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Uwe Strümpfel: Therapie der Gefühle. Forschungsbefunde zur Gestalttherapie

Cover Uwe Strümpfel: Therapie der Gefühle. Forschungsbefunde zur Gestalttherapie. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2006. 434 Seiten. ISBN 978-3-89797-015-1. 30,00 EUR, CH: 53,00 sFr.
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Einführung und Hintergrund

Ziel des Buches ist es, "den Erfahrungsschatz der Gestalttherapie systematisch zu dokumentieren" (S. 11) und ihn damit für praktisch arbeitende Therapeutinnen und Therapeuten als auch an Forschung Interessierte leichter zugänglich zu machen. Das vorliegende Buch bietet einen Überblick über den empirischen Stand der Gestalttherapie und ihrer Methoden.

Aufbau und Gliederung

Das Buch ist in 7 Kapitel gegliedert.  Im ersten Kapitel werden der historische Hintergrund, die Theorie und die Entwicklung gestalttherapeutischer Methoden vorgestellt. Die Forschungsbefunde zur Gestalttherapie sind im Kapitel 2 zusammengefasst. Zunächst werden Studien zur Prozessforschung dargestellt, dann Studien zur Wirksamkeit nach Störungsbildern aufgelistet und schließlich metaanalytische Ergebnisse referiert. In Kapitel 3 werden eigene metaanalytische Berechnungen präsentiert. Die Ergebnisse werden anschließend zusammengefasst (Kap. 4) und einem Fazit unterzogen (Kap. 5). Eine umfangreiche Literaturliste (Kap. 6) sowie eine Zusammenstellung von Abstracts und eine Liste von Testverfahren im Anhang (Kap. 7) schließen das Buch ab. Weitere Informationen zum gebotenen Inhalt des Buchs finden sich unter www.therapie-der-gefuehle.de.

Zielgruppen

Praktisch arbeitende Psychotherapeutinnen und -therapeuten, wissenschaftlich Interessierte

Einschätzung

Mit dem Buch liegt erstmalig eine Übersicht über den Forschungsstand zu  gestalttherapeutischen Interventionen vor, die auf der Auswertung von 432 empirischen Arbeiten basiert. Es bietet damit die Grundlage, gestalttherapeutisches Arbeiten im wissenschaftlichen Diskurs zu verankern und weitere Forschung anzuregen. Das Buch kann als Arbeitsbuch und zur schnellen Übersicht genutzt werden, was vor allem durch die Aufbereitung der Studien in Tabellen, eine Zusammenstellung von Abstracts und eine Liste von Testverfahren im Anhang sehr gut möglich ist.

Ein Nachteil des Buches ist jedoch, dass der Autor eigene Interpretationen und die Darstellung des Originalmaterials nicht sorgfältig genug trennt. Es ist beispielsweise unklar, ob es sich bei der Zusammenstellung von Abstracts um Übersetzungen der englischen Originale oder um eigene Zusammenfassungen und Interpretationen des Autors handelt. Die  Prozess-Erlebensorientierte Therapie nach Greenberg, Rice und Elliott bzw. die Emotionsfokussierte Therapie nach Greenberg werden auf ihre gestalttherapeutischen Anteile und historischen Wurzeln reduziert. Zentrale Konzepte wie emotionales Schema oder die Methode der Task Analysis werden zwar genannt, aber in gestalttherapeutischen Begriffen wie z.B. Kontaktzyklus und Dialog erklärt. Die Verwendung von ausschließlich gestalttherapeutischen Begriffen wird jedoch dem integrativen Charakter und Anspruch der Ansätze nicht gerecht, verzerrt ihre Konzepte und Definitionen und muss als unzutreffende Verkürzung betrachtet werden. Eine Gegenüberstellung bzw. der Vergleich von gestalttherapeutischem und emotionsfokussiertem Verständnis wäre an dieser Stelle auf jeden Fall interessant, würde aber zumindest die Darstellung von beiden Konzepten verlangen.

Mehr Sorgfalt nicht nur in der Darstellung, sondern auch in der Verwendung von Begriffen wäre wünschenswert. Störend ist z.B., dass für "unfinished business" keine einheitliche deutsche Übersetzung verwendet wird, sondern fortwährend neue Termini eingeführt werden.

Fazit

Trotz der diskutierten Mängel ist festzuhalten, dass mit dem Buch eine beeindruckende Fülle an Datenmaterial zu gestalttherapeutischen Interventionen vorliegt, welches deren Wirksamkeit nachdrücklich belegt. Die vom Autor geleistete Systematisierung bietet somit sowohl einen Ausgangspunkt für weitere Forschung, als auch wertvolle Informationen für praktisch arbeitende Therapeutinnen und Therapeuten. Das Buch ist über den Rahmen der Gestalttherapie hinaus für alle Forscher und Praktiker interessant, die sich mit emotionalen Veränderungsprozessen in der Psychotherapie beschäftigen.


Rezension von
Prof. Dr. Jeannette Bischkopf
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension wurde am 11.11.2006 veröffentlicht. Am 16.12.2006 wurde die folgende Stellungnahme des Autors des rezensierten Buchs ergänzt.

Stellungnahme des Autors zur Rezension

Die Rezension von Jeannette Bischkopf enthält eine Reihe von Falschinformationen über meine Arbeit. Unter dem Stichwort „Einschätzung“ schreibt die Rezensentin: "Die Prozess-Erlebensorientierte Therapie nach Greenberg, Rice und Elliott bzw. die Emotionsfokussierte Therapie nach Greenberg werden auf ihre gestalttherapeutischen Anteile und historischen Wurzeln reduziert. Zentrale Konzepte wie emotionales Schema oder die Methode der Task Analysis werden zwar genannt, aber in gestalttherapeutischen Begriffen wie z.B. Kontaktzyklus und Dialog erklärt. Die Verwendung von ausschließlich gestalttherapeutischen Begriffen wird jedoch dem integrativen Charakter und Anspruch der Ansätze nicht gerecht, verzerrt ihre Konzepte und Definitionen und muss als unzutreffende Verkürzung betrachtet werden." Diese Aussagen enthalten die folgenden Fehler:

  1. Der Begriff der "Task Analysis", der lt. Stichwortverzeichnis auf den S. 53, 126, 153, 155, 358, 359, 360 auftaucht, wird an keiner Stelle durch gestalttherapeutische Begriffe erklärt bzw. an keiner Stelle auch nur mit Gestalttherapie in Verbindung gebracht.
  2. "Emotionales Schema", "Prozess-Erlebensorientierte Therapie nach Greenberg, Rice und Elliott" und die "Emotionsfokussierte Therapie nach Greenberg" werden in meinem Buch zwar mit gestalttherapeutischen Begriffen und Wurzeln in Verbindung gebracht, aber an keiner Stelle werden sie "ausschließlich" durch diese erklärt, wie Frau Bischkopf behauptet (wiederum über Stichwortverzeichnis nachprüfbar). Vor allem nenne ich als weitere Komponenten: die klientenzentrierte Basis, das emotionale Fokussieren, die Entwicklung der Marker, die neuere neuropsychologische Forschung, die Arbeiten Piagets und andere Einflüsse. Allerdings ist der erste Autor L.S. Greenberg selbst Gestalttherapeut. Als solcher bezieht er sich in seinen Forschungsarbeiten ausdrücklich immer wieder auf Gestalttherapie.
  3. Bereits in meinem Vorwort benenne ich den "integrativen Charakter" dieser weiter entwickelten Ansätze, indem ich den Zweitautor der Verfahren, Robert Elliott, zitiere (S. 12, 1. Abschnitt). Ich weise durch das gesamte Buch hinweg auf die oben unter 2. genannten Komponenten hin (zuletzt am Ende des Buches S. 307). S. 61 spreche z.B. ich auch von der Entwicklung eines "eigenständigen" emotionstheoretischen Ansatzes, und eines "eigenen" erkenntnistheoretischen Ansatzes der genannten Autoren.

Als weniger bedeutsam aber gleichermaßen falsch kann folgende Behauptung der Rezensentin zu Beginn derselben Passage bewertet werden: "Es ist beispielsweise unklar, ob es sich bei der Zusammenstellung von Abstracts um Übersetzungen der englischen Originale oder um eigene Zusammenfassungen und Interpretationen des Autors handelt." Offensichtlich hat die Rezensentin überlesen, dass es sich um eigene Zusammenfassungen handelt, wie ich in der Einleitung auf S. 31 schreibe. Ich gebe dort auch genauere Informationen zur Gestaltung der Abstracts: "Die Abstracts in Anhang 7.1 sollten nach Möglichkeit standardmäßig Informationen zu Forschungsansatz, Design, untersuchten Personen, Instrumenten und Ergebnissen enthalten. Dies war jedoch auf der Basis der vorliegenden Materialen nicht in jedem Fall realisierbar. Dennoch geben die Abstracts in der Regel weit mehr und genauere Informationen als die in den internationalen Datenbanken gespeicherten Zusammenfassungen."


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Zitiervorschlag
Jeannette Bischkopf. Rezension vom 19.12.2006 zu: Uwe Strümpfel: Therapie der Gefühle. Forschungsbefunde zur Gestalttherapie. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2006. ISBN 978-3-89797-015-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4018.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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