraucht. Du sollst den Bildern misstrauen … oder nicht? Den epistemologischen Ursprung der abendländischen Frage nach den Phänomenen "Bild" und "Bildlichkeit" finden wir ja im Höhlengleichnis Platons, bei dem er in der Politeia auf die Unfähigkeit der Menschen verweist, nicht auf "Wirklichkeiten" schauen zu können, sondern sich mit Schatten zufrieden geben müsse. Diese fatale Betrachtung, in deren Kern freilich die Hoffnung auf die wirkliche Erkenntnis, die Befreiung von den Fesseln und damit auch die aufklärerische Grundlage gelegt ist, scheint im Zeitalter der neuen Informations- und Kommunikationsentwicklung nicht mehr zu gelten. Denn: Ist es nicht so, dass wir heute immer, überall und sofort den Zugriff zum Bild, zum historischen Dokument haben? Doch gelegentlich erfahren wir, dass unsere "Allmacht über das Bild" Risse bekommt; etwa, wenn der Germanist an der New Yorker Universität, Bernd Hüppauf, "über den Dokumentationswert und den Erinnerungswert von Bildern" reflektiert und zu dem Ergebnis kommt: "In der affektiven Erinnerung durch Unschärfe könnte die Zukunft von Fotos, auch des historischen Fotos, liegen" (in: Jürgen Matthäus / Klaus-Michael Mallmann, Hrsg., Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart, WBG, Darmstadt 2006); oder wenn der SPIEGEL, anlässlich der Bilderflut bei Berichten über Katastrophen, von der "Unbarmherzigkeit der Bilder" spricht.

Entstehungshintergrund, Herausgeber/innen und Autoren/Autorinnen

Dies als Vorrede zu einem Tagungsband, den die Herausgeber als "Erschließungshorizonte" untertiteln. An der Universität Hildesheim fand im Oktober 2004 eine wissenschaftliche Veranstaltung statt zum Thema: "Das Bild in der historischen Forschung". Rudolf W. Keck, em. Prof. für Schulpädagogik und Schulgeschichte am Institut für Angewandte Erziehungswissenschaft und Allgemeine Didaktik, leitet das seit Januar 2000 von der DFG geförderte Forschungsprojekt "Retrospektive Digitalisierung ausgewählter Bibliotheksbestände". Zusammen mit der im Projekt mitarbeitenden Akad. Rätin Sabine Kirk und Dipl.-Päd. Hartmut Schröder, legt er den Tagungsband mit den Beiträgen der bei der Konferenz referierenden Fachleute, gewissermaßen von Who is who der "Ikonologie", vor. Der Forschungsverbund der "Pictura Paedagogica Online", dem neben der Universität Hildesheim auch die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin angehört, kann mittlerweile eine stolze Bilanz der Nutzung der bildungshistorischen Bilddatenbank vorweisen: Im Jahr 2005 waren es mehr als 400.000 Wissenschaftler, die auf die rund 32.000 digitalisierten Abbildungen aus ca. 12.000 Bänden der Sammlung "Alte Drucke" aus den Jahren 1485 bis 1930 zugriffen.

Inhalt

  • Rudolph Keck stellt bei der Nutzung von Bildmaterialien für die Bildungs- und erziehungswissenschaftliche Forschungen zwei bedeutsame Aussagen in den Mittelpunkt seiner Einführung zum Sammelband: Die eine ist die Erkenntnis, dass die Verbindung zwischen schriftlicher und bildlicher Überlieferung unverzichtbar für das Verhältnis zwischen Gesellschaft und gesellschaftlich wahrgenommener und bildlich geformter Realität und damit für den Forschungs- und Erkenntnisprozess darstellt; denn "das Bild unterliegt selbst einem historischen Wandlungsprozess". Zum anderen die Erfahrung, "dass sich die Lesbarkeit von Bildern als Quellen für die Pädagogikgeschichte umso ertragreicher gestalten kann, je größer die Zahl der zur Verfügung stehenden Bilder ist". Wenn mich nicht täuscht, stellt gerade die letztere Erkenntnis so etwas wie einen Perspektivenwechsel in der sozialwissenschaftlichen Forschung dar, betrachtet man z. B. die besonders in der Soziologie, aber auch in der Philosophie jahrzehntelange "Bilderfeindlichkeit", bei der ikonisches Anschauen nachrangig zum nicht-ikonischem Denken praktiziert wurde (Klaus Feldmann).
  • Heike Talkenberger, Staatsarchivrätin und Redakteurin der Geschichtszeitschrift DAMALS, reflektiert in ihrem Beitrag "Bilder als historische Quellen", die Methoden und Praxis der Bildinterpretation. Die Zugangsweisen, etwa der "Realienkunde" , mit der das bildliche Symbol und Einzelaspekte in der Bilddarstellung für die Anschauung bedeutsam sind; oder mit der von Erwin Panofsky begründeten Methode der "Ikonologie", die von der Analyse des Einzelbildes ausgeht; oder der "Funktionsanalyse", mit der gesellschaftliche Funktionen, kulturelle und historische Fragestellungen im Vordergrund stehen; oder der "Semiotik", die das Bild als visuelle Kommunikation versteht; oder der "Rezeptionsästhetik", die insbesondere von der Literaturwissenschaft benutzt wird - in diesem Zusammenhang passt die Aussage: "Es gibt Bilder, die man nur in der Wir-Form versteht" (SPIEGEL), weil die Bildaneignung auf einer möglichst breiten Basis erfolgen sollte, um als "Zeugnis differenzierter historischer Prozesse" wirken zu können.
  • Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Historischen Seminars der Universität Köln, Alexander Kraus, setzt sich mit seinem Beitrag mit der Kritik an der Ikonologie Panofskys auseinander, wobei er für seine "Zunft der Historiker" eine neue "Sehkultur" anmahnt, sich bei der Bildinterpretation und Quellenforschung auf den "kommunikativen Aspekt der Bilder (zu konzentrieren), denn auch die Menschen der Neuzeit waren den durch die Bilder transportierten oder kommunizierten Botschaften ausgesetzt".
  • Sabine Kirk nimmt ausgewählte Bilddokumente und verdeutlicht daran schulgeschichtliche Lernsituationen an Beispielen des Rechenunterrichts im 16. und 17. Jahrhundert.
  • Thorsten Loch vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam geht mit seinem Thema über das "frühe Soldatenbild in der Nachwuchswerbung der Bundeswehr von 1956" auf ein bisher in der historischen Forschung kaum bearbeitetes Feld ein. Die Bildanalyse einer schwarz-weißen, graphisch gestalteten Werbeanzeige macht deutlich, dass die Historische Bildkunde es möglich macht, den "polyvalenten Charakter der Bilder" heraus zu arbeiten.
  • Hartmut Schröder stellt die Entstehungsgeschichte des von Rudolph Keck seit 1978 initiierten Bildarchivs an der Universität Hildesheim dar. Die Zusammenfügung der für den Forschungsgegenstand relevanten Bestände der "Bibliotheca Augusta" der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, der historischen Bibliothek Helmstedt, aus der Universitätsbibliothek Göttingen und aus sonstigen Bilderatlanten und Illustrierten Geschichten, in eine rechnergestützte Datenbank kann als eine bemerkenswerte Fleiß- und innovative Forschungsarbeit bezeichnet werden.
  • Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung, Stefanie Kollmann, informiert über die weiteren Konzepte und Ergebnisse des Projektes "Pictura Paedagogica Online".
  • Die Kunsthistorikerin Verena Hupasch zeigt am Beispiel des Thomas-Altars in der Wismarer Kirche St. Nikolai die Diskrepanz zwischen der "politischen" Darstellung des Dominikanerordens im Sinne der "reformatio" und einer Vermittlerfunktion zwischen Gott und gläubigen Christen auf.
  • Sabine Todt, vom Historischen Seminar der Universität Hamburg, geht mit ihrem Beitrag "Der Himmel- und Höllenwagen des Reformators Andreas Bodenstein von Karlstadt" (1519) auf die Bedeutung von frühneuzeitlichen Kommunikationsprozesse ein. Dabei kommt sie zu erstaunlichen Parallelen zu aktuellen Kommunikationsprozessen, bei denen Autor, Medium und Rezipient eine Eigendynamik entwickeln, um gesellschaftliche Veränderungen zu erzielen.
  • Die Privatdozentin an der Universität Tübingen, Karin Priem, verdeutlicht Aspekte des Bilderwissens über die Institution Familie, indem sie die Fotografie als epistemologische Praxis darstellt. Mit ihren "visuellen Entdeckungen" stellt sie die Familienfotografie in den jeweiligen kulturellen Kontext und schlägt vor, in der erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Forschung mit Hilfe der Fotografie Wahrnehmung und Wirklichkeit gegenüber zu stellen.
  • Der Hildesheimer Studiendirektor Otto May hat mit seiner umfangreichen Postkarten-Sammlung bereits zahlreiche Ausstellungen durchgeführt und wissenschaftliche Analysen vorgelegt, wie "Postkarten als Träger von Mentalität und Propaganda" wirken.
  • Peter Müller verdeutlicht mit seinem Forschungsschwerpunkt der Geschichte des Mittelalters, insbesondere der Stadt- und Kirchengeschichte, die bei historischen Abbildungen erkennbaren Herrschaftsauffassungen des Hochmittelalters.

Fazit

Der Tagungsband informiert nicht nur über das für die Bildungsforschung wichtige Projekt "Pictura Paedagogica Online", sondern macht auch durch die vielfältigen und differenziert dargestellten theoretischen und praktischen Zugangsformen bei der Bildforschung und -interpretation zahlreiche Aspekte der Bilderschließung in der Ikonologie deutlich. Der Leiter der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt/M., Christian Ritzi, bringt das Anliegen des Projektes auf den Punkt, wenn er die Bedeutung der "Bilder als eigenständige Quellen der historischen Bildungsforschung" heraus stellt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.08.2006 zu: Rudolf W. Keck, Sabine Kirk, Hartmut Schröder (Hrsg.): Bildungs- und kulturgeschichtliche Bildforschung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2006. ISBN 978-3-8340-0087-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4005.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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