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Veronika Verbeek: Trierer Beobachtungs- und Förderbogen. Ein praktischer Leitfaden für die Kindertagesstätte

Cover Veronika Verbeek: Trierer Beobachtungs- und Förderbogen. Ein praktischer Leitfaden für die Kindertagesstätte. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. 59 Seiten. ISBN 978-3-497-01797-3. 16,90 EUR, CH: 30,10 sFr.

DIN A4. 8 Kopiervorlagen.
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Thema

Der Trierer Beobachtungs- und Förderbogen ist eine Handreichung, die der Beobachtung kindlichen Verhaltens und der Ableitung von Förderangeboten - besonders für Kinder im letzten Kindergartenjahr - dienen soll. Dabei können die beobachteten Verhaltensweisen der Kinder sieben Entwicklungsbereichen mit 25 Entwicklungszielen zugeordnet werden. Der Trierer Bogen stellt aufgrund seiner Entwicklungsperspektive kein allein auf Schulfähigkeit ausgerichtetes Verfahren dar.

Autorin

Veronika Verbeek: Diplom-Psychologin, Dozentin an der Katholischen Fachschule für Sozialwesen in Trier

Entstehungshintergrund

Die Idee zum vorliegenden Beobachtungs- und Förderbogen entstand im Rahmen der Ausbildung von Erzieherinnen, weil sich in Gesprächen mit Praktikantinnen und Erzieherinnen der Eindruck verfestigte, dass es kaum praktikable Beobachtungshilfen gibt. Den Ausgangspunkt bildete die Erhebung von Entwicklungszielen, die für die pädagogische Arbeit in den Kindertagesstätten handlungsleitend sind. Innerhalb eines Projekts wurde im Rahmen der Erzieherinnenausbildung der vorliegende Beobachtungsbogen praxisnah entwickelt und getestet.

Aufbau und Inhalt

1 Einleitung. In der Einleitung wird der Hintergrund für die Erarbeitung des Beobachtungs- und Förderbogens erläutert. Dabei ist auch zu erfahren, dass den Entwicklungszielen im Beobachtungsbogen pädagogische Anregungen für konkrete Lernsituationen und förderliche erzieherische Grundhaltungen zugeordnet sind.

2 Das Beobachten von Kindern in der Kindertagesstätte. Zwei einander ergänzende Verfahren der Beobachtung von Kindern werden diskutiert: Verfahren, die die Qualität von Selbstbildungsprozessen bei Kindern einschätzen, z. B. die Bildungs- und Lerngeschichten, und Verfahren, die der Ermittlung des Entwicklungsstandes dienen. Letztere dienen vorrangig dem frühen Erkennen von auffälligen Entwicklungsverläufen. Der Trierer Bogen erlaubt die Verknüpfung beider Verfahren: Die Beobachtung der Kinder im letzten Kindergartenjahr ist an Entwicklungsaufgaben und -normen orientiert, die darauf aufbauende Förderung ist prinzipiell unabhängig davon, wie weit die kindliche Entwicklung fortgeschritten ist.

3 Warum noch ein Beobachtungsbogen? Viele, bereits vorhandene Verfahren zur Einschätzung des kindlichen Entwicklungsstandes sind in der Praxis der Kindertagesstätten schwierig anzuwenden, vor allem, weil die personellen und zeitlichen Ressourcen für umfangreiche Erhebungen nicht gegeben sind, weil Spezialwissen erforderlich ist, die Verfahren begrenzt sind oder die Förderorientierung fehlt. Eine Reihe von Beobachtungsbögen weist zu allgemeine Beobachtungskategorien oder wertende und defizitorientierte Beschreibungen auf. Sie sind oft praxisfern entstanden. Die Entwicklung eigener Beobachtungsbögen in den Kindertageseinrichtungen wird ebenso verworfen, weil die Ausbildung von Erzieherinnen üblicherweise dazu kein Wissen vermittelt.

4 Ziele des Trierer Bogens. Ziele des Bogens sind:

  • Ordnen der Gelegenheitsbeobachtungen,
  • Unterscheidung von Beobachtung und Bewertung,
  • Einleitung von Fördermaßnahmen,
  • Vorbereitung von Entwicklungsgesprächen,
  • Vereinfachung organisatorischer Abläufe.

5 Entstehung und Konstruktion des Beobachtungsbogens. Der Beobachtungsbogen entstand im Rahmen des Psychologie-Unterrichts in einem klassenübergreifenden Projekt der Katholischen Fachschule für Sozialwesen in Trier. Die erste Version wurde von den 65 Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Schulpraktikums erprobt, die zweite Version wurde von Erzieherteams zweier Kindertagesstätten getestet. 25 von den Praktikantinnen erstellte Entwicklungsziele wurden in einem zweiten Konstruktionsschritt Entwicklungsbereichen zugeordnet. Eine weitere wichtige Leitlinie war, dass die notwendigen Beobachtungen der Kinder keine speziellen Durchführungsübungen verlangen, sondern im pädagogischen Alltag möglich sind. Die Sammlung der Verhaltensbeispiele der einzelnen Entwicklungsbereiche orientierte sich am Prototypenansatz. Das vorliegende Beobachtungsverfahren versucht, unabhängig von konzeptionellen Ausrichtungen und speziellen Sichtweisen der Entwicklung von Kindern zu sein.

6 Aufbau und Anwendung des Trierer Bogens. Die 7 im Bogen berücksichtigten Entwicklungsbereiche sind:

  • Grobmotorik
  • Feinmotorik
  • Emotionale Entwicklung
  • Soziale Entwicklung
  • Sprachentwicklung
  • Kognitive Entwicklung
  • Spiel- und Lernverhalten.

Diesen Entwicklungsbereichen wurden Entwicklungsziele zugeordnet, z. B. sind die Entwicklungsziele im Bereich der Grobmotorik Gleichgewichtsreaktionen, Körpergeschick, situationsangepasstes Bewegungsverhalten. Diese Ziele werden anhand von Beispielen für typische Verhaltensweisen von Kindern mit altersentsprechenden Kompetenzen erläutert. Diese Verhaltensweisen, mit denen kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird, sind alle positiv formuliert, damit die Ressourcen, aber auch die Entwicklungsrisiken eines Kindes hervortreten.
Zu diesen vorgegebenen Inhalten des Beobachtungsbogens werden dann kindbezogene Beobachtungen beschrieben und der Förderbedarf bzw. Maßnahmen zur Förderung formuliert. Eine schmale Spalte lässt Raum für eine Beurteilung des Förderbedarfs. Die Wahl des Einschätzverfahrens (z. B. +/0/-) ist dem Team selbst überlassen. Mit der Förderorientierung wird der Blick auf die Frage gelenkt, was das Kind für seine weitere Entwicklung braucht.
Das Buch enthält die Empfehlung, dass bei der Erprobung des Bogens die Erzieherinnen zunächst unabhängig voneinander ein Kind beobachten.

7 Überlegungen zur Förderung in der Kindertagesstätte. Pädagogische Grundhaltungen, die Gestaltung offener Lernsituationen, geplante Aktivitäten, Spiele und Übungen charakterisieren den Förderrahmen des Trierer Bogens. Zu den einzelnen Entwicklungszielen werden solche Aktivitäten, Spiele und Übungen zugeordnet, die für den jeweiligen Bereich den größten Aufforderungscharakter haben. Dabei werden - ausgehend von Zielformulierungen - Lernsituationen vorgeschlagen, die dem Kind helfen, bestimmte Kompetenzen zu entwickeln und kein isoliertes Üben von Funktionen darstellen.

8 Pädagogische Anregungen. Die Sammlung pädagogischen Anregungen für jedes der 25 Entwicklungsziele ist auf der Basis der Analyse aktueller Publikationen entstanden. Dabei werden zunächst zu jedem der 7 Entwicklungsbereiche kurze Ausführungen mit Literaturhinweisen gegeben, anschließend sind für die 25 Ziele jeweils förderliche Grundhaltungen, Vorschläge für Aktivitäten, Spiele und Übungen sowie offene Lernsituationen beschrieben. Es stehen zusätzliche Zeilen für eigene Vorschläge zur Verfügung.

9 Der Trierer Bogen als Leitfaden für Entwicklungsgespräche. Der Beobachtungs- und Förderbogen erleichtert die Vorbereitung auf Gespräche mit den Eltern, weil er einen Überblick über ein breites Spektrum von Entwicklungsthemen des Kindes gibt. Gleichzeitig wird er als Gesprächsleitfaden empfohlen.

Literaturverzeichnis

Eine Kopiervorlage des Trierer Bogens befindet sich im Anhang.

Diskussion

Der vorgelegte Beobachtungs- und Förderbogen ist nah an der pädagogischen Praxis in den Kindertageseinrichtungen, wurde er doch von Praktikerinnen entwickelt. Ob er wissenschaftlichen Anforderungen genügt, müsste von Wissenschaftlern überprüft werden. Auf jeden Fall scheint er gut einsetzbar zu sein, und durch seine Förderorientierung hebt er sich positiv von anderen Beobachtungsbögen, die nur Entwicklungsstände ermitteln, ab. Allerdings ist er - laut Autorin - begrenzt auf das letzte Kindergartenjahr, was meiner Ansicht nach, aber nicht konsequent realisiert ist. Im Gegenteil: Er könnte während der gesamten Kita-Zeit dienlich sein. So ließen sich die Fördervorschläge langfristig realisieren. Ansonsten schleicht sich doch das Gefühl ein, dass es nur um Schulvorbereitung geht, was der Intention der meisten Bildungspläne zuwiderlaufen dürfte.

Die vorgeschlagenen Förderaktivitäten sind keinesfalls nur begrenzt auf das letzte Kindergartenjahr zu sehen, sie sind zum größten Teil während der gesamten Kindergartenzeit eines Kindes und auch darüber hinaus realisierbar und sinnvoll. Sie sind anregend, aber mitunter auch recht allgemein, wie z. B. der Hinweis, dass altersangemessene Bewegungsaktivitäten und Körperwahrnehmungsspiele ein positives Körpergefühl entwickeln. Zumal die Anforderung "altersangemessen" in der pädagogischen Fachdiskussion zugunsten der Formulierung "entwicklungsangemessen" korrigiert wurde.

Obwohl sich die Autorin immer wieder bemüht, die andere Sichtweise auch zu berücksichtigen, ist das Buch darauf ausgelegt, Defizite bei Kindern durch Förderung zu beheben. Die Stärkung der Stärken ist zwar immer angesprochen, wird aber zugunsten des Förderaspektes im Hinblick auf Defizite etwas verdrängt. Trotzdem leistet das Buch einen Beitrag zur Annäherung beider Positionen, tritt die Autorin doch mit dem Credo an, dass beides seine Berechtigung hat.

Zielgruppe

Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten sowie solche, die es werden wollen.

Fazit

Das Buch zum Trierer Beobachtungs- und Förderbogen ist gut gegliedert, von Praktikerinnen entwickelt, verständlich erläutert und gut einsetzbar.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 19.11.2007 zu: Veronika Verbeek: Trierer Beobachtungs- und Förderbogen. Ein praktischer Leitfaden für die Kindertagesstätte. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. ISBN 978-3-497-01797-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4026.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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