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Cortina Gentner, Martin Mertens (Hrsg.): Null Bock auf Schule? Schulmüdigkeit und Schulverweigerung [...]

Rezensiert von Prof. Dr. Jörg A. Meier, 26.09.2006

Cover Cortina Gentner, Martin Mertens (Hrsg.): Null Bock auf Schule? Schulmüdigkeit und Schulverweigerung [...] ISBN 978-3-8309-1649-9

Cortina Gentner, Martin Mertens (Hrsg.): Null Bock auf Schule? Schulmüdigkeit und Schulverweigerung aus Sicht der Wissenschaft und Praxis. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. 350 Seiten. ISBN 978-3-8309-1649-9. 29,80 EUR.
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Thema Schulverweigerung

Neu ist das Phänomen "Schulverweigerung" in der Tat nicht. Und längst handelt es sich beim "Schulabsentismus" in Deutschland nicht mehr nur um eine Ausnahmeerscheinung. Wenn dabei auch die quantitative Dimension annähernd "ausmessbar" erscheint - schon die begriffliche Bestimmung bereitet Probleme: So lassen sich zwar verschiedene Ebenen und Stationen eines dynamischen Prozesses von Schulabsentismus benennen, die sich in "Schulmüdigkeit" und "Schwänzen" bis hin zur "Schulverweigerung" manifestieren. Doch derlei "Etikettierung" ändert nichts an der Vielschichtigkeit des Phänomens (wer verweigert hier wem gegenüber was und warum?), das somit ganz unterschiedlich bewertet und auch uneinheitlich "gehandhabt" wird. Vielleicht ist es auch diese Diversität, die es in der Praxis so schwierig macht, der Schulverweigerung "beizukommen".

Dieser Spannungslage von definitorischer Unschärfe, theoretischen Handlungsprogrammen und der praktischen Umsetzung von wirksam-gelingenden Konzepten in der Praxis sieht sich die vorliegende Sammlung verpflichtet. Die sorgsam editierte Ausgabe wählt dabei ihren Platz bewusst inmitten dieser Elemente.

Gezeigt werden die unterschiedlichen Erscheinungsformen, die vielschichtigen Gründe, die mannigfaltigen Motivationen und Einflussfaktoren für die schulverweigernden Verhaltens- und Handlungsstrategien von Kindern und Jugendlichen (aber auch von Lehrkräften). Anschaulich werden die theoretischen wie (fach-)praktischen Handlungsspielräume und Strategien aus Sicht der unterschiedlichen Professionen illustriert.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband zum Thema ist im Kontext der Abschlusstagung des Modellprojekts "Auf Kurs" an der Kasseler Produktionsschule BuntStift entstanden.

Überblick

Das rezensierte Buch enthält Fachbeiträge aus den Arbeitsbereichen Sonderpädagogik, Psychologie, Psychotherapie, Sozialpädagogik sowie Soziologie und nähert sich dem Thema in drei Schritten:

  1. Aus Sicht der Wissenschaft,
  2. aus der Perspektive der Produktionsschule als alternatives Bildungsangebot für die Zielgruppe und
  3. aus dem Erfahrungshorizont der schulischen und außerschulischen Praxis.

Das ist der interessante und gewinnende Ansatz, der diese Sammlung so wertvoll und bedeutsam macht. Die Konzeption, Beiträge der genannten Arbeitsbereichen aus fachpraktischer wie -theoretischer Sicht zu versammeln, ist in der vorliegenden Zusammenstellung zum Thema multidisziplinär konstitutiv und findet so gelingend ihren Ort an der entscheidenden Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Einige dieser Beiträge werden im Folgenden näher vorgestellt, um die Konzeption sowie die fachlich-inhaltliche Vielfalt der Sammlung deutlich zu machen.

1 Aus der Sicht der Wissenschaft

  • Der Band wird in seinem methodisch-konzeptionellen Dreischritt im ersten Kapitel mit einem Beitrag von Hermann Rademacker eröffnet. Unter der Überschrift "Verweigerung oder Ausgrenzung? Schulversäumnisse, öffentliche Schule und das Recht auf Bildung für alle" setzt er sich zunächst kritisch mit dem Begriff der "Schulverweigerung" auseinander und warnt vor einer undifferenzierten, unreflektierten und etikettierenden Bezeichnung der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Er bemängelt die uneinheitliche Datenlage und gibt einen Überblick über die höchst unterschiedlichen Reaktionen auf Schulversäumnisse in den einzelnen Bundesländern, die insgesamt die uneinheitliche bildungspolitische und bildungsadministrative Handlungsstrategie in Deutschland aufzeigen.
  • Thomas von Freyberg und Angelika Wolff nehmen in ihrem Beitrag das "institutionelle Versagen" von Schulen und Jugendhilfe in den Blick. Sie stellen Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojektes des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt/Main und des Instituts für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Frankfurt/Main vor. Anhand von exemplarischen Konfliktgeschichten nicht beschulbarer Jugendlicher identifizierte das Forscherteam gravierende Defizitbereiche im Beziehungs- und Kooperationsgeflecht Jugendliche - Schule -Jugendhilfe und zeigt mögliche Gestaltungs- und Handlungsoptionen in der Arbeit mit schwierigen Kindern und Jugendlichen auf.
  • Bemerkenswert dann diese Öffnung des Themas, die durch einen Wechsel der Blickrichtung möglich wird: Nicole Kastirke und Sven Jennessen zeigen ebenso heilsam wie ernüchternd, dass Schuldistanzierung und Schulverweigerung nicht nur auf Seiten der Schülerinnen und Schülerinnen zu verzeichnen sind. Die vergleichenden Gegenüberstellung von Schuldistanziertheit bei Schülerinnen und Schülern sowie bei Lehrerinnen und Lehrern ergibt verblüffende Parallelen zwischen den beiden Untersuchungsgruppen. Es zeigt sich, dass hier wie dort vergleichbare Verweigerungsstrategien wirken.

2 Aus der Sicht der Produktionsschule

  • Im zweiten Kapitel stellt u.a. das Herausgeberteam ganz konkret das Konzept der Produktionsschule als alternatives Bildungsangebot für schulmüde und schulverweigernde Jugendliche vor. In der Umsetzung an der praktisch-handwerklich Tätigkeit orientiert, findet das Lernen in Produktionsschulen nicht theoretisch-abstrakt, sondern idealerweise immer am praktischen Problem orientiert in der ganz arbeitsalltäglichen und betrieblichen Realität statt. Der Lernort wird hier gleichermaßen zum Lernkonzept und vice versa.
  • Cortina Gentner beschreibt das Schulverweigerer-Projekt "Auf Kurs" an der Kasseler Produktionsschule und diskutiert Chancen und Grenzen der betrieblichen und produktionsorientierten Formen und Methoden einer Produktionsschule. Aus den Erfahrungen und Ergebnissen des von ihr wissenschaftlich begleiteten Projekts resümiert sie, dass die am Projekt Teilnehmenden tatsächlich "Auf Kurs" gehen konnten: Produktionsschulen sind erfolgversprechende und damit geeignete Lernorte - sie stellen adäquate Lernalternativen für Jugendliche dar, die mit der traditionellen Regelschule "nicht zurechtkommen" und sich ihr verweigern. Zugleich mahnt sie präventive Interventionsmaßnahmen im Schulalltag an, die bereits in frühen Schulbesuchsjahren ansetzen. Angesichts frühzeitig verfestigter Handlungs- und Vermeidungsstrategien können auch mit dem Produktionsschulenkonzept nicht (mehr) alle schulverweigernden Jugendlichen erreicht werden.

3 Aus der Sicht der schulischen und außerschulischen Praxis

Im dritten, die Sammlung beschließenden Kapitel richtet sich der Blick auf Praxisbeispiele und Konzepte für die Arbeit mit schulmüden und schulverweigernden Kindern und Jugendlichen. Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Professionen berichten mit ihrem reichen Wissens- und Erfahrungsfundus aus der schulischen und außerschulischen Praxis - überwiegend, aber nicht ausschließlich in Hessen.

  • So hat eine Projektgruppe des Staatlichen Schulamtes der Stadt Frankfurt am Main unter Beteiligung der Schulen, des Jugend- und des Sozialamtes sowie der Polizei eine "Handreichung zur Prävention von Schulverweigerung" entwickelt. Die Schulpsychologin Cordelia Fertsch-Röver-Berger präsentiert die wichtigsten Empfehlungen und Forderungen dieser Praxishilfe, die aus den Befragungsergebnissen zum Umfang von Schulversäumnissen an Frankfurter Schulen entwickelt wurde.
  • Marianne Heiser stellt das - noch bis Ende des Jahres 2006 - laufende Modellprojekt "Schulvermeider im Lahn-Dill-Kreis" mit seinen verschiedenen Maßnahmen und Teilprojekten vor. In der Projektgruppe sind die Polizei, das zuständige Staatliche Schulamt sowie die örtliche Jugendhilfe, der schulärztliche Dienst des Gesundheitsamtes und insgesamt acht Schulen unterschiedlicher Schulformen beteiligt.
  • Die nicht immer einfache Kooperation von Schule und Jugendhilfe schildert Ute Steinmetz-Brand und fordert - gerade mit Blick auf die präventive und intervenierende Arbeit mit schulmüden und schulverweigernden Kindern und Jugendlichen - "Synergie at Cooperation".
  • Als Umsetzungsbeispiel für die Kooperation von Schule und Jugendhilfe berichtet Jürgen Ruopp über die Erfahrungen aus dem Praxisforschungsprojekt "Coole Schule: Lust statt Frust am Lernen" am Projektstandort Freiburg im Breisgau.

Produktionsorientierte Angebote wie "Produktives Lernen", "Schülerfirmen", "Produktionsschule" und "Werk-statt-Schule" sind geeignete Alternativen für schulmüde und schulverweigernde Jugendliche.

  • Gerhard Schaub und Stephan Warlich beschreiben das Konzept des Produktiven Lernens, das als Bildungsangebot an hessischen Schulen für Schülerinnen und Schüler im 9. und 10. Schuljahr angeboten wurde und eine personen- und praxisbezogene Form von Allgemeinbildung mit intensiver individueller Berufsorientierung verband. Produktives Lernen ist Bildung auf der Basis von Tätigkeitserfahrungen Jugendlicher in "gesellschaftlichen Ernstsituationen". Dieses Programm wurde jedoch beendet - das Konzept wird aber im Rahmen der hessischen „SchuB-Klassen“ fortgeführt.
  • "Schülerfirmen als Möglichkeit des Lernens und Arbeitens an der Schule" werden von Ulrike Henze und Roland Geier vorgestellt. Schülerfirmen, deren Idee aus dem angelsächsischen Raum stammt, sind Schulprojekte mit pädagogischen Zielsetzungen. Im Kern geht es um ganzheitliches, praxisnahes Lernen und um die Förderung von Schlüsselkompetenzen, die für den erfolgreichen Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf von zentraler Bedeutung sind.
  • Wie Produktionsschulen auch, sind Jugendwerkstätten und Werk-statt-Schulen Einrichtungen u.a. der arbeitsorientierten und (vor-)beruflichen Bildung, in denen Arbeiten und Lernen kombiniert werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwerben - auf unterschiedlichem Niveau - berufliche Qualifikation sowie personelle und soziale Kompetenzen (Stabilisierung und Entwicklung der Persönlichkeit, Teamfähigkeit, Schlüsselqualifikationen) mit dem Ziel der beruflichen und sozialen Integration. Rolf Daniel stellt die "Marburger Produktionsschule - ein Praxisangebot für Schulverweigerer" vor; die "Werk-statt-Schule Hannover als alternatives Bildungsangebot" wird von Bernd Reschke präsentiert.

Fazit

Mit der sorgfältigen Bearbeitung und Auswahl der Beiträge hebt sich der Sammelband "Null Bock auf Schule?" wohltuend von der - all zu - oft im "Sammelband-Unwesen" verbreiteten Beliebigkeit ab, mit der Einzelbeiträge an - zu - vielen Stellen ungeordnet und damit zu wenig nutzbar, weil zu wenig nutzbringend, angehäuft werden. Der positive Gesamteindruck wird durch das solide Gesamtlayout unterstrichen, welches in der Medienabteilung von BuntStift e.V. gemeinsam mit den dort tätigen Auszubildenden erstellt wurde.

Die Herausgeber legen ein für Theoretikerinnen und Theoretiker wie Praktikerinnen und Praktiker gleichermaßen wichtiges, weil benutzbares Werk vor, das damit im besten Sinne praktisch angewandter Wissenschaft entspricht. Auch für Interessierte ist der Band eine gute Empfehlung. Bietet er doch in seiner Konzeption mit den versammelten Beiträgen einen guten Einblick und damit eine gelingende Einstiegsmöglichkeit ins Thema.

Rezension von
Prof. Dr. Jörg A. Meier
Schwerpunktprofessur Recht insbesondere Sozialrecht
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Es gibt 1 Rezension von Jörg A. Meier.

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Zitiervorschlag
Jörg A. Meier. Rezension vom 26.09.2006 zu: Cortina Gentner, Martin Mertens (Hrsg.): Null Bock auf Schule? Schulmüdigkeit und Schulverweigerung aus Sicht der Wissenschaft und Praxis. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. ISBN 978-3-8309-1649-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4028.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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