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Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie

Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 16.02.2011

Cover Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie ISBN 978-3-17-018214-1

Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 404 Seiten. ISBN 978-3-17-018214-1. 34,90 EUR.

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Familien damals und heute

Vor 50 Jahren gehörte zu fast jeder Familie ein Ehepaar. Kinder wurden als ehelich oder unehelich definiert. Familien haben sich heute in ihrer Form verändert. Zu den Familienformen zählen die immer zahlreicheren kinderlosen Ehepaare, die Paare mit getrennten Wohnungen, die Wochenend- und Pendlerehen, die Berufsnormaden, homosexuelle Partnerschaften, Eltern verheiratet, geschieden, wiederverheiratet, mit „deinen“, „meinen“ und „gemeinsamen“ Kindern, so genannte Patchwork- oder Stieffamilien, Ein-Eltern-Familien, gleichberechtigte Paare mit Kindern etc. In Deutschland ist demnach eine deutliche Pluralisierung der Familien- und Haushaltsformen erkennbar.

Die Geschichte der Familienpsychologie

Familienpsychologie beschäftigt sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen im Kontext ihrer Familien. Grundlegende Familienmerkmale sind das Erleben von Nähe und Verbundenheit sowie das Vorhandensein von Eltern-Kind-Beziehungen.

Die psychologische Paar- und Familienforschung gehört erst seit den 1980er Jahren zum festen Bestandteil der psychologischen Forschung in den deutschsprachigen Ländern Europas. Richtig etabliert hat sie sich erst in den 1990er Jahren, zeitgleich mit dem Erscheinen der wegweisenden Zeitschrift „Familienpsychologie“ von Schneewind (1991). Seither hat sich die Paar- und Familienforschung im deutschen Sprachraum markant entfaltet, was sich mitunter in der stetigen Zunahme von Publikationen in diesem Bereich niederschlägt und mit der Gründung von vielen entsprechenden Instituten einhergeht.

Autor

Klaus Schneewind ist Diplom-Psychologe und Paar- und Familientherapeut. Er war von 1977 bis 2008 Professor für Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München am Lehrstuhl Persönlichkeitspsychologie, Psychologische Diagnostik und Familienpsychologie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Familienpsychologie“ setzt sich aus 6 Kapiteln zusammen. Jedes Kapitel beginnt mit einer Übersicht die dunkel unterlegt hervorgehoben wird.

1. Familienpsychologie – Profil einer integrativen Disziplin. Der besondere Schwerpunkt der Familienpsychologie als einer wissenschaftlichen Disziplin liegt auf dem Verhalten und Erleben von Personen in Beziehungen zur ihrer Familie. Im engeren Sinne beziehen sich die Aufgaben einer wissenschaftlich betriebenen Familienpsychologie auf die Entwicklung von Theorien und Methoden, auf nicht-interventive und interventive Forschung sowie auf die Vermittlung von Wissen und Handlungskompetenzen.

2. Wandel der Familie – Diagnose einer grundlegenden Lebensform. Das zweite Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit dem Wandel der Familienstruktur und der Familienbeziehungen in den letzten 30 bis 40 Jahren. Im Einzelnen wird dieser Wandel an zehn Indikatoren festgemacht und durch entsprechende Untersuchungen belegt. Abschließend werden einige Erklärungsansätze für die Phänomene familialen Wandels dargestellt.

3. Familientheorien – Annäherungen an die Ordnung familialer Wirklichkeit. Im dritten Kapitel stehen theoretische Zugänge zur familialen Lebenspraxis im Vordergrund. Neben der Darstellung subjektiver und wissenschaftlich fundierter Familientheorien werden sieben familientheoretische Ansätze für die Erschließung familialer Wirklichkeit als besonders wichtig erachtet. Dazu gehören:

  1. die Familiensystemtheorie,
  2. die Familienentwicklungstheorie,
  3. die Familienstresstheorie,
  4. dimensionale und typologische Ansätze zur Darstellung von Familienbeziehungen,
  5. die Bindungstheorie,
  6. die Austauschtheorie und schließlich
  7. in integratives Systemmodell der Familienentwicklung.

4. Familiale Sozialisation und Erziehung – Eckpfeiler der Beziehungs- und Persönlichkeitsentwicklung. Im Mittelpunkt des 4. Kapitels steht eine überblicksartige Darstellung der familialen Sozialisations- und Erziehungsforschung, der eine Gliederung nach den wichtigsten System- bzw. Subsystemeinheiten von Familienbeziehungen zugrunde liegt. Im Einzelnen wird auf wichtige Beziehungskonstellationen eingegangen, wie z.B. Beziehungen auf der Paar- und Elternebene, Eltern-Kind-Beziehungen, Geschwisterbeziehungen sowie intergenerationale Beziehungen.

5. Familiendynamik – Zugänge zum Individuum und System. In dem 5. Kapitel werden 10 Grunddimensionen der Familiendiagnostik dichotom gegenüber gestellt und ihre zentrale Position und methodische Zugangsweise der familiendiagnostischen Erkenntnisgewinnung dargestellt:

  1. erkenntnistheoretische Annahmen (linear vs. Zirkulär)
  2. begriffliche Orientierung (theoretisch vs. nicht-theoretisch)
  3. Anwendungsschwerpunkt (Forschung vs. Anwendungspraxis)
  4. Schwerpunkt der Analyse (strukturell vs. prozessorientiert)
  5. Ebene der Diagnostik (individuell vs. zirkulär)
  6. Repräsentationsmodus (verbals vs. bildhaft-metaphorisch)
  7. Zeitperspektive (Vergangenheit vs. Gegenwart vs. Zukunft)
  8. Datenquelle (Insider vs. Outsider)
  9. Datenart (subjektiv vs. objektiv)
  10. Erhebungs- und Auswertungsmodus (qualitativ vs. quantitativ)

6. Familiale Intervention – Therapie, Beratung, Prävention. An dieser Stelle werden unterschiedliche Formen der familialen Interventionen anhand der konzeptionellen Gliederung der Verletzlichkeit bzw. Behandlungsbedürftigkeit dargestellt. Vor diesem Hintergrund werden die wichtigsten familialen Interventionsformen, wie Familientherapie, Familienberatung und familiale Prävention vorgestellt.

7. Coda: Quo Vadis Familienpsychologie? In dem kurzen abschließenden Kapitel wird der aktuelle Stand des Themas „Familie“ und „Familienpsychologie“ im gesellschaftlichen und akademischen Diskurs beleuchtet.

Zielgruppe

Das Buch „Familienpsychologie“ richtet sich an ein breites Fachpublikum, das in beratenden, therapeutischen oder präventiven Familienkontexten tätig ist. Auch für den wissenschaftlichen Arbeitsbereich dürfte es von Interesse sein.

Fazit

Die Familienpsychologie ist ein Stiefkind der Disziplinfamilie der deutschen akademischen Psychologie. Ihr Gegenstandsbereich ist zu komplex, eine Querschnittsaufgabe im intra- und interdisziplinären Kontext und kann nicht ausreichend gut definiert werden. Familiensystemisch betrachtet, geht es der Familienpsychologie demnach genauso, wie den Familien in Deutschland. Schneewind gelingt es mit Hilfe eines strukturellen Ansatzes Ordnung und damit Klarheit in diesen Bereich zu bringen, wie es kaum einem anderen Autor vor ihm je gelungen ist. Für jeden der sich weitestgehend im Kontext von Familie aufhält ist dieses Buch eine Pflichtlektüre. Es hat sich gelohnt so lange auf sein Erscheinen zu warten.

Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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Es gibt 96 Rezensionen von Kirsten Oleimeulen.

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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 16.02.2011 zu: Klaus A. Schneewind: Familienpsychologie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-018214-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4009.php, Datum des Zugriffs 04.12.2022.


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