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Fabian Kessl, Christian Reutlinger: Sozialraum. Eine Einführung

Cover Fabian Kessl, Christian Reutlinger: Sozialraum. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 131 Seiten. ISBN 978-3-531-14946-2. 14,90 EUR.

Mit einem Beitrag von Ulrich Deinet.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-16340-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Anliegen des Buches

Der Sozialraum als Kategorie und sozialräumliche Ansätze haben in der Sozialen Arbeit Konjunktur. Der Sozialraum ist gekennzeichnet durch

  • geografische Parameter
  • die in ihm herrschenden Beziehungen
  • die in ihm gemeinsam geteilten Deutungsmuster, Traditionen und Regeln.

Als soziale Kategorie wird der Sozialraum so zu einem unterschiedliche Fachdisziplinen verbindenden Fokus, der in Raumplanung und Stadtentwicklung ebenso verortet ist, wie in einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. Was ist eigentlich gemeint mit Sozialraum und einer daran ausgerichteten Neuorientierung Sozialer Arbeit? Wie kommt es dazu, dass nicht nur in der Sozialen Arbeit, sondern in der Sozialpolitik insgesamt räumliche Dimensionen immer relevanter werden? Der vorliegende Band liefert hierzu Positionsbestimmungen und grundlegende Definitionen.

In ihrer Einleitung verweisen die Autoren darauf, dass in den fachlichen Diskursen der Vergangenheit die Raumdimension ausschließlich als prägende Struktur menschlichen (und pädagogischen) Handelns galt. Die Autoren begründen den aktuellen sozialräumlichen Paradigmenwechsel mit grundlegenden Strukturveränderungen unserer Gesellschaft: "Die vier Dimensionen einer verstärkten Globalisierung, einer räumlichen Segregation, einer Territorialisierung und einer Responsibilisierung charakterisieren aktuell vorherrschende  Raumordnungen prägen das Handeln der Gesellschaftsmitglieder... Zugleich ist deren Handeln aber nicht komplett von diesen vorherrschenden Ordnungen des Räumlichen vorherbestimmt. Vielmehr kann jeder Veränderung in der Ordnung des Räumlichen wieder neue Auseinandersetzungen um deren Gestaltung auslösen." (11)

Der Sozialraum wird damit zu einer gestaltbaren sozialpolitischen und sozialpädagogischen Größe. Die Autoren zeichnen diese Entwicklung nach. Ihr Ziel ist dabei, "den Lesern damit zu ermöglichen, die aktuellen Debatten um eine veränderte Räumlichkeit und eine Neuordnung des Raums in einen umfassenden Kontext einzuordnen." (13). Anschaulich und verständlich entwickeln die Autoren den gesellschaftlichen und strukturellen Kontext eines sozialräumlichen Blicks. Dafür ziehen sie umfassende und prägnante Originaltexte heran, die zugleich die Breite des wissenschaftlichen Diskurses und seine ganz unterschiedlichen Wurzeln veranschaulichen.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel nehmen die Verfasser eine differenzierte Begriffsbestimmung vor. Überzeugend arbeiten sie "... das Wechselspiel von symbolischer Wirkung materialisierter Raumordnungen und deren permanente (Re-)Konstruktion als Kampf um die Vorherrschaft bestimmter Redeweisen vom Raum" heraus (27) und stellen weiter fest: "Raumordnungen sind weder Gott gegeben noch von Natur aus fixiert, sondern stellen wirkmächtige Materialisierungen sozialer Prozesse, das heißt bestimmte Redeweisen von Raum dar... Menschliches Tun ist nicht direkt von räumlichen Zusammenhängen abhängig, allerdings auch keineswegs unabhängig von diesen." (33)

In ihrem zweiten Kapitel skizzieren die Autoren die "Sozialraumorientierung als Symbol einer räumlichen Wende in der Sozialen Arbeit" (37) Plausibel beschreiben sie Sozialraumorientierung als  "...eine kleinräumige Neujustierung sozialpädagogischer Handlungsvollzüge, mit der bisherige institutionelle Differenzierungen überwunden, Angebote Sozialer Arbeit passgenauer und bürgernäher gestaltet, die Betroffenen  und ihre nahräumliche Umgebung stärker beteiligt und die Realisierung sozialpädagogischer Maßnahmen durch diesen konkreten Ortsbezug effektiver und effizienter realisiert werden soll."(42)

Das dritte Kapitel - verfasst von Ulrich Deinet - stellt Methoden einer lebensweltlichen Sozialraumanalyse vor und entfaltet so einen konkreten Ausschnitt möglicher methodischer Umsetzung. Allerdings ist dieser Text in seinem Kern bereits mehrfach veröffentlicht worden, so dass er vor allem für diejenigen Leserinnen und Leser von Nutzen sein kann, die sich erstmalig mit der Thematik auseinander setzen.

Die Frage "... in welcher Weise aktuell soziale Prozesse neu geformt werden und werden sollen" erörtern die Autoren in ihrem vierten Kapitel. Sie belegen überzeugend die Homogenisierungsabsicht Sozialer Arbeit und weisen deren Komplexität reduzierende Funktion nach. Stattdessen plädieren sie für eine "reflexive räumliche Haltung" und sehen diese vor allem im "Aushalten von Nicht-Homogenität". In diesem Zusammenhang werden die in der Sozialen Arbeit vorhandenen "Raumbilder" als Begründungsfolie bedeutsam. Ausführlich beschreiben die Autoren die von ihnen identifizierten Orientierungen:

  1. der (lokale)Sozialraum als Gegenentwurf zur Globalisierung;
  2. der Sozialraum als Kristallisationspunkt sozialer Ungleichheit;
  3. der Sozialraum als "kleinräumiger Inklusionsraum", der wohlfahrtsstaatliche Strukturen ersetzt oder ergänzt;
  4. der Sozialraum als Ort kriminal-präventiver Strategien.

Prägnant erörtern die Verfasser die Vor- und Nachteile dieser Orientierungen

Abschließend begründen die Verfasser ihr Plädoyer für eine reflexive räumliche Haltung und skizzieren deren Dilemmata. Ihr Fazit: "Die Sozialraumarbeit ist kein fertiges raumbezogenes Handlungskonzept im Sinne einer alternativen Sozialraumorientierung. Vielmehr bietet sie im Sinne der reflexiv-räumlichen Haltung einen Reflexionsrahmen an, der zu beachten ist, wenn konkrete situationsspezifische raumbezogene Konzeptionen entwickelt oder weiterentwickelt werden." (127)

Fazit

Im Gegensatz zu vielen eher programmatischen oder pragmatischen Veröffentlichungen zum Thema Sozialraum und Sozialraumorientierung überzeugt die vorliegende Veröffentlichung durch ihre klare Analyse und fundierte Positionierung. Sie ist hervorragend geeignet, die allfällige Rede vom Sozialraum substantiell theoretisch zu verorten. Damit haben die Autoren ihr Ziel erreicht, Leserinnen und Lesern eine Kontextualisierung ihrer praktischen sozialräumlichen Arbeit zu ermöglichen.

Die zahlreichen Originaltexte, knappen Zusammenfassungen und jeweils themenbezogenen Literaturhinweise verleihen dem Band einen hohen Gebrauchswert. Damit ist dieses Buch mehr als eine "Einführung" und mehr als "nur" ein Lehrbuch: es ist ein Handbuch zur Selbstvergewisserung professioneller Akteure in sozialräumlichen Arbeitsbezügen.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 12.04.2007 zu: Fabian Kessl, Christian Reutlinger: Sozialraum. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-14946-2. Mit einem Beitrag von Ulrich Deinet.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-16340-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4029.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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